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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 80
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Der Tag nach der Gefangennahme der beiden Raumburgs war vergangen. Die andern Arrestanten waren auf eine solche Weise in Sicherheit gebracht worden, daß kein Mensch, nicht einmal die Ihrigen, gemerkt hatten, was eigentlich vorging. Der König hatte eine ganze Menge treuer Männer heimlich in seinen geheimsten Gemächern versammelt, welche unter seiner und Maxens Leitung die riesigen Arbeiten zu bewältigen suchten, welche von der Gegenwart geboten waren.

Es war Nacht geworden, und man meldete dem Könige zwei Männer, welche um eine Audienz bäten.

»Wer ist es?«

»Sie wollen ihre Namen Ew. Majestät selbst nennen.«

»Welches Aussehen haben sie? Zu so später Stunde bittet man nur wegen einer ungewöhnlichen Veranlassung um eine Audienz.«

»Es scheinen Männer gewöhnlichen Standes zu sein. Sie haben dichte lange Vollbärte und tragen die Kleidung von ordinären Arbeitern.«

»Laß sie ein! Max!«

Der Gerufene trat aus dem Nebenzimmer.

»Zwei Männer bitten unter Verschweigung ihrer Namen um eine Audienz. Ich rufe Dich zu meiner Sicherheit.«

Die Betreffenden traten ein. Ihre Verbeugung war nicht diejenige eines Arbeiters.

»Was wünschen Sie?« frug der König.

»Zunächst eine Unterredung mit dem Herrn Doktor Brandauer. Wir sind von ihm gerufen worden und hörten in seiner Wohnung, daß er sich hier bei Ew. Majestät befinde.«

»Wer sind Sie?« frug Max. »Ich kenne Sie nicht und weiß auch nichts davon, daß ich zwei Fremde zu mir bestellt habe.«

»Du kennst uns,« antwortete der Jüngere, »und hast uns wirklich gerufen, und zwar telegraphisch sogar.«

Er nahm Bart und Perücke ab, und sein Begleiter that dasselbe.

»Arthur!« rief Max, und

»Sternburg!« rief der König.

Beide eilten auf die Genannten zu, um sie herzlich zu begrüßen.

»Ihr kommt zur rechten Zeit und schneller als wir dachten. Aber in dieser Verkleidung?«

»Wir kannten den Stand der Dinge nicht,« antwortete der Fürst, »und hielten es für gerathen unsere Ankunft keinen Menschen wissen zu lassen.«

»Vortrefflich!« stimmte der König bei. »Die Details werdet Ihr kurz vernehmen, da uns keine Zeit zu längeren Auseinandersetzungen bleibt. Kapitän, Sie befanden sich längere Zeit in Tremona. Kennen Sie die Befestigungswerke dieses Hafens genau?«

»Ganz genau. Ich habe mir sogar einen sehr genauen Plan derselben ausgearbeitet.«

»Brav! Ich höre, die süderländische Flotte hat gegenwärtig dort ein bedrohliches Rendez-vous?«

»Allerdings sollte sie es haben. In diesem Augenblicke aber befindet sich kein einziges Kriegsschiff mehr dort vor Anker.«

»Ah! So segeln sie bereits gegen uns?«

»Nein. Die Flotte wurde zerstreut.«

»Zerstreut? In wiefern?«

Arthur erklärte ihm die Umstände.

»Ausgezeichnet!« rief der Monarch erfreut. »Getrauen Sie sich einen Coup auf Tremona?«

»Wenn Majestät mir die dazu nöthigen Fahrzeuge anvertrauen, ja.«

»Wir haben bereits die darauf bezüglichen Vorkehrungen getroffen. Der Herzog, welcher bereits eingezogen ist, beabsichtigte, unsere Marineschiffe so zu zerstreuen, wie es jene Verbrüderung mit den Süderländischen gethan hat; aber glücklicher Weise fand ich noch Zeit, diesen Streich unschädlich zu machen. Wie lange Zeit brauchen Sie, um nach Insel Bartholome zu kommen?«

