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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Fünfzehntes Kapitel.
Am Vorabend.

Es war am Sieben-Bruder-Tag. Der Abend hatte sein Dunkel bereits über die Residenz gebreitet, und vor der Thür der Hofschmiede saßen die drei Gesellen nach vollbrachter Arbeit ihrer Gewohnheit gemäß bei der Unterhaltung.

»Also, nun endlich einmal heraus damit, Thomas! Wo warst Du?« frug Heinrich Feldmann, der ehemalige Artillerist.

»Fort,« antwortete Schubert.

»Das brauchst Du uns nicht erst zu sagen. Den Ort wollen wir wissen!«

»Gut, mein Junge: Ich pin üper alle Perge gewesen.«

»Mache keine dummen Witze. War denn diese Reise gar so geheimnißvoll, daß Du nichts sagen darfst?«

»Das nicht; aper Einer von der Artillerie praucht nicht Alles zu erfahren. Hat meine Parpara Seidenmüller nach mir gefragt?«

»Nach Dir? Ist ihr gar nicht eingefallen, nicht wahr, Baldrian?«

Der einstmalige Grenadier that einen langen Zug aus seiner Pfeife, blies den Rauch langsam von sich und meinte mit einem verweisenden Kopfschütteln:

»Das ist nicht am Den!«

»Siehst Du, altes Lügenmaul!« zürnte Thomas. »Der Paldrian ist doch ein ehrlicher Kerl, der immer pei der Wahrheit pleipt. Du aper pist ein Mensch, der – dem – von dessen – na mit einem Worte, der pei der Artillerie gestanden hat. Schäme Dich!«

»Still, alter Kavalleriereiter! Was hast Du denn bei der Kavallerie gelernt? Ein Bischen Häcksel schneiden und einen bockbeinigen Wallach striegeln, weiter nichts! Wir von der Artillerie dagegen sind Leute, die ihre Nasen in alle Wissenschaften gesteckt haben. Wir haben es mit der schwierigsten Waffe zu thun; wir brauchen zehnmal mehr Übungen und Kenntnisse als Ihr; wir entscheiden die Schlachten und – – –«

»Und machen Lügen und schneiden auf wie gedruckt,« fiel ihm Thomas in die Rede. »Ist es nicht so, Paldrian?«

Der Gefragte nickte bedächtig:

»Das ist am Den.«

»Nein, das ist nicht an Dem,« antwortete Heinrich. »Ihr glaubt nur, ich schneide auf, weil Ihr zu dumm seid zu begreifen, was ein Artillerist Alles zu leisten vermag. Da war Dein Bruder, den Du von der Reise mitbrachtest, ein ganz anderer Kerl; der hat mit seinen Schiffskanonen manchen guten Schuß gethan, und wir haben uns stundenlang über die richtige Behandlung der Geschütze unterhalten. Schade nur, daß er so rasch fort mußte! Hat er noch nicht geschrieben?«

»Mein Pruder, der Palduin?«

»Ja, der Steuermann.«

»Steuermann? Höre, wenn Du ihn noch einmal in dieser Weise peleidigst, so schlage ich Dir Deine ganze Artillerie mit allen Pompen und Haupitzen um den Kopf herum! Weißt Du nicht, daß er Kapitän zur See geworden ist, der Palduin?«

»Seit wenn denn?«

»Seit kürzlich. Er hat es mir heute geschrieben und mir gesagt, daß ich Euch alle grüßen soll. Nicht wahr, Paldrian?«

»Das ist am Den,« stimmte der Grenadier bei.

»Danke,« meinte Heinrich. »Der hat doch Verstand. Du aber warst so lange verreist, und hast uns nicht ein einziges Mal grüßen lassen! Aber wer kommt dort? Ist das nicht ein königlicher Lakai?«

»Ja; ich kenne ihn sehr genau, opgleich er heut in Civil geht. Es ist der Leipdiener der Majestät. Ich glaupe, der will zum Meister.«

Es war so. Der Diener frug nach Brandauer, und als er hörte, daß dieser zu Hause sei, trat er in die Wohnstube der Schmiede, in welcher Max mit den Eltern saß und diesen Boten erwartet zu haben schien. Derselbe grüßte höflich, und richtete dann seinen Auftrag aus:

