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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Jetzt bemerkte die Wirthin den neuen Gast und kam sofort auf ihn zugeschritten. Sie war eine korpulente, noch junge Frau, und ihr geröthetes Gesicht glänzte vor Freude, als sie ihm die Hand entgegenstreckte.

»Willkommen, tausendmal willkommen, Herr Doktor! Ich habe Sie wohl ein Jahr lang nicht zu sehen bekommen. Wo sind wir denn überall herumgelaufen?«

»In Italien, Frankreich, England, Holland und so weiter.«

»Herrjesses, muß das fürchterlich sein! Da lobe ich mir meinen »blauen Adler«; von ihm komme ich nicht weg, so lange ich lebe. Daheim ist daheim! Ich soll doch ein Fläschchen vom Besten bringen?«

»Ja. ich brauche zunächst einen guten Schluck und sodann Sie selbst.«

»Mich?«

»Allerdings. Ich muß eine Erkundigung einziehen, womöglich unter vier Augen.«

»Unter vier Augen? So kommen Sie heraus in das leere Hinterstübchen, wo wir vollständig ungestört sind, Herr Doktor!«

»Ich muß hier bleiben, da ich jeden Augenblick einen Boten erwarte, der mich dann nicht sehen würde. Bringen Sie mir den Wein hier an den Tisch zunächst der Thür!«

Die Wirthin beeilte sich, diesem Gebote Folge zu leisten und befahl dem Kellner, auf die übrigen Gäste Achtung zu haben.

»Sie haben seit vier Wochen einen fremden Herrn im Logis,« begann Max, als sie bei ihm Platz genommen hatte, »dessen Namen und Charakter ich gerne wissen möchte, ohne daß er etwas über meine Erkundigung erfährt.«

»Welchen meinen Sie?«

»Er ist klein und hager, bleich und bartlos und trägt sich schwarz gekleidet. Irre ich mich nicht, so ist er vor wenigen Augenblicken von einer Reise zurückgekehrt.«

»Ach, Sie meinen den Herrn in Nummer eins bis vier!«

»Er hat vier Piècen inne? Dann muß er wohl situirt sein.«

»Allerdings; er ist Rentier, zahlt außerordentlich prompt und nobel und hat einen französischen Namen, den ich vielleicht nicht richtig aussprechen kann. Geschrieben wird er Aloys Penentrier.«

»Verreist er oft?«

»Er ist sehr wenig daheim und oft mehrere Tage nicht hier.«

»Korrespondirt er viel?«

»Wenn er zu Hause ist, schließt er sich gewöhnlich ein. Was er da thut und ob er schreibt, weiß ich nicht; wenn er es thut, so muß er sich seine Briefe selbst besorgen, aber er erhält deren täglich mehrere.«

»Woher? Sie sehen dies wohl am Poststempel.«

»Aus Paris, Petersburg, London, meist aber aus dem Inlande.«

»Mit wem verkehrt er?«

»Kann ich nicht sagen. Er empfängt allerdings öfter Besuch von Herren, die ich aber leider nicht kenne.«

»Welcher Klasse gehören sie an?«

»Allem Vermuthen nach nicht der unteren. Einige hatten, obgleich sie in Civil gingen, etwas entschieden Militärisches. Andere sahen mir aus wie Geistliche, so fromm und salbungsvoll traten sie auf. Zwei oder drei Male war auch ein Diener des Herzogs von Raumburg hier. Er trug zwar auch Civil, aber ich kannte ihn doch.«

»Geht er viel aus?«

»Nur des Abends.«

»Wann kehrt er da zurück?«

»Sehr spät! Ich bemerke dies, trotzdem ich ihm einen Hausschlüssel zur Verfügung stellen mußte. Auch heut scheint er gehen zu wollen; er hat ein Abendbrod bestellt und um Beschleunigung gebeten.«

»Ist ihm bereits servirt worden?«

»Ja; kalte Küche. Er ißt sehr schnell und wird wohl nun fertig sein.« Sie hatte recht, denn eben öffnete sich die Thür und die lange Gestalt Baldrians schob sich in möglichster Eile herein.

»Ist er fort?« frug Max.

