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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 67
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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»Majestät sprechen von einem Regenten. Wer ist und wer war dieser Regent? Ich weiß, diese Frage kann mir und den Meinen das Wohlwollen unseres geliebten Königs entziehen, kann mich verderben, aber ich wage sie dennoch. Warum ist die Schaar der Unzufriedenen in dieser Weise gewachsen? Gälte in Norland der Wille des Königs, so würde das ganze Land seinen Herrscher segnen. Majestät haben in letzter Zeit einen kleinen Blick in die Art und Weise thun dürfen, in welcher der Herzog das ihm geschenkte königliche Vertrauen mißbraucht. Ich bin der Sohn eines Schmiedes, ich liebe die Redlichkeit, die Offenheit, ich bin die ehrliche Kraft gewohnt. Den Hammer in die Hand, weg mit der Schlange, und drauf auf alles Gewürm, welches den besten Willen zu vergiften weiß!«

Er schwieg. Auch der König schwieg. Es war richtig, die Worte des jungen Mannes waren ein ungewöhnliches Wagniß, aber er hatte auf das Herz seines königlichen Freundes gebaut und – sich nicht verrechnet. Nach einigen Minuten fühlte er seine Hand von der des Königs ergriffen.

»Habe Dank!«

Das war Alles, was der Herrscher sagte. Wieder verging eine Weile, dann frug der letztere:

»So wollen wir sie Alle entkommen lassen?«

»Alle, bis auf Einen.«

»Penentrier?«

»Nein; der würde uns nichts gestehen; vielmehr würden uns vielleicht alle Fäden verloren gehen, deren wir zur Enthüllung seiner Umtriebe bedürfen.«

»Wen dann? Den Posten, welcher jedenfalls bis zuletzt hier am Orte bleiben wird und also ohne Aufsehen aufzuheben ist?«

»Auch nicht. Er darf nicht mit in den Brunnen hinab, und dieser Umstand beweist, daß er noch nicht zu den vollständig Eingeweihten gehört. Nein; ich meine, wir greifen den ersten Besten heraus.«

»Der auch nichts gestehen wird. Du selbst hattest ja vorhin die Meinung, daß von Keinem etwas zu erfahren sein würde, falls wir sie Alle gefangen nehmen.«

»Falls wir sie Alle gefangen nehmen, aber eben auch nur in diesem einen Falle. Es ist ein Unterschied zwischen einer regelrechten Untersuchung und der plötzlichen geheimnißvollen Aufhebung einer Person, die sich über mehr als Alles im Unklaren befindet und mit den Gedanken flattert wie ein gefangener Vogel, der die durchsichtige Fensterscheibe für die freie Luft ansieht und sich die Schwingen zerschlägt und den Kopf einstößt.«

»Diese Meinung hat allerdings etwas für sich, und ich gebe Dir die Erlaubniß, nach ihr Deine Vorkehrungen zu treffen.«

»Vorkehrungen sind nicht nöthig. Thomas kennt ebenso wie ich jeden Schrittbreit des Bergpfades. Wenn die Versammlung auseinander geht, bleiben Majestät mit den Übrigen zurück, während ich mit ihm schnell hinunter eile und den auf dem Fahrweg Gehenden zuvorkomme. Das Übrige muß dann der Augenblick ergeben.«

Das Gespräch war beendet und es verging eine lange Zeit, ehe sich wieder ein Laut oder eine Bewegung beobachten ließ. Da endlich erhob sich der Posten aus dem Gras und nahm an der Wegmündung Platz. Er hatte jedenfalls das Geräusch der im Brunnen Emporsteigenden gehört. Sie Alle kamen herauf und drängten sich oben noch einmal um den Rentier. Dieser erhob seine Arme wie zum Segen und meinte in salbungsvoller aber halblauter Stimme:

»So gehet denn nach Hause, ein Jeder an den Ort, wo er zu arbeiten hat am Weinberge des Herrn. Die Ernte ist groß; sie bringt uns reichen Segen. Darum nehmt die Sichel zur Hand, sobald der Ruf des Herrn erschallt. Bis dahin behüte er Euern Ausgang und Euern Eingang!«

»Jetzt und in Ewigkeit. Amen!« erklang es rundum als Antwort.

Dann schritten sie einzeln davon, leise und langsam, wie sie gekommen waren. Der Posten schloß den Zug.

Kaum war dieser verschwunden, so erhob sich Max.

