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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 65
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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»Allah akbar, Gott ist groß; er nimmt das Leben und läßt die Todten wieder auferstehen!«

»So kennst Du mich noch?«

Der Lieutenant verbeugte sich beinahe bis zur Erde und erfaßte die Hand des Fragenden, um sie zu küssen.

»Mein Herr und Wohlthäter! Du bist also nicht gestorben?«

»Ich lebe, wie Du siehst. Und nun glaubst Du wohl auch, daß ich Dich nicht belogen habe?«

»Herr, ich glaube es!«

»Was solltest Du mit uns thun?«

»Euch Alle an Bord des "Selim" bringen und den "Tiger" mit meinen Leuten einstweilen bemannen.«

»Und was wirst Du nun aber thun?«

»Was Du mir befiehlst, Herr.«

»So kann ich auf Dich rechnen?«

»Auf mich und meine Männer, die dort stehen.«

»Wie sind die Andern an Eurem Bord gesinnt?«

»Grad so wie wir.«

»So liebt Ihr den Kapudan-Pascha nicht?«

»Nein. Allah hat ihm nicht die Gabe der Liebe und Milde in das Herz gelegt, er ist streng und grausam, und wir meinen, daß er einst eines unnatürlichen Todes sterben werde.«

»Denkt Kapudan Masur-Bei, Euer Kapitän noch an mich?«

»Er denkt an Dich und liebt Dich wie zuvor. Der "Selim" ist Dein eigenes Werk; Du hast ihn bemannt nach Deinem Wohlgefallen mit lauter Männern, welche Dir ihr Glück verdanken; sie haben getrauert, als sie die Kunde von Deinem Tode erhielten; sie haben geknirscht, als Dein Nachfolger sie wie Sklaven und Giaurs behandeln ließ, und nun werden sie jubeln, wenn sie hören, daß Du noch lebst und zu ihnen an Bord kommen willst.«

»Aber der Kapudan-Pascha wird nicht jubeln. Er hat mich um die Gnade des Großherrn betrogen und es sogar so weit gebracht, daß ich die seidene Schnur erhielt.«

»Maschallah, ist dies wahr?«

»Ja.«

»So thue mit ihm, was Dir beliebt. Wir werden zu Dir halten und nicht zu ihm.«

»Weshalb ist er auf dem Selim?«

»Ich weiß es nicht.«

»Wohin geht Eure Fahrt?«

»Auch dies weiß ich nicht; denn er hält Alles im Geheimniß. Wir vermuthen jedoch, daß wir nach Tremona segeln, wo er für den König von Süderland wichtige Depeschen abzugeben haben wird.«

»Wir werden es erfahren. Wer übernimmt das Kommando Deiner Bootsleute, Du oder ich?«

»Du, Herr.«

»Ich lasse es Dir; ja, ich übergebe Dir noch mehr, denn ich weiß, daß ich Dir vollständig vertrauen kann.«

»Bei allen Himmeln Mohammeds, das kannst Du.«

»So höre was ich Dir sage: Ich werde jetzt ganz allein nach dem "Selim" rudern. Finde ich Freunde, so ist es gut; finde ich aber Feinde, so springe ich über Bord und schwimme zum "Tiger" zurück. Was würdest Du für diesen letzteren Fall thun?«

»Ich bleibe bei Dir und werde Pirat.«

»Aber weißt Du, was Du mir dann Alles opferst?«

»Ich opfere nichts, denn Alles, was ich habe und was ich bin, das habe ich nur Dir zu danken.«

»Aber Deine Zukunft?«

»Kann dies nicht auch die seidene Schnur sein? Und übrigens weiß ich, daß Du nicht lange im Verborgenen leben wirst. Der Großherr braucht Männer wie Du, und wenn dann Deine Zeit gekommen ist, so wissen wir, daß die unsrige auch nicht entfernt bleibt.«

»Wohlan, so vertheile Deine Leute und lasse das kleine Boot hinab!«

Diesem Befehle wurde Gehorsam geleistet. Ayescha zitterte vor Angst und wollte ihren Gatten nicht von sich lassen; er gab sich alle Mühe sie zu beruhigen, geleitete sie nach ihrem Raume und stieg dann in das Boot hinab, in welchem er ganz allein hinüber zu dem "Selim" ruderte.

