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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Die sorgfältigste Untersuchung des Raumes hatte kein weiteres Ergebniß, und keine Nadel, kein Papierschnitzel fand sich als Zeichen, daß sich hier vor noch ganz kurzer Zeit eine Anzahl Männer zusammengefunden hatten. Er trat wieder hinaus in den Brunnen und blickte nach oben. Als Knabe hatte er sich mit einigen Schulkameraden mehrere Male hier herabgelassen. Der Brunnen schien ihm nicht mehr die frühere Tiefe zu besitzen, was jedenfalls eine Folge davon war, daß er die aus dem geheimen Versammlungsraum herausgeworfene Erde hatte aufnehmen müssen. Er blies das Licht aus, steckte die Laterne zu sich und stieg wieder nach oben.

Thomas saß auf dem Felsblocke und erwartete ihn.

»Das hat lange gedauert, Herr Doktor. Peinahe wäre ich nachgekommen.«

»War nicht nothwendig, lieber Schubert. Ich bin allein fertig geworden.«

»Ich darf wohl nicht fragen, was es da unten gegepen hat? Sie dachten gewiß, man könnte die peiden Leichen auch hier hinapgeworfen hapen.«

»Sie sind nicht aufzufinden,« antwortete er, den Gesellen bei dieser Meinung lassend.

Obgleich er von der Treue und Verschwiegenheit desselben vollständig überzeugt war, hielt er es doch für besser, den eigentlichen Zweck seiner Morgenpromenade geheim zu halten. Daher fuhr er fort:

»Vielleicht war das mit dem Aufhängen auch nur eine Täuschung. Es ist am Gerathensten, wir schweigen gegen Jedermann über diese Angelegenheit, von der wir doch nur amtliche Wege und Verantwortung hätten.«

»Ich pin gleich dapei, Herr Doktor. Mich hapen sie nicht erschlagen oder an den Paum geknüpft, und vor dem Gerichte und der Polizei hape ich all mein Leptage ganz gewaltigen Respekt gehapt. Von mir erfährt Niemand, wo wir gewesen sind.«

»Auch die Barbara nicht?« frug Max lächelnd, an die gestrigen Worte des Kavalleristen denkend.

»Auch die Parpara nicht, Herr Doktor,« versicherte dieser. »Pei einem Weipsen ist so etwas erst recht unsicher aufgehopen!«

Sie traten den Heimweg an.

Aus der Schmiede tönten ihnen schon von Weitem mächtige Hammerschläge entgegen. Vor der Thür derselben hielten mehrere Pferde, von Reitknechten in königlicher Livrée gehalten.

»Sapperlot, da ist am Ende gar die Majestät schon auf den Peinen, und Thomas Schupert, der Opergeselle, hat dapei gefehlt!«

»Ich werde Dich entschuldigen. Hier nimm noch diese Cigarren für Deine Begleitung!«

»Alle?«

»Alle!«

»Zu Pefehl, Herr Doktor, und danke pestens,« antwortete er, das dargereichte Etui leerend. »Diese Cupa ist ausgezeichnet und von einem guten Tapak faprizirt. Die muß ich heut der Parpara vorrauchen, die sich wundern wird, was der Thomas Schupert für ein feiner Kerl geworden ist!«

Mit dem Rücken nach dem Feuer stand der Hof-, Kur-, Huf- und Waffenschmied Brandauer und hielt ein mit der Zange gepacktes Stück glühendes Eisen auf den Ambos. An der andern Seite desselben schwang ein Mann, dessen Kleidung ihn nicht als Schmied kennzeichnete, den großen Zuschlagehammer, daß ringsum die Funken sprühten.

Zwar trug er ein ledernes Schurzfell und hatte die Ärmel seines Hemdes nach löblicher Schmiedesitte nach innen aufgestreift, aber dieses Hemd war vom feinsten und theuersten französischen Linnen gefertigt, und die ganze übrige Erscheinung, auch abgesehen von den funkelnden Brillantringen an seinen Händen, bewies, daß er sich bereits unter den Händen eines kundigen Kammerdieners und geschickten Friseurs befunden habe.

