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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Der Mann wurde sofort umringt, und Katombo erzählte das Vorgekommene. Natürlich waren auch Remusat und Omar herbeigekommen. Letzterer betrachtete die Waffen des Angeschuldigten genau.

»Er ist ein Janitschar und hat Verbündete in der Nähe. Gestehst Du es?«

»Ich kann nichts gestehen?«

»So stirbst Du!«

»Und Du mit mir, Du und ihr Alle; das ist Euer Kismet!«

»Ah, jetzt verräthst Du Dich! Bindet ihn!«

Er wurde entwaffnet und gefesselt.

»Ist er ein Arnaute oder Janitschar, so wird er gestehen müssen,« meinte Katombo. »Mensch, hast Du vielleicht gehört, wie der Kapudan-Pascha des Großherrn heißt?«

»Nurwan-Pascha.«

»Gut. Ich bin Nurwan-Pascha und befehle Dir, die Wahrheit zu gestehen!«

»Du lügest!«

»Bringt eine Fackel herbei!«

Sie wurde gebracht.

»Kannst Du lesen?« frug Katombo.

»Ja.«

»Ah, ein Beni Soliman und lesen! Hier lies diesen Biulderi.«

Er zog ein Pergament hervor und hielt es ihm vor die Augen. Der Gefangene warf einen Blick auf den großherrlichen Paß und erbleichte.

»Glaubst Du nun, daß ich Nurwan-Pascha bin?«

»Ja.«

»Dann nieder auf die Knie mit Dir, Hund! Ich befehle Dir, die Wahrheit zu sagen. Lügst Du fort, so wirst Du todt gepeitscht.«

Der Gefangene warf sich auf die Kniee.

»Frage, Herr! Dein Knecht wird antworten.«

»Wie ist Dein wirklicher Name?«

»Selim.«

»Was bist Du?«

»Janitschar.«

»Was thust Du in der Wüste?«

»Ich suche den Mameluken Omar-Bathu.«

»Du bist nicht allein. Wer ist bei Dir?«

»Der Aga mit hundertzwanzig Mann.«

»Wo ist er?«

»In der Nähe. In einer Minute kann er bereits über Euch herfallen.«

»Ah! Die Fackel aus. Nehmt Eure Waffen, Ihr Männer; versammelt die Frauen in der Mitte des Duar und verhaltet Euch still! Wer hat Dir diese Oase verrathen?«

»Der Aga weiß es, ich nicht.«

»Das Leben sei Dir geschenkt, denn Du hast gehorchen müssen und mir jetzt die Wahrheit gesagt.«

Er löste ihm die Fesseln und fuhr dann fort:

»Ich gebe Dir die Freiheit. Gehe zum Aga und sage ihm, daß Nurwan-Pascha hier gebietet. Er wird von seinem Vorhaben abstehen.«

Selim eilte davon, so schnell als ihn seine Füße tragen wollten; an sein Kameel und die ihm abgenommenen Waffen dachte er gar nicht. In einiger Entfernung von der Oase traf er auf die herbeischleichenden Janitscharen. Der voranschreitende Aga verwunderte sich über sein Erscheinen.

»Du kehrst zurück! Warum?«

»Um Dir zu sagen, daß der Überfall nicht stattfinden darf.«

»Warum?«

»Der Kapudan-Pascha ist im Duar.«

»Nurwan-Pascha! Hat Dir der Scheïtan (Teufel) den Verstand genommen?«

»Sihdi, er ist es. Ich wollte es nicht glauben, und er hat mir seinen Biulderi gezeigt.«

»Wann? Jetzt?«

»Jetzt. Er hatte mein Verschwinden bemerkt und meine Rückkehr erwartet. Er weckte alle Männer des Duar und ließ mich fesseln. Ich mußte ihm Alles gestehen, und nun sendet er mich, Dich zu warnen.«

»Warnen? Was geht mich Nurwan-Pascha an! Er ist Offizier des Großherrn, und ich bin Offizier des Vizekönigs. Ich habe ihm nicht zu gehorchen. Der Vizekönig hat mir befohlen, Omar-Bathu zu fangen oder zu tödten, und das werde ich thun, obgleich es nun einen harten Kampf geben wird, weil sie gewarnt sind. Deine Strafe wirst Du morgen erhalten dafür, daß Du uns ihm verrathen hast!«