Die Offiziere und Mannen an Bord desselben wunderten sich nicht wenig, statt der erwarteten Gefangenen nur einen einzelnen Mann zu Deck steigen zu sehen, einen Mann, dessen Gesichtszüge man nicht einmal genau sehen konnte, weil es von der Kapuze fast ganz verhüllt wurde. Ein Bootsmann empfing ihn und führte ihn nach dem hohen Quarterdecke, wo der Kapitän an der Seite eines Mannes stand, welcher eine sehr reiche Marineuniform trug, auf deren Brustseite mehrere Ordensbänder befestigt waren. Dieser Mann war der Kapudan-Pascha, der Nachfolger und Feind Katombos.

Als er den Verhüllten kommen sah, meinte er zu dem Kapitän:

»Das ist eigenthümlich, so eigenthümlich, daß ich die Unterhandlung selbst führen werde.«

Der Kapitän verbeugte sich tief, zum Zeichen, daß er den Befehl verstanden habe und demselben nachkommen werde. Jetzt war Katombo herangekommen und blieb in stolzer kerzengerader Haltung vor dem Pascha stehen, während er nur dem Kapitän mit der gesenkten Rechten ein Zeichen des Grußes gab. Alle Offiziere außer dem Deckhabenden traten herbei.

»Grüße, Du Hund!« donnerte der Pascha.

»Ich habe gegrüßt!« erklang die stolze Antwort.

»Diesen, aber nicht mich und die Andern!«

»So grüße ich hiermit diese Andern, nicht aber Dich!«

»Ah? Warum?«

»Ich habe nur die Offiziere des Schiffes zu grüßen, welches ich betrete, sonst keinen Andern.«

»So! Weißt Du, wer ich bin?«

»Ich kenne Dich.«

»Und dennoch verweigerst Du mir die Demuth, welche der Schakal dem Löwen schuldet?«

»Du bist kein Löwe, sondern eine feige Hyäne, welche sich an Leichen mästet. Aber zuweilen erwachen die Todten, um die Leichenräuberin zu erwürgen.«

»Hund, was wagst Du! Du bist ein Pirat und mußt mit den Andern sterben, aber Dein Tod soll ein hundertfacher sein, langsamer und grausamer als der ihrige. Was bringst Du, und warum kommst Du so allein an Bord?«

»Ich bringe Rache und Strafe und komme allein an Bord, weil ich keinen Menschen zu fürchten habe.«

»Auch mich nicht?« frug der Pascha mit einem Lächeln, welches dem Zähnefletschen des Tigers glich.

»Dich noch weniger als jeden Andern, denn Du bist wie eine faule Melone, welche der Knabe in der Hand zerdrückt!«

Da zog der Pascha den Degen.

»Nieder mit Dir in den Staub, oder ich nehme Dir in der nächsten Sekunde den Kopf und das Leben!«

»Dazu gehört ein ganz Anderer als Du!« klang es verächtlich zurück.

Zu gleicher Zeit warf Katombo die Kapuze nach hinten, so daß sein Gesicht deutlich zu sehen war, und zog den Degen. Der Kapudan-Pascha fuhr zurück.

»Nurwan-Pascha!«

»Ja, Nurwan-Pascha bin ich! Nurwan-Pascha erscheint auf seinem guten "Selim", um seine braven Mannen zu begrüßen und sie und das Reich von einem Verräther zu befreien, der sie wie Hunde behandelte und seinen Rang doch nur dem Verrathe, der Heimtücke und der Lüge zu verdanken hat.«

Der Pascha hatte sich bereits wieder gefaßt.

»Ergreift ihn und bindet ihn!« gebot er.

Katombo wandte sich gegen die Offiziere.

»Werdet Ihr ihm gehorchen und Euern besten Freund, Euern Vater und Wohlthäter gefangen nehmen?«

Ein einziger Blick, welchen sie unter einander wechselten, genügte zur vollkommenen Verständigung. Sie zogen die Waffe und traten auf Katombos Seite. Dieser wandte sich an den Pascha:

»Siehe, Du Hund, welchen Werth Dein Wort noch hat! Du meintest, daß ich eines hundertfachen Todes sterben sollte, ich aber habe nicht das Herz eines Tigers wie Du: Dein Tod soll ein schneller und schmerzloser sein.«

Da zückte der Pascha den Degen zu einem fürchterlichen Hiebe.

