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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 73
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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»Ah, der Schmiedejunge!« entfuhr es den Lippen des Angeredeten, der überrascht einen Schritt zurückfuhr.

»Allerdings, mein Herr; doch habe ich mich dieser Abstammung augenscheinlich weniger zu schämen als Sie sich der Ihren, da ich von mir sagen darf, daß ich mir Mühe gegeben habe, ihr Ehre zu machen, während bei Ihnen ganz das Gegentheil stattfindet.«

»Mensch! Hund!«

»Ganz nach Belieben! Aber der Schmiedejunge wagt es doch, Platz zu nehmen bei zwei Personen so hoher Distinktion, weil er weiß, daß ein Junge zuweilen achtbarer ist als ein Prinz.«

»Hinaus mit Dir, Schurke!«

»Ich habe ganz im Gegentheile sehr mit Ihnen zu sprechen, ersuche Sie aber, sich einer anständigeren Ausdrucksweise zu bedienen, da dies ganz in Ihrem eigenen Interesse liegt, weil ich, hören Sie wohl, Prinz, weil ich Ihr Schicksal in meinen Händen halte!«

»Du – Sie, in Ihren Händen?«

»Ja. Hören Sie! Sie sagten, die Armee Süderlands werde heut noch marschiren, und ich sage, daß sie geschlagen wird. Sie sagen, daß der König Ihr Gefangener sei, und ich sage, daß ich sein Gefängniß kenne; es ist der Gang, welcher aus der Bibliothek Ihres sehr erlauchten Vaters bis unter die Gartentreppe führt. Ich werde ihn befreien.«

Bei diesen Worten beobachtete er den Prinzen und sah aus dem Zucken der Augen desselben, daß er sich nicht geirrt habe. Er fuhr fort:

»Sie sagen, daß sich noch heut das Volk erheben werde, und ich verneine dies, denn die Befehle zu dieser Erhebung sind von mir aufgefangen worden. Sie befinden sich in meinen Händen.«

»Lügner!«

Max griff ruhig in die Tasche.

»Hier sind Ihre Billets. Sie werden Ihre Handschrift kennen, wie sich vermuthen läßt. Die Herren Adressaten befinden sich bereits in meiner Gefangenschaft. Nicht wahr, es ist sehr zu verwundern, daß ein "Hund", ein "Mensch", ein "Schmiedejunge" es wagt, zum Beispiel einen Kriegsminister zu arretiren. Der fromme Herr Hofprediger und dieser Herr Penentrier wurden bereits gestern Abend von dem Könige selbst arretirt. Ich habe alle Ihre Depeschen und Aktenstücke dechiffrirt und vermuthe, daß dieser kleine Koffer, welcher jedenfalls Ihnen gehört, noch mehr Beweisstücke in meine Hand liefern wird.«

Der Prinz zitterte vor Überraschung.

»Und wenn dies Alles wahr ist, was Sie sagen, so sind dennoch alle Ihre Mühen und Entdeckungen fruchtlos. Den König werden Sie nicht finden; das Volk wird doch aufstehen, und nun, da es so steht, werde ich die Stadt nicht verlassen, sondern jetzt gleich, unverweilt die Meinigen zu den Waffen rufen!«

»Das werden Sie nicht, denn Sie sind mein Gefangener!«

»Ich? Ihr Gefangener? Mensch, Sie sind wahnsinnig!«

»Dies zu denken steht Ihnen ja frei. Aber Sie dürfen mir glauben, daß sich das Volk wirklich nicht erheben wird, denn alle Häupter des Aufstandes, welche wir in der Liste des Pater Valerius verzeichnet fanden, gehen in diesem Augenblicke einer strengen Bestrafung und wenigstens einer lebenslänglichen Gefangenschaft entgegen. Auch darüber, daß Sie mein Gefangener sind, kann kein Zweifel herrschen. Ihrem Aufstande hat nur der Schmiedejunge mit einem seiner Gesellen gegenüber gestanden; aber er ist bisher Sieger gewesen und wird auch ferner Sieger bleiben. Ich verhafte Sie im Namen des Königs!«

»Wirklich eine ganz ergötzliche Komödie. Wollen Sie heut vielleicht die Prophezeiung jener alten Zigeunerin, welche wir einst trafen, in Scene setzen? Es war da wohl von Königskronen, von einer wunderherrlichen Königin und von einem Hammer die Rede, mit welchem Sie sich ein Scepter erringen würden!«

»Sie trachten nach einem Scepter; den Hammer habe ich in der Hand. Vielleicht schlage ich Ihnen mit demselben das Scepter aus der Faust.«

