Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl May >

Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 83
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
Schließen

Navigation:

»Sie erinnern sich wohl noch des Tages, an welchem Sie mir den Fehdehandschuh hinwarfen und mir verkündigten, daß Sie mich zermalmen würden. Ich gab mir damals die Erlaubniß, Ihnen Dinge vorherzusagen, welche theilweise bereits eingetroffen sind. Ich bin Ihrer Verschwörung auf die Spur gekommen, wir haben diese Spur verfolgt und stehen nicht nur kampfgerüstet, sondern auch siegesgewiß den Feinden gegenüber; ja, wir haben wohl bereits gesiegt. Dort der Herr Abbé weiß es, daß ich seine Listen entziffert habe, wir kennen also die Namen aller Ihrer Verbündeten. Ich habe dieselben auf telegraphischem Wege im Namen des Abbé für heut Abend zu einer Zusammenkunft in die Klosterruine berufen; sie sind gekommen, und wir haben sie mit Hilfe des Militärs gefangen genommen. Ich komme soeben von der Ruine, es ist kein Einziger entkommen. Dort, in der Ruine, erhielt ich auch die Botschaft, daß es Ihnen gelungen ist, Ihren letzten Aufenthaltsort zu verlassen. Ich ahnte natürlich, daß Sie hier zu finden seien und begab mich unverweilt auf dem mir bekannten Wege zu Ihnen, um Sie hier zu empfangen und Ihnen denjenigen Rath zu ertheilen, welcher unter den gegenwärtigen Verhältnissen der allerbeste für Sie ist.«

»Ah, Sie – Sie wollen mir einen Rath geben?«

»Ja, ich, ich, der Schmiedejunge, wie mich Ihr Sohn zu nennen beliebte, der leider seine Erziehung nun hinter dem Eisengitter zu büßen hat.«

»Was? Mein Sohn auch gefangen!«

»Ja, Durchlaucht!«

»Er hat nichts gethan, was – –!«

»Er hat weiter nichts begangen, als die unverzeihliche Unvorsichtigkeit, gewisse Aktenstücke von mir in seiner Verwahrung auffinden zu lassen und den König da draußen in dem Gang zwischen den beiden Falltüren gefangen zu halten, bis es mir gelang, die Majestät aus dieser Lage zu befreien. Die beiden Raumburgs sind unmöglich, wenn sie sich nicht in die Verhältnisse zu finden wissen!«

»Wirklich?« hohnlächelte der Herzog.

»Wirklich!«

»Und wenn sie sich nicht darein finden, so gibt es einen Raumburg, welcher würdig ist, diesen Namen zu tragen.«

»Ah, Sie überraschen mich! Wer ist dieser Wundermann?«

»Der gegenwärtige Major von Wallroth.«

»Der Major von – – Mensch, ich zermalme Sie!«

Er sprang auf und ballte die Fäuste.

»Pah, die Brandauers sind nicht von einem Stoffe, der sich so leicht zermalmen läßt.«

»Und der Rath, welchen Sie mir ertheilen?«

»Dieses pflichttreue Ehepaar wird festgenommen, auch der Herr Abbé ist mein Gefangener, und Sie selbst können nichts Besseres thun, als sich meiner Führung anzuvertrauen.«

»Und wohin werden Sie mich führen?«

»Zu dem Könige, der über Sie bestimmen wird.«

»Sehr liebenswürdig und loyal! Und wenn ich mich nicht füge?«

»So haben Sie die Folgen zu tragen.«

»Ich werde sie tragen!«

Mit einem schnellen Satze war er bei Max. Dieser wollte die Schußwaffe nicht gebrauchen. Auch der Abbé packte ihn, und der Schließer, welcher die ihm aufgezählte Summe in Gefahr sah, half den Beiden.

»Zurück, Ihr Spitzpupen!« klang es da hinter ihnen.