»Warten Majestät noch eine Viertelstunde, dann kommen Sie mit den Übrigen hier auf dem bequemen Wege nach. Ich werde mit Thomas unten sein.«

Er eilte zu den Gesellen.

»Heraus.«

Sie kamen aus ihrem Verstecke hervor.

»Thomas, getraust Du Dich, hier schnell mit hinunter zu klettern?«

»Zu Pefehl, wie eine Katze!«

»Dann schnell vorwärts, daß wir ihnen nicht begegnen! Ihr beiden Andern geht in die Ruine, wo man Euch erwartet.«

So schnell es die Dunkelheit gestattete glitt er mit Thomas den steilen Pfad hinab, welcher den zweimal rund um den Berg führenden Fahrweg zweimal kreuzte. Sie kamen trotz der Beschwerlichkeit der Passage glücklich und unbemerkt unten an, Thomas keuchte doch ein wenig, als er festen Fuß gefaßt hatte.

»Alle Wetter, ist so ein Perg bei Nacht ein wunderpares Ding. Das geht ja schneller als auf der Eisenpahn. So einen Rutsch hätte meine Parpara Seidenmüller mitmachen sollen. Die wäre dapei ganz außer Rand und Pand gerathen!«

»Das ist möglich,« lächelte Max. »Jetzt aber haben wir an andere Dinge als an die Barbara zu denken. Wir müssen Einen gefangen nehmen.«

»Zu Pefehl!«

»Es werden mehrere Männer hier am Berge herab vorüberkommen. Ich bleibe hier hüben, und Du legst Dich drüben auf die Lauer. Sie kommen nicht zusammen, sondern in Zwischenräumen. Ich werde mir einen aussuchen und ihn von hinten an der Gurgel packen. Siehst Du dies, so springst Du sofort zu und hältst ihm die Arme und Beine so, daß er sich nicht bewegen kann, während die Übrigen vorbeikommen.«

»Alle Wetter, Herr Doktor, das gipt doch endlich einmal ein Apenteuer. Ich werde den Purschen so fest bei der Parabel nehmen, daß er sich nicht im mindesten pewegen kann.«

Sie verbargen sich hinter die Büsche, der Eine rechts und der Andere links von dem Wege. Bald kam allen voran der kleine Rentier, dreißig bis vierzig Schritte wieder ein anderer, dann ein Dritter. So passirten elf. Maxens Augen hatten sich nun so an die Dunkelheit gewöhnt, daß er Alles deutlich unterscheiden konnte. Der Zwölfte nahte; der Elfte war eben auf der Straße verschwunden, und der Dreizehnte wurde noch von einer Krümmung des Weges verborgen. Max erhob sich leise und ließ den Mann vorüber. Dann aber stand er mit einem raschen Schritte hinter ihm und legte ihm die Hände so um die Gurgel, daß der Überraschte keinen Laut von sich zu geben vermochte.

»Thomas!« flüsterte er.

»Pin schon da. Hape ihn pereits pei den Peinen!«

»Rasch hinein in die Büsche.«

»Pin schon drin!«

Sie hatten den Mann, der sich unter den eisernen Griffen des Schmiedegesellen nicht zu rühren vermochte, hinter den Sträuchern, noch ehe der Nächstfolgende in Sicht oder Hörweite gekommen war. Hier hielten sie ihn fest, bis Alle vorüber waren.

»Hast Du die Stricke?« frug jetzt Max.

»Ja; zu Pefehl!«

»So binde ihm die Hände auf den Rücken.«

»Aper da muß ich ihn fahren lassen; er kann sich pewegen und wird am Ende gar versuchen, uns davon zu laufen.«

»Das wird er bleiben lassen, denn bei der geringsten Bewegung, welche auf einen solchen Versuch schließen läßt, steche ich ihn nieder.«

»Na, dann heraus mit der Pandage!«

Max hielt den Mann mit der Linken fest und zog mit der Rechten das Messer. Der Gefangene hatte natürlich jedes Wort vernommen und ergab sich wohlweislich und ohne allen Widerstand in sein Schicksal. Jetzt nun, nachdem er gebunden war, konnte Max ihm in das Gesicht sehen, dessen Züge er trotz der Dunkelheit erkannte.