»Wohlan, versuchen Sie es! Übrigens wissen Sie zuviel von uns, als daß ich mich Ihres Schweigens nicht versichern sollte. Sie zwingen uns, schneller zu beginnen als wir wollten, und so soll der Anfang auch gerade bei Ihnen gemacht werden!«

Er riß ein Terzerol aus der Tasche – zwei Schreie erklangen. Der eine kam von den Lippen der erschrockenen Prinzessin, welche eine Bewegung machte, sich zwischen die Feinde zu werfen, dieselbe aber nicht auszuführen vermochte. Der andere erklang vom Munde des Prinzen selbst, es war ein Schmerzensschrei: denn noch ehe er loszudrücken vermochte, hatte Max die Hand sammt der Waffe mit solcher Stärke gepackt, daß sie wie in einem eisernen Schraubstocke lag.

»Bitte, königliche Hoheit, haben Sie keine Sorge, es soll vor Ihren Augen kein Tropfen Blut fließen!«

Er packte auch den andern Arm des Prinzen.

»Geben Sie sich freiwillig gefangen?«

»Nein und tausendmal nein. Ich werde um Hilfe rufen, wenn Sie nicht loslassen!«

»Rufen Sie!«

»Hil– – –!«

Er hielt mitten im Rufe inne, weil er sich bereits gerettet fühlte, da er deutlich hörte, daß sich mehrere Personen über die Mauer schwangen. Die drei Gesellen erschienen am Eingange, und Thomas war der erste, welcher eintrat.

»Was gipt es denn zu schreien, da hier? Ah, der Herr General von der Artillerie! Sollen wir ihn zusammenwickeln, Herr Doktor?«

»Ja.«

»Zu Pefehl! Komm mein Söhnchen und laß Dich umärmeln!«

»Fort von hier!« gebot der Prinz. »Ich rufe die Schiffer herbei, Ihr Mörder!«

»Soll ich ihm eins gepen, Herr Doktor?«

»Ja.«

»Zu Pefehl! hier, wohl pekomms!«

Er traf mit seiner Faust den Prinzen so vor die Stirn, daß dieser bewußtlos zusammenfiel.

»Was nun, Herr Doktor?«

Max wandte sich an die Prinzessin:

»Verzeihung, königliche Hoheit, daß mir die Umstände nicht gestatteten, dem Auge eines Engels eine solche Scene zu verhüllen. Ich fühle die Verpflichtung, Ihnen vollständige Aufklärung zu geben und bitte nur um die Erlaubniß, meinen Arrestanten, noch ehe ihm das Bewußtsein wiederkehrt, fortzuschaffen.«

»Thun Sie es!«

»Bindet ihn fest; gebt ihm einen Knebel, daß er nicht sprechen kann, und tragt ihn zum Meister, der ihn zu den Andern stecken mag!«

»Aper wie sollen wir ihn fortpringen?« frug Thomas. »Es darf ihn doch Niemand zu sehen pekommen.«

»Dort am Gewächshause lehnt eine Trage, und hier bei den Frühbeeten liegt Stroh. Wickelt ihn so ein, daß seine Glieder vollständig verhüllt sind; dann wird es gehen.«

Jetzt erhob sich die Prinzessin von dem Sitze, auf welchen sie niedergesunken war.

»Mein Herr, ich sehe noch nicht klar, aber ich fühle, daß Sie das Richtige thun und werde Ihnen behilflich sein. Hier ist der Schlüssel zum Gartenthore, welches nach dem Flusse führt.«

»Danke, Hoheit!«

Er nahm den Schlüssel und übergab ihn Thomas.

»Sucht zuvor einmal die Taschen des Gefangenen durch nach Papieren und dem Schlüsselchen zu diesem Koffer.«

»Hape ihn pereits, Herr Doktor. Hier ist er.«

»Und hier ist eine Brieftasche.«

»Weiter nichts?«

»Nein.«

»Dann fort mit ihm! Werdet Ihr es fertig bringen, ohne daß es auffällig wird, Baldrian?«

Dieser nickte bedächtig.

»Das ist am Den!«

Sie entfernten sich mit dem Prinzen, wickelten ihn in das Stroh, banden ihn auf die Tragbahre und trugen ihn davon.

Jetzt befand sich Max mit Derjenigen allein, deren Bild sich ihm bis in die tiefste Tiefe seines Herzens und Lebens eingeprägt hatte. Er stand vor ihr so schön und stolz und doch so bescheiden und ergeben; sie sah es und fühlte, ohne es sich zu gestehen, daß Ihr Auge noch keinen Mann gesehen habe, den sie mit ihm vergleichen könne.