»Ja, das ist am den.«

»Wohin? Rechts in die Straße?«

»Nein, das ist nicht am den, sondern links.«

»So trinke Du meinen Wein, Baldrian. Gute Nacht!«

Er legte ein Geldstück auf den Tisch und ging.

»Ein guter Herr, nicht wahr, Baldrian?« frug die Wirthin.

Der vormalige Grenadier konnte blos nicken. Er hatte das Weinglas bereits an den Mund gesetzt und that einen Zug, der es bis auf die Nagelprobe leerte.

»Hast wohl draußen aufpassen müssen?«

Er nickte und schenkte sich ein zweites Glas ein.

»Auf den kleinen Rentier?«

Das Glas wieder am Munde, ließ er sich zu einem abermaligen Nicken herbei; dann goß er sich den bei ihm so seltenen Trank in den Mund.

»Was muß er denn mit ihm haben?«

Wieder einschenkend zuckte er die Achsel. Die kleine, propre Wittfrau hatte ihm sein Herz geraubt, aber daß sie ihn jetzt in seinem Genusse störte, wollte ihm nicht im Geringsten gefallen.

»Du weißt es nicht, Baldrian?«

Er schüttelte den Kopf und führte das Glas zum dritten Male zum Munde.

»Schmeckt der Wein?«

Er trank, machte die Augen zu und nickte dabei mit einem so verklärten Gesichte, als trinke er den Nektar der griechischen Götter.

»Das glaube ich; es ist meine beste Sorte. Aber da hat er mir zuviel hergelegt. Was thue ich? Gebe ich Dir heraus oder – ja, ich werde mir den Überschuß merken, bis er wiederkommt.«

Baldrian hatte sich den Rest eingeschenkt und stand schon im Begriffe, das Glas zu erheben; jetzt aber ließ er es wieder sinken.

»Donnerwetter, das ist ja gar nicht am den!«

»Du meinst, das Geld sei Dein?«

Er nickte trinkend, setzte das Glas auf den Tisch, strich das zurückgegebene Geld ein und stülpte sich die Mütze auf den Kopf.

»Gute Nacht, Bärbel!«

»Gute Nacht, Baldrian!«

Mit stolzen Schritten ging er nach Hause. Nicht jeder, der heut dasselbe that, hatte eine Flasche vom Besten aus Frau Barbara Seidenmüllers Weinkeller getrunken. –

Als der Doktor aus der Thür des Gasthauses trat, konnte er die Gestalt des sich entfernenden Rentiers gerade noch im Scheine einer Laterne erkennen. In kurzer Zeit hatte er ihn soweit erreicht, daß er ihn fest im Auge behalten konnte.

Der Kleine ging schnellen Schrittes mitten auf der Straße; er aber hielt sich hart an der einen Häuserreihe, in deren Schatten er nicht so leicht bemerkt werden konnte. Sie befanden sich in einem der äußeren Viertel der Residenz und näherten sich immer mehr den äußersten Häusern desselben. Als diese erreicht waren und nun auch der Lampenschimmer aufhörte, zog sich die Landstraße eine Strecke weit längs des Flußes hin, um dann an den sich allmählich erhebenden Bergen langsam emporzusteigen.

Dort oben, in etwa drei Viertelstunden Entfernung von der Stadt, hatte früher ein Kloster gestanden, dessen Ruinen noch heut die Kuppe des Berges schmückten. Sie bildeten des Sonntags den gesuchten Zielpunkt zahlreicher Spaziergänger aus der Residenz. Max kannte sie sehr genau. Er war schon als Knabe beinahe täglich in dem alten Gemäuer herumgekrochen und hatte jeden Winkel desselben durchstöbert.

»Er geht nach der Ruine,« murmelte er, »und zwar auf dem breiten Wege. Ich bin heut zum Lauschen prädestinirt, wie es scheint, und werde hier an der Seite aufsteigen, um ihm zuvorzukommen!«

Der gewöhnliche Weg führte in zahlreichen Windungen empor; da aber, wo Max jetzt einlenkte, stieg ein schmaler, wenig betretener Pfad in gerader Richtung steil in die Höhe. Die Steilung war so bedeutend, daß man an den ihn besäumenden Büschen Halt suchen mußte. Der Doktor hatte ihn so oft benutzt, daß er trotz der Dunkelheit keinen Fehltritt that und nach wenigen Minuten die Kuppe des Berges erreicht hatte.

