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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 62
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Er nahm die Schnur und legte sie sich wie ein Halsband um den Hals.

»Halt! So ist es nicht gemeint. Dort ist das Fenstergitter. Du hängst Dich daran, und ich warte bei Dir, bis ich mich überzeugt habe, daß Du todt bist!«

»Meinst Du? Ich habe Dir wörtlich gehorcht; mehr darfst Du nicht verlangen. Kehre nach Stambul zurück und melde Deinem Herrn, daß ich die Schnur getragen habe! Mein Leben gehört Gott, aber nicht dem Sultan, und wenn ich gegen die Gesetze versündigt haben soll, so mag nicht eine Selbsttödtung oder ein Meuchelmord, sondern eine offene Untersuchung entscheiden.«

»Du weigerst Dich?«

»Ich weigere mich!«

»So nehme ich Deinen Kopf!«

Er zog den krummen Türkensäbel und trat drohend näher.

»Du?« rief Katombo geringschätzend.

»Ja ich! Deine Gegenwehr nützt Dir nichts, denn ich bin so stark und geschickt wie Du, und Du hast keine Waffe.«

»Wurm! Verlasse augenblicklich dieses Haus, sonst vollziehe ich Deinen Auftrag an Dir selbst; Dir selbst werde ich den Kopf nehmen und ihn dem Sultan senden, damit er sich überzeugen kann, daß Du bei mir gewesen bist!«

»So stirb!«

Der Kapudan holte zum schnellen, gewaltigen Hiebe aus, Katombo aber kam ihm zuvor. Er unterlief ihn, entriß ihm das Schwert und faßte mit der Linken seine Hand. Mit einem mächtigen Rucke riß er ihn im Kreise um sich herum – die Klinge blitzte, und im nächsten Augenblicke war mit einem einzigen wuchtigen Hiebe der Kopf vom Rumpfe getrennt. Der erstere flog zur Erde, und der letztere wurde über den ganzen Raum hinweg geschleudert und stürzte erst an der gegenüberliegenden Wand zu Boden.

Jetzt untersuchte Katombo die Taschen des Todten. Er fand darin ein Schreiben des Sultans, worin dieser den Vizekönig benachrichtigte, daß bei Überreichung desselben Nurwan-Pascha bereits an der seidenen Schnur gestorben sei. Wie es schien, wußte also in Kairo noch Niemand von dem Auftrage, welchen Fezzar Achmed auszurichten gehabt hatte. Nurwan entschloß sich kurz. Er hatte Zeit gehabt, sich zur Flucht vollständig vorzubereiten.

Zunächst verschloß er seine Räumlichkeiten, damit Niemand Zutritt finden und das Geschehene bemerken könne. Dann schickte er Ayescha mit der kleinen Almah in einer Sänfte fort. Ein bewährter Diener begleitete sie.

Die draußen aufgestellten Khawassen hatten ihr Augenmerk nur auf ihn gerichtet und ließen sie jedenfalls ungehindert passiren. Nun begab er sich zu dem Kadi, welcher nicht die mindeste Ahnung von dem Geschehenen hatte.

»Ich komme, um Dir Lebewohl zu sagen!«

Der Angeredete blickte ihn überrascht an.

»Hast Du Nachricht von dem Sultan?«

»Ja.«

»Wie lautet sie?«

Katombo erzählte ihm aufrichtig Alles. Der Kadi machte ein höchst ernsthaftes Gesicht.

»Weißt Du, daß ich Dich dem Großherrn ausliefern muß?«

»Wirst Du es thun?«

»Du bist hoch gestiegen und tief gestürzt, aber Du wirst dieselbe Höhe wieder erreichen. Der Sultan hat einen Nachfolger, und dieser, das will ich Dir nun gestehen, hat mir besondere Weisungen in Beziehung auf Dich ertheilt. Du sollst frei sein!«

»Du bist mein wahrer Freund. Ja, ich weiß es, daß ich wieder zur Höhe kommen werde, und dann will ich Deiner gedenken wie ein Bruder des andern.«