Thomas war mit den Soldaten eingetreten, faßte den Abbé und warf ihn zu Boden, daß es krachte. Der Herzog überblickte die Scene, riß sich von Max los und stürzte sich durch die Portière. Max folgte ihm und sah, daß er die verborgene Thür aufriß und hinter derselben verschwand. Er selbst hatte nicht so schnell von dem Schließer loskommen können, um dies zu verhindern. Die Fallthür herabzulassen, wäre jetzt zu spät gewesen, darum sprang er in den dunklen Gang hinein, um den Fliehenden zu erreichen. Als er an das Fenster kam und durch dasselbe sprang, sah er ihn zwischen den Bäumen verschwinden.

»Posten, aufgepaßt!« rief er.

»Halt, wer da!« klang es draußen.

»Brandauer!« ertönte die Antwort.

»Das ist Lüge. Haltet ihn!« gebot Max und eilte nach dem Punkte der Mauer, wo die Worte gesprochen worden waren.

Draußen stand einer der Soldaten; die andern kamen auch herbei.

»Wo ist er?« frug Max.

»Fort!«

»Sie sollen ihn doch halten?«

»Er sagte doch er wäre Sie!«

»Fort, ihm nach! Hundert Thaler wer ihn fängt!«

Im Nu waren die Gewehre zusammengestellt, und die Leute rannten davon. Max konnte ihnen unmöglich folgen, da seine Gegenwart droben nothwendig war. Der Hauptgefangene war ihm höchst wahrscheinlich entgangen, aber der Abbé hatte die Fäden der Verschwörung in seinen Händen, er mußte für alle Fälle unschädlich gemacht werden.

Als er in das Arbeitszimmer des Herzogs zurückkam, war der Obergeselle beschäftigt den Schließer zu binden.

»Alle Teufel, Herr Doktor, das ist ein kräftiger Vagapundus! Ich hape Mühe gehapt, ihn unter die Pandage zu pringen.«

»Soll ich helfen?«

»Pin jetzt soepen fertig!«

Der Abbé und die Frau des Schließers waren von den beiden Soldaten in Schach gehalten worden. Durch den Lärm herbeigelockt, versuchte jetzt die Dienerschaft einzudringen, Max aber wies sie zurück. Er verschloß den geheimen Gang und ließ die Gefangenen auf dem gewöhnlichen Wege nach unten transportiren.

Dort fand er die beiden Thorposten im Gespräch mit einem Manne, in dessen Nähe eine Kutsche hielt.

»Der Herr Doktor Brandauer ist wirklich hier?«

»Ja.«

»Aber warum verweigern Sie mir mit ihm zu sprechen?«

»Es darf Niemand passiren.«

»So lassen Sie mich ihm melden. Ich bin – –«

»Was Sie sind ist ganz gleichgiltig. Es darf Niemand ein- und auspassiren.«

»Aber Sie sehen doch, daß man wenigstens auspassirt!«

Er zeigte nach dem Portale, unter welchem jetzt Thomas und die beiden Soldaten mit den Gefangenen erschienen. Hinter diesen trat Max hervor.

»Ah, da ist er!«

Max erkannte ihn. Es war der Irrenarzt, der es für gerathen befunden hatte, zunächst nach dem Palaste des Herzogs zu fahren, um zu sehen, ob dieser vielleicht seinen Weg dorthin genommen habe.

»Herr Doktor!«

»Ah, Herr Doktor!«

So begrüßten sie sich, und Max fügte hinzu:

»Ich habe Ihre Depesche erhalten und danke Ihnen für die schleunige Benachrichtigung. Sie sehen, daß sie gefruchtet hat. Ich stelle Ihnen hiermit drei Ihrer Flüchtlinge wieder zur Verfügung.«

»Wirklich?«

»Wie Sie sehen!«

»Sie haben sie also wieder ergriffen! Aber der – – der Vierte?«

»Ist uns vielleicht einstweilen entkommen. Da, wir werden es sogleich erfahren.«

Die Soldaten kehrten von ihrer Verfolgung zurück. Der Herzog war nicht zu sehen.

»Nun?«

»Zu Befehl, Herr Doktor, er war spurlos verschwunden,« meldete Einer von ihnen.

