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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 79
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Nach einiger Zeit trat Goldschmidt zu ihnen heran.

»Sie sind Seemänner, wie es scheint?«

»Ja,« antwortete Schubert. »Ich bin Steuermann, und dieser ist Bootsmann, alle beide Norländer. Sie kennen also unsere Zarba?«

»O, sehr!«

»Da muß ich Ihnen sagen, daß mein Kamerad ihr Bruder ist.«

»Ah! Ists möglich?«

»Ja. Er hat eine ganz bedeutende Rechnung mit diesem Raumburg quitt zu machen.«

»Da könnte ich Ihnen ja mein vollstes Vertrauen schenken?«

»Heiliges Mars- und Brahmenwetter, das können Sie!«

»Ist Ihre Zeit sehr kurz bemessen?«

»Wir haben Urlaub so lange wir wollen.«

»Darf ich Ihnen eine ähnliche Botschaft anvertrauen, wie diejenige ist, welche Sie uns gebracht haben?«

»Versteht sich!«

»Es ist nicht nothwendig, Ihnen zu erklären, weshalb ich gerade Ihnen diesen wichtigen Auftrag ertheile. Waren Sie bereits einmal in Tremona?«

»Früher oft.«

»Kennen Sie dort das Schloß des Fürsten von Sternburg?«

»Ja.«

»Sein Sohn, der Fregattenkapitän Arthur von Sternburg wohnt jetzt dort. Er ist mein Freund, und an ihn sollen Sie einen Brief abgeben, der keinem andern Menschen in die Hände kommen darf. Kennen Sie ihn?«

»Habe ihn gesehen, aber nur von weitem.«

»Also, wollen Sie?«

»Versteht sich!«

»So kommen Sie morgen Mittags wieder hierher. Der Wirth, welcher Ihnen vorhin den zweiten Eingang öffnete, wird Ihnen das Schreiben geben. Sie leisten diesen Dienst nicht nur uns, sondern ganz vorzüglich auch Ihrer Schwester Zarba.«

»Ist die Sache nachher eilig?«

»Innerhalb von drei Tagen muß der Kapitän das Schreiben erhalten haben.«

»So brauchen wir also nicht mit allen Segeln und voller Dampfkraft zu steuern?«

»Nein. Wir haben Vorbereitungen zu treffen, welche in dem Augenblicke, an welchem Sie den Brief übergeben, beendet sein müssen.« –

Zwei Tage später stiegen mit dem Mittagszuge die beiden Seeleute in Tremona aus. Der Weg nach Schloß Sternburg führte eine Strecke längs des Hafens hin. Der Steuermann blieb bei jedem Schiffe stehen, um es mit Kennermiene zu betrachten.

»Hm,« meinte er. »Hier geht etwas vor.«

»Was?«

»Siehst Du nicht, daß alle Kriegsfahrzeuge zum in die See stechen rüsten?«

»Hat nicht den Anschein.«

»Heimlich, alter Junge, heimlich. Es gibt eine Expedition, von welcher Niemand etwas wissen soll und bei der die alten Karthaunen wohl ein wenig brummen werden.«

»Scheint wahrhaftig so!«

»Bemerkst es auch?«

»Ja. Dort die alte Brigantine hat mitten im Theeren und Kalfatern aufgehalten und macht sich das neue laufende Zeug an die Raaen.«

»Paß auf, heut Abend ist kein einziges dieser Fahrzeuge mehr im Hafen.«

»Auch dort das kleine Ding scheint zum Aufbruche zu rüsten. Was für eine Art von Kahn oder Boot ist es denn eigentlich?«

»Hm, sonderbar! Die Masten zum Niederlegen; habe das bei einer Yacht noch gar nicht gesehen. Muß ein Privatschiff sein und gehört vielleicht einem Englishman, der eine gute Portion Spleen und einige andere Mucken hat.«

»Wollen es einmal betrachten!«

Sie schritten näher, konnten aber Beide nicht recht klug werden.

