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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Der Khedive hatte soeben das Bad verlassen. Er saß rauchend auf einem weißseidenen Divan. Seine rothe Jacke funkelte von Brillanten; an seinem Turban flimmerte eine Agraffe, deren Werth nach Hunderttausenden zählte, und der Griff der neben ihm liegenden Damaszenerklinge hatte einen diamantenen Knauf und war mit den seltensten Edelsteinen ausgelegt.

Der Beherrscher Egyptens hatte schlechte Laune. Vor ihm stand sein Janitscharenaga, der oberste Leiter der vizeköniglichen Polizei, und stattete den täglichen Bericht ab, welcher Vieles enthalten mochte, was den Mißmuth und Zorn des hohen Herrn erregte.

Da nahte sich kriechend ein Sklave.

»Was willst Du, Hund?« frug ihn der Vizekönig.

»Herr, ein Mann, der sich Nurwan-Pascha nennt, will mit Dir, der Sonne der Weisheit und dem Vorbilde der Stärke, reden.«

Im Gesichte des Vizekönigs zuckte es auf. Er warf einen grimmigen Blick auf den Aga.

»Siehst Du, daß er kommt und daß ihn die Wüste nicht verschlungen hat? Wäre er mit den Andern gestorben, so könnte er mich und Dich nicht belästigen.«

Der Aga senkte den Blick beinahe bis zum Boden herab.

»Herr, ich konnte nicht wissen, was Dein Wille ist!«

»Ein Diener muß stets den Willen seines Herrn kennen!« Dem Sklaven gebot er: »Laß ihn herein!«

Katombo trat ein. Er neigte nur ein wenig sein Haupt und legte nur die rechte Hand zum Zeichen der Ehrerbietung auf die Gegend seines Herzens. Der Khedive empfing ihn mit einer leichten Handbewegung. In seinen kalten Zügen war weder ein Zeichen des Wohlwollens noch des Mißfallens zu erkennen.

»Sallam aaleïkum! Der Admiral des Sultans ist mir willkommen. Welche Angelegenheit führt Deinen Fuß hierher?«

»Ich komme nicht als Abgesandter meines hochmächtigen Herrn, sondern aus einem Antriebe von privater Natur.«

Sein Auge traf mit einem finsteren Blicke den Aga und wandte sich dann fragend auf den Vizekönig. Dieser verstand die stumme Frage und antwortete:

»Dieser Mann ist meine rechte Hand. Du kannst vor ihm reden, als ob ich allein wäre.«

»Dann gestatte mir, daß ich mich niederlasse!«

Er schob sich mit dem Fuße ein Kissen in die Nähe des Khedive und setzte sich darauf. Dieser Letztere hatte es unterlassen, dem Kapudan-Pascha einen Sitz anzubieten und war daher gezwungen, diese Zurechtweisung hinzunehmen.

»Setze Dich und beginne!« meinte er in ruhigem Tone, aber die Falte zwischen seinen Brauen war ein deutliches Zeichen, daß ihn das selbstbewußte Verfahren des Pascha erzürnt habe.

»Du sagst, dieser Mann sei Deine rechte Hand,« meinte Katombo. »Warum, o König, hast Du diese Hand gegen mich gerichtet?«

»Gegen Dich?« frug der Khedive mit gutgeheucheltem Erstaunen. »Rede deutlicher!«

Katombo lüftete leise seinen Fez.

»Sieh die Wunde, welche mir Deine rechte Hand geschlagen hat.«

»Du hast eine Wunde? Sie soll Dir von meinem Aga geschlagen worden sein?«

»So ist es, Herr, und Du weißt es längst.«

»Ich weiß es nicht, werde es aber sogleich erfahren.« Und zu dem Aga gewendet, frug er: »Hat Dein Schwert diese Wunde geschlagen?«

»Nein,« antwortete der Gefragte.

Der Vizekönig blickte mit befriedigter Miene auf den Pascha.