»Hoheit – –!«

»Bitte, nehmen Sie Platz!«

»Ich gehorche!«

»Ihr Name ist Brandauer?«

»Ja.«

»Seine Majestät, der König, verkehren viel und freundlich in Ihrer Familie?«

»Ich bin so glücklich, dies behaupten zu können.«

»Ich beneide Sie, denn der Vater Ihres Landes ist ein Mann, dem ich meine vollste Hochachtung und Theilnahme zolle. Sie handelten jedenfalls gegenwärtig in seinem Auftrage?«

»So ist es. Königliche Hoheit gestatten mir eine kurze Darstellung der Lage. Zwar marschiren die Truppen Süderlands bereits gegen uns, aber ich weiß, daß ich mit Vertrauen sprechen darf.«

»Sie dürfen es. Ich werde Norland nicht eher verlassen, als bis dieser unglückselige Zwist beseitigt ist.«

»Ich war in der Lage, den letzten Theil Ihrer Unterredung mit dem General anzuhören, und kann nicht umhin, Ihnen meine Bewunderung der edlen Gesinnungen auszudrücken, welche aus Ihren Worten sprach. Sie dürfen versichert sein, daß weder feindselige politische noch kriegerische Verhältnisse auf Ihre gegenwärtige Situation oder das Vertrauen meines Königs für Sie von Einfluß sein werden. Er fühlt sich hoch beglückt durch Ihre Gegenwart, bedauerte herzlich Ihre projektirte baldige Abreise und wird Ihrem jetzigen Aufenthaltsort unter allen Umständen die Eigenschaft eines Sanktuarium ertheilen, dessen Frieden nicht gestört werden darf. Doch, ich beginne.«

Er begann eine Auseinandersetzung der Verhältnisse, deren Opfer sie hatte werden sollen. Zwar verschwieg er Manches, dessen Erwähnung ihm nicht geboten zu sein schien, aber sie erhielt doch ein lebendiges Bild von dem, was sie wissen sollte, und ihr Ohr lauschte auf den wohlklingenden Ton seiner Stimme, während ihr Auge an seinen männlich schönen Zügen hing, auf denen der Einfluß der ihn beherrschenden Empfindungen deutlich zu lesen war.

»Ich danke Ihnen,« meinte sie, als er geendet hatte. »Ohne es zu wollen, haben Sie mir einen Einblick in Ihr Herz gegeben, welches warm und treu für die Sache des Rechtes und für den König schlägt, der Ihnen nicht blos Herrscher, sondern auch Freund und Vater ist. Erlauben Sie mir die Erwiderung der Hochachtung, von welcher Sie vorhin sprachen, und geben Sie mir die angenehme Hoffnung, daß es mir ermöglicht sein werde, Sie gegenwärtig nicht zum letzten Male bei mir zu sehen.«

Eine leichte flüchtige Röthe glitt bei den letzten Worten über ihre Wangen, und ihr kleines warmes Händchen, welches sie ihm entgegenreichte, ruhte einen Augenblick länger, als es nöthig gewesen war, in seiner Rechten. Ihn durchzuckte diese Berührung mit einer noch nie empfundenen Seligkeit. Er hätte sich zu ihren Füßen niederwerfen und ihr gestehen mögen, daß jeder Pulsschlag seines Herzens ihr gehöre, aber er drängte die aufwallenden Gefühle, welche ja nicht die mindeste Hoffnung auf Erwiderung haben konnten, zurück und antwortete:

»Wenn Hoheit den "Schmiedejungen" mit dem Befehle vor Ihnen zu erscheinen begnadigen, so wird er glücklich sein gehorchen zu dürfen.«

Er hatte doch etwas wärmer gesprochen, als es seine Absicht war. Sie lächelte.

»Ich befehle nicht, sondern ich bitte, Herr Doktor, und gestehe zugleich, daß diesem "Schmiedejungen" hier nicht die Idiosynkrasie begegnen wird, welche der herzogliche Prinz gefunden hat. Ich wünsche natürlich sehr, mit den Ereignissen des Tages bekannt erhalten zu werden, und da Sie in so naher Beziehung zu Ihrem Könige stehen, sehe ich in Ihnen die geeignetste Person, mir diese Bekanntschaft zu ermöglichen. Kommen Sie also, so oft es Ihnen nöthig oder genehm erscheint. Sie sind zu jeder Zeit willkommen. Doch, sagten Sie vorhin nicht, daß Sie wüßten, wo der König zurückgehalten wird?«

»Allerdings. Ich ahnte es zwar nur, habe aber aus der Miene des Prinzen gelesen, daß meine Vermuthung richtig ist.«