»Komm,« meinte Karavey. »Erst hinauf zum Schlosse, und dann stauen wir uns in irgend eine kleine Koje, wo es einen guten Schluck zu haben gibt.«

Der Steuermann blickte zur Höhe empor.

»So schlagen wir gleich diesen Fußweg ein, der wie eine Strickleiter zum Schlosse führt. Komm!«

Sie stiegen denselben Weg empor, auf welchem soeben Arthur herniederkam.

»Stopp!« meinte Karavey. »Siehe Dir doch einmal den Maate an, der da herabgesegelt kommt. Kennst Du ihn?«

»Ah!«

»Bill Willmers.«

»Heiliges Mars- und Brahmenwetter, es ist wahr!«

»Was thut der da oben?«

»Hm, da kommt mir ein Gedanke. Sagte ich Dir nicht, als wir ihn da droben im Gebirge zuerst sahen, daß er ganz wie der Kapitän Sternburg sieht?«

»Das ist wahr.«

»Ich lasse mich kielholen, wenn er es nicht ist.«

»Aber warum soll er denn als Matrose gehen?«

»Um sich ein Späßchen zu machen, wie es so vornehme Leute manchmal thun.«

»Er war doch damals als Bedienter droben!«

»Thut nichts. So eine hübsche kleine Feluke, wie das Mädchen war, würde ich auch bedienen, und wenn ich ein König wäre.«

»Was wird er sagen, wenn er uns sieht?«

»Das wirst Du bald hören. Komm!«

Er faßte Karavey beim Arme und zog ihn hinter ein Kirschengesträuch, welches am Wege stand. Arthur kam heran, ohne sie zu bemerken. Kaum war er vorüber, so meinte der Steuermann mit halblauter Stimme:

»Herr Kapitän!«

Sofort drehte sich der Gerufene um. Die Beiden traten hinter dem Busche hervor, der Bootsmann halb verlegen, der Steuermann aber mit einem höchst pfiffigen Gesichte, welches seinen ehrlichen gutmüthigen Zügen außerordentlich interessant stand.

»Verzeihung! Wen segeln wir da an, den Matrosen Bill oder den Herrn Fregattenkapitän von Sternburg?«

»Warum?«

»Weil wir da hinauf wollen, um den Herrn Kapitän zu suchen.«

»Was wollt Ihr bei ihm?«

»Einen Brief abgeben.«

»Von wem?«

»Braucht nur er selbst zu wissen.«

Arthur warf einen Blick um sich. Er hatte keine Veranlassung, seinen Namen jetzt noch zu verschweigen.

»Ich bin es.«

»Wer?«

»Der Kapitän.«

»Kannst Du – können Sie das beweisen?«

Arthur lächelte und zog ein Papier aus der Tasche.

»Lest dies!«

»Eine Depesche an "Herrn Fregattenkapitän Arthur von Sternburg." Das stimmt.«

»Glaubt Ihr es nun?«

»Hm, könnte auch in falsche Hände gekommen sein!«

»Ihr seid sehr vorsichtig. Ist der Brief denn von gar so großer Wichtigkeit?«

»Sehr!«

»So kommt mit mir! Ich werde Euch beweisen, daß ich die Wahrheit gesagt habe.«

Der Steuermann wollte seine Sorgfältigkeit denn doch nicht bis zur Beleidigung eines so hohen Offiziers treiben und frug:

»Haben Sie einen Freund in der Residenz, der Bücher schreibt?«

»Ja.«

»Wie heißt er?«

»Karl Goldschmidt.«

»Das stimmt! Und kennen Sie eine sehr geringe Frau, welche doch von Vielen Königin genannt wird?«

Arthur stutzte.

