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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 69
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Jetzt langte Penentrier in die Brusttasche. Die Blässe wurde womöglich noch tiefer, aber seine dunklen Augen leuchteten. Er hatte den Rücken nach der Thür gewendet und merkte nicht, daß Max hart hinter ihn getreten war.

»Gut, heraus damit, und Alles gleich zu Ende! Es lebe die Gesellschaft Jesu; nieder mit den Unterdrückern!«

Statt der Dokumente brachte er einen Revolver hervor und streckte den Arm zum Schusse aus. Ein Schlag von Maxens Faust aber ließ den Arm sinken, und der Revolver fiel zu Boden. Der König blieb ruhig sitzen, aber Brandauer trat auch herbei, und in Zeit von einer Minute war der Jesuit so gefesselt, daß er nicht die geringste Bewegung ermöglichen konnte.

»Die Papiere!« befahl der König.

Max brachte sie hervor und überreichte sie ihm. Der König las sie durch.

»Ah, Königsmord, Revolution, Landesverrath und Thronschacher für die Erlaubniß, die Brut der Jesuiten aufzunehmen! Laßt den Menschen liegen und untersucht seine Effekten!«

Bei einer oberflächlichen Untersuchung wäre sicher nichts zu finden gewesen, aber Brandauer verstand sich als Schmied auf die Konstruktion geheimer Fächer. Die Möbels, welche der Wirthin gehörten, waren allerdings mit keinem dergleichen versehen, aber der Reisekoffer des Rentiers hatte einen Doppelboden, zwischen welchem ein ganzer Stoß von Papieren lag, die mit Chifferschrift beschrieben waren.

Der Gefangene war der Untersuchung mit ruhigem Auge gefolgt, ohne ein Wort zu reden. Jetzt aber lachte er höhnisch:

»Das sind die Akten einer ganzen Verschwörung, Majestät. Versucht es, sie zu lesen!«

Max warf einen Blick auf eines der Blätter.

»Wird man vermögen dies zu dechiffriren?« frug der König.

»Ich lese es.«

»Wirklich?«

»Wirklich!«

»Pah!« lachte Penentrier. »Der Schmiedebursche mag sich die Zähne ausbeißen!«

Max drehte sich nach ihm um.

»Deine Frechheit, Schurke, kommt Deiner Bosheit und Gewissenlosigkeit vollständig gleich, aber ich muß Dir sagen, daß ich diese Schrift bereits kenne und ihren Schlüssel in der Tasche habe. Erinnerst Du Dich jenes Engländers, welcher einst in einem Coupee mit Dir fuhr, während Du auf allen Stationen einen Bericht entgegennahmst? Einen dieser Berichte eskamotirte er und ich habe ihn dechiffrirt. Hier ist er noch. Er beginnt: »Helmberg, den zweiten Juli. Lieber Bruder in Jesu,« und schließt: »Bis dahin, verehrter Bruder, sei im Herrn gegrüßt von Deinem eifrigen und getreuen H. de M., J. de la Robe.«

»Schuft!« knirschte der Jesuit.

»Der Herzog rühmte Deine Allwissenheit; wir wissen nicht weniger als Du. Ich selbst bin es, der den beiden Ärzten ihre Depeschen abnahm; ich bin in Eurem Brunnen gewesen, ich habe Euch heut Abend belauscht; ich weiß Alles, was in dem geheimen Kabinete des Herzogs gesprochen wird, ja, ich weiß sogar, daß Du die Ermordung Sr. Majestät auf Dich genommen hast, daß die beiden Sternburgs verschwinden werden und daß jedes Rädchen seine Schuldigkeit thun wird, wenn der Herzog den Schlüssel an die Uhr setzt, ich bin das verborgene Auge, von dem Du vorhin mit Raumburg sprachst. Deine Schriftzeichen verrathen nicht viel Scharfsinn. Soll ich diese Dokumente vorlesen, Majestät?«

»Nein. Ich habe viel zu thun. Du aber bleibst hier und vertrittst den Gefangenen gegen jeden Besuch, welcher vorsprechen sollte. Auf diese Weise werden wir noch Manches kennen lernen, was uns fremd geblieben ist. Dabei hast Du Zeit, diese Schreiben in ordentlicher Schrift zu Papiere zu bringen. Du aber, Brandauer, besorgst einen geschlossenen Wagen, den Du selbst fährst. Du ladest den Abbé heimlich auf und bringst ihn auf die Straße nach der Irrenanstalt, bei welcher Du Punkt Mittag einzutreffen hast. Du fragst nach mir. Ich werde dort sein. Es versteht sich ganz von selbst, daß von allem Geschehenen kein Mensch etwas wissen darf. Gute Nacht!«