»Du hörst es, und der Aga sagt mir nie die Unwahrheit, denn er weiß es, daß ich ihm dann sein Haupt vom Rumpfe trennen würde.«

»Er lügt allerdings nicht und sagt dennoch die Unwahrheit, denn sein Befehl trägt die Schuld, daß ich dem Tode nahe war.«

»Erzähle es! Deine Rede klingt wunderbar und geheimnißvoll, doch Du wirst mir das Räthsel lösen.«

»Du kennst die Lösung bereits, » antwortete Katombo ruhig, »und ich darf es nicht wagen, Dir unnöthig Deine kostbare Zeit zu rauben. Dein Aga tödtete meine Freunde in der Wüste. Sage, ob dies auf Deinen Befehl geschah.«

»Wie hießen Deine Freunde?«

»Manu-Remusat und Omar-Bathu.«

»Das klingt nicht gut für Dich. Hast Du keine besseren Freunde?«

»Es waren Freunde, wie ich sie besser niemals finden kann.«

»Mörder waren es! Sie haben Hamd-el-Arek, den Mudellir von Assuan, erschlagen und mußten sterben. Weißt Du nicht, daß der Kuran sagt. ›eddem ed beddem, Blut um Blut, Auge um Auge!‹«

»Sie haben ihn nicht erschlagen, sondern im ehrlichen Kampfe besiegt. Er raubte die Tochter Remusats und erhob gegen ihn die Waffen, obgleich Remusat ihm verzeihen wollte. Und was thaten Dir die Mameluken, die Du mit Omar-Bathu und Remusat ermorden ließest?«

Des Khedive Augen blitzten den Sprecher grimmig an.

»Hund, wie wagst Du mit mir zu reden!«

»Hund? Wagst Du Nurwan-Pascha, den Admiral des Großherrn einen Hund zu nennen?«

»Ich wage nichts, denn ein Wink von mir kann Dich verderben!«

»Du bist nicht mein Herr und nicht mein Vorgesetzter. Ich fürchte weder Deinen Wink noch Deine Drohung. Remusat ist nicht der Mörder des Mudellir, und Omar-Bathu war nicht zugegen, als der Mudellir starb.«

»Beweise es!«

»Mein Wort ist Beweis genug!« antwortete Katombo stolz.

»Dein Wort? Woher weißt Du denn, daß Du die Wahrheit redest?«

»Weil ich bei jenem Kampfe gegenwärtig war.«

»Du?«

»Ich. Ich bin der Mann der Tochter Remusats und heiße eigentlich Katombo.«

»Katombo!« rief der Khedive, indem er sich halb von seinem Sitze erhob.

»So bist Du der Mörder, der uns entronnen ist?«

»Du irrst. Ich bin weder ein Mörder noch bin ich Euch entronnen, denn nur ein Verbrecher kann entrinnen.«

»Und Du warst ein Verbrecher, denn Du hast Den überlistet und getödtet, an welchem meine Seele hing. Du bist der Verbrecher, und ich bin Dein Richter.«

»Du irrst wieder. Ich bin Nurwan-Pascha, der Kapudan-Pascha des Beherrschers der Gläubigen, und wer es wagt mich zu beleidigen, der beleidigt den Großherrn.«

»Du bist Nurwan-Pascha, aber Du bist vor allen Dingen auch mein Unterthan, denn Du bist in Egypten geboren und warst Reïs auf dem heiligen Strome.«

»Ich war Reïs, aber geboren bin ich in einem andern fernen Lande. Dein Unterthan bin ich nicht, und ich stehe jetzt vor Dir um der Ermordeten willen. Wo ist Sobeïde, das Weib Omar-Bathus?«

»Weißt Du, daß ein Gläubiger nie von seinem Weibe spricht?«

»So bist du kein Gläubiger, denn Du hast von Sobeïde zu dem Aga gesprochen. Die Todten kannst Du nicht wieder lebendig machen, aber gib mir Sobeïde, die Schwester meines Weibes, und ihr Kind heraus?!«

Er hatte sich erhoben und stand in stolzer, gebieterischer Haltung vor dem Manne, dem sämmtliche Bewohner Egyptens als Sklaven gehörten. Auch der Vizekönig hatte sich erhoben und nach seinem Schwerte gegriffen.

»Du wirst Sobeïde niemals wieder sehen!«

»Ich fordere sie von Dir, und auch alle Schätze, welche der Aga dem Mamelukenfürsten raubte.«

»Du forderst? Ha! Ein Wink von mir, und Du liegst vor mir im Staube. Du stehst vor mir nicht als der Offizier des Großherrn, sondern als der Mörder des Mudellir, und wenn ich Dich richte, wer wird erfahren, wo Du geblieben bist? Warum kommst Du zu mir wie ein schleichender Derwisch und nicht mit der Begleitung, welche dem Kapudan-Pascha ziemt? Den Kopf kann ich Dir abschlagen lassen, ohne daß Jemand ahnt, wo Du geblieben bist?«

»Du irrst. Der Kadi-Baschi weiß, daß ich zu Dir gegangen bin; er wartet meiner Rückkehr und würde sofort den Großherrn benachrichtigen, wenn diese nicht erfolgte.«

»Meinst Du? Denkst Du, der Beherrscher von Egypten habe einen Kadi zu fürchten? Wer bist Du? Ein Pilger oder ein Bettler, der allein zu mir kommt. Der Kapudan-Pascha ist nicht bei mir gewesen. Aga ergreife ihn!«

Katombo legte die Hand an den Griff seines Säbels.

