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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 61
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Es war nach Mitternacht, und die Bewohner von Kairo lagen im Schlafe. Nur hier und da saß noch eine weiß verhüllte Gestalt auf der Plattform eines Hauses, um die erquickende Kühle der Nacht zu trinken. Da trabten vier Träger einer Sänfte durch die stillen Gassen, angeführt von einem Janitscharenoffizier. Vor dem Thore des Palastes, in welchem der Kadi- Baschi wohnte, gebot er Halt und klopfte an.

Ein kleines Guckloch wurde geöffnet, und das Gesicht eines Mohren erschien in demselben.

»Leïlka saaïde(Gesegnete Nacht)!« grüßte der Janitschar. »Du bist der Wächter dieses Hauses?«

»Ja. Was wünschest Du, o Herr?«

»Ist Dein Gebieter, der Kadi-Baschi noch wach?«

»Er sitzt im Erker und arbeitet.«

»Ein Herr namens Nurwan-Pascha wohnt bei ihm?«

»Ja.«

»Auch er ist noch wach?«

»Ich weiß es nicht.«

»So wecke ihn und öffne!«

»Zu dieser späten Stunde? Das darf ich nicht. Mein Gebieter würde mir zürnen.«

»Ich will nicht eintreten, sondern Dir nur diese Sänfte übergeben.«

»Wer sitzt darin?«

»Eine Person, welche der Pascha erwartet.«

»Wer sendet sie?«

»Der Vizekönig.«

»So werde ich öffnen. Du aber trittst nicht ein, sondern nur die Träger, die sich dann sofort entfernen!«

»Ich werde meinen Fuß nicht über Deine Schwelle setzen, und Du darfst die Sänfte nicht eher öffnen, als bis Nurwan-Pascha selbst zugegen ist. Sage ihm nur, daß der Vizekönig ihm das schickt, was er von ihm gefordert hat.«

Das Thor öffnete sich; die vier Männer trugen die Sänfte in den Hof und entfernten sich schweigend, wobei ihnen der Janitschar wieder voranschritt.

Der Neger wagte nicht sich der Sänfte zu nahen. Er trat vielmehr in den Palast und begab sich nach dem Erker, in welchem sich der Kadi-Baschi befand. Dieser saß wirklich zwischen allerlei Büchern und schrieb emsig. Er hörte den Eintretenden und wandte sich ihm unwillig zu:

»Was willst Du? Weißt Du nicht, daß ich jetzt nicht mehr gestört werden darf!«

Der Neger lag auf dem Boden; er wagte den Kopf nur ein klein wenig von der Erde zu erheben.

»Ich weiß es, Herr, und dennoch mußte ich Dich stören, denn der Vizekönig hat eine Sänfte geschickt.«

»Eine Sänfte? Eine leere? Für wen?«

»Für Nurwan-Pascha. Sie ist nicht leer.«

»Wer ist darin?«

»Ich weiß es nicht. Ein Janitscharenoffizier brachte sie und gebot mir, nicht nachzusehen, wer sich in ihr befindet. Ich soll sagen, daß der Vizekönig das schickt, was Nurwan-Pascha von ihm gefordert hat.«

Der Kadi stand überrascht auf.

»So gehe hinab und warte Deines Amtes weiter!«

Der Neger kroch rückwärts zur Thür hinaus, und der Kadi begab sich unverweilt nach den Räumen, in denen sich Katombo befand. Dieser saß noch neben seinem Weibe und sprach mit ihr über die Ereignisse der letzten Tage. Er hörte die Schritte, welche im Vorzimmer anhielten und trat hinaus.

»Du bist es?« frug er erstaunt, als er den Kadi erkannte.

»Ich bin es. Ich sehe, daß die Ruhe Deine Seele noch nicht umfangen hält. Komm mit mir in den Hof!«

»Was soll ich dort?«

»Eine Sänfte sehen, welche Dir der Vizekönig sendet.«

»Wer sitzt darin?«

»Das müssen wir erst sehen.«

Eine schwere Ahnung fiel auf Katombos Seele. Die beiden Männer begaben sich nach dem Hofe und öffneten den Tragsessel. Der Strahl des Mondes fiel in das Innere desselben, und sie sahen ein blasses, geisterbleiches Frauenangesicht, dessen weit geöffnete glanzlose Augen ihnen gespenstisch entgegenstarrten.