»Wo hast Du die Deinen?«

»Sie sind bereits fort. Ich werde sie an einem sicheren Orte treffen.«

»Und wie willst Du die Khawassen täuschen?«

»Ich werde das Haus als Derwisch verlassen.«

»Sie werden Verdacht schöpfen, denn sie wissen, daß kein Derwisch hereingekommen ist. Kennen sie Dein Gesicht?«

»Das ist nicht leicht zu denken.«

»So werde ich Dir die Kleidung eines Läufers besorgen. Ich reite aus, und Du begleitest mich.«

»Dann bitte ich Dich, lieber eine Sänfte zu nehmen, damit ich einiges mit fortbringen kann.«

»Wie Du willst. Deine Wohnung werde ich reinigen und die Leiche fortbringen lassen.«

»Den Kopf nehme ich mit mir.«

»Thue, was Dir gefällt!«

Eine halbe Stunde später wurde das Thor geöffnet, und die hinzutretenden Khawassen erblickten vier Sänftenträger und zwei Läufer. Die letzteren Beiden hatten Nilpeitschen in der Hand, um ihrem Herrn nöthigenfalls damit den Weg durch die engen, belebten Gassen zu bahnen.

Da trat der Kadi-Baschi in den Hof; ein Sklave trug ihm die Pfeife nach. Es war deutlich zu sehen, daß sich noch Niemand in der Sänfte befand. Der Kadi stieg ein, und die Träger griffen zu den Tragstangen. Im raschen Schritte ging es zum Thor hinaus. Die Khawassen waren nicht schnell genug zurückgetreten; die beiden vorantrabenden Läufer warteten sofort ihres Amtes. »Remalek (Rechts)!« rief der Eine und »Schimalek (Links)!« der Andere, indem sie ihre Peitschen erhoben. Die trotz ihres Amtes in dieser Weise bedrohten Polizisten wichen schleunigst zurück, und die Sänfte verschwand im Gewühle der Straße. Katombo war entkommen.

Am andern Tage nahm im vizeköniglichen Palais ein Fellah Zutritt, welcher den Khedive zu sprechen verlangte. Auf die Frage der Palastbeamten, was er vorzubringen habe, gab er an, ein wichtiges Schreiben überbringen zu müssen, welches in keine andere Hände als in diejenigen des Vizekönigs kommen dürfe. Da er nur ein gewöhnlicher Fellah war, wurde er nicht zugelassen; man nahm ihm vielmehr das Schreiben ab, worauf er sich schleunigst entfernte. Der Brief ging aus einer Hand in die andere, bis er endlich an seine hohe richtige Adresse kam.

Der Beherrscher Egyptens empfing das fest versiegelte, aus sehr starkem Papier gefertigte Couvert und öffnete es. Es enthielt einen eng beschriebenen Bogen, dessen Schriftzüge so fein und klein waren, daß er ihn sehr nahe an das Gesicht halten mußte und lange Zeit brauchte, ehe er den Inhalt zu enträthseln vermochte. Dieser lautete folgendermaßen:

»An den Tyrannen und Mörder.

Du hast Manu-Remusat und Omar-Bathu gemordet, Du wolltest mich verderben und bist auch Schuld an Sobeïdens Tode. Auge um Auge, Zahn um Zahn: Du wirst desselben Todes sterben, den auch sie gestorben ist. Sie besaß einen Ring ihres hingeschlachteten Gatten, welcher ein feines, sicher wirkendes Gift enthielt. Sie nahm von demselben und starb, um Deiner Umarmung zu entgehen. Ich erhielt von Dir ihre Leiche und den Ring. Ich tränkte dieses Papier mit dem Gifte und schrieb so klein, daß Du es einathmen mußt.

Mörder, Deine Tage sind gezählt, denn kein Arzt oder Zauberer vermag es, Dir Hilfe zu bringen. Du wirst langsam hinsiechen und elend sterben. Denke in Deiner letzten Stunde an Deine Thaten und an mich, der die Seinen zu rächen weiß!

