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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Der Segelmeister machte je länger ein desto bedenklicheres Gesicht und ließ plötzlich hart nach Nord bei West umlegen. Katombo hatte dieses Manöver unten im Raume durch das Sey (Rauschen des Kielwassers) bemerken müssen. Er kam wieder empor, musterte ringsum den Horizont und trat dann zum Segelmeister.

»Siehst Du, daß ich mich nicht täuschte? Warum willst Du ihm ausweichen?«

»Es hißt die Flagge nicht auf, und das kommt mir natürlich verdächtig vor. Dieses Schiff hat Fregattenbau und dennoch Klippertakelage; es ist der beste Segler, den ich jemals gesehen habe. Wenn es gut bemannt ist und auch nur vier Geschütze hat, können wir es unmöglich angreifen.«

»Wir können es nicht nur nicht angreifen, sondern wir sind geradezu verloren.«

»Ah! Warum?«

»Es ist der "Selim," dem kein anderes Fahrzeug der Welt gleichkommt.«

»Der Selim, dieses Wunderschiff, welches der berühmte Nurwan-Pascha ganz und bis in das Einzelnste nach seinem eigenen Plane hat erbauen lassen?«

»Und welches theils als Depeschen- und theils als Transportschiff für solche Fälle verwendet wird, in denen es sich um die größte Schnelligkeit handelt. Es führt vierzehn der besten Geschütze, welche stets maskirt sind und hat gerade so viele Mannen an Bord wie eine Kriegskorvette.«

»Woher weißt Du dies?«

»Weil ich auf ihm gedient habe,« antwortete Katombo nach einigem Zögern.

»Du?« frug der Andere erstaunt. »Als was?«

»Als Segelmeister. Ich sagte es Dir ja bereits.«

»Wahrhaftig? Wenn dies wirklich wahr ist, so mußt Du ein verteufelt brauchbarer Kerl sein. Was würdest Du thun, ihm zu entkommen?«

»Ihm zu entkommen ist unmöglich. Hättest Du vorhin meinen Rath beachtet.«

»Pah; er soll uns doch nicht haben! Ich werde mich so nahe an die Küste halten, daß er es gar nicht wagen kann uns zu folgen.«

»Hm,« lächelte Katombo, »das ist ein unnützes Unternehmen. Er hat nicht viel mehr Tiefgang als wir, denn er ist zillig gebaut und wird uns übrigens übersegelt haben, ehe wir die Küste nur in Sicht bekommen.«

»Du scheinst diese Breiten und den "Selim" außerordentlich gut zu kennen!«

»Allerdings. Wähle! Es gibt nur zwei Fälle: Entweder Du kämpfest mit ihm und gehst unter, oder Du übergibst Dich ihm auf Gnade und Ungnade, ohne vorher mit ihm anzubinden.«

»Alle Teufel, Du bist verflucht kurz! Ich werde kämpfen. Was wirst Du thun? Dich vielleicht neutral verhalten?«

»Ich kämpfe, wenn sich nicht vorher ein anderer Ausweg findet.«

»Welcher sollte dies sein?«

»Weiß es nicht. Eine Kleinigkeit, welche man gar nicht beachtet hat, kann oft die schwierigste Lage in eine günstige verwandeln.«

»Du bist muthig und bedächtig zu gleicher Zeit; ich werde Dich sehr gut gebrauchen können. Willst Du als Volontär fechten, oder soll ich Dir eine Stellung anweisen?«

»Ich ziehe das erstere vor.«

»Gut; so halte Dich in meiner Nähe!«

Auf dem Dreimaster mußte man bereits bemerkt haben, daß die Feluke zu entkommen suchte, und die Folge davon war, daß plötzlich eine ganze Wolke von Leinwand sich entfaltete, unter welcher der Selim stolz und mit unübertrefflicher Schnelligkeit dahinflog wie ein Albatros, der König der Ozeane. Er kam mit jeder Minute dem Tiger näher, und die Sonne hatte den Horizont noch lange nicht erreicht, so sah sich der letztere überflogen und wandte sich in einem Bogen nach Ost, um den Versuch zu machen, bis zum Hereinbruche der Nacht zu manövriren und dann im Dunkel zu entkommen.

