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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Viertes Kapitel.
Im Hause der Irren.

Als Max nach Hause kam, war schon längst Alles zur Ruhe gegangen. Auf seinem Zimmer angelangt, machte er Licht und nahm das Schreiben vor, welches ihm Emery übergeben hatte. Es war ein mit Datum, Anrede und Unterschrift versehener Brief, wie er aus der ganzen Anordnung sah, aber leider nicht mit gewöhnlicher Schrift, sondern in Ziffern, getrennten Buchstaben und räthselhaften Charakteren geschrieben.

Er machte es sich bequem und setzte sich an den Schreibtisch, um den Versuch zu machen, das Schreiben zu dechiffriren. Die Erlebnisse des heutigen Abends hatten seine Nerven so in Spannung versetzt, daß es ihm unmöglich war, an Ruhe und Schlaf zu denken, und so kam ihm diese Beschäftigung, der er sich mit dem größten Eifer hingab, nicht ungelegen. Er mußte dabei unwillkürlich an den Schlüssel denken, welchen er sich in der Bibliothek des Herzogs abgeschrieben hatte. Er zog daher sein Notizbuch hervor, fand aber, daß er es hier mit einer Schrift zu thun habe, deren Schlüssel ein vollständig anderer war.

Es war nicht das erste Mal, daß er sich eine ähnliche Aufgabe stellte, und es war ihm stets gelungen, sie zu lösen, heut aber wollte ihm das nicht gelingen. Er gab sich die möglichste Mühe – vergebens. Da kam ihm der Gedanke, ob das Hinderniß nicht in einer Umstellung der Silben oder der Einschaltung eines Lautes bestehe. Er hatte als Knabe mit seinen Mitschülern oft eine ähnliche Spielerei gepflogen und sich mit ihnen in der B-, F- oder U-Sprache unterhalten. Er zog sich die am meisten vorkommenden Ziffern, Buchstaben und Zeichen heraus und sah bald seine Bemühung von Erfolg begleitet. Die Vokale und Diphthonge waren durch verschieden gestellte Punkte, die Konsonanten durch Ziffern bezeichnet und die Ziffern in der Weise umgestellt, daß sie mit einem regelmäßig wiederkehrenden U verbunden wurden. Er hatte es also mit der U-Sprache in Charakteren zu thun.

Der Morgen graute bereits, als er den Schlüssel gewonnen hatte und nun den kurzen Brief zu lesen vermochte. Dieser lautete:

 
»Helmberg, den 2. Juli.

Lieber Bruder in Jesu!

Deiner Aufforderung zu Folge erhältst Du heut im Passiren diese Zeilen. Das mir von Dir übertragene Werk schreitet rüstig fort und verspricht ein gutes Gelingen unserer Intentionen. Meine Agenten erweisen sich als tüchtig; alle Minen sind in Thätigkeit, die Verbindungen werden von Tag zu Tag zahlreicher und umfassen alle Kreise der Gesellschaft; auch das Militär wird mehr und mehr geneigt, und wenn wir mit Vorsicht in der jetzigen Weise fortfahren, so ist an ein Scheitern unseres großen Planes gar nicht zu denken.

Für heute habe ich eine Versammlung meiner Untergebenen anberaumt und bin leider also verhindert, mich zu dem von Dir befohlenen Rendez-vous einzufinden, doch werde ich sicher bei dem nächsten am Siebenbrüdertag erscheinen und Dir ausführlich Bericht erstatten.

Bis dahin, verehrter Bruder, sei im Herrn gegrüßt von Deinem eifrigen und getreuen

H. de M.
I. de la Robe.«

Er sprang überrascht vom Stuhle auf.

»Ein Jesuit de la Robe! Er ist von Adel, und zwar von französischem, wie es scheint! Ich habe es hier jedenfalls mit einer weitverzweigten Verbindung zu thun, welche den Zweck hat, durch eine Umstürzung der gegenwärtigen Verhältnisse, mit anderen Worten durch eine Revolution, den Jesuiten den Eingang in das Land zu erzwingen und sie, was die Folge davon sein würde, an das Ruder zu bringen. Emery hat Recht; dieser Rentier Aloys Penentrier ist ein hervorragendes Mitglied des Ordens und ein ebenso schlauer als kühner Mensch. Die Sache ist von unendlicher Wichtigkeit. Ich werde sofort wieder hinaus nach der Ruine gehen, um meine Untersuchung von Neuem aufzunehmen.«

Er kleidete sich sofort wieder an, versah sich mit einem Stricke von der Länge dessen, den er am Brunnen in der Hand gehabt hatte, steckte eine Blendlaterne, Hammer, Zange und sonstiges Geräthe zu sich, dessen er bedürftig sein konnte, und machte sich dann auf den Weg.

Als er die Treppe hinabstieg, vernahm er unten in der Werkstatt ein lautes, geräuschvolles Gähnen.