»Ich soll melden, daß die Majestät heut inkognito die Oper besuchen werden.«

»Gut,« antwortete Max. »Wann werden königliche Hoheit gehen?«

»Sie haben das Schloß bereits verlassen.«

»Wann werden sie zurückkehren?«

»Spät, da sie noch eine Kahnfahrt zu machen beabsichtigen.«

»Danke. Gute Nacht!«

»Gute Nacht!«

Der Diener entfernte sich und Max wandte sich zum Vater:

»Diese Vorsicht ist ganz am rechten Orte. Nicht einmal der Leibdiener braucht zu wissen, daß der König einen ganz anderen Weg vorhat. Du also gehst in den Garten des Herzoges und bewachst den Eingang zu der geheimen Treppe, damit Du mich bei meiner Rückkehr unterrichten kannst. Ich gehe.«

Die Meisterin trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»Max, sei nicht zu kühn! Du weißt, daß Dir Gefahr droht.«

»Ich weiß es, Mutter. Aber gerade weil ich diese Gefahr kenne, ist sie für mich nicht vorhanden. Übrigens gehe ich nicht ohne Waffen und ohne Begleitung.«

Er steckte ein Messer und einen Revolver zu sich und trat vor das Haus, wo die Gesellen saßen. Die Lehrjungen waren nicht zugegen.

»Habt Ihr Zeit?« frug er.

Sofort erhoben sich alle Drei.

»Das versteht sich ganz von selper,« antwortete Thomas.

»Natürlich!« stimmte Heinrich bei.

»Das ist am Den,« nickte auch Baldrian.

»Ihr sollt mich begleiten; aber kein Mensch darf erfahren, wohin wir gegangen sind, und was wir vielleicht zu sehen und zu hören bekommen.«

Thomas machte sein bestes militärisches Honneur.

»Zu Pefehl, Herr Doktor!«

»Aber unser Spaziergang ist nicht ganz ungefährlich. Es ist möglich, daß wir in eine Schlägerei kommen.«

»Damit pin ich ganz und gar zufrieden. Ich hape so seit langer Zeit nicht mehr gewußt, op ich noch einen guten Hiep zu führen vermag.«

»Nehmt Eure Hämmer mit und einige Stricke.«

»Zu Pefehl, Herr Doktor!«

In weniger als einer Minute standen sie bereit.

»Unser Weg geht durch die Stadt, hinaus nach der Klosterruine. Wir dürfen uns jetzt nicht zusammen sehen lassen. Darum theilen wir uns. Jeder schlägt einen andern Weg ein und hinter dem ersten Busch vor der Stadt treffen wir uns.«

Er ging und die Andern folgten ihm in verschiedenen Intervallen.

Er hatte sich möglichst verhüllt, so daß er nicht erkannt werden konnte, falls er je einem Bekannten begegnete. Dabei vermied er die Hauptstraßen und gelangte nur durch entlegene Seitengassen in das Freie, wo zur Seite der Straße ein kleines Gesträuch die Ufer eines Wassers einfaßte. Darauf schritt er zu. Es war dunkel und er dämpfte seine Schritte bis zur Unhörbarkeit; dennoch aber hatte man sein Kommen bemerkt, denn kaum hatte er den Rand des Busches erreicht, so tönte ihm die leise Frage entgegen:

»Wer da?«

»Brandauer,« antwortete er ebenso leise.

»Allein?«

»Es kommen noch die Gesellen.«

»Bald?«

»Sie werden jedenfalls in wenigen Augenblicken hier sein.«

»Das ist gut; denn wir müssen die Ruine doch eher erreichen als die Andern. Bist Du gehörig bewaffnet, Max?«

»Ja, Majestät. Du auch, Major?«

»Ja,« antwortete der Major von Wallroth, welcher den König begleitet hatte.

