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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 59
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Ayescha suchte Kräuter für ihn und abgefallene Datteln für sich und ihre Tochter. So verging der Tag; der Abend brach herein, und ihm folgte die Nacht. Die Thiere, welche die Janitscharen zurückgelassen, hatten für sich selbst gesorgt. Wasser und Datteln nebst Strauchwerk gab es für sie genug. Die Nähe der Todten, welche in Folge der Hitze bereits einen höchst widerwärtigen Geruch ausströmten, war auch in anderer Beziehung für Ayescha eine unheimliche, wenn nicht gefährliche. Der Geruch lockte die Hyänen, Schakale und Fenneks an, welche sicherlich heute Nacht ihr schauriges Mahl gehalten hätten, wenn das Weib mit dem Verwundeten allein geblieben wäre. Gegen Mitternacht aber huschte ein Schatten herbei, bei dessen Nahen Ayescha anfangs erschrak. Es war einer der entflohenen Mameluken.

Er suchte unter den Leichen herum und nahte sich auch der Stelle, an welcher sich die Lebenden befanden. Hier stutzte er, wurde aber durch den Zuruf Ayeschas beruhigt.

»Allah akbar, Gott ist groß! Hier sind noch Lebende? Hat Dich der Janitschar übersehen?«

»Nein. Er hat mir die Freiheit freiwillig gelassen.«

»Und Katombo getödtet?«

»Er ist nur verwundet. Ich und mein Kind sind unbeschädigt.«

»Wo sind die andern Frauen und Kinder?«

»Der Aga hat sie mitgenommen. Er wird die Frauen an Harems und die Kinder an Sklavenhändler verkaufen.«

»Allah incharliek, Gott verbrenne ihn! Hätte ich ein Weib, so jagte ich ihm nach, denn hier sind noch Pferde und Kameele. Aber ich habe die Todten gezählt. Es fehlen drei der Unsrigen. Sind sie gefangen?«

»Nein.«

»So sind sie auch entkommen und werden zurückkehren, sobald sie bemerken, daß er fort ist. Ich will sehen, ob sie in der Nähe sind, und ihnen ein Zeichen geben, welches sie kennen.«

Er suchte eine Rhababa (ein musikalisches Instrument mit schmetternden Tönen) und fand sie. Sie an den Mund setzend, entlockte er ihr einige schrille, weithin schallende Töne. Dies wiederholte er einige Male, und bald zeigte sich der Erfolg: es kamen drei Gestalten herbei, welche in der Nähe herumgeschlichen waren, um zu sehen, ob die Oase wieder sicher sei. Er unterrichtete sie von der Lage der Dinge. Sie stillten erst den empfindlichen Hunger und Durst, welchen sie empfanden, und beriethen dann, was zu beginnen sei. Alle vier waren noch Jünglinge. Sie hatten nicht für Weib und Kind zu kämpfen gehabt und also die Einzigen gewesen, welche geflohen waren. Ganz derselbe Umstand hielt sie auch ab, sich dadurch in neue Gefahr zu begeben, daß sie den Janitscharen nachjagten, was sie jedenfalls gethan hätten, wenn sich nähere Verwandte von ihnen unter den Gefangenen befunden hätten. Der Sohn der Wüste als geborener Räuber und Krieger fürchtet sich nicht, ganz allein einer großen feindlichen Karawane zu folgen, um den Augenblick abzuwarten, welcher ihm für seine Pläne günstig erscheint. Und dann ist kein Fuchs so listig, kein Panther so blutdürstig und kein Löwe so todesmuthig wie er.

Die Vier beschlossen also zu bleiben, sich der Pflege des Kranken und der Bewachung der Oase zu widmen und dann später zu sehen was zu thun sei.

Noch während der Nacht begruben sie die Todten – allerdings nur die Ihrigen, welche unter dem Sande der Wüste eine Ruhestätte fanden, während die gefallenen Janitscharen weit hinausgetragen und den wilden Thieren zum Fraße hingestellt wurden.

Einige Monate später zog eine kleine Kaffila ein in das große Karawanserei zu Bulakh, der Vorstadt von Kairo. Sie bestand aus einem Weibe mit einem Kinde und fünf Männern. Der Eine von den Letzteren sah sehr bleich aus, aber in seinem dunklen Auge loderte ein Feuer, welches verrieth, daß er zwar vielleicht krank gewesen sei, doch alle Kräfte seines hohen starken Körpers wieder besitze.