Nurwan-Pascha.«

Einige Zeit später erhielt der neue Kapudan-Pascha eine Kiste von unbekannter Herkunft zugesandt. Sie enthielt den Kopf des Kapudan und das Etui mit der seidenen Schnur, welche für Katombo bestimmt gewesen war. Längst vorher schon war dieser nach Rosette entkommen. Mittel standen ihm genug zu Gebote für Alles, was er für sich und die Seinigen gebrauchte. Er brachte sie an einem sicheren Orte unter und begab sich verkleidet nach dem Hafen, in welchem Schiffe aller Nationalitäten vor Anker lagen. Zwischen zwei schweren hochbordig gebauten Abendländern lag eine schlanke, scharf auf dem Kiele gebaute Feluke wie eine feine gelenkige Bajadere zwischen zwei unbeholfenen Chinesinnen. Eben stieß ein Boot von ihr ab und brachte zwei Männer an das Land, welche sehr aussahen wie vornehme Türken oder Araber. Sie gingen landeinwärts, während der Matrose, welcher sie gerudert hatte, in dem Fahrzeuge sitzen blieb. Katombo schlenderte noch einige Augenblicke herum und trat dann zu ihm.

»Sallam aaleïkum!«

»Aaleïkum!« antwortete der Mann, welcher ganz so aussah, als ob mit ihm nicht gut zu scherzen sei. Er trug kurze weite Hosen, aus welchen die Unterbeine nackt hervor blickten, eine sehr verschossene rothe Jacke und einen alten Fez ohne Trottel, aber das Messer und die beiden Pistolen, welche in seinem beinahe zerfetzten Gürtel staken, waren von so vorzüglicher Arbeit, daß ihr Käufer gewiß keinen gewöhnlichen Preis für sie bezahlt hatte.

»Gehörst Du zu diesem Schiffe?« frug Katombo.

»Ja.«

»Es muß ein ganz vorzüglicher Segler sein.«

»Meinst Du?«

Diese kurze Frage war von einem beinahe geringschätzenden Blicke begleitet. Dieser Mann schien die Worte Katombos mehr für eine Höflichkeit oder allgemeine Phrase, als für das Ergebniß eines Kennerblickes zu halten.

»Ja, ich meine es. Wo kommt Ihr her?«

»Allah weiß es.«

»Wie lange bleibt Ihr hier vor Anker?«

»Allah weiß es.«

»Und wo geht Ihr hin?«

»Hast Du nicht gehört, daß es Allah weiß?«

»Mann, Du gefällst mir!«

»Du mir aber nicht.«

»Warum?«

»Weil Du nicht weißt, wie schön es ist, wenn die Zunge ruhen darf.«

»Ich weiß es: Schweigen ist Gold, aber Reden bringt Gold!«

Er griff in die Tasche und hielt ihm ein Goldstück entgegen. Der Matrose griff schnell zu und steckte es ein.

»Ich habe mich geirrt; Du gefällst mir sehr, denn Allah hat Dir Weisheit und Verstand gegeben.«

»Also, wo kommt Ihr her?«

»Von Falez.«

»Wo geht Ihr hin?«

»Nach Tunis.«

»Wie lange bleibt Ihr hier?«

»Bis morgen.«

»Auch ich will nach Tunis. Führt Ihr Passagiere?«

»Nein.«

»Was habt Ihr geladen?«

»Uns.«

»Ich sehe, daß Allah auch Dir Weisheit und Verstand gegeben hat. Ich werde mit Deinem Kapitän sprechen. Wo ist er?«

»An Bord.«

»Kannst Du mich hinüber bringen?«

»Komm!«

»Wer waren die beiden Männer, welche Du an das Land brachtest?«

»Der Steuermann und der Segelmeister.«

Katombo nickte leicht mit dem Kopfe; er schien eine leise Vermuthung so ziemlich bestätigt zu finden. Ein Steuermann und ein Segelmeister in so reicher Kleidung. Wozu brauchte überhaupt eine Feluke einen Segelmeister? Das Boot stieß ab und legte an dem Schiffe an.

»Winke mir, wenn ich Dich wieder holen soll,« meinte der Ruderer und kehrte an das Land zurück. Jedenfalls hatte er dort die beiden Vorgesetzten zu erwarten.