Er ging. Auch Brandauer entfernte sich, und Max blieb bei seinem Gefangenen allein zurück. Er steckte ihm einen Knebel in den Mund und zog ihn in eine Ecke, wo er ihn stets vor Augen haben konnte. Dann machte er sich an das Dechiffriren der in dem Koffer aufgefundenen Papiere. –

Am andern Morgen betrat ein königlicher Lakai das herzogliche Palais und überbrachte dem Herzoge ein eigenhändig geschriebenes Billet des Königs, in welchem der erstere von dem letzteren in den freundlichsten Ausdrücken zu einer Spazierfahrt eingeladen wurde.

»Sagen Sie Majestät, daß ich sofort erscheinen werde.«

Er kleidete sich in große Uniform, ließ sich über den Fluß rudern und begab sich nach dem Schlosse, wo er bereits auf der Treppe von dem Könige empfangen wurde, dessen Mienen nichts als Wohlwollen verriethen.

»Guten Morgen, Durchlaucht! Störte ich Sie in wichtigen Geschäften?«

»Ich bin zu jeder Zeit zur Verfügung, Majestät!«

»Der Morgen ist schön, ich fühlte mich etwas angegriffen, und daher entschloß ich mich zu einem kleinen Ausfluge. Wollen Sie sich anschließen?«

»Die Erlaubniß dazu ist mir eine werthvolle Auszeichnung.«

»Frühstückten Sie schon?«

»Ja.«

»So können wir sofort fahren. Kommen Sie!«

Er nahm ihn beim Arme und schritt mit ihm nach dem Schloßhofe, wo bereits sechs Rappen vor der glänzenden Equipage ungeduldig mit den Hufen scharrten. Sie stiegen ein.

»Vorwärts!«

Der Kutscher erhob nur die Hand; die Pferde zogen an; der Wagen rollte im Schritte durch die Stadt und dann wie im Fluge die Landstraße dahin. Die beiden Männer verhielten sich längere Zeit schweigend; in dem Innern des Herzogs machte sich nach und nach ein gewisses Bedenken geltend. Diese Straße führte nach der Irrenanstalt, in welcher jene unliebsame Episode gespielt hatte, welche zwischen ihm und dem Könige noch nicht erledigt war. Sollte diese Erledigung heut vorgenommen werden? Er mußte sich Gewißheit verschaffen und brach darum das Schweigen:

»Darf ich fragen, Majestät, wie weit Sie die Spazierfahrt auszudehnen gedenken?«

»So weit, bis die Rappen ermüdet sind. Sie haben sehr lange im Stalle gestanden und sollen sich einmal ausgehen. Oder wünschen Sie bald umzukehren?«

»Ich habe noch am Vormittage wichtige Konferenzen.«

»Die müssen Sie verschieben, Durchlaucht; denn auch ich habe Einiges auf dem Herzen, was gewiß von nicht geringerer Wichtigkeit ist. Ich bedarf Ihres Rathes.«

»Meine schwachen Kräfte sind zur Disposition, Majestät.«

»Sie kennen mein unbegrenztes Vertrauen zu Ihnen; es ist die Veranlassung, daß ich nicht überall selbst Einblick nahm und daher in einigen Punkten weniger au fait bin als Sie. Gerade jetzt wieder bietet sich Gelegenheit, Sie um Ihren Unterricht zu ersuchen. Wie ist unser Verhältniß zu Süderland?«

»Es ist ein in jeder Beziehung freundschaftliches.«

»In Wirklichkeit?«

»In Wirklichkeit!«

»Aber man hört doch von heimlichen Truppenzusammenziehungen, welche an der Grenze stattfinden sollen?«

»Manöverübungen, Majestät.«

»Ah, so! Sind Sie unterrichtet über die Intention, welche Nurwan-Pascha nach Süderland geführt hat?«