Er übergab Weib und Kind seinen vier Begleitern und schritt nach der Straße el Kantareb, wo er vor einem palastähnlichen Hause hielt, an dessen Thür ein wohlbewaffneter Neger als Schildwache stand.

»Wem gehört dieses Haus?« frug er ihn.

»Du mußt hier fremd sein, Sihdi, daß Du dieses nicht weißt. Es gehört dem Khedive, Gott erhalte ihn, und drin wohnt stets der Oberkadi, welchen der Großherr, Gott segne sein Antlitz, jährlich sendet, um Recht zu hegen zwischen ihm und dem Vizekönig.«

»Der Tag des Wechsels ist vorüber. Wie heißt der neue Kadi?«

»Der neue Kadi-Baschi, willst Du sagen! Er hat einen Namen so lang wie der Nil; wir aber nennen ihn kurz Abu-Mossalem.«

»Ist er daheim?«

»Er sitzt in seinem Divan, denn es ist die Stunde, in der jeder Gläubige mit ihm reden darf, um von ihm Recht zu erflehen. Willst Du zu ihm?«

»Ja.«

»So gehe, und Allah gebe Deinem Worte Segen!«

Katombo trat ein und stieg eine Treppe empor, deren Stufen mit kostbaren Teppichen aus Smyrna belegt war. Droben stand ein Verschnittener, in ein reiches Gewand gekleidet. Sein Handjar glänzte von Gold und seine Pistolen waren reich mit Silber ausgelegt.

»Was willst Du?« herrschte er den Kommenden in den hohen Fallsettönen an, welche den Kastraten eigenthümlich sind.

»Ich will mit dem Kadi-Baschi reden.«

»Wer bist Du?«

»Das werde ich ihm selbst sagen.«

»Du hast es mir zu sagen, denn ohne meine Erlaubniß darfst Du nicht zu ihm.«

»Wo ist sein Divan?«

»Dort!«

Er zeigte mit der Linken nach einer Thür, während er ihm die geöffnete Rechte entgegenhielt als deutlichen Beweis, daß er nur Diejenigen einlasse, welche bereit waren, diese Erlaubniß für ein Bakschisch zu erkaufen.

»Du willst ein Bakschisch?« frug Katombo.

»Weißt Du nicht, daß eine offene Hand auch eine offene Thür macht?«

»Und weißt Du nicht, daß der Prophet sagt: ›Die gierige Hand eines Dieners schadet dem Herrn. Wehe dem, der die Gerechtigkeit gegen Gold und Silber verkauft!‹ Du wirst von mir nichts erhalten.«

»So ist der Kadi-Baschi für Dich nicht zu sprechen.«

»Er ist es; das werde ich Dir beweisen.«

Er holte aus und versetzte dem Menschen einen so kräftigen Schlag in das Gesicht, daß dieser nach rückwärts taumelte und zur Erde stürzte. Im Nu aber sprang er wieder auf und zog den Handjar, um sich mit demselben auf Katombo zu werfen. Dieser aber faßte ihn mit der Linken bei der Faust, welche die Waffe umschlossen hielt, und wiederholte den Hieb in der Weise, daß der Verschnittene laut aufbrüllte.

Da öffnete sich die Thür zum Divan, und unter derselben erschien der Kadi selbst. Katombo drehte ihm den Rücken zu, so daß er sein Gesicht nicht sehen konnte.

»Hund, was wagst Du!« rief der Kadi und zog den krummen Säbel.

Katombo drehte sich um.

»Deine Frage ist richtig. Dieser Hund wagt es, ein Bakschisch von mir zu verlangen, ohne welches Du nicht zu Hause bist, und die Waffe gegen mich zu zücken. Willst Du ihn niederschlagen, soll ich es thun, oder ziehst Du vor, ihn dem Djezzar (Henker) zu übergeben?«

»Mensch, bist Du von bösen Djinns (Geister) besessen? Die Bastonnade wird sie Dir austreiben! Wer bist Du?«

»Siehe es!«

Katombo warf die Kaputze vom Kopfe in den Nacken zurück. Der Kadi fuhr erschrocken zurück.

»Der Kapudan-Pascha!«

»Ja, der bin ich. Bist Du auch ohne Bakschisch für mich zu sprechen?«

»Sallam aaleïkum! Tritt ein, Herr!«

»Und dieser Mensch, der es wagt, die Gerechtigkeit und Deinen guten Namen zu verkaufen?«

»Er wird seiner Strafe nicht entgehen. Wende nur mir Dein Angesicht zu und komm herein!«

Der Verschnittene steckte zitternd seinen Handjar ein. Die beiden Männer traten in den Divan ein, wo mehrere Männer und verschleierte Frauen saßen.