»Wenn ich sofort Extrazug nehme, bin ich in zwei Stunden in Süderhafen, und meine Yacht wird mich von da aus in sechs Stunden nach der Insel bringen.«

»Ihre Yacht? Das muß ja ein ganz vortreffliches Fahrzeug sein.«

»Das ist sie auch. Darf ich fragen, warum Majestät mich nach jener Insel dirigiren?«

»Weil dort der Sammelplatz unserer Flotte ist. Ich habe mich entschlossen, Ihnen nicht nur die Expedition gegen Tremona, sondern sogar den Oberbefehl über meine sämmtliche Marine anzuvertrauen. Die nöthigen Instruktionen werden Sie augenblicklich im Nebenzimmer erhalten.«

»Danke, Majestät!«

»Sie sind zwar noch jung, aber Sie sind zugleich der Einzige, den ich für befähigt halte, es mit dem berühmten Nurwan-Pascha aufzunehmen. Eben jetzt sind meine Transportschiffe beschäftigt, an verschiedenen Küstenpunkten Truppen unter dem Schutze der Nacht aufzunehmen, welche zur Landung in Tremona bestimmt sind. Auf Bartholome werden Sie General Helbig finden, welcher sie kommandiren soll. Wir haben diese Insel gewählt, weil sie außer dem gewöhnlichen Kurse liegt und unser Vorhaben also nicht sofort entdeckt werden kann. Du, Sternburg, übernimmst die Leitung meiner kriegerischen Evolutionen im Lande selbst.«

»Gern, Majestät, und ich hoffe es zu erreichen, daß mein König mit mir zufrieden ist.«

»So kommt herein!«

Sie traten in das Nebenkabinet, welches gegenwärtig als Hauptarbeitsbureau diente.

Bereits nach einer Viertelstunde wurde es von dem Kapitän und nach eben derselben Zeit auch von seinem Vater wieder verlassen. Dann dauerte es eine Weile, bis Max auch erschien und gleichfalls fortging.

Sein Weg führte ihn nicht nach Hause, sondern hinaus vor die Stadt in die Richtung der Klosterruine. Zwar war der Major von Wallroth bestimmt gewesen, die Verschworenen gefangen zu nehmen, da er aber dann den Auftrag erhalten hatte, Zarba die erbetenen Geschütze zuzuführen, so hatte Max, trotzdem er ganz außerordentlich mit anderen Arbeiten beschäftigt war, es unternommen, diese hochwichtige Arretur zu leiten.

Er ging nicht direkt zur Ruine, sondern schlug, als er die Stadt hinter sich hatte, einen Weg ein, welcher nach einem seitwärts liegenden Walde führte. Kaum war er in denselben eingetreten, so hörte er das Knacken eines Gewehrhahnes.

»Werda!«

»Ein Freund. Bringen Sie mich zu Ihrem Kommandeur.«

»Folgen Sie!«

Max wurde etwas tiefer zwischen die Bäume gebracht, wo sich die Offiziere der hier postirten Truppen befanden.

»Hier ist ein Mann, der nach dem Herrn Major verlangt,« meldete der Posten.

»Wer sind Sie?« frug der Genannte.

»Brandauer.«

»Ah, der Herr Doktor! Ist es an der Zeit?«

»Wohl noch nicht ganz. Haben Sie das Terrain gehörig rekognoscirt?«

»Ja.«

»Die andern Herren auch?«

»Ja.«

»Und was haben Sie beschlossen?«

»Ich beschloß, Ihren Befehl abzuwarten.«

»Schön! Die Zeit ist nahe, in welcher die Leute kommen werden. Natürlich fangen wir sie nicht bei ihrer Ankunft ab, sondern wir gehen sicherer, wenn wir sie die Ruine unangefochten betreten lassen.«

»Auch meine Ansicht.«

»Sie geben mir einige zuverlässige Leute mit, in deren Begleitung ich die Versammlung beobachte. Im geeigneten Augenblicke lasse ich Sie benachrichtigen, worauf Sie die Ruine einschließen. Sind Sie stark genug, wenn wir bewaffneten Widerstand finden?«

