Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl May >

Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 82
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
Schließen

Navigation:

Die beiden Oberärzte saßen noch bei einer wichtigen Berathung beisammen. Diese betraf die Entscheidung, welcher von ihnen die Leitung der Anstalt übernehmen sollte. Sie waren Freunde, und Jeder wollte die Stelle dem Andern gönnen, bis sie sich endlich entschlossen, das Loos zu werfen. Als dieses gefallen war, betrachteten sie die Angelegenheit als beendigt. Sie fühlten sich aber noch zu munter, als daß sie hätten schlafen gehen sollen, und beschlossen, die Zellen noch einmal zu revidiren.

Sie begannen bei Nummer Eins, erschraken aber Beide nicht wenig, als sie bemerkten, daß der Raum leer sei.

Es wurden sofort sämmtliche Beamte herbeigerufen. Keiner wußte etwas, aber es stellte sich heraus, daß der Schließer fehle. Es wurde bei ihm ohne Erfolg geklopft, bis man sich entschloß, seine Thüre aufzubrechen. Nun fand man in der verlassenen Wohnung den deutlichsten Beweis, daß man sich hier auf eine schleunige Abreise vorbereitet habe, und weitere Forschungen ergaben auch, daß die Flüchtigen ihren Weg durch die Seitenpforte genommen hatten.

»Um Gotteswillen was thun?« frug der eine Arzt.

»Wie viele Lohnkutscher gibt es hier?«

»Vier.«

»Schnell vier Leute fort zu ihnen. Wenn wir wissen, mit wem sie gefahren sind, werden wir auch den Weg erfahren, den sie eingeschlagen haben. Ich bereite mich vor, augenblicklich nach der Residenz zu gehen. Bestelle mir einen Wagen durch einen der vier. Vorher aber müssen wir telegraphiren.«

»An wen?«

»An den König und Doktor Brandauer. Es läßt sich vermuthen, daß der Herzog zunächst nach der Residenz gegangen ist, und wenn wir telegraphiren, ist es möglich, daß er dort gleich empfangen wird, wenn er die Anstalt noch nicht längst erst verlassen haben sollte.«

Der Sprecher suchte sein Zimmer und war noch nicht mit dem Anlegen der Reisekleider fertig, als er einen der Boten bei sich eintreten sah.

»Schon zurück?«

»Ja. Ich konnte dem Herrn Doktor keinen Wagen besorgen.«

»Warum?«

»Der Fuhrmann, zu welchem ich geschickt wurde, ist nicht da. Sein Geschirr ist am Abende von dem Schließer bestellt worden.«

»Wohin?«

»Nach der Residenz.«

»Ah! Tragen Sie diese beiden Depeschen sofort auf das Bureau!«

Er warf einige Worte auf zwei Formulare, mit denen sich der Beamte entfernte. Ein Anderer brachte die Meldung, daß in einigen Minuten ein Wagen vor dem Thore halten werde. Mit diesem fuhr er ab, während sein Kollege nach weiteren Spuren der Flucht forschte. –

In der Hofschmiede des Meisters Brandauer hatte man sich trotz der späten Stunde noch nicht zur Ruhe begeben. Brandauer wußte, was Max vorhatte, und hätte vor Erwartung unmöglich schlafen können. Die Gesellen aber waren soeben von Mutter Barbara Seidenmüller zurückgekommen, und da auch sie eine gewisse Ahnung hatten, daß irgend ein wichtiges Ereigniß in der Luft schwebe, so saßen sie vor der Thür und erzählten sich zum tausendsten Male ihre Erlebnisse und Abenteuer.

»Aper solche Apenteuer wie dieser Karavey und mein Pruder Palduin hat doch keiner von uns Dreien erlept!« meinte Thomas. »Denkt nur einmal, kaum kommen sie heut an, um mich zu besuchen, so kommt dieser andere Kerl mit dem großen Parte, und holt sie wieder ap. Der Palduin hat mir gesagt, daß er zu Schiffe geht um Krieg zu machen.«

»Ja, ein tüchtiger Kerl ist Dein Bruder,« sagte Heinrich. »Er raucht einen prachtvollen Tabak und hat so viel Raison, uns Jedem ein Pfund mitzubringen. Der Kerl ist nobel, nicht wahr, Baldrian?«

Der Gefragte nickte, eine fürchterlicher Wolke von sich stoßend.