»Sei gnädig, Herr! Ich konnte nicht anders.«

»Wer ist Dein Herr, er oder ich?«

»Du, Sihdi. Aber bedenke, daß Du dem Vizekönig viel Verlegenheit bereiten wirst, wenn Du den obersten Seeoffizier des Großherrn tödtest.«

»Ich werde ihn nicht tödten, wenn er mich in der Erfüllung meiner Pflichten nicht stört. Hast Du das Weib des Mameluken gesehen?«

»Ich habe ihr Angesicht geschaut, denn sie war nach Sitte der Beduinen nicht verschleiert.«

»Ist sie wirklich so schön, wie man dem Vizekönig erzählt hat?«

»Ja. Sie ist herrlich wie eine Houri des Himmels.«

»Sie soll das Harem des Vizekönigs zieren. Du kehrst jetzt zurück zu Nurwan-Pascha und sagst ihm, er solle mir den Mameluken mit seinem Weibe ausliefern; dann werde ich friedlich abziehen, ohne den Uah zu betreten.«

»Er wird es nicht thun, denn sein Weib ist die Schwester von Omars Weib.«

»Dann werden wir angreifen, und es ist seine Schuld, wenn auch er getödtet wird. Gehe! Vielleicht erlasse ich Dir Deine Strafe.«

Der Untergebene gehorchte. Es dauerte eine ganze Weile ehe er zurückkehrte.

»Nun?« frug der Aga.

»Sihdi, er war sehr zornig und wollte mich tödten, weil ich es wagte, ihm einen solchen Antrag zu stellen.«

»Wie lautete seine Antwort?«

»Du sollst kommen und Dir den Mameluken holen.«

»Weiß er, wie viel wir sind?«

»Nein,« log Selim, um seine Lage nicht zu verschlimmern.

»Er glaubt vielleicht, daß wir weniger zählen als die Seinen. Wir greifen an. Bringst Du mir die Schädel von fünf Feinden, die Du selbst getödtet hast, so werde ich Dir verzeihen. Vorwärts! Wir umzingeln die Uah, und wenn ich das Zeichen gebe, fallen wir ein und tödten Alles, was sich widersetzt. Alles, was wir finden, ist Euer Eigenthum.«

Dieses letztere Versprechen war darauf berechnet, die Tapferkeit der Janitscharen anzuflammen, und erreichte auch ganz diesen Zweck. Sie theilten sich in zwei Haufen, um das Lager von allen Seiten zu nehmen.

Tiefe Stille lagerte auf der Wüste; aber nach einiger Zeit erscholl der schrille Schrei des Adlers, und sofort wurde es laut im Duar.

Befehlende Stimmen ertönten, Flüche erschallten, Schüsse krachten. Dann warf man die Flinten fort und arbeitete nur mit dem Messer. Nach und nach mischten sich auch weibliche Stimmen in den Lärm. Die Janitscharen waren zu übermächtig, sie siegten. Es war eine Scene, wie sie so wild, so schauerlich und unmenschlich nur in der Sahara vorkommen kann, wo in den Adern das Blut so glühend fließt, wie der Sonnenbrand über die Dünen des wandernden Sandes. Hier und da huschte die Gestalt eines fliehenden Mameluken zwischen den Zelten hervor und verschwand in der Wüste. Erst mit dem grauenden Tage war Alles beendet.

Der Aga stand, aus mehreren Wunden blutend, in der Mitte des Duar. Vor ihm lagen fünf Köpfe, welche Selim gebracht hatte.

»Es ist gut! Dir sei verziehen. Zähle die Todten!«

Während Selim diesen Auftrag ausführte, trat der Aga zu den Gefangenen. Es waren lauter Frauen; kein einziger Mann befand sich darunter; sie waren Alle, außer denen, die sich durch die Flucht gerettet hatten, getödtet worden.

Die Frauen bildeten eine erschütternde Gruppe; die meisten von ihnen hatten von den wilden Janitscharen die ärgsten Mißhandlungen zu erleiden gehabt. Unweit von ihnen saßen Sobeïde und Ayescha an der Erde; vor ihnen lagen Remusat, Omar und Katombo ausgestreckt. Die beiden ersteren waren todt; der letztere hatte eine schwere Hiebwunde über den Kopf erhalten und befand sich ohne Bewußtsein. Sobeïde weinte über der Leiche ihres Mannes, und Ayescha gab sich unter einer Fluth von Thränen Mühe, das Blut zu stillen, welches aus Katombos Wunde floß, und ihn in das Leben zurückzurufen.