»Ich denke es. Wir haben nur einen Angriff zu befürchten, wenn er sich in Masse nach einem einzigen Punkte richtete.«

»Sie werden Ihre Leute so postiren, daß sie in diesem Falle augenblicklich an die bedrohte Stelle gezogen werden können.«

»Dann entblößen wir andere Punkte und ermöglichen das Durchbrechen Einzelner.«

»Sollte es keine Vorkehrung geben, dies zu verhüten?«

»Wir müßten einen doppelten Kordon ziehen, dessen äußere Glieder halten bleiben, wenn die inneren zusammengezogen werden.«

»Ich stimme Ihnen bei. Sie haben scharf geladen?«

»Ja.«

»Wer Widerstand leistet, wird einfach getödtet. Aber bitte, gebrauchen Sie nur im Nothfalle die Schußwaffen. Wir müssen jeden Lärm zu vermeiden suchen. Sollte es je Einem gelingen durchzubrechen, so folgen ihm die beiden Leute, zwischen denen er entkommt, sofort auf dem Fuße und versuchen, ihn entweder festzuhalten oder, wenn dies nicht gelingt, zu tödten, während die anderen Glieder die Kette gleich wieder schließen. In einer Stunde kommt der Mond, dessen Licht uns von großem Nutzen sein wird. Also einige Männer, Herr Major!«

»Wie viele?«

»Nur zwei, die ich, um allen Eventualitäten zu begegnen, Ihnen als Boten zurücksenden werde. Sie lassen die Gewehre einstweilen hier.«

Er verließ, gefolgt von den Soldaten, den Wald und ging vorsichtig der Ruine zu. Er erreichte unbemerkt den Aufgang und postirte sich an derselben Stelle hinter die Büsche, an welcher er den Prediger gefangen hatte. Nach oben verklingende Schritte sagten ihm, daß bereits einer oder einige von den Erwarteten eingetroffen seien.

Es kamen bald Mehrere, und als eine Stunde vergangen war, durfte er sich, da er sie gezählt hatte, sagen, daß die durch ihn Bestellten nun alle beisammen seien. Der Brunnen war natürlich zu klein, um sie alle zu fassen, die Versammlung befand sich also im Freien zwischen dem Gemäuer der Ruine. Er schickte jetzt die beiden Soldaten zurück und wartete.

Nach kaum zehn Minuten kehrte der Eine wieder und brachte den Major mit.

»Fertig?« frug Max.

»Fertig!«

»Ich habe noch nicht gefragt, ob Sie mit dem nöthigen Fesselzeug versehen sind.«

»Jeder Mann hat zwei Stricke bei sich.«

»Gut. Nun mögen Sie kommen!«

Aber sie kamen noch nicht. Sie meinten sich von dem Abbé bestellt und warteten auf diesen. Endlich mußte ihnen doch die Zeit zu lange geworden sein, denn es kamen Zwei den Berg herab, jedenfalls um dem Jesuiten entgegen zu gehen und ihn zur Eile zu ermahnen.

»Habt Acht!« kommandirte der Major hinter sich. »Mund zugehalten und sofort knebeln und fesseln!«

Die Männer gingen vorüber. Einige Augenblicke später vernahm Max einen unterdrückten ängstlichen Seufzer; dann war es still.

»Fertig?« frug der Major.

»Fertig!« tönte die Antwort. »So hübsch ruhig sollte es vom ersten bis zum letzten gehen,« meinte der Offizier.

»Das wäre vielleicht zu ermöglichen, wenn man es wagen wollte hinaufzugehen.«

»Um Gottes willen! Das hieße ja dem Tiger zwischen die Zähne laufen!«

»Nicht ganz. Ich bin im Besitze eines Talismans, welcher mir wohl Schutz gewähren würde. Ja, vielleicht geht es doch. Ziehen Sie hier einige Leute mehr zusammen!«

»Sie wollten wirklich – –?«

»Ja, ich will. Ich werde dafür sorgen, daß die Leute alle einzeln herunterkommen, Einer immer fünfzig bis sechzig Schritte hinter dem Andern. Sie hätten dann dafür zu sorgen, daß die Überrumpelung sofort und lautlos geschähe. Während der Eine gefesselt und fortgeschafft wird, müssen bereits wieder Leute zum Empfange des Nachfolgenden bereit sein. Die Wagen zum Transporte der Gefangenen werden eintreffen?«