»Und da sagen die Schlingels noch "zu Pefehl!" raisonirte Thomas. »Zu Pefehl wars, daß sie ihn fangen und herpringen sollten. Aper das Volk hat weder Talent noch Geschick, noch Arme und Peine. Mir wäre er nicht davongelaufen.«

Max war auch unzufrieden mit diesem Resultate, aber er maß sich selbst einen Theil der Schuld bei. Hätte er nicht mit dem Herzoge gesprochen, sondern diesen sofort festgenommen, so wäre es diesem unmöglich gewesen zu entkommen. Dennoch aber hatte er die Überzeugung, daß er nicht entkommen könne, und in diesem Sinne lautete auch seine Äußerung dem Arzte gegenüber.

»Herr Doktor, wir haben jetzt keine Zeit, auf nähere Details einzugehen. Lassen Sie morgen einen ausführlichen Bericht an Seine Majestät oder mich eingehen und nehmen Sie für jetzt die Gefangenen mit sich. Der Abbé kommt wieder in seine Nummer, und die Schließersleute detiniren Sie in eine sichere Zelle, bis Sie genaue Weisungen über sie erhalten.«

»Das werde ich thun. Aber ich befürchte, daß durch dieses von uns sehr unverschuldete Ereigniß Seine Majestät und auch Sie, Herr Doktor, über uns –«

»Beruhigen Sie sich,« unterbrach ihn Max. »Ich bin überzeugt, daß Sie Ihre Pflicht streng und treu gethan haben. Das Vertrauen auf Sie und Ihren Herrn Kollegen ist bis jetzt in keiner Weise erschüttert worden.«

»Aber, ich bin allein, und diese Drei?« –

»Sind gefesselt. Überdies werde ich Ihnen diesen Mann mitgeben, der Ihnen helfen wird sie zu bewachen.«

Er deutete auf Thomas.

»Ja, ich werde sie pewachen, und peopachten, daß es ihnen nicht wieder peikommen soll davonzulaufen,« antwortete dieser.

Die Gefangenen wurden in den Wagen des Arztes plazirt. Dieser selbst nahm mit dem Obergesellen bei ihnen Platz, und dann ging es fort.

Max wandte sich jetzt zu dem Unteroffizier der ihm mitgegebenen Soldaten:

»Ich übergebe Ihnen für kurze Zeit dieses Palais zur Bewachung. Es darf Niemand ein- oder auspassiren, und ich werde dafür sorgen, daß Sie baldigst abgelöst werden.«

Er verließ den Platz, um zum Könige zu gehen, ihm über das Vorgekommene zu referiren und mit ihm die Mittel zur Ergreifung des Herzogs zu berathen.

Es braucht natürlich gar nicht erwähnt zu werden, daß er die auf dem Tische aufgezählten und in der Kasse des Herzogs außerdem noch vorgefundenen Gelder konfiszirt und mit sich genommen hatte. –

Es war in derselben Nacht. Einer der wenigen Pässe, welche das Gebirge quer durchschneiden und die Verbindung zwischen Norland und Süderland vermitteln, wird oberhalb des Städtchens Waldenberg durch die nahe zusammentretenden, hoch zum Himmel strebenden Berge so eingeengt, daß er im wahren Sinne des Wortes ein Engpaß genannt werden muß und man ihn recht gut mit den berühmten Termopylen vergleichen könnte.

Die Straße, welche er bildet, steigt steil und in mannigfaltigen Windungen empor, stürzt sich dann auf der andern Seite des Gebirgszuges ebenso steil wieder ab, und die über zwei Stunden lange Enge bildet einen so natürlichen Vertheidigungspunkt, daß im Falle eines Krieges zwischen den beiden Ländern jede der beiden Mächte darnach trachten muß, sie zuerst in ihren Besitz zu bekommen.