Hier schlich er sich der Stelle zu, an welcher der Aufweg in die Ruine mündete.

Die angewandte Vorsicht, mit welcher er seine Schritte möglichst unhörbar zu machen suchte, erwies sich als nothwendig. Hinter einem der letzten Büsche stand eine Gestalt, in welcher er mit Recht einen zur Sicherheit ausgestellten Posten vermuthete. Er trat unweit desselben hinter die Sträucher und wartete. Bald ließen sich nahende Schritte vernehmen.

»Woher?« frug der Posten mit halblauter Stimme.

»Aus dem Kampfe,« ertönte die ebenso gegebene Antwort.

»Wohin?«

»Zum Siege.«

»Wodurch?«

»Durch die Lehre Loyola's.«

»Der Bruder kann passiren!«

Der kleine Rentier schritt an dem Posten vorüber. Max folgte ihm.

Mitten in dem ehemaligen Klosterhofe gähnte die Öffnung des Brunnens. Eine nach der Stadt führende Wasserleitung, welche die ganze Feuchtigkeit des Berges an sich zog, hatte den Erfolg gehabt, daß er vollständig ausgetrocknet war. Aloys Penentrier stieg auf den Rand desselben und verschwand dann im Innern. Der Doktor wußte genau, daß bis noch vor kurzer Zeit weder eine Leiter noch eine sonstige Vorrichtung hinabgeführt hatte. Er trat hinzu und bemerkte ein an einem Felsblock befestigtes Seil, welches über die Umfassung des Brunnens führte und dann hinunterhing. Zu seinem Erstaunen war es nicht scharf angespannt. Er zog es empor und bemerkte, daß es nur die Länge von einigen Ellen hatte. Es mußte also doch eine Leiter, eine Fahrt oder etwas Ähnliches geben, auf welcher man hinabgelangen konnte.

Er ließ das Seil wieder hinuntergleiten und bog sich vor, um einen Blick in die Tiefe zu werfen. Er mußte dies so vorsichtig wie möglich thun, da man sonst seinen Kopf trotz der nächtlichen Dunkelheit von unten hätte bemerken können. Der Brunnen war vor langer Zeit in Folge eines Unglücksfalles bis zur Hälfte seiner Höhe ausgeschüttet worden, besaß aber dessenungeachtet eine Tiefe von immer noch beinahe sechzig Fuß. Ein schneller, blitzartiger Lichtschein flammte unten auf; dann blieb die Tiefe in stetes Dunkel gehüllt, bis er seine Beobachtung aufgeben mußte, da ihm ein Geräusch das Nahen eines Kommenden verrieth.

Er zog sich hinter einen nahen Mauervorsprung zurück und beobachtete nach und nach vierzehn Gestalten, welche in den Brunnen stiegen.

Es drängte ihn, zu wissen, was diese geheimnißvollen Männer mit ihrer Zusammenkunft bezweckten; aber es war unmöglich, ihnen zu folgen. Er konnte sie nur von außen beobachten und mußte die Untersuchung des Brunnens bis auf eine Tagesstunde verschieben.

Seine Geduld wurde auf eine harte Probe gestellt. Es dauerte fast zwei Stunden, ehe er den ersten wieder Emporsteigenden bemerkte. Es war der Rentier, welchem hart auf dem Fuße zwei Andere folgten.

»Ihr wißt, weshalb ich mit Euch vorangestiegen bin?« frug der Erstere.

»Ja,« antwortete der Eine.

»Er ist ein Verräther. Ich erfuhr es heut und erhielt seinen Brief zu Handen gestellt. Ich verzieh ihm unten, um ihn sicher zu machen; aber er darf seiner Strafe nicht entgehen. Die Brüder Jesu dürfen sich nicht an ihrem Herrn versündigen, indem sie ein räudiges Schaf in ihrer Mitte dulden. Er wird ausgeschieden.«

»Auf welchem Wege?«

»Auf dem gewöhnlichen. Geht an Euren Platz! Man kommt.«

Die beiden Männer verschwanden hinter dem Gemäuer. Dem Brunnen entstiegen nach und nach die elf Übrigen. Der Letzte von ihnen löste das Seil vom Felsen und nahm es zu sich.