»Sobeïde!« rief Katombo, völlig starr vor Schreck.

»Sobeïde, die Tochter Remusats und das Weib von Omar-Bathu?« frug der Kadi.

»Ja. Der Vizekönig hat sie ermorden lassen!«

Der Kadi faßte sich zuerst.

»Das darfst Du noch nicht behaupten. Sie kann gestorben sein; sie kann sich selbst den Tod gegeben haben; sie kann auch noch leben. Wir müssen sie untersuchen. Lasse sie hinauf zu Deinem Weibe schaffen!«

»Nein, denn Ayescha würde vor Entsetzen sterben. Gib mir ein stilles Zimmer, in welches ich sie tragen kann!«

»So komm!«

Katombo nahm die Leiche, welche ihre vollständigen Kleidungsstücke trug, auf den Arm. Der Kadi gebot dem Neger, zu schweigen und die Sänfte einstweilen zu entfernen. Dann gingen die Beiden nach einem abgelegenen Raume, den der Kadi mit eigener Hand erhellte und in welchem sie ungestört waren. Katombo legte die Todte auf einen Teppich.

»Sie lebt nicht mehr, ihre Glieder sind vollständig kalt und steif.«

Der Kadi ergriff eines der herabhängenden Händchen.

»Todt. Aber diese Steife ist unnatürlich. Sie ist nicht zufällig gestorben!«

Katombo brachte das Licht näher und betrachtete das Gesicht aufmerksam. Ein plötzlicher Gedanke schien ihn zu durchzucken.

»Sieh diese Nase und – hier diesen Ring an ihrem Finger!«

Die Nasenöffnungen waren ungewöhnlich weit geöffnet und sehr dunkel gefärbt.

»Was meinst Du?« frug der Kadi.

»Das ist der Ring des Mameluken. Er trug ihn stets und gab ihn niemals von sich. Er erzählte mir einst, daß der Ring ein feines Pulver enthalte, welches ihm ein weiser Magier angefertigt habe. Wer daran riecht, der muß sterben, bald oder später, je nachdem er viel oder wenig von dem tödtlichen Dufte eingeathmet hat. Ein Gegenmittel und also auch eine Rettung gibt es nicht.«

»Wo soll das Pulver sein?«

Katombo zog den Ring von dem Finger der Todten.

»Sieh, er enthält nicht einen Stein, sondern das goldene Siegel des Mameluken, und unter demselben befindet sich eine hohle Kapsel, welche das Pulver verbirgt.«

»Öffne sie!«

»Das ist gefährlich. Verschließe Mund und Nase!«

Sie banden sich Beide ein Tuch vor, und nun versuchte Katombo, die Kapsel zu öffnen. Es gelang. Sie enthielt ein feines bläuliches Pulver, und auf demselben lag, so klein auch die winzige Höhlung war, ein Stückchen Papier, auf welches deutlich das Wort »Haar« gekritzelt war.

»Was soll das heißen?« frug der Kadi.

»Sie hat den Ring von Omars Hand genommen, als er todt neben ihr lag, das ist sicher. Sie wußte, daß ich das Geheimniß von diesem Gifte kenne und daß ich sofort die Art ihres Todes errathe, wenn ich den Ring an ihrem Finger sehe. Sie hat geahnt, daß ich ihn öffnen werde und den Zettel finden muß. Vielleicht hat sie vor ihrem Tode im Haar etwas verborgen, was uns Aufklärung geben kann. Laß uns suchen!«

Sie lösten die Knoten des reichen Haares und fanden Katombos Vermuthung bestätigt: ein zusammengefaltetes Stück Papyros war zwischen den Locken verborgen. Katombo öffnete es und las:

»An Katombo.

Ich soll heut Abend das Weib des Mörders sein, und dann will er mich an Dich ausliefern. Aber mein Kind will er behalten, um es für seinen Harem zu erziehen. Ich kann ohne mein Kind und meine Ehre nicht leben und werde sterben. Er wird Dir meine Leiche senden, und Du wirst diese Worte finden. Küsse Ayescha; lebt wohl, und rächt meinen Tod und den meines Omar.