»Stirb, Hund! Und dann kommt Ihr Andern daran!«

Der Säbel schnitt durch die Luft, flog aber in demselben Augenblicke ihm aus der Hand und über Bord ins Wasser. Katombo hatte den Hieb mit Meisterschaft parirt.

»Warte noch ein wenig, bis ich mit Dir gesprochen habe! Du raubtest mir die Ehre und das Amt; Du strengtest all Deinen Einfluß an, damit mir der Großherr die seidene Schnur senden sollte. Er schickte sie mir, aber ich verachtete sie. Deinem Boten nahm ich den Kopf, und der Khedive erwartet den Tod, der in seinem Fleische wühlt. Und was ich Deinem Boten gethan, das wirst Du auch erleiden. Mörder und Verräther, fahre zum Scheitan in die Hölle!«

Ganz wie er es damals in Kairo gethan hatte, ergriff er die Hand des Pascha, riß ihn in einem Kreise um sich herum und schwang die scharfe Klinge; ein schneller, zuckender Blitz derselben, das Haupt des Pascha rollte herab und sein Körper flog eine Strecke weit fort, wo er zu Boden fiel.

Da trat der Kapitän zu ihm.

»Allah il Allah, Gott ist Gott, und sein Gericht ist gerecht. Sei willkommen, o Herr, und thue mit uns nach Deinem Wohlgefallen!«

Katombo reichte ihm und Allen die Hand.

»Willkommen, Masur-Bei! Ich kannte Deine Treue und wußte, daß ich mich auf Dich verlassen kann. Willkommen auch Ihr Andern. Wollt Ihr mich wieder als Euren Führer anerkennen?«

»Wir wollen!« riefen sie im Vereine.

»Aber wißt Ihr auch, daß der Tod Eurer wartet, wenn der Großherr diese That erfährt?«

»Herr, wir wissen es, aber wir fürchten uns nicht,« antwortete der Kapitän. »Du bist weise und tapfer; wir übergeben Dir den "Selim" mit unserm Schicksale und unserer Zukunft!«

»Ich danke Euch! Niemand wird erfahren, was heut geschehen ist. Der "Selim" wird verschwinden und erst dann wieder zum Vorscheine kommen, wenn Nurwan-Pascha wieder Kapudan-Pascha ist. Und dann werde ich Eurer Treue gedenken und Euch dankbar sein. Bis dahin aber werde ich Euch dahin führen, wo Kampf und Sieg zu finden ist, damit Männer und Helden aus Euch werden für die Zeiten, in denen solche gebraucht werden. Näht den Todten ein und werft ihn über Bord! Seine Kajüte nehme ich für mich, und vor mir darf Niemand in dieselbe treten!«

Auf die Kunde an Vorderdeck, daß Nurwan-Pascha an Bord gekommen sei und den Befehl übernehmen werde, verbreitete sich auch unter den übrigen Mannschaften ein großer Jubel, und alle Hände regten sich in doppelter Eile, als der Kapitän Masur-Bei den Befehl gab, alle Flaggen und Wimpel zu hissen und das Schiff in Parade zu setzen zur Feier des ebenso unerwarteten wie freudigen Ereignisses.

Unterdessen ruderte Katombo wieder an Bord des "Tiger", um Weib und Kind und Anderes nach dem "Selim" zu bringen. Trotz seiner vorhergehenden Beruhigung hatte Ayescha große Angst um ihn ausgestanden; er konnte sofort zu ihr gehen, ohne dem Oberlieutenant erst Auskunft erteilen zu müssen, da dieser ja bereits gesehen und gehört hatte, welche Freude das Erscheinen des vormaligen Kapudan-Pascha auf dem "Selim" hervorgerufen hatte.

Nachdem er ihr in Kürze Alles erzählt hatte, nahm er eine genaue Untersuchung der Ladung des "Tiger" vor. Die Feluke barg einen großen Reichthum an Geld und Gütern, und eigentlich hätte er jetzt das Recht oder die Gewalt gehabt, sich Alles anzueignen. Statt dies aber zu thun, ließ er den Steuermann und den Sohn des gefallenen Segelmeisters zu sich kommen. Beide wußten nicht, wen sie vor sich hatten.

»Wie ist Eure Meinung darüber, wem jetzt das Schiff gehört?« frug er sie.