Katombo stieg das herabgelassenen Fallreep wie ein Mann hinan, welcher sich noch sehr wenig zur See befunden hat. Droben wurde er auf seine Frage nach der Kajüte gewiesen. Ehe er dort eintrat, warf er über das Deck einen forschenden Blick, welcher die erwähnte Vermuthung zur Gewißheit zu erheben schien.

Der Kapitän war ein wohlbeleibter Muselmann, welcher auf seinem Teppiche ruhend die Wasserpfeife rauchte. Es war ihm anzusehen, daß ihm die Störung und der Anblick eines Mannes, der nicht zu der Equipage des Schiffes gehörte, nicht angenehm sei.

»Wer bist Du?« frug er barsch.

Katombo schaute sich erst in der Kajüte um und antwortete dann:

»Ein Mann, der Deine Hilfe sucht.«

»Wozu?«

»Aus diesem Lande fort zu kommen.«

»Willst Du fort, oder mußt Du fort?«

»Ich muß.«

»Maschallah, Du bist aufrichtig! Wie heißest Du?«

»Allah weiß es.«

»Wo kommst Du her?«

»Allah weiß es.«

»Gott ist groß, und Deine Zunge ist gelähmt. Weißt Du nicht, daß ich keinen Mann mitnehmen darf, welcher mir nicht sagen kann, wer er ist?«

»Ich weiß es; aber Du wirst mich dennoch mitnehmen.«

»Nein.«

»Und doch – mich, mein Weib und mein Kind.«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig; er möge Dir Deinen finstern Verstand erleuchten. Ich brauche weder Weiber noch Kinder an Bord.«

»Das weiß ich; aber dennoch wirst Du mich mitnehmen, denn ich kann Dir zahlen, was Du verlangst.«

Diese Rede schien nicht ohne einen günstigen Eindruck zu sein. Der Kapitän sann eine Weile nach und meinte dann:

»Seid Ihr schon einmal zur See gewesen?«

»Oft.«

»So fürchtet Ihr Euch nicht vor Wind und Wasser?«

»Nein.«

»Auch nicht vor andern Dingen?«

»Welche meinst Du?«

»Es gibt deren viele, zu Beispiel die Piraten, deren es in diesen Wassern viele gibt.«

»Wir fürchten sie nicht.«

»Ah, Dein Mund ist groß! Wenn nun der "Tiger" käme! Hast Du von ihm gehört?«

Katombo lächelte.

»Sehr viel. Er wird uns nichts thun.«

Bei dem Tone, in welchem diese Worte gesprochen wurden, blickte der Kapitän aufmerksam empor.

»Warum denkst Du dies?«

»Weil Du gerade ebenso bewaffnet bist wie er. Auch er ist nur eine Feluke, die allerdings gerade ganz so vortrefflich gebaut sein soll wie die Deinige.«

In dem Auge des Kapitäns leuchtete eine Art von Verständniß auf. Er blickte eine Weile vor sich hin und meinte dann:

»Wo willst Du hin?«

»Nach Tunis oder Algier; vielleicht sage ich es Dir unter der Fahrt.«

»Du wirst viel zahlen müssen!«

»Vielleicht auch nichts. Ich will fort von hier, und sollte ich mit diesem "Tiger" selber fahren.«

»Gibst Du fünfhundert Maria-Theresien-Thaler?«

»Ja.«

»Die Sonne dieses Landes scheint Dir sehr heiß zu werden! Ich werde Euch Plätze geben. Wir stechen morgen zur Zeit des Gebetes in See. Wann willst Du an Bord kommen?«

»Heut Abend, wenn es dunkel ist.«

»Bringst Du Waffen mit?«

»Sie sind besser als die Deinen hier.«

»Maschallah! Wir werden uns kennen lernen. Allah sei mit Dir!«

Katombo war somit entlassen und fand bei seiner Rückkehr am Abende Alles zu seiner Aufnahme bereit. Ayescha und Almah wurden in einem Raume untergebracht, wo sie von dem Schiffsvolke nicht belästigt werden konnten, und am frühen Morgen lag das Land bereits weit hinter der Feluke, die mit voller Leinwand nach Westen strebte und sich als eine ausgezeichnete Seglerin erwies.

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