Sobeïde.«

Die Faust Katombos ballte sich, und seine Mienen zuckten in wildem Grimme.

»Ich werde zu ihm gehen und ihn tödten!«

»Aus Deinem Munde spricht der Zorn. Du vergissest, daß Du dieses Haus nicht verlassen darfst und daß ein Khedive nicht so leicht zu tödten ist wie ein Fellah oder ein Araber aus der Wüste!«

»Warum nicht? Hat er mehrere Leben? Besitzt er ein Herz, in welches keine Kugel zu dringen vermag?«

»Er ist so sterblich wie jeder Andere; aber die Rache wird auch Dir das Leben kosten. Denke an Dein Weib und an Dein Kind!«

Die drohend erhobenen Arme Katombos sanken nieder.

»Du hast Recht; aber dennoch wird er sterben, nicht an der Kugel, nicht an dem Schwerte oder meinem Dolche. Er soll desselben Todes sterben, den er der Tochter Remusats bereitet hat!«

Er steckte den gefährlichen Ring an seinen Finger. Der Kadi legte ihm die Hand warnend auf den Arm.

»Der Prophet sagt: »Ehe Du ein Wort sagst, denke drei Stunden nach; ehe Du aber eine That beginnst, denke dreimal drei Jahre nach! Du wirst nichts thun, ehe Deine Seele ihre Ruhe und Dein Auge seine Schärfe wieder gewonnen hat! Das Leben eines Herrschers ist heilig und unantastbar.«

»Nicht heiliger und unantastbarer als jedes andere Leben. Aber sorge Dich nicht um mich. Nurwan-Pascha wird nichts thun, was er sich nicht zuvor reiflich überlegt hat. Aber wie kann ich das Kind erhalten?«

»Sie wird es mit getödtet haben.«

»Nein; eine Mutter tödtet nicht so leicht das einzige Wesen, dem sie erst das Leben gegeben hat. Hätte sie dies dennoch gethan, so würde die Leiche des Kindes mit in der Sänfte gelegen haben.«

»Ich gebe Dir Recht. Ich gebe zu, daß ihm das Kind nicht gehört; aber wie willst Du ihn zwingen es Dir auszuliefern? Wenn es so schön ist wie Deine Tochter, so wird es nach wenigen Jahren die Zierde seines Harems werden.«

»Es ist so schön. Ich muß warten, bis der Bescheid des Sultans eingetroffen ist.«

»Dann wirst Du Gelegenheit haben, Dich in Geduld zu üben. Wirst Du Deinem Weibe sagen, daß ihre Schwester gestorben ist?«

»Ja.«

»Ist es nicht besser, wenn Du es noch verschweigest?«

»Nein. Die Todte hat ein Recht auf das Beileid der Ihrigen und ich weiß, daß Ayescha ihre Schwester lieber todt als in den Armen dessen weiß, der ihren Vater tödtete. Komm, laß mich zu ihr gehen! Leïlka saaïde; Allah segne Deine Nacht!«

Mit schwerem Herzen verließ er die Todte, um die Lebende auf den Schmerz vorzubereiten, der ihrer bei der Nachricht von dem Geschehenen wartete.

Eine lange Zeit verging, ohne daß die Einsamkeit Katombo's durch ein neues Ereigniß unterbrochen worden wäre, und erst nach einigen Monaten ließ sich das Ergebniß der Botschaft erfahren, welche sowohl er als auch der Vizekönig nach Konstantinopel gesandt hatte. Er saß eben beim Kef (beschauliche Mittagsruhe), als einer der Diener eintrat und eine Meldung machte:

»Effendina, es ist ein Mann draußen, der mit Dir reden will.«

»Wer ist es?«

»Ein Kapudan (Kapitän) aus Istambul.«

»Wie heißt er?«

»Fezzar Achmed.«

Das Gesicht Katombo's verdüsterte sich. Fezzar Achmed war ein renitenter Untergebener gewesen, den er einige Male die Schärfe einer strengen Gerechtigkeit hatte fühlen lassen. Es war jedenfalls kein gutes Zeichen, daß der Sultan grad diesen Mann ausersehen hatte, den großherrlichen Bescheid zu überbringen.