»Gesundheitsrücksichten.«

»Man sagt, daß er eine Marinecharge übernehmen soll?«

»Der? Ein Türke, ein Muselmann?«

»Er soll ein Christ sein.«

»Der Sultan gibt seinen Kapudan-Pascha nicht her.«

»Und wenn er dies doch und dennoch thut?«

»Unmöglich! Aber ich werde mich sofort erkundigen.«

»Prinzeß Asta sagte mir, daß sie binnen drei Tagen Norland verlassen will.«

»Leider!«

»Diese ebenso geistreiche wie gemüthvolle junge Dame ist mir lieb geworden; ich werde mich ein wenig einsam fühlen und den Fürsten von Sternburg zurückrufen. Ich bemerke, daß ich mich zu sehr zurückgezogen habe, und bedarf der Gesellschaft. Wie lange hat sein Sohn, der Kapitän, Urlaub?«

»Auf unbestimmt.«

»Auch ihn wünsche ich zu sehen. Rufen Sie ihn telegraphisch zurück!«

Die Miene des Herzogs blieb glatt, aber sein Inneres war nicht so ruhig. Was sollte diese eigenthümliche Unterhaltung? Warum sprach der König nur von Dingen, welche unter den gegenwärtigen Umständen am liebsten unerwähnt blieben?

Wieder trat ein längeres Schweigen ein, bis sie einen verdeckten Wagen passirten, auf dessen Bock der Hofschmied saß.

»Kennen Sie diesen Mann, Durchlaucht?« frug der König.

»Natürlich! Der Schmied Brandauer.«

»Ein sehr braver und treuer Charakter! Es gibt nicht viel von dieser Sorte. Sein Sohn ist von gleichem Schrot und Korn; ich habe ihn unter meine ganz besondere Protektion genommen und bin überzeugt, daß er Karriere machen wird.«

Das war wieder ein scharfer Stoß für den Herzog. Er fühlte ihn sehr wohl, aber er mußte schweigen. Nach einiger Zeit sah man über dem Städtchen die Dächer, Thürme und Zinnen der Anstalt erscheinen.

»Ist Ihnen hier ein Lohnfuhrmann Namens Beyer bekannt, Durchlaucht?« frug der schonungslose König.

»Nein,« klang es schroff und beinahe heiser. »Ich bin überhaupt nie in der Lage gewesen, mich eines Miethfuhrwerkes bedienen zu müssen.«

»Der Mann ist ein außerordentlicher Kenner aller Gebirgswege; er macht sehr interessante Fuhren nach der Grenze. Aber, da liegt die Anstalt. Fast möchte ich es unternehmen, die Verwaltung einmal zu überraschen. Ist Ihnen dies genehm?«

»Vollständig.«

»Man kann die Leitung eines solchen Hauses nie scharf genug unter Aufsicht nehmen, wie Sie ja wohl auch wissen. Übrigens ist die Direktion hier nur eine provisorische, ein Zustand, den wir heut beseitigen können.«

Die Equipage hielt vor dem Thore der Anstalt. Man hatte sie kommen sehen und ihre Insassen erkannt. Die beiden Ärzte standen zum Empfange bereit und leiteten die beiden hohen Herren nach dem Direktionszimmer. Es wurden ihnen die Bücher vorgelegt, in denen eine musterhafte Ordnung herrschte.

»Nun zur Besichtigung, meine Herren,« meinte der König; »vorher aber eine Bemerkung. Der Hofschmied Brandauer nämlich wird in einigen Minuten hier eintreffen, um einen wie es scheint unheilbar Kranken, den Sie mit der größten Strenge behandeln müssen, einzuliefern. Halten Sie Alles zum Empfange eines Tobsüchtigen schlimmsten Grades bereit. Er wird sofort nach seinem Eintreffen nach Nummer Eins gebracht und in die Zwangsjacke gesteckt.«

»Wie Majestät befehlen!« meinte der eine Arzt. »Doch gestatte ich mir die sehr gehorsame Bemerkung, daß Nummer Eins eine der größeren Zellen ist, welche für zwei Kranke eingerichtet sind.«

»Ich weiß es. Es wird bald auch ein zweiter Patient eintreffen, der dem ersten Gesellschaft zu leisten hat. Also vorwärts jetzt!«