Dies aber sollte ihm nicht gelingen. Auch der Selim wandte und zog jetzt die türkische Flagge auf. Zu gleicher Zeit öffnete er seine Stückpforten, von denen bisher nicht das Mindeste zu erkennen gewesen war, und gab durch einen blinden Schuß das Zeichen, daß der Tiger beilegen solle.

Dieser jedoch gehorchte nicht, setzte vielmehr noch die kleinen Topsegel bei, so daß sich seine Masten unter der Wucht der Leinwand förmlich bogen, und strich nun mit einer Geschwindigkeit dahin, daß es außer dem "Selim" sicher keinem andern Schiff gelungen wäre, ihn einzuholen oder auch nur gleichen Schritt mit ihm zu halten. Der Dreimaster aber kam immer näher und sandte jetzt einen scharfen Schuß herüber. Man sah die Kugel deutlich auf den Wogen ricochettiren und dann kurz vor dem Steuerborde des "Tiger" in der Fluth verschwinden.

Der Knall des Schusses hatte zur Folge, daß der Kapitän aus seiner Kajüte trat. Sein dickes verschwommenes Gesicht sah leichenfahl, und sein Gang war schwankend wie der eines Betrunkenen. In seiner zitternden Rechten hielt er den krummen Säbel und in seiner Linken eine gespannte Pistole. Ob er die Situation richtig zu erfassen vermochte, konnte man nicht sagen; aber er erhob dennoch den Arm zu einem Kommando:

»Die rothe Flagge auf!« lallte er. »Öffnet die Stückpforten!«

»Werden uns hüten!« meinte der Segelmeister. »Mit der Flagge können wir Den da drüben nicht in den Grund bohren, und einem überlegenen Fahrzeuge zeigt man nicht sogleich, wer man ist.«

»Was wirst Du jetzt thun?« frug Katombo.

»Mich so hart an seine Seite halten, daß uns seine Kugeln nichts anhaben können. Dann erhält er die unsrigen aus solcher Nähe, daß er unbedingt auf den Grund gehen muß.«

»Und wir mit ihm.«

»Wieso?«

»Er hat Stückpforten auch zugleich über der Wasserlinie.«

»Ich sehe sie nicht.«

»Sie sind maskirt wie die unsrigen.«

»Und dennoch kann ich nicht anders manövriren, denn dies ist der einzige Weg, welcher uns einigen Erfolg verheißt.«

»Der Kapitän ist damit einverstanden?«

»Pah! Der wird nicht gefragt. Er hat wieder einmal seinen Opiumrausch und ist vollständig impotent. Siehst Du, dort ist er niedergesunken und wird nicht eher aufstehen, als bis er seinen Rausch gehörig ausgeschlafen hat.«

In diesem Augenblicke krachte abermals ein Schuß herüber. Er war so gut gezielt, daß er in die Schanzverkleidung einschlug und eine Menge Holzsplitter über das Deck hinstreute. Zu gleicher Zeit sanken die Masken von den Stückpforten des Selim, und es zeigte sich nun allerdings, daß Katombo Recht gehabt hatte.

»Alle Teufel, der Kerl schießt gut!« fluchte der Segelmeister. »Aber in zwei Minuten werden wir Seite an Seite mit ihm sein, und dann wollen wir ihm zeigen, daß auch wir einige Kugeln übrig haben!«

»Wird uns nichts helfen! Willst Du, daß wir nicht an die große Raa zu hängen kommen, so lege bei und kapitulire!

