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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 76
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Sie gingen in schnellem Schritte über den Garten und Hof. Unter der Küchenthür stand der Kastellan mit seiner Frau.

»Still!« gebot Arthur. »Wo sind die Lohndiener?«

»Oben.«

»Sie dürfen nicht wissen, daß Vater angekommen ist!«

»Fräulein Almah weiß es bereits.«

»Wo ist sie?«

»Im Garten. Wir sahen den gnädigen Herrn kommen, und ich sagte ihr wer Sie sind, Excellenz.«

»Sie eilen sofort zu ihr und sagen, daß Sie sich geirrt haben; der Herr, welcher gekommen ist, war ein Fremder, der sich in dem Hause geirrt hat und mit seinen Dienern bereits wieder zurückgekehrt ist. Sie wird die Diener bereits gesehen haben; ich habe sie zurückgeschickt; der Herr selbst hat nicht den Bergpfad, sondern die Straße benützt.«

»Ich gehe sofort.«

»So darf also auch der Kapudan-Pascha nicht wissen, daß der gnädige Herr angekommen sind?« frug der Kastellan.

»Jetzt noch nicht. Komm, Vater!«

Er trat mit ihm in die Stube, welche er als Bedienter sich hatte anweisen lassen. Hier erst umarmte und küßte er ihn herzlich.

»Willkommen, mein lieber bester Papa! Du wirst Dich allerdings sehr wundern, daß –«

»Natürlich, mein Junge. Es müssen sehr eigenthümliche Umstände sein, die Dich veranlassen, die Rolle eines Bedienten zu spielen und mich in so geheimnißvoller Weise zu empfangen.«

»Freilich, Papa!«

Er erzählte ihm sein erstes Zusammentreffen mit dem Kapudan-Pascha und nahm dann ein Papier aus der Tasche.

»Lies einmal diese Depesche, welche ich heut erhielt!«

Der Fürst las:

 
»Sofort nach hier abreisen; auch Deinem Vater dasselbe telegraphiren; sein Aufenthalt mir unbekannt. Vorsicht! Sollt Beide noch heut von Süderland gefangen werden.

Max.«

»Ah! Welcher Max ist dies?«

»Brandauer.«

»So ist dieses Telegramm jedenfalls im Auftrage von dem Könige aufgegeben worden. Aber welche Unvorsichtigkeit! Der Telegraphenbeamte, welcher es expedirte, hatte als Süderländer wohl die Pflicht, es zurückzuhalten und Anzeige darüber zu erstatten.«

Arthur lächelte.

»Wir haben Ähnliches vorausgesehen und unsere Vorkehrungen getroffen. Einer der Beamten ist uns ergeben. Max hat vorher angefragt, ob er am Apparate sitzt. Und ebenso ergeben ist auch derjenige Telegraphist, bei welchem die Depesche aufgegeben worden ist.«

»Also man will uns fangen. Weshalb und wie? Man hat doch kein Recht zu einer solchen Maßregel.«

»Du hast meine Mittheilungen über die Politik des Herzogs von Raumburg erhalten?«

»Natürlich.«

»Er muß zum Losschlagen bereit sein. Der König hat wohl in einem solchen Falle die Absicht, Dir den Oberbefehl über das Landheer zu geben, während ich bei der Marine ein Kommando zu erwarten habe. Es liegt also im Interesse des Herzogs und Süderlands, uns Beide unschädlich zu machen.«

»Hast Du geantwortet?«

»Ja.«

»Was?«

»Daß ich sofort nach Süderhafen abgehen werde.«

»Aber Du wußtest von meinem Kommen nichts!«

»Ich telegraphirte Dir.«

»Das kann uns verrathen, wenn diese Depesche als unbestellbar zurückkommt.«

»Sie enthielt nichts als die Worte. »Sofort nach Süderhafen! Arthur.« Es kann sie also ein Jeder lesen.«

»Wenn hast Du die Deinige erhalten?«

»Vor kaum einer Stunde.«

»Du reisest also ab?«

»Natürlich mit Dir.«

»Mit welchem Schiffe?«

»Diese Frage würde mir Schwierigkeiten machen. Glücklicher Weise aber liegt die Yacht des Pascha im Hafen.«

»Ah! Würde er sie Dir geben, selbst wenn er wüßte, wer Du bist?«

»Nein. Erstens braucht er sie selbst, und zweitens stehen wir uns ja feindlich gegenüber. Er wird ganz sicher den Oberbefehl über die süderländische Marine übernehmen und darf mir also nicht den geringsten Vorschub leisten, selbst wenn er es aus persönlichen Rücksichten gern thäte.«

»So willst Du Dich ihrer ohne sein Wissen bemächtigen?«

»Ja. Die paar Matrosen kennen mich als seinen Diener und werden wohl zu überlisten sein.«

»Ist nicht nothwendig. Ich kenne diese Leute von Konstantinopel her. Der Pascha hat mir die Yacht einige Male zu kleinen Ausflügen zur Verfügung gestellt. Wenn ich komme, werden sie ganz dasselbe auch hier annehmen und mir gehorchen.«