Ein Wink des Arztes genügte, einige Wärter zum Empfange des zu erwartenden Patienten in das Sprechzimmer zu dirigiren; dann wurde die Inspektion der Räume begonnen. Durch die Thür einer der größeren Zellen hörte man ein dumpfes zweistimmiges Stöhnen. Der König wandte sich an den Herzog:

»Sie werden hier zwei Patienten finden, welche am Allerwenigsten geglaubt haben, einst in eine solche Lage zu kommen. Treten wir ein?«

Der Schließer öffnete. Der Herzog prallte gleich bei dem ersten Blicke wieder zurück. Er hatte den ehemaligen Direktor und den Oberarzt erkannt. Beide saßen einander gegenüber, mit so fest zusammengeschienten Gliedern, daß ihnen der Schaum vor dem Munde stand und sie außer jenem Stöhnen keinen Laut von sich zu geben vermochten.

»Durchlaucht, hier sehen Sie den Beweis, daß das Urtheil eines unumschränkten Herrschers gerechter sein kann als die richterliche Folgerung aus todten Paragraphen. Diese Menschen haben geistig vollständig Gesunde als wahnsinnig behandelt; die göttliche und weltliche Gerechtigkeit verlangt, daß ganz dasselbe auch mit ihnen geschehe. Sie werden ganz die Qualen ihrer einstigen Opfer zu erleiden haben, bis – bis ich Veranlassung finde, Gnade walten zu lassen.«

»Entsetzlich!« konnte der Herzog sich nicht enthalten auszurufen.

»Nein, gerecht! Entsetzlich war nur das, was sie einst thaten, sie und Diejenigen, welche ihnen die Veranlassung dazu gaben.« Und mit einem feinen Lächeln setzte er hinzu: »Nun ist wohl auch Ihre gestrige Frage beantwortet, Durchlaucht?«

»Welche Frage, Majestät?«

»Die Frage nach dem Aufenthaltsorte dieser Beiden.«

»Ich besinne mich nicht, sie ausgesprochen zu haben.«

»Dann erlaube ich mir, Ihrem Gedächtnisse zu Hilfe zu kommen.«

»Ich bitte darum!«

»Sie sprachen diese Frage in Ihrem Arbeitszimmer gegen Aloys Penentrier aus, als dieser von der Ruine kam.«

Es war als habe den Herzog der Schlag getroffen, so zuckte er zusammen; doch faßte er sich augenblicklich wieder.

»Majestät, ich kenne keinen Penentrier!«

»Aber einen Pater Valerius?«

»Auch nicht.«

Da klingelte es am Eingange.

»Ich werde Ihnen denselben vorstellen, Durchlaucht. Vielleicht erinnern Sie sich dann seiner und der interessanten Verhandlungen, welche mit ihm gepflogen worden sind.«

Bei diesen Worten zog er sein Taschenbuch, notirte einige Zeilen, riß das Blatt heraus und reichte es den beiden Ärzten hin.

»Meine Herren, dieser Befehl ist streng und wörtlich auszuführen!«

Sie lasen die Worte, und man sah es ihnen an, daß sie beinahe entsetzt von denselben waren.

»Ist es möglich, Majestät?« frug der Eine fast zitternd.

»Es ist nicht nur möglich, sondern ich befehle, ich gebiete es Ihnen.«

»Wir gehorchen, Majestät. Aber man klingelte. Der erwartete Patient muß angekommen sein.«

»So begeben wir uns nach Nummer Eins.«

Als sie den Korridor betraten, in welchem diese Nummer lag, tönte ihnen ein lautes Geheul entgegen.

»Schon eingeschnallt?« frug der König.

»Ja. Die Wärter haben Ew. Majestät Befehl vernommen und darnach gehandelt.«

»So kommen Sie!«

Die Thür der Zelle stand offen. Vier starke robuste Wärter standen vor dem Zwangsstuhle, auf welchem der Angekommene festgeschnallt war. Ihm gegenüber stand ein zweiter Stuhl. Beide waren mit eisernen Klammern an die Mauer befestigt. Sobald die Wärter die Herren kommen sahen, traten sie zurück, um Platz für dieselben zu machen.

»Durchlaucht, kennen Sie diesen Mann?«

»Pen – – ah – – nein, Majestät; er ist mir vollständig unbekannt.«

»Es ist jener Penentrier, dessen Namen Sie soeben aussprechen wollten und den ich Ihnen vorzustellen versprach.«

»Was hat er gethan, Majestät?«

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