»Uu-aah! Uu-aah! Thomas Schupert, was pist Du dumm und alpern! Erst drei Uhr, höchstens halp Viere; konntest noch peinahe zwei Stunden im Pette pleipen! Aper die Zigeunerin, die Hexe, hat mir keine Ruhe gelassen. Sie ist mir im Traum erschienen, hat mich gehetzt und gejagt wie ein pöser Geist und mir das Gesicht zerkratzt und zerpissen. Es ist nur gut, daß es blos im Traum passirt ist, denn sonst könnte ich mich vor der Parpara Seidenmüller zehn Wochen lang nicht sehen lassen.«

Max mußte lächeln bei diesem lauten Monologe, der an den Liebesgedanken des braven Kavalleristen zum Verräther wurde. Sollte er ihn mitnehmen? Thomas war treu und verschwiegen, und vier Augen und Hände konnten jedenfalls mehr sehen und verrichten als zwei.

Er trat in die Werkstatt, wo der Geselle eben beschäftigt war, in die Jacke zu fahren.

»Guten Morgen, Thomas!«

»Tausendsapperlot, guten Morgen, Herr Doktor! Sind Sie auch schon munter? Ich glaupe, die Hexe hat Ihnen auch keine Ruhe gelassen!«

»Willst Du schon arbeiten?«

»Ich möchte wohl, aper ich darf nicht, weil ich sonst die Anderen aufwecke.«

»Ich habe einen Gang vor. Willst Du mich begleiten?«

»Zu Pefehl, Herr Doktor!«

»So ziehe Dich an und vergiß Deine Morgenpfeife nicht!«

»Hm, ja, Herr Doktor, mein Tapak ist alle!«

»So nimm hier eine Cigarre!«

»Danke schön! Ampalema?«

»Nein, Cuba.«

»Cupa? Hape noch keine geraucht. Pin neugierig, welche pesser ist, Cupa oder Ampalema.«

Der rauchlustige Geselle war mit seiner Toilette schnell fertig, dann schritten sie in den frischen Morgen hinein.

Das Leben war in der Stadt noch nicht erwacht; erst später begegneten ihnen einige Milchwagen, welche das Straßengeräusch alltäglich zu beginnen haben. Max fühlte keine Lust zu einer Unterhaltung; er gab seinen Gedanken Audienz, die er erst dann beendete, als er mit seinem Begleiter die Ruine erreicht hatte. Er schritt über den Hof derselben nach der Stelle, an welcher er sich in der vergangenen Nacht versteckt gehalten hatte.

Außerhalb des Gemäuers breitete sich ein schmales, ebenes Terrain aus, welches von Trümmern übersäet und mit Gras bewachsen war. Am Rande des Plateaus fiel es senkrecht in die Tiefe und bildete mit der nächsten Höhe eine Spalte, welche schmal, tief und von allen Seiten geschlossen war. Am Rande derselben stand eine alte Tanne, welche eine Anzahl ihrer starken Äste weit über den Abgrund hinausstreckte.

Max blieb stehen und wandte sich an den Gesellen.

»Thomas, da draußen ist heute Nacht Jemand ermordet worden.«

Der gute Schubert bekam einen Schreck, der ihm in alle Glieder fuhr. Mit weit aufgerissenen Augen und alle zehn Finger von sich streckend trat er einige Schritte zurück.

»Ermordet? Umgepracht? Tausendsapperlot! Wer denn? Von wem denn? Ich pin's nicht gewesen, Herr Doktor!«

»Nein, Du warst es nicht,« antwortete Max lächelnd. »Ich habe nicht weit davon gestanden und es weder verhindern, noch mir später Gewißheit verschaffen können. Laß uns einmal suchen, ob wir etwas entdecken.«

»Zu Pefehl, Herr Doktor! Augenplicklich werde ich suchen. Vielleicht ist der arme Teufel noch nicht ganz todt, und es gelingt uns, ihn wieder aufzupringen!«

Auch jetzt war ihre Nachforschung vergeblich, bis Max an die Tanne gelangte und da bemerkte, daß unter derselben das Gras niedergetreten war.

»Was meinst Du zu dieser Stelle, Thomas?«

»Was ich meine, Herr Doktor? Hier hapen sich ein Paar pei den Haaren gehapt und tüchtig herumgepalgt.«

Das Auge unwillkürlich emporhebend, machte Max jetzt eine Bemerkung, welche mit der nächtlichen That in Verbindung stehen mußte. In etwas über Manneshöhe waren an einem der Tannenäste zwei Schlingen zu sehen, welche jedenfalls von starken, hanfenen Schnüren herrührten, an denen eine bedeutende Last gehangen hatte, denn sie waren so fest zugezogen, daß sie in die rauhe Schale des Holzes eingeschnitten hatten. Beide Schnuren waren, das sah man deutlich, unterhalb der Schlingen mit einem Messer abgeschnitten worden, die eine vor längerer Zeit und die andere gewiß erst in der verflossenen Nacht, wie die Schärfe der Schnittfläche und die Farbe der Fasern bewies.