»Ah, ists möglich! Hochwürden! Wie kommt das Lamm unter die Wölfe, der protestantische Oberhofprediger unter die Jesuiten?«

Der Entlarvte gab keine Antwort, aber der tiefe Zug seines Athems verrieth die Erregung, welche er mit aller Gewalt zu unterdrücken versuchte.

»Schweigen Sie immerhin! Sie werden schon wieder sprechen lernen!«

Nach zehn Minuten kam der König mit dem Major und den beiden Gesellen. Er erkannte Max, welcher hervortrat.

»Hast Du Einen?«

»Ja.«

»Kennst Du ihn?«

»Allerdings. Hier ist er. Sehen Majestät ihn selbst an.«

Als der Gefangene aus diesen Worten hörte, wen er vor sich hatte, machte er einen plötzlichen Versuch, von Thomas loszukommen, dieser aber hatte ihn so fest, daß es ihm nicht gelang.

»Halt, Pursche! Das Davonlaufen will ich mir verpitten.«

Der König trat näher und erkannte ihn.

»Hochwürden! Das ist ja – eine ganz unbeschreibliche Überraschung! Mein Beichtvater unter den Hochverräthern!«

Jetzt brach der Hofprediger sein Schweigen.

»Majestät, ich bin unschuldig. Die Verhältnisse sind scheinbar gegen mich, aber ich vermag mich zu rechtfertigen.«

»So thun Sie es sofort!«

»Ich gehöre nicht zu den Hochverräthern.«

»Beweisen Sie es!«

»Es wurden mir von ihrer Seite verschiedene Anträge gemacht, welche mit außerordentlich lockenden Versprechungen verbunden waren, und ich ging nur zum Scheine darauf ein, um ihre Absichten kennen zu lernen und Ihnen dann Alles mitzutheilen.«

»Das klingt sehr vortheilhaft. Seid wann sind Sie Mitglied dieser sauberen Verbindung?«

»Seit vielleicht einem Monate.«

»Und haben Sie ihre Absichten bereits kennen gelernt?«

»Noch nicht. Es gibt verschiedene Grade, und ich gehöre leider noch nicht zu den Wissenden.«

»Ah, ich errathe! Sie wollen mir entkommen, ohne Auskunft geben zu müssen, dies aber wird Ihnen nicht gelingen. Auch einmal abgesehen davon, daß Ihre Betheiligung an den Intriguen dieser Menschen nicht mit der Würde Ihres Amtes zu vereinbaren ist, selbst wenn sie in der wohlgemeinten Absicht geschah von welcher Sie reden, habe ich die feste Überzeugung, daß Sie länger als einen Monat Mitglied sind und zu den Wissenden gehören. Nur einem solchen wird Zutritt zu Verhandlungen gewährt, wie sie heut da oben im Brunnen geführt worden sind. Bedenken Sie: noch weiß kein Mensch etwas von Ihrer jetzigen Lage, und nur ein offenes Geständniß kann Sie retten.«

»Ich vermag es mit tausend Eiden zu beschwören, daß ich die Wahrheit gesagt habe. Ich kann nichts verrathen oder mittheilen, weil ich noch nichts weiß.«

»Lüge!« meinte Max. »Sie genießen das vollständige Vertrauen dieses Pater Valerius. Ich kenne seine eiserne Disziplin, welche selbst vor Mordthaten nicht zurückschreckt. Er hat jedes Mitglied unter der strengsten geheimen Kontrole, und wären Sie seiner Sache nicht aufrichtig ergeben, so lägen Sie wohl längst da oben in der Schlucht, welche seine Richtstätte bildet. Majestät, wir haben nicht länger Zeit hier nutzlos zu verhandeln. Was befehlen Sie über den Gefangenen?«

Der König wandte sich an Wallroth:

»Übernehmen Sie ihn, Herr Major. Diese drei wackern Männer werden Sie unterstützen und dafür sorgen, daß er nicht entkommt. Sie führen ihn nach seiner Wohnung, aber in einer Weise, welche nicht auffällt. Seine Verbündeten dürfen nicht ahnen, was mit ihm vorgegangen ist. Dort bewachen Sie ihn, bis ich weitere Verfügungen treffe. Er gilt als krank und darf das Lager nicht verlassen. Sie haben ihn unterwegs getroffen und nach Hause begleitet und werden dafür sorgen, daß er mit Niemand hinter Ihrem Rücken zu verhandeln vermag und daß alle seine Papiere bis auf weiteres unangetastet bleiben.«

»Zu Befehl, Majestät! Vorwärts, mein Herr! Sie haben Alles vernommen. Widerstreben Sie diesen Verfügungen nur im Geringsten, so werde ich Sie tödten!«

Er schob seine Hand unter den Arm des Gefesselten und schritt mit ihm in einer Haltung davon, welche Beide als Spaziergänger erscheinen ließ. Die drei Gesellen folgten.