»Meinst Du, der Kapudan-Pascha habe den Statthalter von Egypten zu fürchten? Nimm Deinen Befehl zurück, sonst zwingt er mich, selbst Rache zu nehmen an dem Mörder der Meinigen!«

»Du wagst es, dem Könige von Egypten in seinem eigenen Palaste zu drohen? Sofort ergreifst Du ihn, Aga!«

Der Aga streckte die Arme aus; in demselben Augenblicke aber blitzte der Säbel Katombos, und das Haupt des Janitscharen fiel, vom Rumpfe getrennt, zur Erde. Der kopflose Körper wankte einige Sekunden lang, dann stürzte er auf den kostbaren Teppich nieder, während ein Strom rauchenden Blutes sich über den Boden ergoß.

»So weiß Nurwan-Pascha seinen Degen zu führen, wenn er gezwungen wird, den Frieden des Hauses zu verletzen.«

Er wischte die blutige Klinge an dem Kissen ab, auf welchem er gesessen hatte, und steckte sie in die Scheide. Der Vizekönig hatte bis jetzt dagestanden, starr vor Schreck und Entsetzen. Jetzt kam wieder Leben in ihn.

»Mörder!« brüllte er beinahe heulend und stürzte sich mit hoch geschwungenem Säbel auf Katombo.

Dieser parirte den Stoß blos mit der Faust, doch so, daß der Degen weithin an die Wand flog. Da griff der Khedive in seinen Shawl, der ihm als Gürtel diente, riß eine Pistole hervor und drückte ab. Katombo machte eine blitzschnelle Wendung, und die Kugel pfiff an seinem Kopfe vorüber. Der Schuß lockte im Nu sämmtliche Diener herbei, welche sich in der Nähe des Divans befunden hatten.

»Haltet den Mörder und bindet ihn!« gebot der Khedive, schäumend vor Wuth. Katombo zog den Säbel wieder.

»Halt!« rief er streng. »Ich bin Nurwan-Pascha, der Kapudan-Pascha des Großherrn. Ich habe mich nur gewehrt, und wer mich anrührt, der ist ein Kind des Todes!«

Diese Worte und seine drohende Haltung bewirkten einige Augenblicke der Unentschlossenheit unter den Dienern, welche meist feige entmannte Verschnittene waren. Katombo benutzte die wenigen Sekunden und schritt davon. Der Khedive wüthete vor Grimm, aber ehe sich die Kastraten ernstlich an die Verfolgung machten, war Katombo bereits in der Menge der Passanten verschwunden, welche sich vor dem Palaste bewegten.

Der Vizekönig schoß ein zweites Pistol auf die Dienerschaft ab und hieb einige von ihnen nieder; dann befahl er, den Kadi-Baschi sofort zu ihm zu bringen.

Dieser hatte unterdessen auf die Zurückkunft Katombos gewartet.

»Wie ging es?« redete er ihn an, als er erschien. »Deine Augen blicken zornig und Deine Mienen verkünden Unheil.«

»Dieser Säbel ist noch warm vom Blute des Mörders,« antwortete der Gefragte finster.

»Was hast Du gethan? Wen hast Du getödtet?«

»Den Janitscharenaga.«

»Allah akbar, Gott ist groß, aber Deine Verwegenheit ist noch viel größer. Wo hast Du ihn niedergeschlagen?«

»Im Palaste, vor den Augen des Vizekönigs.«

Der Kadi erbleichte.

»So bist Du verloren!«

»Verloren? Der Kapudan-Pascha?«

»Ja, denn weder ich noch der Großherr kann Dich retten. Du hast den Frieden des königlichen Palastes verletzt und den obersten Polizeiverweser des Reiches getödtet. Du bist der Rache und der Gerichtsbarkeit des Vizekönigs verfallen.«

»Ich bin dieser Gerichtsbarkeit nicht unterworfen!«

»Du bist es!«

»Ich unterwerfe mich nicht.«

»Man wird Dich zwingen.«

»Du wirst mich schützen. Kein Khawasse des Vizekönigs darf Dein Haus betreten.«

»Maschallah, das ist wahr, und Du wirst bei mir wohnen. Aber sobald Du Deinen Fuß über meine Schwelle setzest, wird man Dich festnehmen.«