»Ja.«

»Wie heißt sie?«

»Zarba.«

»Auch das stimmt! Herr Kapitän, verzeihen Sie mir. Der Brief enthält Dinge, die sehr gefährlich sind, und weil wir Sie als Diener und Matrose gesehen haben, mußten wir uns überzeugen. Bootsmann, heraus mit dem Schreiben!«

Karavey nahm seine phrygische Mütze vom Kopfe, zog das Futter auf und brachte den Brief zum Vorschein. Der Kapitän sah sich noch einmal um und erbrach ihn dann, um ihn zu lesen. Sein Gesicht klärte sich auf, und er steckte das Schreiben mit einer Miene der höchsten Befriedigung zu sich.

»Ihr seid Norländer?«

»Ja.«

»Auf Urlaub?«

»Ohne Heuer.«

»Du warst Steuermann?«

»Ja, und dieser hier Bootsmann auf dem Neptun. Ich bin der Bruder des Obergesellen beim Hofschmied Brandauer –«

»Ah, ists wahr?«

»Ja. Und dieser da ist der Bruder von Zarba.«

»Nicht möglich!«

»Aufs Wort, Herr Kapitän!«

»Gut. Was werdet Ihr jetzt thun?«

»Hm! Wir haben bemerkt, daß man sich hier zum Absegeln rüstet. Jedenfalls giebt es für einen braven Steuermann volle Arbeit. Ich möchte nach Süderhafen, um mich nach einer Stelle umzuthun.«

»Und Du?« frug er den Bootsmann. »Du bist wohl Deiner Schwester nöthig?«

»Nein. Ich gehe mit nach Süderhafen.«

»Mit welcher Gelegenheit?«

»Müssen uns eine suchen.«

»Ich gehe auch dorthin in See, und zwar sofort. Wollt Ihr mit?«

»Wirklich?«

»Freilich!«

»Danke, Herr Kapitän, wir gehen mit!«

»Habt Ihr Gepäck mit?«

»Nein.«

»So kommt gleich mit an Bord.«

Er nahm zwischen ihnen Platz und führte sie nach der Yacht. Sein Vater, welcher einen andern Weg eingeschlagen hatte, schritt eben über die Laufplanke. Der Arab-el-Bahr stand zum Empfange bereit.

»Du kennst mich noch?« frug der Fürst.

»Ja, Effendi!«

»Du weißt, daß Dein Herr mir die Yacht anvertraut?«

»Befiehl, und ich werde gehorchen.«

»Hast Du den verborgenen Kessel geheizt?«

»Es ist Alles bereit. Ich kannte Deine Diener und habe gethan, was Du mir gebotest.«

»Wir stechen sofort in See. Dieser Mann ist mein Sohn. Er wird das Kommando übernehmen.«

In wenigen Minuten legte sich die Prise in die aufgenommenen Segel der Yacht, und der schlanke Leib derselben strebte erst langsam und dann in immer schnellerer Fahrt dem offenen Meere zu.

Arthur stand auf dem Quarterdecke und ließ sich das Fernrohr bringen. Er richtete es nach Schloß Sternburg hinauf. Dort auf dem hohen Altane stand der Kapudan-Pascha mit seiner Tochter. Der erstere hatte auch ein Fernrohr in der Hand, mit welchem er die Yacht zu finden suchte.

»Vater, her zu mir!« bat der Kapitän.

»Was ists?«

»Der Pascha hat bemerkt, daß sein Schiff in See geht. Hänge Dich hier an die Wanten und winke mit dem Tuche, damit er Dich erkennt.«

»Du meinst um zu vermeiden, daß er uns verfolgen läßt?«

»Allerdings. Wenn er nicht erfährt, wer es ist, der ihm sein Schiff entführt, so gibt es eine Jagd.«

»Werden uns nicht einholen.«

»Das wohl, aber es ist besser wir vermeiden alles Aufsehen.«

Der Fürst stieg auf die Wantensprossen, hielt sich mit der Linken fest und ließ mit der Rechten sein weißes Tuch wehen. Der Pascha mußte ihn erkannt haben, denn auch in seiner Hand schimmerte ein Tuch, und nun wußte Arthur, daß der Pascha nicht ganz unzufrieden mit der Art und Weise sei, in welcher es seinem Freunde geglückt war, zu entkommen.