»In einer halben Stunde. Sie sind an den Wald bestellt.«

»Mit der nöthigen Vorsicht?«

»Keiner der Fuhrleute weiß, um was es sich handelt.«

»Gut. Ich gehe und werde in einigen Minuten wieder bei Ihnen sein.«

»Aber wenn Sie nicht kommen, stürme ich das Nest.«

»Sie würden nur dann vorgehen, wenn Sie einen Schuß vernähmen. Dann bin ich in Gefahr.«

Er stieg den Berg hinan. Droben, wo der Weg auf das Plateau mündete, wurde er angefragt:

»Woher?«

»Aus dem Kampfe.«

»Wohin?«

»Zum Siege.«

»Wodurch?«

»Durch die Lehre Loyolas.«

»Der Bruder kann passiren.«

Er trat vor und gewahrte beim falben Scheine des aufgehenden Mondes die Versammlung, deren Glieder sich theils im weichen Gras gelagert hatten, theils zwischen dem Gemäuer hin- und hergingen, um einander aufzusuchen, oder auch in einzelnen Gruppen leise plaudernd bei einander standen. Man sah ihn kommen, und Einige traten ihm entgegen.

»Ein Bruder?«

»Ja.«

»Woher?«

»Von unserem Meister.«

»Ah! Warum kommt er noch nicht?«

»Er hatte wichtige Abhaltung und sandte mich herbei, dies zu melden.«

»Er hat nicht einmal einen Posten gestellt.«

»Er brauchte den Mann selbst und wußte ja, daß der Erste von Ihnen diesen Platz übernehmen würde.«

»Dies ist auch geschehen. Er kommt also nicht selbst?«

»Hierher nicht. Bitte, lassen Sie die Herren eine solche Aufstellung nehmen, daß sie mich alle hören können!«

Dies geschah. Die Versammlung bildete einen Halbkreis, in dessen Mitte Max stand.

»Meine Brüder,« begann er, »Sie sind telegraphisch zusammenberufen worden um zu vernehmen, daß Umstände eingetreten sind, welche es nöthig machen, den bereits erhobenen Hammer endlich und schleunigst fallen zu lassen – – –«

»Bravo!« wurde er von einer Stimme unterbrochen und

»Bravo!« fielen die Übrigen in unterdrücktem Tone ein.

Max fuhr fort:

»Es freut mich, diesen Ruf zu vernehmen, denn er versichert mich Ihrer ungetheilten und frohen Zustimmung. Der Mann, den Sie alle kennen, und den ich heute noch Penentrier nennen will, beabsichtigt eine große Generalberathung, bei welcher ein Jeder seine Rolle überkommen wird. Er wollte diese Berathung hier in der Ihnen bekannten Ruine abhalten und wäre schon längst hier erschienen, wenn nicht Umstände eingetreten wären, die ihm dies unmöglich machten. Der Zweck der heutigen Versammlung bringt es mit sich, daß wichtige schriftliche Arbeiten vorgenommen werden, wozu ein erleuchtetes Lokal erforderlich ist. Da Sie nun hier vereinigt sind, so ladet Sie Herr Penentrier ein, nach dem Saale des Tivoli zu kommen. Das Haus liegt hier an der Straße; Sie Alle kennen es; der Wirth ist ein verschwiegener Mann, und es ist in jeder Beziehung dafür gesorgt, daß wir dort nicht gesehen und überrascht werden können.«

»Ist der Herr Abbé bereits dort?« frug einer.

»Natürlich! Er läßt Sie ersuchen, die Ruine einzeln zu verlassen, so daß immer der Eine zwischen sich und dem Andern eine Entfernung von fünfzig bis sechzig Schritten hält. Diese Maßregel ist unbedingt nöthig. Die Herren vom Militär werden ersucht, jetzt einmal vorzutreten!«

Die Aufgeforderten traten zwischen den Civilisten heraus.

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