»Geht hinaus und wartet, bis ich Euch rufen lasse!« gebot ihnen der Kadi. Sie erhoben sich sofort und entfernten sich. Katombo mußte sich zur rechten Hand des Kadi auf der erhöhten Estrade niederlassen, welche mit einem schimmernden Teppich aus Kaschmir belegt war. Auf ein Händeklatschen erschienen schwarze Sklaven mit köstlichen Tschibuks und Kaffee, welchen sie den Herren präsentirten. Der Kadi begann die Unterhaltung.

»Weißt Du, daß ein Gesandter des Großherrn hier in Kairo war, um nach Dir zu suchen?«

»Ich glaube es.«

»Du hast auf zwei Monate Urlaub erhalten und bist nicht zurückgekehrt. Der Großherr hat bei dem Khedive nach Dir fragen lassen.«

»Und was hat der Khedive ihm geantwortet?«

»Er hat gesagt, daß Du nur ein einziges Mal bei ihm gewesen und dann verschwunden bist. Das Schiff, mit welchem Du kamst und das auf Dich warten sollte, ist längst wieder nach Stambul abgegangen. Darf ich Dich fragen, wo Du während dieser Zeit gewesen bist?«

Katombo nahm den Fez vom Kopfe.

»Sieh diese Wunde!«

Der Kadi erschrak.

»Maschallah! Du warst verwundet und krank! Wer hat es gewagt, Dir, dem Kapudan-Pascha, dem berühmtesten Admiral des Beherrschers der Gläubigen, dies zu thun?«

»Ich komme zu Dir, um Gerechtigkeit von Dir zu fordern. Wirst Du den Thäter bestrafen?«

»Allah akbar, Gott ist groß, und meine Hand ist stark. Der verwegene Hund soll es mit dem Tode büßen. Nenne mir seinen Namen!«

»Du wirst ihn nicht bestrafen,« antwortete Katombo in zweifelhaftem Tone.

»Warum nicht? Ich schwöre Dir bei dem Barte des Propheten und aller seiner Kalifen, daß er seinen Lohn haben soll! Sage mir nur seinen Namen. Ich werde ihn greifen lassen, und wenn er im entferntesten Wadi (Thal, Schlucht) der Sahara wohnt.«

»Du brauchst ihn nicht in der Sahara zu suchen, denn er befindet sich hier in Kahira. Es ist der Vizekönig.«

Der Kadi erschrak.

»Allah schütze Deine Seele und die meinige! Wie ist es möglich, daß der Vizekönig den Kapudan-Pascha des Sultans überfallen kann?«

»Nicht er hat es gethan, sondern sein Janitscharenaga.«

»Und wo ist es geschehen?«

»In einer Oase, nach welcher ich zog, um Freunde zu besuchen.«

»Der Aga war vor drei Monaten längere Zeit von Kahira fort, ohne daß man wußte wohin. Sollte es zu jener Zeit gewesen sein?«

»Ja.«

»Er hatte Euch überfallen und wußte, daß Du zugegen warst?«

»Er wußte es, denn ich habe es ihm sagen lassen und ihn gewarnt.«

»So hat er im Auftrage des Khedive gehandelt, und Deine Freunde müssen große Feinde des Vizekönigs sein. Wer war es?«

»Kennst Du Omar-Bathu?«

»Den reichen tapferen Mamelukenfürsten?«

»Ja. Sein Weib ist die Schwester meines Weibes. Und kennst Du Manu-Remusat.«

»Den großen Schiffsführer? Er erschlug einst Hamd-el-Arek, den Mudellir von Assuan. Der Khedive wollte ihn tödten, aber er entkam mit einem jungen Reïs, der berühmt war wegen seines Muthes und die Tochter des Schiffsführers zum Weibe bekam.«

»Dieser Reïs bin ich.«

»Du?« frug der Kadi erstaunt.