Es war der König.

Hohe Herren haben ihre Passionen. Es gibt berühmte Herrscher, welche als Goldschmiede, Drechsler, Köche ganz Beträchtliches leisteten; Peter der Große wurde sogar Schiffszimmermann. Jedermann im Lande kannte die außerordentliche Liebhaberei des Königs für die Schmiedekunst, und Jedermann in der Residenz wußte, daß der hohe Herr diese Kunst sehr fleißig und geschickt in der Hofschmiede ausübte. Wenn die Sorgen der Regierung ihm einmal allzu drückend wurden oder er aus irgend einem andern Grunde das Bedürfniß empfand, sich zu zerstreuen, ging er zur Schmiede und griff zu Hammer und Zange. Die hohen Würdenträger sahen dies gern, weil er dann jedesmal heiter und guter Laune zurückkehrte, was ihnen die Erfüllung ihrer dienstlichen Obliegenheiten bedeutend erleichterte. Und auch das Volk sprach mit Genugthuung von dieser Passion, die dem Lande kein Geld kostete wie so manche Liebhaberei anderer Herrscher, welche das Volk mit seinem Schweiße zu bezahlen hat. Es war oft vorgekommen, daß der König auf einer Reise, die er von Zeit zu Zeit durch die Provinzen des Reiches unternahm, vor einer Schmiede halten ließ, um den Hammer zu schwingen und dann lächelnd und mit Befriedigung wieder aufzusitzen. Die kleine, unscheinbare Hofschmiede in der Vorstadt war im ganzen Lande ebenso bekannt wie das Theater und andere berühmte Baulichkeiten der Residenz, und Brandauer ahnte nicht, daß selten ein ehrbarer Provinzler die Hauptstadt besuchte, ohne wenigstens einmal vor seiner Schmiede vorbeipatrouillirt zu sein.

Auch heute war der König schon am frühen Morgen erschienen, um sich einige Pferde seines ausgezeichneten Marstalles selbst zu beschlagen. Die Gesellen und Lehrjungen hatten sich entfernen müssen, und nun erklang neben dem Takte der Hammerschläge das Gespräch der beiden Männer, die sich äußerlich so fern und innerlich so nahe standen.

»Also keine Jesuiten, Brandauer?« frug der König.

»Nein, Majestät. Sie sind für das Land das, was die Mäuse für das Feld und die Raupen für den Baum.«

»Hast Recht, Brandauer,« klang es unter Hammerschlägen. »Der Herzogpräsident will sie haben, aber ich, ich will sie nicht, ebenso wenig wie Du. Gieb das Eisen noch einmal ins Feuer!«

Der Schmied gehorchte und zog den Blasebalg an.

»Und was war das andere, was Du mir noch sagtest?« frug der König, den Arm auf den Hammerstiel stützend.

»Das von der Revolution.«

»Pah! Leeres Gerede, von französischen Müßiggängern angestiftet. Ich thue meine Pflicht, und mein Volk ist mit mir zufrieden. Schau diesen Hammer! Mit ihm zermalme ich das Eisen. Es gibt einen Hammer, unter dem die Rebellion zerstiebt. Was sagst Du zu den Zollstreitigkeiten mit Süderland?«

»Wie viel bringt der Zoll im Jahr?«

»Wenig; gegen fünfmalhunderttausend Thaler.«

»Und was kostet die Bewachung der Grenze?«

»Einige zehntausend Thaler mehr als diese Summe.«

»So lassen Sie den Zoll fallen, Majestät!«

»Von dem angezogenen Gesichtspunkte aus hast Du Recht, doch muß diese Frage auch von anderen Seiten beleuchtet werden, die Deinem Verständnisse fern liegen.«

»Ich denke wie mein Junge, und der verstehts!« antwortete der Schmied kurz und mit väterlichem Stolze.