»Sie sprachen von einem verborgenen Gange?«

»Welcher wirklich existirt. Ich kenne ihn genau. Ich entdeckte ihn einst zufälliger Weise und benutzte ihn, den Herzog in seinen verrätherischen Machinationen zu belauschen. Es muß sich aber doch eine Vorrichtung dort befinden, welche ich nicht bemerkt habe, sonst könnte der König nicht eingeschlossen werden.«

»Sie werden ihn befreien?«

»Gewiß.«

»Nehmen Sie Militär oder Polizei zu Hilfe?«

»Keines von beiden. Was wir bisher gesehen haben, ist so geheim und unbemerkt geschehen, daß Niemand eine Ahnung von der entsetzlichen Gefahr hat, welche über Norland schwebt, und wir stehen unter Umständen, welche mir gebieten, diese Vorsicht festzuhalten.«

»Aber Sie allein – werden Sie es fertig bringen?«

»Nein. Ich bedarf der Hilfe, weiß aber nicht, ob sie mir von der Seite, wo ich sie zu erbitten habe, gewährt wird oder vielmehr gewährt werden darf.«

»Ganz gewiß. Jeder rechtlich Denkende muß und wird Ihnen beistehen. Darf ich fragen, an wen Sie sich wenden werden?«

»An Sie allein, Hoheit.«

»An mich?« frug sie verwundert. »Wie könnte ich Ihnen bei der Befreiung des Königs von Nutzen sein? Ich bin kein Mann und hier übrigens ohne allen Einfluß.«

»Es kommt mir nur darauf an, Zutritt in die Bibliothek des Herzogs zu erhalten und mich dort eine kurze Zeit lang ungestört verweilen zu dürfen.«

»Ah, ich errathe! Aber ist meine Lage nicht eigentlich interessant? Wir sind überzeugt, daß Süderland soeben begonnen hat, seine Feindseligkeiten gegen Norland zu eröffnen, und ich, eine Tochter des Königshauses von Süderland, soll den König von Norland aus einer Lage befreien helfen, welche den Meinen die beste Aussicht auf Sieg gewährt! Was würden Sie an meiner Stelle thun?«

»Sicher ganz dasselbe, was Sie zu thun bereits fest entschlossen sind.«

Ihre beiderseitigen Blicke trafen sich mit einem Verständnisse, welches die Prinzessin abermals leicht erröthen ließ. Sie reichte ihm zum zweiten Male ihre Hand entgegen, die er an seine Lippen zu ziehen wagte. »Ich sehe, wir verstehen uns! Der Herzog von Raumburg hat mir jüngst erlaubt, einige Bücher von ihm zu entnehmen, Herr Doktor; ich möchte mir dieselben holen. Da ich aber keine sehr bedeutenden literarischen Kenntnisse besitze, so bedarf ich eines Mannes, der mir bei der Auswahl behilflich ist. Ich lasse anspannen. Wollen Sie mich begleiten?«

»Ich gehorche gern,« lächelte er.

»So kommen Sie.«

Sie verließen den Pavillon um sich nach dem Hause zu begeben, gerade zur rechten Zeit, um Thomas zu bemerken, welcher durch das Thor in den Garten trat. Er hatte die Tragbahre auf der Schulter und kam mit langen Schritten auf die Beiden zu.

»Ists gelungen?« frug Max.

»Zu Pefehl, Herr Doktor.«

»Und Niemand hat unterwegs etwas bemerkt?«

»Kein Mensch, Herr Doktor. Der Prinz steckt pei den andern Spitzpupen.«

»Schön. Ist sonst etwas Neues vorgekommen?«

»Nichts pesonderes weiter, als daß ich dem Fritz eine Packpfeife gegepen hape, weil er mir üper meine Tapakspüchse gerathen ist. Mamsell Prinzessin, hier hapen Sie Ihren Schlüssel wieder!«

»Danke, mein Lieber, Sie gehen wieder durch das Thor, und ich werde hinter Ihnen verschließen.«

»Zu Pefehl, meine peste Fräulein Prinzessin! Hapen Sie mir sonst noch etwas zu pemerken, Herr Doktor?«

»Ja. Du gehst schnell nach Hause und holst den kleinen Dietrichring und ein kleines aber festes Stemmeisen. Ich gebrauche Beides vielleicht. Beides legst Du in dieses Köfferchen, aus welchem der Meister die Papiere nimmt, und bringst es mir hier vor das Portal. Doch gehe schnell!«

»Pin schon pereits darüper. Empfehle mich!«

Er stieg eiligst davon.

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