»Ja, ich. Der Mudellir von Assuan hatte die Schwester meines Weibes geraubt; sie war die Verlobte des Mamelukenfürsten. Ich entführte sie ihm wieder, er verfolgte mich und fiel im Kampfe. Ich entfloh mit Remusat, und Omar-Bathu mußte sich in die Wüste verstecken, weil ihn der Vizekönig tödten wollte. Vor drei Monaten ging ich mit Remusat und meinem Weibe zu dem Mameluken. Wir wurden von dem Aga überfallen, der alle Männer tödtete und die Frauen und Kinder mit sich fortnahm.«

»So sind Remusat und Omar-Bathu todt?«

»Sie sind todt,« knirschte Katombo. »Aber ich werde sie rächen.«

»An wem?«

»An ihrem Mörder. Du wirst mir helfen.«

»Die That geschah auf Befehl des Vizekönigs. Sage selbst, ob ich über ihn richten kann.«

»Du hast mir bei dem Barte des Propheten und aller seiner Kalifen Gerechtigkeit versprochen. Weißt Du nicht, daß ein Gläubiger diesen Schwur niemals übertreten kann!«

»Ich werde ihn halten, so weit es in meinen Kräften steht, denn Allah weiß, daß kein Mensch mehr thun kann, als ihm gegeben ist. Erzähle mir den Vorfall genau.«

Katombo berichtete von seinen egyptischen Erlebnissen so viel, als ihm nöthig erschien. Der Kadi blieb dann lange in tiefes Nachdenken versunken. Endlich erklärt er:

»Wer ist der eigentliche Mörder? Der Vizekönig nicht, denn er konnte die Verhältnisse nicht kennen, und der Aga auch nicht, denn er hat gethan, was er für seine Schuldigkeit hielt. Es gibt keinen Schuldigen, und darum ist es so gut, als hätte ich keinen Schwur gethan.«

Katombo konnte ihm nicht ganz und gar Unrecht geben, zumal der ganze Überfall nur auf Omar-Bathu abgesehen gewesen war und der Aga erklärt hatte, daß er friedlich abziehen werde, wenn man ihm denselben ausliefere. Die ganze Angelegenheit erhielt von diesem Gesichtspunkte aus den Charakter eines Privatverhältnisses, dem nur durch den Akt einer Blutrache Rechnung getragen werden konnte.

»Du bist sehr weise, o Kadi, denn Du verstehst es, einen Schwur so zu wenden, daß ihn Allah nicht mehr hören kann. Doch sage, wirst Du mich schützen, wenn ich mir den Haß des Khedive zuziehe?«

»Ich werde es.«

»Hat er das Recht, die Wittwe des Mameluken in sein Harem zu nehmen, wenn sie nicht einwilligt?«

»Er hat kein Recht dazu, denn sie ist keine Sklavin, welche verkauft werden kann.«

»So ist unsere Unterredung beendet. Allah schütze Dich.«

Er erhob sich. Der Kadi that dasselbe, hielt ihn aber noch zurück.

»Wo wohnest Du?«

»Ich habe meine Leute noch im Karawanserai.«

»So bitte ich Dich, mein Haus als das Deinige zu betrachten!«

»Du willst es, und so werde ich es thun.«

»Und bedenke in Dem, was Du vornimmst, das Eine, daß der Khedive nicht ein direkter Unterthan oder Beamter des Großherrn ist und daß die Macht des Sultans sich oft nicht so weit erstreckt, als es den Anschein hat. Daher ist hier mein Amt ein schlimmes und schwieriges. Bringe die Deinen zu mir, und ich werde Dir helfen, so weit meine Kräfte reichen!«

Katombo begab sich nach dem Karawanserai zurück und brachte Ayescha mit den Dienern in das Haus des Kadi. Dann ging er nach dem Schlosse des Vizekönigs.

Dies war ein für seinen Rang ganz ungewöhnliches Unternehmen. In den Ländern der heißen Zone umgibt sich jeder gut situirte oder gar höherstehende Mann mit einer viel bedeutenderen Anzahl von Dienern, als dies bei uns der Fall zu sein pflegt. Für fast jede einzelne Verrichtung ist ein besonderer Diener da, und mit dieser Menge von Untergebenen wird, besonders beim Ausgehen, ein großer Pomp getrieben. Das Wort Ausgehen ist eigentlich eine unrichtige Bezeichnung, denn kein Herr wird auf einer öffentlichen Straße gehen, sondern entweder reiten, fahren oder sich tragen lassen. Daß Katombo trotz seiner hohen Stellung sich zu Fuße nach dem Schlosse begab, hatte seinen Grund in seinen abendländischen Anschauungen und dem Umstande, daß er keine Dienerschaft zur Verfügung hatte, war aber jedenfalls ein Verstoß gegen die Achtung, welche er dem Vizekönig auch dadurch zu erweisen hatte, daß er sich unter imponirender Begleitung zu ihm begab.

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