»Kapituliren? Uns übergeben? Bist Du wahnsinnig!«

»Nein; ich weiß vielmehr sehr gut, was ich Dir rathe.«

»Aber das weißt Du nicht, daß ein Pirat sich lieber in den Grund schießen als aufhängen läßt.«

»Auch dies weiß ich. Aber wenn Du es mir übergibst, mit Denen da drüben zu verhandeln, so sollst Du mich erdolchen, wenn sie uns nicht unbehelligt segeln lassen.«

»Du bist allerdings verrückt, und jetzt ist keine Zeit zum Sprechen mehr. Suche Dir einen Platz zum Fechten oder zum Verstecken, ganz wie Du willst!«

Er wandte sich ab. Der "Selim" hatte den "Tiger" um einige Schiffslängen überholt und gab nochmals das Zeichen zum Beilegen. Statt diesem Gebote zu folgen, hielt die Feluke jetzt scharf zu ihm hinüber, um unter seinen Bord zu kommen. Der Befehlshaber des "Selim" merkte dies und suchte es zu vereiteln; sein stattliches Fahrzeug schwankte unter dem Drucke einer vollen Breitseite, welche herüber donnerte und so gut gezielt war, daß die Vollkugeln krachend in das Plankenwerk der Feluke schlugen und die Kartätschen längs ihres Decks hinfegten. Diese gefährlichen Geschosse und die von ihnen abgerissenen Mastensplitter richteten eine schreckliche Verheerung an. Dieser eine Augenblick hatte genügt, die meisten der auf Deck Befindlichen zu tödten oder zu verwunden, und an Bord des "Selim" erscholl ein vieltöniges Jubelgeschrei.

Eine Kartätschenkugel hatte auch den Segelmeister getroffen; er stürzte todt zu den Füßen Katombos nieder. Dieser hatte keine Zeit, sich um ihn zu bekümmern; er sprang zum Flaggenstocke und zog das weiße Zeichen empor. In diesem Augenblicke kamen Diejenigen, welche sich noch unter Deck befunden hatten, herauf. Sie sahen, was Katombo machte, sahen den Segelmeister getödtet und den besinnungslosen Kapitän schwer verwundet am Boden liegen und drangen sofort nach dem Flaggenstocke vor.

»Was thust Du, Hund!« brüllte ein langer Araber, indem er den Handschar erhob. »Du sollst Deinen Verrath mit dem Tode büßen!«

Katombo blickte ihnen ruhig entgegen.

»Zurück!« donnerte er, »sonst seid Ihr Alle verloren. Der "Selim" wird Euch in fünf Minuten schwimmen lassen, wenn Ihr Euch nicht ergebt!«

»Und wenn wir uns ergeben, so werden wir gefangen!«

»Nein. Ich kenne den "Selim", seinen Kapitän und seine Mannen. Man wird Euch nicht das Geringste zu Leide thun; das schwöre ich Euch bei dem Barte des Propheten und bei Allah, den Ihr anbetet.«

»Sagst Du die Wahrheit?«

»Die vollständige.«

»So schwöre es bei Deinem Barte und denjenigen Deiner Väter!«

»Ich schwöre es!«

»So glauben wir Dir. Der Steuermann mag das Kommando übernehmen.«

»Nein, das werde ich selbst führen, wenn ich Euch wirklich von dem schmachvollen Tode erretten soll.«

»So thue es; aber merke Dir, daß wir Dich tödten werden, wenn Du nicht im Stande bist, Dein Versprechen zu halten.«

»Gut. Geht an die Brassen. Herab mit den Leinen. Wir legen bei!«

Seine Befehle erklangen voll und hell über Deck und wurden mit Schnelligkeit ausgeführt. Die Leute blickten jetzt doch ein wenig verwundert zu ihm hin, denn die Art und Weise, wie er die Segel zum Beilegen fallen ließ, war so kühn, wie es vor ihm auf dem "Tiger" noch keiner gewagt hatte.

Die Schüsse hatten natürlich auch Ayescha aufgeschreckt; die Angst trieb sie, mit Almah an Deck zu kommen. Katombo erblickte die tief Verschleierte, und da ihr keine Salve mehr Gefahr bringen konnte, winkte er sie zu sich.

»Katombo, werden wir getödtet oder gefangen?« frug sie in höchster Angst.