»Das ist am Den!«

»Natürlich!« bekräftigte Thomas in stolzem Tone. »Ein Schupert ist immer nopel, zum Peispiel ich und mein Palduin erst recht. Der Tapak ist ausgezeichnet, und die Ampalema, die er mir mitgebracht hat, sind über allen Zweifel hoch erhapen! Aper sagt mir doch einmal, wer das ist, der hier auf die Schmiede zugelaufen kommt?«

»Ein Briefträger!«

»Ein Priefpote? Pist Du pei Sinnen, alte Artillerie! So spät nach Mitternacht ein Prief! Das ist sicher eine Depesche! Nicht wahr, Paldrian?«

»Das ist am Den!«

Wirklich war es der Telegraphenbote, welcher herbeitrat.

»Herr Doktor Brandauer zu Hause?«

»Nein, aper sein Vater.«

»Wo?«

»In der Stupe drin!«

Der Beamte ging hinein, um die Depesche abzugeben. Brandauer nahm sie in Empfang; er bemerkte auf der Adresse die Worte "sofort öffnen!" und erbrach in Folge dessen das Couvert. Es enthielt die Worte:

»Zelle Nummer eins entflohen. Wagen nach der Residenz. Komme selbst gleich nach.«

Er hatte die Worte kaum gelesen, so eilte er hinaus zu den Gesellen.

»Thomas!«

»Herr Meister!«

»Du weißt die Klosterruine?«

»Ja.«

»Dort findest Du Militär, bei welchem Max sich befindet. Springe so schnell wie möglich hinaus und gib ihm diese Depesche!«

»Werde meine Peine schon auseinander werfen, Herr Meister.«

Mit diesen Worten eilte er von dannen. Er brauchte doch über eine halbe Stunde, ehe er durch die Stadt kam und die freie Straße erreichte. Dort kamen ihm mehrere Wagen unter militärischer Bedeckung entgegen. Er bemerkte im Mondscheine den Offizier, welcher den Zug befehligte, und trat zu ihm heran.

»Entschuldigung, Herr Lieutenant! Kommen Sie von der Klosterruine?«

»Warum fragen Sie?«

»Ich suche den Herrn Doktor Prandauer.«

»Ah! Wer sind Sie?«

»Ich pin Opergeselle pei seinem Vater.«

»So! Er ist noch dort. Fragen Sie nach dem Herrn Major, auf diese Weise finden Sie ihn am schnellsten.«

»Danke pestens!«

Er eilte weiter, traf ferneres Militär und ließ sich zu dem Major bringen. Auf eine kurze Erkundigung hin wies ihn dieser hinauf zur Ruine, wo er den Gesuchten noch bei dem Zudecken des Brunnens beschäftigt fand.

»Herr Doktor, ich hape ein Telegramm zu üpergepen!«

»Du, Thomas?«

»Ja, ich!«

»War es so nothwendig?«

»Es muß wohl so sein, sonst hätte mich der Herr Meister nicht apgeschickt.«

Max machte mit einem Zündholz Feuer und las die Worte. Er wandte sich sofort an den Lieutenant:

»Herr Lieutenant, ich muß Sie verlassen. Holen Sie sich Ihre Weisungen bei dem Herrn Major. Komm, Thomas!«

»Sogleich!«

Sie schritten hinab.

»Nun, Herr Doktor?« frug der Major.