»Was sagt er zu der Todesstrafe?«

»Weg damit!«

»Gut. Muß ihn einmal hören. Heraus mit dem Eisen, Alter!«

Wieder klang der Hammer und wieder stoben die Funken. Da trat Max ein und grüßte mit einer tiefen, respektvollen Verbeugung den hohen Gehilfen seines Vaters.

»Guten Morgen, Herr Doktor! Wieder zurück in die Heimath?« Er schlug zu, bis das Eisen wieder in das Feuer mußte, dann reichte er ihm mit sichtlichem Wohlwollen die Hand. »Willkommen! Hast Du Zeit, mein Bursche?«

»Stets für Ew. Majestät!«

»Dann herunter mit dem Rocke, das Schurzleder um und den Hammer in die Hand. Wollen einmal wieder zu Dreien schlagen!«

Im Garten saßen die Gesellen und plauderten, in ihrer Nähe, wie gewöhnlich, die Lehrjungen. Wenn der König in der Werkstatt war, hatten sie stets freie Zeit.

»Wenn da jetzt Jemand zuhören könnte!« meinte Heinrich, der Artillerist. »Da wird Politik getrieben und manche Frage entschieden, von der selbst der Minister nichts zu hören bekommt.

»Ja, das ist am den!« bekräftigte Baldrian.

»Der Alte ist ein praktischer Kopf, aber der König richtet sich doch mehr nach dem, was der junge Herr sagt, wenn er es sich auch nicht merken läßt. Aus dem wird gewiß noch etwas Großes.«

Baldrian nickte sehr eifrig mit dem Kopfe.

»Vielleicht gar ein Kavalleriewachtmeister,« fuhr Heinrich fort, hinüber zu Thomas schielend.

»Das ist möglich,« antwortete dieser ruhig, »denn zur Artillerie zu gehen wird ihm nimmermehr einfallen; die ist zu grop und unverschämt.«

»Ist das am den?« frug Baldrian, dem es stets Vergnügen gab, die Beiden aneinander zu bringen.

»Natürlich! Und wers nicht glaupen will, der praucht nur einen Plick auf den Heinrich da zu werfen, dann wird ers wohl pegreifen, daß ich Recht hape. Wir von der Reiterei dagegen sind immer feine Leute; denn warum geht der junge Herr am liepsten mit mir, he? Und wer pekommt die meisten Ampalema? Wer hat heut sogar siepen Stück Cupa pekommen? Der Thomas von der Kavallerie!«

»Und wer hat gestern Abend sogar eine Flasche Wein von ihm erhalten?« neckte Heinrich.

»Ich glaupe, Du jedenfalls nicht!«

»Nein, aber der Baldrian von den Grenadieren.«

»Ist das wahr, Paldrian?«

»Das ist am den!« nickte stolz der Gefragte.

»Pei wem denn und wofür denn? Oder ist das etwa ein Geheimniß?«

Der Grenadier nickte bedächtig.

»Das ist am den!«

Dann erhob er sich und schob sich langsam von dannen. Es lag nicht in seiner Absicht, sich ausfragen zu lassen. Thomas und Heinrich aber neckten sich fort, bis der Meister nach ihnen rief. Der König hatte in Begleitung des Doktors die Schmiede verlassen; nun konnten die Gehilfen wieder an ihre gewohnte Arbeit gehen.

Erst nach Verlauf von über einer Stunde kehrte Max zurück. Er hatte sich aus dem königlichen Marstalle beritten gemacht und saß auf einem Rapphengste von ganz vorzüglicher Rasse.

»Bekommen?« frug der Vater, vor die Thür tretend.

»Ja, sogar auch vom Minister.«

»Du bringst sie natürlich zu uns!«

»Versteht sich!«

Er nahm den Rappen in die Zügel und sprengte im kurzen Galoppe davon. Der Schmied sah ihm nach, so lange er es vermochte; es konnte Niemand stolzer sein als er auf seinen Sohn.

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