»Das ist gut. Es ist kein anderes Fahrzeug so sehr geeignet, uns schnell nach Süderhafen zu bringen, wo unserer jedenfalls neue Depeschen und Weisungen harren. Doch, wer kommt da?«

»Offiziere! Gewiß, um Dich zu besuchen! Wissen Sie, daß Du anwesend bist?«

»Gewiß. Es ist der Platzkommandant mit drei Lieutenants, welche mich vor Ankunft des Pascha fast täglich hier beehrten. Er macht eine höchst amtsmäßige Miene.«

»Aber Dein Inkognito?«

»Sie wissen nichts davon. Ich lasse mich nicht sehen.«

Auch der Kastellan hatte die Kommenden bemerkt. Er trat ihnen im Flure entgegen, so daß die Beiden jedes Wort, welches draußen gesprochen wurde, vernehmen konnten:

»Sie sind der Kastellan von Schloß Sternburg?«

»Zu dienen, Herr Oberst!«

»Ist der Pascha zu sprechen?«

»Ja.«

»Auch der Herr Kapitän von Sternburg?«

»Nein.«

»Warum?«

»Er ist verreist.«

»Ah!« klang es in einem Tone, der eine hörbare Erleichterung verrieth. »Wohin?«

»Ist unbestimmt. Durchlaucht beabsichtigen eine kurze Spaziertour, bei welcher sich der Ort nie sicher angeben läßt.«

»Wann kommt er zurück?«

»Das kann heut, morgen, übermorgen sein, vielleicht auch später; ich weiß es nicht.«

»Hm! Sobald er kommt, melden Sie es. Ich habe eine so dringende Unterredung mit ihm, daß ich ihn sofort sehen muß, wenn er angekommen ist.«

»Werde es melden, Herr Oberst.«

»Wissen Sie, wo sich sein Vater, Excellenz von Sternburg, gegenwärtig befindet?«

»In Konstantinopel.«

»Ich hörte, daß er seine baldige Ankunft nach hier gemeldet hat. Haben Sie davon gehört?«

»Ja.«

»Wann wird er kommen? Sie müssen dies ja wissen, da seine Anwesenheit doch gewisser Vorbereitungen Ihrerseits bedarf.«

»In vierzehn Tagen.«

»Schön.« Er schien sich an seine Begleiter zu wenden: »Meine Herren, wir sind also für heut dieser Pflicht enthoben. Bitte, kehren Sie zurück!«

Arthur und sein Vater sahen, daß sich die Lieutenants über den Hof entfernten.

»Melden Sie mich bei dem Pascha!« hörten sie jetzt wieder die Stimme des Obersten, worauf dieser hinter dem Kastellan die Treppe emporstieg. Der letztere kam bald wieder herab und trat in die Stube.

»Haben die Herrschaften gehört?« frug er.

»Ja,« antwortet der Fürst. »Du hast Deine Sache gut gemacht. Hast Du oben nichts vernommen?«

»Ich horche nicht, wie Excellenz ja wissen; aber ich sah, daß der Oberst ein sehr großes Schreiben hervorzog, ehe er beim Pascha eintrat. Es hatte das Königliche Siegel.«

»Das genügt. Ahnst Du, weshalb der Oberst nach uns frug?«

»Nein.«

»Er hat den Auftrag, uns gefangen zu nehmen.«

»Nicht möglich!« rief der treue Mann ganz erschrocken.

»Und doch!«

»Ja, Sie dürfen es glauben,« fügte Arthur bei. »Wir werden schleunigst abreisen. Lassen Sie Ihre Frau meine sämmtliche Wäsche und Kleidung rasch einpacken; in einer Viertelstunde gehen wir.«

»Wohin soll der Koffer?«

»Hinunter zur Yacht des Pascha. Zwei der Lohndiener mögen ihn besorgen. Also schnell!«

Der Kastellan entfernte sich, noch immer bestürzt; gleich darauf trat Mutter Horn ein. Ihre ganze Erscheinung zeugte von der größten Aufregung.

»Herrjesses, meine lieben guten Herrschaften, ist denn so etwas möglich! Der gnädige Herr sind vor einer Minute erst angekommen und müssen bereits wieder fort? Das ist ja – o, und da stehe ich und plaudere. Ich muß ja gleich einpacken! In zehn Minuten bin ich mit Allem fertig!«

Sie verschwand ebenso schnell und eilig, wie sie gekommen war. Arthur zog ein Papier aus einem Fache.

»Dies wird von großem Vortheil sein, Vater.«

»Was ist es?«

»Ein Plan von Tremona, den ich heimlich zeichnete. Siehe ihn an!«

Der Fürst that es.