In diesem Augenblicke vernahm man nahende Schritte. Max frug, den Schritt erkennend:

»Baldrian?«

»Das ist am Den.«

»Tritt her.«

Gleich darauf kamen auch Thomas und Heinrich, und dann setzten sich die sechs Männer der Ruine zu in Bewegung. Am Fuße des Berges angekommen, schlugen sie nicht den nach der Spitze desselben führenden Fahrweg ein, sondern Max glimmte, den Andern voran, den schmalen Steig empor, den er bereits bei früherer Gelegenheit eingeschlagen hatte. Dies war für den König eine Anstrengung, welche zur Folge hatte, daß sie die Ruine nur höchst langsam erreichten. Dennoch aber befand sich noch Niemand oben, wie sich Max durch eine sehr sorgfältige Rekognition überzeugte.

»Kommt Ihr mit mir!« gebot er, als er von derselben zurückgekehrt war, den Gesellen.

Er führte sie außerhalb der Ruinen hinter eine Mauer, deren eingefallene Theile eine Art von Höhle bildeten, welche sich sehr gut zu einem Verstecke eignete.

»Hier verbergt Ihr Euch und wartet. Passirt nichts, so hole ich Euch ab; brauchen wir aber Eure Hilfe, so ahme ich den Ruf einer Teichunke nach. Wenn Ihr diesen hört, so kommt Ihr schleunigst dahin, von wo Ihr ihn hörtet. Das Übrige wird sich dann finden.«

»Zu Pefehl, Herr Doktor!« meinte Thomas, und kroch in das Loch. Die beiden Andern folgten ihm. Er kehrte zu dem König zurück.

»Wohin wirst Du uns postiren?« frug dieser.

»Zunächst hierher an den Aufgang, wo auch ich bleiben werde. Den Herrn Major aber werde ich so plaziren, daß er beobachten kann, ob sie Alle in den Brunnen steigen.«

Dies geschah. Der Major legte sich hinter denselben Mauervorsprung, welcher Max einmal als Versteck gedient hatte, und dieser letztere nahm mit dem Könige zwischen den Sträuchern Platz, neben denen der Fahrweg auf das Plateau des Berges mündete. Sie sprachen kein Wort mit einander, denn der geringste Laut hätte ihre Anwesenheit verrathen können. Aber gerade diese Lautlosigkeit war ganz geeignet, allerlei Gedanken und Gefühlen Audienz zu geben, welche die Herzen der beiden Männer in noch nähere Verbindung brachten, als sie bereits bis zu dieser Stunde stattgefunden hatte.

Da erklangen Schritte. Das war nicht eine, sondern das waren zwei Personen. Sie blieben hart neben den Lauschern stehen.

»Noch Niemand hier,« meinte der Kleinere von den Beiden.

»Das ist Penentrier!« flüsterte Max dem Könige zu.

»Weißt Du dies genau, Bruder?«

»Ja; sonst müßte der Posten bereits hier stehen. Er ist der Erste, der einzutreffen hat.«

»So sollte er bereits hier sein!«

»Wir kommen zu früh.«

»Kann sich nicht zufälliger Weise ein Fremder hier befinden?«

»Glaube das nicht. Wer hat um diese Stunde hier oben etwas zu suchen? Und überdies ist dieser Ort in der ganzen Umgebung verrufen. Bei Tage besucht man ihn seiner Romantik wegen; des Nachts aber wagt es kein Mensch ihn zu betreten, denn es geht die Sage, daß die Seelen der Mönche hier umgehen und Jedem, der ihnen zu nahe kommt, Tod und Verderben bringen.«

»Diesen Aberglauben habt Ihr natürlich bedeutend unterstützt?«

»Versteht sich!« lachte der kleine Rentier. »Er kommt uns ja ganz außerordentlich zu statten. Übrigens sind wir heut vielleicht zum letzten Male hier.«

»Ah! Wie so?«

»Es sind Umstände eingetreten, welche uns zwingen, unser Werk außerordentlich zu beschleunigen.«

»Welche Umstände könnten dies sein?«

»Du wirst nachher von ihnen hören. Ich habe sie natürlich der ganzen Versammlung vorzutragen.«

»Der Herzog kommt auch?«

»Es war so bestimmt. Aber die erwähnten Umstände machen es ihm unmöglich. Ich werde ihn von unsern Beschlüssen benachrichtigen.«

»Noch heute?«

»Sofort wenn wir beschlossen haben.«

»In seiner Wohnung?«

»Ja. Es wird nur einer seiner vertrautesten Diener munter sein, so daß mein Kommen völlig unbeachtet bleibt. Doch horch; da kommt wer!«

Allerdings kam jetzt Jemand langsam und leise den Weg daher.