»Es gehört dem Selim,« antwortete der Steuermann finster. »Was wird nun mit uns, und was war das für ein Jubel, den es da drüben gibt?«

»Ich habe Euch vorhin geschworen, daß man Euch nichts thun werde, und ich pflege mein Wort zu halten. Der "Tiger" gehörte dem Kapitän und wird als Prise mit dem "Selim" gehen. Die Ladung aber soll Euer Eigenthum bleiben. Der Oberlieutenant, welcher hier an Bord ist, wird Euch und Alles bis in den nächsten Hafen bringen. Theilt das Gut dann nach Belieben unter Euch, aber beeilt Euch damit, daß der "Selim" nicht zu lange auf die Feluke zu warten hat.«

Beide Männer waren von diesem großmüthigen Verfahren überrascht und gaben ihm ihre Dankbarkeit zu erkennen.

»Die Schiffspapiere sind in der Kajüte?« frug er dann.

»Ja,« antwortete der Sohn des Segelmeisters. »Wir haben verschiedene Papiere für verschiedene Fälle, und da Du großmüthig an uns handelst, sollst Du sie alle haben. Komm mit herab!«

Er folgte ihm. In dem kleinen Raume, in welchem Katombo mit dem Kapitän gesprochen hatte, rollte der junge Mann den Teppich vom Boden.

»Hier ist das geheime Versteck, welches Alles enthält, was keine Behörde zu wissen braucht. Der Vater ist todt, ich selbst wollte längst eine andere Fahrt antreten und brauche nichts von den Papieren, welche da verborgen sind. Du sollst sie haben.«

Er schob ein Fach des Bodens in die Wand hinein, und es kam eine Vertiefung zum Vorschein, welche außer mehreren vollen Beuteln auch einige Papierpakete enthielt.

»Das Geld ist Euer,« meinte Katombo. »Was sind dies für Papiere?«

»Es sind theils falsche Legitimationen der Feluke und theils Schriftstücke, welche wir den Süder- und Nordländern abnahmen. Du weißt, daß wir nur solche Schiffe kaperten, und mein Vater pflegte alle da vorgefundenen Schriftstücke sorgfältig aufzubewahren. Er war besonders auf geheime Depeschen ganz versessen. Mir können sie keinen Nutzen bringen; vielleicht ist es Dir möglich, einen Vortheil daraus zu ziehen.«

Katombo nahm die Papiere zu sich und begab sich dann an Deck, um den Oberlieutenant über sein Verhalten zur Feluke und deren Besatzung zu instruiren. Hernach ließ er sich mit Weib und Kind nach dem "Selim" bringen, während der "Tiger" seine Segel hißte und sich der nächsten Küste zuwandte. Der "Selim" mußte kreuzen, um auf ihn zu warten.

Es war am späten Abende, als Katombo in seiner Kajüte saß, welche vor ihm der Kapudan-Pascha inne gehabt hatte. Es war ihm von höchster Wichtigkeit gewesen zu erfahren, welchen Zweck die Fahrt des letzteren verfolgt habe, und er hatte vollständige Aufklärung erhalten durch ein kleines Kästchen, in welchem allerlei geheime Instruktionen lagen, die er natürlich gelesen hatte.

Jetzt nun ging er die Papiere durch, welche auf der Feluke verborgen gewesen waren. Manche von ihnen legte er bereits nach einem kurzen Blicke wieder zur Seite, andere aber las er desto aufmerksamer durch.

Eben hatte er das Letzte wieder zusammengefaltet, als sich die Nebenthür öffnete und Ayescha eintrat.

»Bist Du fertig? Darf ich nun kommen?« frug sie.

»Ja.«

Sie schlang die Arme um seinen Nacken und küßte ihn.

»Hast Du Wichtiges gefunden? Ich sehe es Deiner Miene an.«

»Allerdings. Ich habe einen tiefen Blick gethan in die Politik und die Zukunft derjenigen zwei Staaten, mit denen der "Selim", den ich "Tiger" nennen werde, auf eigene Faust und Rechnung Krieg führen wird. Es wird die Zeit kommen, in welcher der Sultan meiner Dienste wieder bedarf, und dann wird der arme Zigeuner über das Loos ganzer Länder und Völker zu entscheiden haben. Der heutige Tag ist nach langem Unglücke wieder ein glücklicher für mich gewesen. Laß uns nun zur Ruhe gehen. Leïlkum saaïde, gesegnete Nacht!«

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