»Ich werde abgerufen und bitte um ungefähr zehn Ihrer Leute, um einen der Betheiligten zu fangen, welcher entkommen ist.«

»Sie sind Ihnen zur Verfügung. Aber hier?«

»Sie haben von Majestät eingehende Instruktion erhalten?«

»Allerdings.«

»So ist meine Gegenwart ja ferner auch nicht nothwendig. Sind die Wagen bereits abgegangen?«

»Einige. Die andern folgen nach.«

»So bleibt nichts übrig, als droben am Brunnen einen genügenden Posten zurückzulassen. Gehen Sie zum Könige, um ihm das Gelingen unserer Aufgabe zu melden, und geben Sie ihm dabei diese Depesche, die ich erhalten habe, mit der Weisung, daß ich bereits die geeigneten Schritte thue. Gute Nacht, Her Major!«

»Gute Nacht, Herr Doktor!«

Max eilte an der Seite von Thomas, und gefolgt von zehn Soldaten, in eiligen Schritten auf der Straße dahin. Bei der Stadt angekommen, bog er nach dem Flusse ein, um die nächstliegende Landestelle zu erreichen. Dort lagen mehrere Kähne am Ufer. Sie schoben zwei von ihnen in das Wasser, stiegen ein und setzten auf das andere Ufer über, wo sie unterhalb des herzoglichen Gartens landeten. Unweit dieser Stelle hielt eine zweispännige Kutsche. Max schritt auf dieselbe zu. Sie war leer, aber der Kutscher stand am Schlage.

»Wem gehört dieser Wagen?« frug Max.

»Mir.«

»Woher sind Sie?«

»Warum?«

»Sie sehen, in welcher Begleitung ich bin. Ich frage, und Sie haben mir die Wahrheit zu sagen. Also, woher kommen Sie?«

Der Mann nannte den Ort, an welchem sich die Irrenanstalt befand.

»Wen haben Sie gefahren?«

Er zögerte.

»Sie wünschen jedenfalls, daß ich Sie arretire!«

»Ich habe den Anstaltsschließer mit seiner Frau gefahren.«

»Ah! bis hierher? Und wen noch?«

»Zwei Herren.«

»Die Sie kannten?«

»Nur den Einen.«

»Den Herzog?«

»Ja. Sie wissen – –?«

»Ich weiß. Sie bleiben hier nicht halten.« Er wandte sich an einen der Soldaten: »Sie setzen sich zu diesem Manne auf den Bock und bringen ihn auf die Schloßwache. Gehorcht er nicht, so machen Sie Gebrauch von Ihren Waffen!«

»Zu Befehl!«

Der Kutscher mußte aufsteigen; der Soldat folgte ihm und der Wagen lenkte um, um die vorgeschriebene Richtung einzuhalten.

Jetzt gab Max den andern Begleitern seine Weisung:

»Sie Zwei folgen uns in den Garten; Sie zwei nehmen Posto vor dem Hauptportale des Herzogs und lassen keinen Menschen passiren, selbst den Herzog nicht. Im Weigerungsfalle, Ihnen zu gehorchen, gebrauchen Sie die Waffen. Verstanden?«

»Ja.«

»Die andern Fünf patroulliren um das Gebäude und den Garten. Es darf beide Niemand verlassen; wer es erzwingen will, wird gefangen genommen oder mit der Waffe behandelt. Jetzt vorwärts!«

Er stieg mit Thomas über die Mauer. Die beiden Soldaten folgten ihnen. Unter der Gartentreppe nahm er das Fenster heraus und stieg ein, um durch den Gang in die Bibliothek zu gelangen. Droben hinter der Thür mußte er warten, bis ihm die Andern gefolgt waren, dann öffnete er behutsam. Es brannte kein Licht, aber in dem Arbeitszimmer war es hell, und Stimmen tönten durch die Portière. Er trat an diese heran und blickte hindurch.

Der Herzog stand am Schreibtische und zählte Banknoten auf; neben ihm hielt ein Mann und eine Frau, in denen Max den Schließer und sein Weib erkannte, und auf einem Fauteuil hatte sich der Abbé niedergelassen, welcher außerordentlich angegriffen aussah.

»Kommen Sie heran!« flüsterte Max. »Ich werde eintreten, und sobald Sie mich in Gefahr sehen, folgen Sie mir!«

Die sämmtlichen vier Personen kehrten ihm den Rücken zu. Er lüftete die Portière, schob sich hindurch und setzte sich auf das Sopha, ohne daß es bemerkt wurde.

»Hier,« meinte der Herzog. »Zählen Sie nach: Fünfunddreißig Tausend!«

Der Schließer zählte mit zitternden Händen die Banknoten, und die Augen seines Weibes glühten vor Begierde, diese Summe in die Hände zu bekommen.