»Ich werde vorsichtig sein. Ich schreibe sofort einen wahrheitsgetreuen Bericht an den Großherrn, und dieser mag bestimmen was zu geschehen hat.«

»Ich werde das Meinige hinzufügen, kann Dir aber meine Befürchtungen nicht verhehlen. Der Großherr hat Rücksicht auf den Khedive zu nehmen.«

»Nicht auch auf seinen obersten Seeoffizier?«

»Ja; doch ist die letztere nicht so sehr geboten wie die erstere.«

Jetzt kam der Bote, welcher den Kadi zum Vizekönig beschied. Er folgte dem Rufe und begab sich unter einer zahlreichen Begleitung nach dem vizeköniglichen Palast.

Es dauerte eine sehr lange Zeit, ehe er wiederkehrte. Sein Gesicht machte keinen Hoffnung erweckenden Eindruck.

»Es wird wie ich Dir sagte. Der Khedive verlangte Deine sofortige Auslieferung.«

»Du verweigertest sie ihm?«

»Ja.«

»Was that er?«

»Er muß das Völkerrecht respektiren, welches mein Haus zu Deiner Freistätte macht, aber er wird dieses Haus eng umstellen lassen. Die dazu bestimmten Khawassen sind bereits unterwegs.«

»Das macht mir nicht bange, denn ich werde Dein Haus nicht eher verlassen, als bis die Entscheidung des Großherrn angekommen ist.«

»Der Khedive wird sie eher in der Hand haben als Du.«

»Inwiefern?«

»Weil noch ehe ich ihn verließ ein Bote von ihm nach Stambul gegangen ist, welcher sich im Namen des Vizekönigs mündlich über Dich beschweren und Deine Auslieferung oder Bestrafung fordern soll.«

»Wen sandte er?«

»Einen Mann, dessen Rang bei dem Großherrn sehr in das Gewicht fallen wird – –«

»Wohl gar seinen Wessir?«

»Du erräthts es. Es ist sehr leicht zu denken, daß die mündliche Darstellung dieses hohen Beamten, der ein gewandter Diplomat ist, mehr Erfolg haben wird als Dein schriftlicher Bericht.«

Katombo neigte zustimmend den Kopf.

»Du hast Recht. Der Großherr hat kein starkes Herz. Hast Du gehört von dem norländischen Herzog von Raumburg, den ich einst mit seinem ganzen Schiffe gefangen nahm?«

»Jeder Türke kennt diese Deine Heldenthat, durch welche Du Kapitän eines der besten Kriegsschiffe wurdest.«

»Die Gefangennahme dieses Mannes und die Befreiung des Großveziers Malek- Pascha, der sich damals als Gefangener auf dem "Drachen" befand, gaben dem Kriege eine solche Wendung, daß der Großherr den Frieden hätte diktiren können. Dieser Herzog aber wußte ihm die Sachlage so darzustellen, daß er ihn freigab und mit dem Auftrage betraute, mit dem Könige von Norland empfehlend über den Sultan zu reden, damit der Letztere den Frieden nicht so theuer zu erkaufen habe. Ich fürchte, daß diese Schwäche auch mir jetzt gefährlich werden kann.«

»Ich theile Deine Befürchtung, werde Dir aber beistehen, so viel es in meine Kräfte gegeben ist. Natürlich denkt es sich der Khedive, daß auch von Deiner Seite ein Bote nach Stambul gehen wird. Es ist beinahe zu erwarten, daß man diesem Boten Hindernisse in den Weg legen wird.«

»Das ist wahrscheinlich. Gibt es kein Mittel dies zu verhüten?«

»Ich habe einen treuen Diener, auf den wir uns verlassen können. Natürlich aber darf er nicht der Überbringer Deiner Botschaft sein. Wem soll er sie übergeben?«

»Dem Großvezier, der mein Freund ist.«

»So schreibe schnell; das Andere werde ich besorgen, und Allah möge unsere Schritte segnen!«

»Erwähntest Du Sobeïde bei dem Vizekönige?«

»Ja.«

»Und was antwortete er?«

»Er sagte, daß wir noch heut Abend erfahren würden, was er über sie beschlossen habe.«

»Er wird sie in seinem Harem behalten, und ich kann nichts thun sie zu erlösen.«

»Seine Worte klangen doch so, als ob er vielleicht gesonnen sei, sie noch heut auszuliefern. Warte den Abend ab; der wird Dir die Entscheidung bringen!«

Der Kadi hatte Recht; der Abend brachte die Entscheidung.

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