»Betrachte Dir doch einmal diese Schlingen, Thomas!«

»Zu Pefehl, Herr Doktor! Ich will gleich auf der Stelle den großen Ampos verschlingen, wenn sich da nicht Zwei aufgehängt hapen, die nachher wieder apgeschnitten worden sind!«

»Du meinst, sie haben sich selbst aufgehängt?«

»Natürlich! Man hängt sich doch stets selber an den Paum. Ein Anderer wird einem nicht gern pehilflich sein.«

»Und diese Spuren im Grase?«

»Sapperlot, das sieht allerdings aus, als op sie sich gewehrt hätten!«

»Diese eine Schlinge stammt von letzter Nacht, die andere ist höchstens drei Wochen alt. Hast Du während dieser Zeit einmal gehört, daß sich auf dem Klosterberge Jemand gehängt hätte?«

»Nein.«

»Die Ermordeten sind also nicht gerichtlich aufgehoben, sondern von den Mördern sofort wieder abgeschnitten worden und – «

Er trat an den Rand der Spalte und blickte hinab. Das kahle, nur an wenigen Stellen mit Büschelgras bewachsene Gestein zeigte die deutliche Spur eines Körpers, welcher zur Tiefe gestürzt war.

»Und,« fuhr er fort, »hier unten haben sie ihr Grab gefunden.«

»Hapen sie ihr Grap gefunden,« nickte Thomas, seinerseits auch aufmerksam hinabblickend. »Wir müssen Anzeige machen, Herr Doktor!«

»Ehe ich mich dazu entschließe, müssen wir ein Anderes untersuchen. Komm!«

Er schritt zum Brunnen und zog den Strick hervor, den er an dem Felsblock befestigte.

»Wir müssen hinab in den Brunnen.«

»Da hinap? Warum denn, Herr Doktor? Ist da auch einer umgepracht worden?«

»Nein. Bleib einstweilen noch oben und passe auf, daß uns Niemand überrascht!«

»Zu einer Üperraschung ists zu früh, Herr Doktor. Zur jetzigen Stunde kommt Niemand auf den Perg gestiegen.«

Max untersuchte den inneren Brunnenrand. Es war weder eine Leiter noch sonst etwas Derartiges zu bemerken; aber als er den hinunterhängenden Strick hin- und herschwankte, stieß dieser an ein Hinderniß, und bei schärferem Niederblicken gewahrte er, daß dieses in einem eisernen Bolzen bestand, welcher in die Brunnenmauer eingetrieben worden war.

Das Räthsel war gelöst. Jedenfalls führte eine Reihe solcher Bolzen, die zugleich als Stufen und Haltepunkte für die Hände dienten, zur Tiefe hinab, und das Seil hatte keinen anderen Zweck, als die Passage bis zum obersten Bolzen zu erleichtern, da dieser, um nicht von unberufenen Augen bemerkt zu werden, so tief wie möglich hatte angebracht werden müssen.

Max ließ sich an dem Stricke bis zu ihm hinab und sah seine Voraussetzung bestätigt. In kaum ellenweiter Entfernung von einander befand sich ein Bolzen unter dem andern, so daß er in größter Bequemlichkeit zur Tiefe gelangen konnte.

Als er in dem Munde des Brunnens verschwunden war, zog Thomas ein Streichholz hervor und steckte die Cigarre in Brand. Er hatte sie vorhin vor Schreck ausgehen lassen.

»Da ist er nun hinap, und wer weiß, was ihm da unten arrivirt. Seit er von seiner Reise wieder da ist, kommt ein Apenteuer auf das andere. Gestern der Einpruch in den Garten und die Hexe, heut die zwei Gehenkten und das Loch hier. Was wirds weiter gepen! Aper ein tüchtiger Kerl ist er, und eine gute Cigarre raucht er, das ist wahr. Diese Cupa ist noch pesser als die Ampalema. Wenn ich nur wüßte, wie ich es anfange, um noch eine zu pekommen.«

Unterdessen hatte Max den Boden erreicht und zog die Laterne hervor, um sie anzubrennen. Als dies geschehen war, leuchtete er um sich. Er bemerkte nichts, als die ihn eng umgebende Mauerrundung, welche hier unten nicht aus Ziegeln, sondern aus viereckigen Platten aufgeführt war. Eine Versammlung von vierzehn Personen konnte in dem engen Raume unmöglich abgehalten werden. Er nahm den Hammer und klopfte an die Mauer. Dem Aufstiege gegenüber vernahm er einen hohlen Klang. Er drückte, und zwei über einander liegende Platten bewegten sich nach innen, so daß eine Öffnung entstand, welche gerade groß genug war, daß ein Mann in gebückter Stellung sie passiren konnte.

Er trat ein. Der Eingang verschloß sich in Folge der Schwere der Platten ganz von selber. Sie waren an ihrer Rückseite mit Brettern verkleidet, durch welche sie zusammengehalten wurden. Er befand sich jetzt in einem ungefähr acht Fuß hohen, viereckigen Raume, welcher ringsum nothdürftig verschalt war; die Decke wurde von einigen Pfeilerstützen gehalten. Ein roh zusammengezimmerter Tisch stand in der Mitte, an dessen oberer Seite ein auf zwei Pfählen genageltes Brett wohl als Sessel des Vorsitzenden diente, während an den Wänden einige Bänke von derselben primitiven Konstruktion angebracht waren.

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