»Woher?« frug Penentrier mit halblauter Stimme.

»Aus dem Kampfe,« ertönte die ebenso gegebene Antwort.

»Wohin?«

»Zum Siege.«

»Wodurch?«

»Durch die Lehre Loyola's.«

»Der Bruder mag seinen Posten antreten. Wir gehen weiter.«

Die beiden Ersten entfernten sich nach dem Brunnen zu, der zuletzt Gekommene aber blieb stehen, um die Wache zu übernehmen. Von Zeit zu Zeit kam ein Neuer dazu, der sich durch die Parole legitimirte und passiren durfte. Max und der König zählten über zwanzig Gestalten, während es damals, als der erstere sie allein beobachtete, nur vierzehn gewesen waren.

Jetzt schien die Reihe geschlossen zu sein; denn der Posten entfernte sich auf einige Schritte und legte sich in das Gras.

»Was werden wir thun?« frug der König flüsternd.

»Bestimmen Ew. Majestät.«

»Den Posten überwältigen, so daß er keinen Laut zu geben vermag, und dann die Andern im Brunnen gefangen halten, bis wir Sukkurs haben sie abzuführen.«

»Darf ich mir eine andere Meinung gestatten?«

»Sprich, Max!«

»Wäre der Herzog bei ihnen, und hätten wir die Überzeugung, daß sie alle ihre Skripturen mitgebracht haben, so wäre Ew. Majestät Plan ganz vortrefflich, denn wir bekämen sämmtliche Leiter der Bewegung in unsere Hände und hätten jede nothwendige Unterlage, sie ihrer verbrecherischen Pläne vollständig zu überführen. Diese beiden Voraussetzungen sind aber nicht eingetroffen. Wenn wir diese Leute, die wir unmöglich belauschen können, arretiren, wissen wir nicht, ob wir ihnen jemals etwas beweisen können. Es ist sehr wahrscheinlich, daß keiner von ihnen ein Geständniß ablegen wird, und der Herzog als Hauptperson entgeht uns ganz und gar.«

»Du hast Recht; doch, was schlägst Du vor?«

»Wir haben gehört, daß dieser Penentrier den Herzog sofort nach Schluß der geheimen Session besuchen wird. Sie dann zu belauschen ist kein Ding der Unmöglichkeit, und dann – – –«

»Dann,« fiel der König eifrig ein, »nehme ich sie sofort Beide gefangen!«

»Entschuldigung, Majestät, das wäre gefährlich.«

»Wie so?«

»Durch den geheimen Gang können sich höchstens zwei Personen, also nur wir Beide, in die Bibliothek des Herzogs wagen. So stehen also zwei gegen zwei, und wenn wir ihnen auch überlegen wären, so würde doch ein Ruf des Herzogs genügen, uns in seine Hände zu bringen. Er ist nur von treuen Kreaturen umgeben, und wenn wir spurlos verschwinden, wer will ihm beweisen, daß dies gerade bei ihm geschehen ist?«

»Dein Vater, welcher ja in seinem Garten Wache steht und auf unsere Rückkehr warten wird.«

»Wenn Ew. Majestät verschwunden sind, fehlt ihm dem Herzog gegenüber alle hierzu nöthige Macht. Und wer weiß, wie weit der Einfluß dieser Menschen schon Platz gegriffen hat, so daß die Bemühungen aller Redlichen nicht allein vergeblich, sondern auch mit großer Gefahr für sie verbunden wären.«

»Du siehst sehr schwarz. Sollten die Bemühungen eines Regenten, der nur an das Wohl seines Volkes denkt, so sehr verkannt werden und einen solchen Undank finden?«

»Majestät, ich möchte hier ein schweres Wort sprechen, aber ich darf es nicht.«

»Du darfst!«

»Dem Manne, aber nicht der Majestät gegenüber.«

»Die Majestät befiehlt Dir, es zu sprechen!«

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