»Keines von beiden, mein liebes Weib.«

»Wer ist dieser Feind? Ist das nicht die türkische Flagge?«

»Ja. Siehe Dir das Schiff einmal genauer an! Kennst Du es vielleicht noch?«

Sie hatte vor lauter Angst das Fahrzeug noch gar nicht genau betrachtet; jetzt aber warf sie einen schärferen Blick hinüber.

»Ist es möglich? Dein Selim!«

»Ja. Und dort oben steht Kapudan Masur-Bei, der beste meiner Schüler. Er ist mir treu ergeben und ein so tüchtiger Mann, daß ihm der neue Kapudan- Pascha den Befehl über den "Selim" gelassen hat.«

»Und wer ist der Offizier, welcher jetzt zu ihm tritt?«

Katombo machte eine Bewegung der höchsten Überraschung und legte die Hand über die Augen, um besser sehen zu können.

»Bei Gott, das ist er, das ist er ja selbst.«

»Wer?«

»Der Kapudan-Pascha, der mich verdrängt hat und sich Mühe gab, daß ich die seidene Schnur erhielt. Er ist an Bord des "Selim", folglich muß das Schiff eine sehr wichtige Fahrt vor sich haben.«

»So sind wir dennoch verloren!«

»Nein. Das Schiff legt bei wie wir, und ich kann alle Männer erkennen, welche sich an Deck befinden. Sie werden alle zu mir halten, wenn sie zwischen ihm und mir wählen sollen. Paß auf; die Entscheidung naht bereits!«

Die beiden Schiffe wiegten sich einander gegenüber auf den Wogen, und vom "Selim" wurde das große Boot herabgelassen und mit Leuten bemannt, welche bis an die Zähne bewaffnet waren. Es stieß ab und legte nach einigen Augenblicken bei der Feluke an. Der erste Lieutenant kommandirte es. Er schwang sich mit seinen Leuten an Bord. Sie blieben mit bereitgehaltenen Waffen stehen, während er sich sofort nach dem Hinterdecke begab, wo Katombo mit herabgezogener Kapuze seiner wartete.

»Bist Du der Führer dieses Fahrzeugs?« frug er ihn.

»Jetzt, ja.«

»Welches Schiff?«

Er hatte Bild und Namen bereits am Steven erblickt, mußte aber dennoch diese vorgeschriebene Frage thun.

»Der Tiger.«

»Woher?«

»Von überall.«

»Ah! Welche Art Fahrzeug?«

»Pirat!« antwortete Katombo ruhig.

»Du hast viel Muth, mir dies sofort zu gestehen. Warum legtest Du nicht bei, als wir Dich aufforderten es zu thun?«

»Ich hätte sofort beigelegt, aber ich war es nicht, der dazu aufgefordert wurde.«

»Wer sonst?«

»Der Kapitän dort und der Segelmeister hier. Der letztere ist todt, und der erstere wird noch heut auch sterben, wie es scheint.«

»Und was bist Du auf dem Schiffe?«

»Ich war nur Passagier mit meinem Weibe und Kinde.«

»Pah! Und hast dennoch den Befehl erhalten, trotzdem der Steuermann dort auf seinem Platze steht? Deine Worte sind Lüge, denn einem Passagier wird nicht das Kommando übergeben, zumal in der Lage, in welcher Ihr Euch befindet.«

»Lüge? Ich rede die Wahrheit und sage Dir sogar, daß ich auch das Kommando des "Selim" übernehmen werde.«

»Du?«

»Ja ich.«

»Allah hat Dir das Gehirn genommen, oder Du willst den Wahnsinnigen spielen, um nicht getödtet zu werden. Ich aber sage Dir, daß Ihr Alle hängen werdet, so wahr ich – – –«

»So wahr Du Moab-Ben-Osman heißest, nicht wahr?« unterbrach Katombo seine Rede.

»Wie, Du kennst meinen Namen? Wie ist der Deinige?«

»Sage ihn selbst!«

Bei diesen Worten warf Katombo die Kapuze nach hinten. Der Lieutenant blickte ihm jetzt in das volle Gesicht und wich erschrocken einige Schritte zurück.

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