»Vortrefflich!«

»Wenn mir der König das nöthige Vertrauen schenkte und die dazu nothwendigen Fahrzeuge vorhanden sind, nehme ich Hafen und Stadt trotz aller Befestigungen und Torpedo's binnen drei Stunden.«

»Dies Vertrauen besitzest Du.«

»Aber die Schiffe! Der Herzog, den ich jetzt ganz durchschaue, hat sie zerstreut. Die Küste Norlands ist vollständig unbedeckt, so daß an eine Offensive zur See erst recht nicht zu denken ist.«

»Es scheint doch, daß ein Gegenbefehl gegeben worden sei. Auf meiner Fahrt nach hier bemerkten wir mehrere norländische Kriegsschiffe, welche mit voller Dampf- oder Segelkraft nach der Heimath zu hielten.«

»Das wäre ein Glück!«

»Das eine der Schiffe sprachen wir an. Es ging nach Süderhafen. Doch horch! Ich glaube, der Oberst geht bereits wieder.«

»Ja, er ist es, und der Pascha begleitet ihn. Ich kenne seinen Schritt.«

Nurwan-Pascha begleitete den Offizier bis vor das Thor und kam dann wieder zurück. Sein Gesicht war sehr ernst. Der Besuch des Obersten mußte von großer Wichtigkeit gewesen sein. Statt aber vorüberzugehen, öffnete er die Thür und trat ein. Er bemerkte den Fürsten nicht sogleich, da dieser seitwärts im Hintergrunde stand.

»Bill, mache Dich zu einem Parforceritt fertig.«

»Wohin, Excellenz?«

»Nach der Residenz. Es geht jetzt kein Zug ab, und wenn Du so reitest wie jüngst, so kommst Du vor dem nächsten noch hin.«

»Zu wem soll ich, Excellenz?«

»Direkt zu Könige, dem Du ein Schreiben – –«

Er stockte. Sein Auge hatte den Fürsten erblickt, den er sofort erkannte. Man sah, daß er sich außerordentlich betreten fühlte.

»Durchlaucht – – Excellenz – –! Sie hier?«

Der Fürst trat vor.

»Wie Sie sehen. Darf ich Sie begrüßen, oder –?«

»Ja freilich dürfen Sie!« antwortete er mit Herzlichkeit, indem er ihm beide Hände entgegenstreckte. »Aber, wann sind Sie angekommen?«

»Soeben. Ich suchte Ihren Diener auf, um ihn zu fragen, ob Sie zu sprechen sind, da ich mich natürlich sofort vorstellen wollte, hörte aber, daß der Oberst bei Ihnen sei.«

»Er ging soeben. Doch das erinnert mich – – ah, Durchlaucht, ich befinde mich Ihnen gegenüber in einer höchst mißlichen Lage!«

»Wie so?«

»Die Freundschaft gebietet mir, Ihnen eine wichtige Mittheilung zu machen, während – –«

Er stockte, sichtlich verlegen. Der Fürst setzte den unterbrochenen Satz fort:

»Während die Pflicht Ihnen dies nicht gestattet, nicht wahr? Ich bin jedoch in der glücklichen Lage, diesen Zwiespalt aufzulösen. Der Oberst hat Ihnen mitgetheilt, daß man sich meiner Person und derjenigen meines Sohnes bemächtigen will.«

»So sind Sie also bereits unterrichtet?«

»Nicht blos über diesen Punkt, Excellenz. Es fragt sich nur, ob Sie es für Ihre Pflicht halten müssen, hierbei thätig zu sein.«

»Nicht im mindesten. Zwar darf ich in direkter Weise nichts thun, was den Interessen, welche ich von dieser Stunde an vertrete, nachtheilig werden könnte, aber selbst wenn mich Ihre ausgedehnte Gastfreundschaft nicht zum lebhaftesten Dank verpflichtete, hätte ich keine Veranlassung, den Polizisten, den Häscher zu machen.«

»Ich danke Ihnen.«

»Was werden Sie thun?«

»Sofort abreisen.«

»Mit welcher Gelegenheit?«

»Mit einer sicheren, die ich aber nicht nennen darf, da ich Ihr Pflichtgefühl zu berücksichtigen habe.«

»Ist sie wirklich sicher?«

»Ja.«

»Ich würde Ihnen meine Yacht zur Verfügung stellen, allein ich muß Ihnen sagen, daß ich soeben den Oberbefehl über die süderländische Seemacht überkommen habe, eine Mittheilung, welche Sie zwar nicht überraschen aber lebhaft interessiren wird, und da muß ich leider – – –«

»Ich begreife dies vollständig, Excellenz. Sie werden bereits in einer Viertelstunde wissen, welcher Gelegenheit ich mich bediene, und dann selbst sagen, daß sie sehr sicher ist.«

»Und Ihr Sohn, der Herr Kapitän? Man sucht auch ihn.«

»Er hat Alles geahnt und befindet sich bereits so ziemlich in Sicherheit.«

»So wird er gar nicht nach hier kommen?«

»Wohl nicht. Übrigens bitte ich herzlich, Schloß Sternburg als das Ihrige zu betrachten, so lange es Ihnen gefällig ist.«

»So wollen wir scheiden!«

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