»Der Herr behüte unseren Ausgang und Eingang!« grüßte der Rentier.

»Jetzt und in Ewigkeit, Amen!« antworteten die Anderen, worauf sie sich entfernten.

Ein Einziger war geblieben. Der Rentier hatte ihm die Hand auf den Arm gelegt.

»Bruder Ambrosius, ich habe noch mit Dir zu sprechen!«

Der Angeredete hatte schon wie die Übrigen im Begriffe gestanden, zu gehen. Er wandte sich wieder zurück.

»Trotz des Verdachtes, welcher heut gegen Dich ausgesprochen wurde,« meinte der Rentier, »besitzest Du mein vollständiges Vertrauen. Ich habe Dich dem Pater Provinzial empfohlen und einen Auftrag für Dich bekommen, welcher Dir beweisen wird, wie sehr ich in schwierigen Fällen auf Deine Befähigung rechne. Bist Du bereit, ihn zu hören?«

»Ich werde hören und gehorchen.«

»So komm! Ich werde Dich einweihen in das tiefste Geheimniß, welches die Erde trägt, und ich bin überzeugt, daß kein Wort davon über Deine Lippen kommen wird.«

Er entfernte sich mit ihm in derselben Richtung, welche die beiden Anderen eingeschlagen hatten.

Max hatte jedes Wort vernommen. Dem Manne drohte jedenfalls eine Gefahr. Welcher Art konnte dieselbe sein? War er der Hülfe würdig? Und wie sollte diese Hilfe geleistet werden, da Max die Art und Weise der Gefahr nicht kannte? Er mußte sich sagen, daß er die dringendste Veranlassung habe, seine Anwesenheit nicht zu verrathen, und beschloß, sich ruhig abwartend zu verhalten.

Nach einer Weile war es ihm, als vernehme er einen leisen, unterdrückten Ruf. War es ein Hülferuf? Er lauschte eine Weile in die stille Nacht hinein, doch blieb jetzt alles ruhig. Erst nach einer längeren Frist vernahm er das Geräusch von Schritten. Der Rentier kehrte mit den Zweien zurück. Der, welchen er einen Verräther genannt hatte, fehlte.

»Ihm ist sein Recht geschehen,« meinte er salbungsvoll. »Möge seine Seele durch das Fegefeuer gereinigt werden, obgleich ihm die heiligen Sterbesakramente entgangen sind!«

»Es ist schwer zu beklagen, daß selbst der gebenedeiete Leib Jesu solche Glieder hat,« ließ sich einer seiner Begleiter vernehmen.

»Darum befolgt die Gesellschaft Jesu die Lehre des Erlösers: Ärgert Dich Deine rechte Hand, so haue sie ab und wirf sie von Dir! Er ist bereits der Zweite, den die gerechte Hand der Strafe ereilt. Möge er der Letzte sein! Geht jetzt und empfangt meinen Segen, Ihr frommen und gehorsamen Kinder des Herrn!«

Er erhob seine Arme; sie verneigten sich ehrerbietig und entfernten sich dann. Er wartete, bis das Geräusch ihrer Schritte vollständig verschollen war, und folgte ihnen dann langsam nach. Die frommen Brüder Jesu verfolgten die Taktik, den Ort ihrer nächtlichen Zusammenkunft einzeln zu verlassen, um die Erregung jeden Verdachtes zu vermeiden.

Jetzt trat der Doktor hinter seinem Verstecke hervor.

»Sie haben ihn gemordet. Ich muß sehen, auf welche Weise!«

Er verließ die Ruine in derselben Richtung, welche sie vorhin eingehalten hatten, und untersuchte das ganze Plateau des Berges, ohne auf die geringste Spur irgend eines gewaltthätigen Ereignisses zu treffen.

»Die Finsterniß ist schuld. Ich werde am Tage zurückkehren und dann sicher finden, was ich suche.«

Seine vergebliche Nachforschung hatte eine ziemliche Zeit in Anspruch genommen, so daß er annahm, daß sich keiner der geheimnißvollen Männer mehr in der Nähe befinde. Daher durfte er es wagen, den Ort auf dem gewöhnlichen Wege zu verlassen, und schritt nach einem ebenso aufregenden wie ereignißvollen Abende der Residenz wieder zu. – – –

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