»Ein wunderschönes Apenteuer, nicht wahr, Paldrian?« flüsterte Thomas.

»Das ist am Den!« antwortete dieser leise zurück.

»Der Oberhofprediger!« meinte Heinrich. »Und gefangen! Was muß nur da oben vorgegangen sein? Es ist eigentlich niederträchtig, daß wir in dem Loche stecken mußten und gar nichts gesehen haben.«

»Halte den Schnapel, Artillerie! Daß wir in dem Loche staken, war Subordnung, verstanden! Und was da open passirt ist, das prauchen wir nicht zu wissen, sonst hätte der Herr Doktor dafür gesorgt, daß wir es auch mit peopachten konnten. Und jetzt hapen wir weiter nichts zu thun als aufzupassen, daß dieser Schlingel dem Herrn Major nicht durchprennt. Aper sopald wir in die Stadt kommen, nehmen wir etwas weitere Distanz, denn wer uns pegegnet, praucht nicht zu wissen, daß dieser hochwürdige Malefizius unser Gefangener ist.«

Unterdessen schritt der König mit Max nach dem Flusse zu. Beide sprachen kein Wort. Der Umstand, den Hofprediger unter den Verschwörern zu finden, gab ihnen mehr zu empfinden als zu sprechen. Am Ufer lagen mehrere Boote frei. Sie lösten eines derselben und stiegen ein. Max ruderte, und der König führte das Steuer, indem er auf das gegenüberliegende Ufer zu hielt. Dort angekommen, stiegen sie aus und schritten nach dem Garten des Herzogs. Sie kamen am hintern Theil desselben leicht über die Mauer und schlichen sich vorwärts nach der Stelle, an welcher Max den Vater vermuthete.

Als sie sich der Treppe näherten raschelte es leise hinter den Orangeriebäumen, welche zu beiden Seiten auf den Stufen standen. »Vater!«

»Max!«

Der Schmied trat hervor. Er erkannte den König und grüßte ihn ehrerbietig.

»Ist Jemand passirt, Vater?«

»Nein.«

»Auch Niemand im Garten gewesen?«

»Nein; aber vor einiger Zeit ging ein Mann vorüber, der aus einem Boot stieg und in den Palast getreten zu sein scheint.«

»Welche Gestalt hatte er?«

»Er war klein.«

»Es ist Penentrier. Majestät, wir müssen uns sputen!«

»Also vorwärts! Brandauer, Du bleibst hier. Sind wir in einer Stunde noch nicht zurück, oder haben wir bis dahin nichts von uns hören lassen, so eilst Du nach der Wache und bringst dem Offizier meinen Befehl, ohne Verzug und womöglich ohne Aufsehen den herzoglichen Palast zu nehmen. Hier ist mein Ring zu Deiner Legitimation. Durch diesen Gang hier sind wir jedenfalls am sichersten zu finden, wenn uns etwas geschehen sollte.«

Max hatte bereits das Fenster ausgehoben und stieg ein; der König folgte ihm. Nachdem das Fenster wieder eingesetzt worden war, nahm der erstere den letzteren bei der Hand und führte ihn behutsam vorwärts. Sie erreichten die verborgene Thür. Max lauschte eine Weile, und als er sich überzeugt hatte, daß hinter derselben nicht gesprochen wurde, öffnete er sie vorsichtig.

Das Bibliothekzimmer war dunkel, doch drang durch die Fenster ein Schein, welcher genügend war, die größeren Gegenstände zu erkennen. Aus dem Arbeitszimmer klangen zwei Stimmen herüber.

»Er ist noch da,« flüsterte Max. »Sollte einer von ihnen hier eintreten, so ist unser Versteck dort unter der Tafel, deren Decke uns verbirgt.«

Sie schlichen bis an die Portière und zogen sie ganz behutsam ein wenig auseinander. Der Herzog saß auf dem Sopha und Penentrier ihm gegenüber auf einem Stuhle. Die beiden Lauscher vermochten jedes ihrer Worte zu hören.

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