»Laß ihn hereintreten!«

Der Diener folgte dem Gebote, und es erschien ein Mann, dessen wildes, von einem dichten Barte eingerahmtes Gesicht nicht eben ein Vertrauen erweckendes war. Statt der tiefen Verbeugung, welche er dem Range eines Kapudan-Pascha schuldig war, hob er einfach die Rechte bis in die Gegend des Herzens, trat einige Schritte vor und blieb dann in gerader, beinahe herausfordernder Haltung stehen.

»Fezzar Achmed, wer sendet Dich?« frug Katombo.

»Beide, der Großherr, den Allah seinen Liebling nennt, und der Kapudan-Pascha, der ein Held ist, wie Keiner je zuvor.«

»Der Kapudan-Pascha? Dieser bin ich!«

»Dieser warst Du, jetzt aber ist es Rumid-Pascha, der um Deinetwillen nach Smyrna verbannt wurde.«

»Ah! Allah ist groß, aber Du und der Sultan sind noch größer. Welches sind die Botschaften, die Du mir zu bringen hast?«

Der Kapudan langte in die Tasche und zog ein kleines Etui hervor, welches mit dem feinsten Saffianleder überzogen und an den Ecken mit Gold beschlagen war.

»Der Beherrscher aller Gläubigen sendet Dir durch mich für Deine früheren Verdienste und das, was er jetzt von Dir vernommen, diesen Schmuck. Er läßt Dir gebieten, ihn in meiner Gegenwart anzulegen, damit ich bestätigen kann, daß Du ihn wirklich getragen hast.«

Katombo nahm das Etui und öffnete es. Dasselbe enthielt den gefährlichen Schmuck, welchen zu vergeben das alleinige Recht des Sultans ist – die gelbseidene Schnur, an der sich Jeder aufzuhängen hat, der sie bekommt. Katombo ließ sein Auge lange auf ihr verweilen und meinte dann ruhig:

»Zeige mir Deinen Biuruldu!«

»Du glaubst mir nicht?«

»Soll ich mich tödten auf das Wort eines Mannes, der mein Vertrauen nicht besitzt? Legitimire Dich!«

Ein Lächeln des Hohnes ging über das Gesicht des Kapudan. Er zog ein Pergament hervor und zeigte es dem Kapudan-Pascha.

»Hier hast Du die Vollmacht des Großherrn!«

»Sie ist ächt. Der Beherrscher aller Moslemin besitzt eine wunderbare und wahrhaft königliche Dankbarkeit. Allah möge ihn segnen! Welche Botschaft hast Du mir von dem neuen Kapudan-Pascha zu überbringen?«

»Ich habe Dir zu sagen, daß drei Männer sich Mühe gegeben haben, Dir dieses kostbare Geschenk auszuwirken.«

»Wer sind sie?«

»Der Kapudan-Pascha selbst, der Bote des Khedive und ein Franke, ein Christ, der sich jetzt einer großen Zuneigung des Sultans zu erfreuen hat.«

»Wer ist es?«

»Ein Norländer Fürst, der Herzog von Raumburg. Auch er läßt Dich grüßen und Dir sagen, es sei für damals. Weiter weiß ich Nichts.«

»Was wirst Du thun, wenn ich die Schnur nicht nehme?«

»Du mußt sie nehmen!«

»Und wenn ich es dennoch nicht thue?«

»Der Sultan hat die Gnade gehabt, sie Dir zu übersenden, damit Du enden kannst ohne wie ein gemeiner Verbrecher verurtheilt und hingerichtet zu werden. Als einen solchen muß ich Dich behandeln, wenn Du nicht gehorchst.«

»Worin wird diese Behandlung bestehen?«

»Ich habe Dir dann einfach den Kopf abzuschlagen und ihn dem Großherrn zu bringen.«

»Das wirst Du nicht nöthig haben, denn ich werde den Befehl des Sultans ganz genau und wörtlich so erfüllen, wie Du mir ihn überbracht hast. Du sagtest, der Beherrscher aller Gläubigen gebiete mir, den Schmuck in Deiner Gegenwart anzulegen, damit Du bestätigen kannst, daß ich ihn wirklich getragen habe?«

»So ist es!«

»So schau her! Ich gehorche.«

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