Es war um die Zeit des Mondaufganges. Das silberne Licht des Trabanten unserer Erde beleuchtete eine sehr kriegerische Scene. Auf dem höchsten Punkte des Passes brannten mehrere Feuer, um welche sich wilde Gestalten gelagert hatten. Sie trugen keine militärischen Uniformen, sondern nur die Tracht ärmerer Gebirgsbewohner, aber die Messer, welche in ihren Gürteln staken, die kurzen Gebirgsstutzen, die sie in ihren Fäusten hielten oder neben sich liegen hatten, die gewaltigen Bärte, von denen ihre scharf und kühn geschnittenen Gesichter beschattet wurden, verriethen deutlich, daß sie nicht eines friedlichen Zweckes wegen hier zusammengekommen seien.

Im Scheine des Mondes und der Feuer konnte man mehrere riesige Verhaue erkennen, welche dadurch gebildet worden waren, daß man auf den beiden hochaufstrebenden Seiten des Passes mächtige Fichten und Tannen gefällt und heruntergestürzt hatte, die nun so über- und durcheinander lagen, daß sie Hindernisse bildeten, die nur mit großer Mühe und Anstrengung zu beseitigen waren. Gewaltige Steinblöcke, welche man dazwischen gewälzt hatte, gaben diesen Barrikaden eine noch erhöhte Festigkeit.

An einem der Feuer saß der Wirth von der Waldenberger Oberschenke. Die Männer an seiner Seite verhielten sich so ruhig, daß diese Gruppe von den andern, welche sich laut und lebhaft unterhielten, sehr abstach. Diese Schweigsamkeit hatte einen guten Grund: Seitwärts von dem Feuer lag nämlich auf einem duftigen Lager von Heu und mit einem Mantel sorgfältig zugedeckt eine weibliche Gestalt, deren Schlaf man durch lautes Reden nicht stören wollte. Es war Zarba.

»Weißt Du es gewiß?« flüsterte ein Nachbar dem Wirthe zu. »Man sollte es gar nicht glauben.«

»Ich habe es von ihr selbst, daß die Süderländer heut Nacht noch kommen werden, und sie weiß Alles.«

»Aber welchen Grund sollte es geben Krieg zu führen?«

»Da mußt Du die großen Herren fragen, die Krieg und Frieden machen. Wir haben nichts zu thun, als Steuern zu bezahlen.«

»Aber werden wir stark genug sein, eine ganze Armee hier aufzuhalten?«

»Dummkopf! Wer kann denn durch solche Verhaue kommen? Und wir haben ihrer fünf. Übrigens werden wir ja Kanonen erhalten.«

»Wenn es wahr ist.«

»Auch das ist wahr. Sie selbst hat es mir gesagt, und sie weiß Alles.«

Da hörte man von der Nordseite des Passes her eilige Schritte. Die Männer wandten sich um und erkannten Horgy, den Zigeuner.

»Schläft sie noch?« frug er den Wirth.

»Ja. Störe sie nicht; sie hat zwei Nächte nicht geschlafen.«

Aber die Schritte des Nahenden hatten ihren Schlaf dennoch unterbrochen. Sie warf den Mantel halb von sich und richtete sich in eine halb sitzende, halb liegende Stellung auf.

»Du kommst endlich, Horgy!« redete sie ihn an.

»Es ging nicht anders, Vajdzina. Sie behielten mich bei sich, um einen sichern Wegweiser zu haben.«

»Sie kommen also?«

»Ja.«

»Wie viele?«

»Acht Kanonen. Acht andere sind hinüber nach dem Eisenbahnpasse; ein Hauptmann kommandirt diese.«

»Und wer die Unsrigen?«

»Auch ein Hauptmann; aber bei ihm ist der Oberkommandirende, ein junger Major. Ich erfuhr seinen Namen.«

»Wie heißt er?«

»Von Wallroth.«

»Ah!«

Sie sprang auf, und die Männer sahen, daß sie über diese Nachricht die größte Freude empfand. Der Zigeuner fuhr fort:

»Er hat den Zug verlassen um voranzureiten. Er wird gleich hier sein.«

»Wirklich?«

»Ich bin nur rasch vorangesprungen, um es Dir zu melden.«

 << Kapitel 82  Kapitel 84 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.