Der Fürst stieg wieder herab und nahm neben seinem Sohne Platz.

»Wie kommst Du zu den beiden Männern, welche mit Dir an Bord kamen?«

»Du frugst mich in einem Deiner letzten Briefe nach der Zigeunerin Zarba?«

»Allerdings. Kennst Du ihren jetzigen Aufenthaltsort oder hast Du irgend ein Lebenszeichen von ihr?«

»Der Kleine dort ist ihr Bruder.«

»Ah, ein Seemann?«

»Bootsmann. Und der Andere ist der Bruder eines Obergesellen beim Hofschmied Brandauer.«

»Alle Wetter, so stehen sie jedenfalls unsern Absichten nicht sehr fern!«

»Nein. Sie haben mir einen Brief von Goldschmidt gebracht.«

»Deinem Freunde?«

»Demselben. Du wirst erstaunen. In Süderland gibt es eine mächtige Agitation gegen die Regierung und die Politik des Herzogs von Raumburg. Zu ihr zählen die einflußreichsten Beamten des Königs, und ihre Sache ist so weit gediehen, daß sie vollständig schlagfertig sind. Die süderländische Flotte soll sich in Tremona sammeln; die geheime Verbrüderung aber hat durch einen der Ihrigen, der ein hoher Angestellter des Marineministeriums ist, einen Befehl ausfertigen lassen, in Folge dessen sämmtliche Fahrzeuge in ferne Meere stationirt werden und die Flotte also zerstreut und unschädlich wird. Das hat mir der Brief gesagt. Hier, lies ihn! Ich habe dort im Hafen bemerkt, daß man bereits zur Abfahrt rüstet. Und ehe der Pascha sein Kommando faktisch übernimmt, sind alle Schiffe fort.«

»Das wäre wahrhaftig ein Streich, den wir uns nicht besser wünschen könnten!«

»Er wird ausgeführt; darauf können wir uns verlassen. Ich kenne meinen Goldschmidt. Der "tolle Prinz" hat ihm seine Braut abspenstig und unglücklich gemacht und ihm dazu den Degen in die Brust gerannt, so daß sein Leben an einem einzigen Haare hing. Er haßt ihn aus dem tiefsten Herzen und hat aus Rache jene Verbindung in das Leben gerufen, welche zwar nicht den Thron stürzen aber doch wenigstens Zustände schaffen will, welche auf menschlicher und rechtlicher Grundlage errichtet sind.«

»Bist Du Mitglied?«

»Nein. Dazu hatte ich als Ausländer keine Veranlassung. Aber in Fühlung mit dem Leiter der Bewegung habe ich mich erhalten, und Du siehst, welchen Nutzen es mir gebracht hat. Wenn in Süderhafen eine genügende Flottille zusammengebracht und ich den Oberbefehl über dieselbe erhalten könnte, so würde ich Tremona nehmen, und es könnte im Herzen des Feindes ein Heer gelandet werden, welches nicht nur nach alter guter Regel den Kampf auf das Gebiet des Gegners verlegte, sondern unserm Könige die Macht verlieh, einen sofortigen Frieden zu diktiren.«

»Habe ich Gelegenheit mit der Majestät zu sprechen so erhältst Du diesen Oberbefehl; darauf gebe ich Dir mein Wort.«

Während dieses Gespräches hatte die Yacht den Hafen hinter sich genommen und die offene See erreicht, so daß sie von der Küstenhöhe aus gar nicht mehr bemerkt werden konnte. Sie steuerte nach Norden zu und ihr Gang war, da Arthur die verborgene Dampfkraft spielen ließ, von solcher Schnelligkeit, daß sie außer dem berühmten "Tiger" des "schwarzen Kapitäns" sicher jedes Schiff überholt hätte, welches auf eine Wettfahrt mit ihr eingegangen wäre. – –

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