»Richtig?« frug der Herzog.

»Richtig!« antwortete der Mann. »Durchlaucht, ich danke von ganzem Herzen für – –«

»Schon gut! Sie haben mir einen Gefallen erwiesen, und ich habe Sie dafür bezahlt. Wir sind quitt.«

»Aber die Empfehlungen?«

»Kommen jetzt noch nicht in Ihre Hände. Sie könnten doch den Fehler begehen, sich ergreifen zu lassen, noch ehe Sie die Grenze überschritten haben, und dann wäre ich blamirt. Hier ist die Adresse eines Mannes, an den Sie sich wenden mögen, sobald Sie Süderland glücklich erreicht haben; dieser wird sich in meinem Namen möglichst um Sie bemühen.«

Er warf einige Worte auf ein Blatt Papier und gab dies dem Schließer.

»Ihr Wagen steht noch unten, und ich werde Sie jetzt auf demselben Wege, den wir – –«

Er wandte sich um, um unwillkürlich auf den verborgenen Gang zu deuten und erblickte Max. Ein furchtbarer Schreck zuckte über sein Gesicht, und der begonnene Satz blieb ihm in der Kehle stecken.

Max erhob sich.

»Guten Abend, meine Herren! Ich komme, wie es scheint, hier zu einem sehr eigenthümlichen Handel.«

Der betroffene Schließer, welcher Max natürlich kannte, blickte wie Rettung suchend auf den Herzog. Dieser faßte sich zuerst.

»Was thun Sie hier? Wie kommen Sie herein?«

»Ganz auf Ihrem eigenen Wege, Durchlaucht.«

»Welchen Weg meinen Sie?«

»Die verborgene Treppe.«

»Alle Donner!«

»Bitte, ereifern Sie sich nicht! Es ist nicht das erste Mal, daß ich diesen Weg betrete. Auf ihm kam ich, als ich hinter dieser Portière Ihre Unterredung mit diesem Herrn, dem Pater Valerius, belauschte; auf ihm kam ich, als ich mich des Schlüssels zu Ihrer geheimen Chifferschrift bemächtigte, auf ihm – –«

»Hund!« unterbrach ihn der Herzog brüllend. »Also Du bist es, dem ich Alles zu danken habe, was ich jetzt – Alles – – Alles – – Alles – –!«

Die Wuth übermannte seine Sprache, und er machte Miene, sich auf Max zu stürzen. Doch dieser hob seine Fäuste ruhig empor und meinte:

»Kommen Sie heran, Durchlaucht!«

»Nein, ich will meine Hand nicht besudeln durch die Berührung eines Spiones. Es gibt andere Mittel, solche Kreaturen unschädlich zu machen.«

Er that einen Schritt nach dem Waffenschranke zu, welcher sich seitwärts des Schreibtisches befand.

»Halt!« gebot Max, einen Revolver aus der Tasche ziehend. »Heben Sie die Hand nach dem Schlosse des Schrankes, so sind Sie eine Leiche, das schwöre ich Ihnen bei meiner Seligkeit!«

Der Ton dieser Stimme klang so drohend, daß der Herzog zurücktrat.

»Also auch morden können Sie!« rief er, mit den Zähnen knirschend.

»Bleiben Sie ruhig! Es ist besser, wir vergegenwärtigen uns ohne Aufregung die Lage, in welcher wir uns gegenseitig und gegenwärtig befinden. Bitte, nehmen Sie Platz, Durchlaucht, und gestatten Sie mir eine kurze Darstellung der Verhältnisse!«

Noch immer den Revolver in der Hand setzte er sich wieder auf das Sopha nieder. Der Abbé war durch die Haft so angegriffen, daß er ziemlich unschädlich genannt werden mußte; der Schließer und seine Frau kamen gar nicht in Betracht, und der Herzog sah trotz seiner Aufregung ein, daß es besser sei, scheinbar sich in ein Gespräch einzulassen, während er während desselben auf ein Mittel kommen konnte, sich zu retten.

»Reden sie!«

Mit diesen Worten nahm auch er Platz. Max begann:

 << Kapitel 81  Kapitel 83 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.