Das kalte Auge des Aga überflog die Gruppe.

»Wie heißest Du?« frug er Ayescha.

Sie nannte ihren Namen.

»Und dieser Mann?«

»Es ist Nurwan-Pascha, der Großadmiral des Sultans,« antwortete sie stolz und drohend. »Du hast ihn verwundet und die Seinen getödtet. Wehe Dir, wenn es der Großherr erfährt!«

Er lachte höhnisch auf.

»Ich bin der Aga des Vizekönigs. Dein Sultan kann mir nichts thun, denn ich habe nur meinem Herrn zu gehorchen.«

Er wandte sich gegen Sobeïde.

»Wie heißest Du?«

»Sobeïde.«

»Du bist die Tochter von Manu-Remusat?«

»Ja.«

»Und das Weib von Omar-Bathu?«

»Ja.«

»Ist dieses Mädchen Dein Kind?«

»Ja.«

»Weine nicht, denn Deine Traurigkeit soll in Herrlichkeit und Freude verwandelt werden. Du bist für das Harem des Vizekönigs bestimmt und Deine Tochter soll wie eine Prinzessin erzogen werden.«

Ihr Auge leuchtete trotz der Thränen zornig auf.

»Eher werde ich mich tödten!«

Sie zog das Messer, welches im Gürtel des todten Omar stak; aber mit einer schnellen Bewegung ergriff der Aga ihre Hand.

»Selim!«

Der Janitschar trat herbei.

»Ich übergebe Dir dieses Weib und dieses Kind. Sie werden von den übrigen Gefangenen abgesondert, denn ihre Bestimmung ist eine vornehme; aber Du hast über sie zu wachen, daß ihnen kein Leid geschehe oder sie es sich selbst thun.«

Sobeïde warf sich um den Hals ihrer Schwester, um sich nicht von ihr trennen zu lassen. Die Beiden umfingen sich mit aller Kraft, deren ihr zarter Körper fähig war, aber es half ihnen nichts; sie wurden auseinander gerissen. Selim führte Sobeïde und das Mädchen nach einem Kameele, dessen Tachterwahn sie besteigen mußte.

»Grausamer, tödte mich!« rief Ayescha im höchsten Schmerze.

»Das darf ich nicht. Du bist schöner als sie, und ich möchte Dich gern mit ihr dem Vizekönig zuführen, aber Du bist das Weib des Kapudan-Pascha, und ich darf Dich nicht anrühren und ihn nicht tödten. Du bleibst bei ihm zurück, um ihn zu pflegen.«

»So laß mich Abschied nehmen von der Schwester!«

»Thue es!«

Es war ein kurzer herzzerreißender Augenblick, der die Schwestern noch vereinigte. Mittlerweile wurden auch die übrigen Frauen und Kinder auf die Kameele vertheilt; ihr Schicksal war, verkauft zu werden. Nachdem die verwundeten Janitscharen verbunden waren, rüstete man sich zum Aufbruche. »Trennt Euch!« gebot der Aga den Schwestern, und zu Ayescha gewendet fuhr er fort: »Ich lasse Dir Alles da, was Nurwan-Pascha gehört, denn ich darf ihn nicht berauben. Sage ihm, daß ich ihn geschont und nur meine Pflicht gethan habe. Ihr werdet nicht lange allein sein, denn mehrere der Eurigen sind geflohen und werden wieder zurückkehren, sobald wir die Uah verlassen haben. Sallam aaleïkum, Friede und Heil sei mit Dir und denen, die Du liebst!«

Die Reiter stiegen auf, und die Karawane setzte sich unter dem Klagegeschrei der davongeführten Frauen und Kinder in Bewegung. Wie eine lange riesige Schlange wand sie sich nach Osten hin in die Wüste hinaus, und bald war ihr Kopf und dann auch ihr Schwanz verschwunden. Ayescha befand sich mit dem Verwundeten und ihrem Kinde allein in der weiten Einsamkeit.

Sie kniete nieder und betete, nicht wie eine Muhammedanerin, sondern wie eine Christin zu Isa Ben Marryam, dem Gottessohne, der in die Welt gekommen ist um zu rufen: »Kommet her, Alle, die Ihr mühselig und beladen seid; ich will Euch erquicken und erretten!«

Dann zog sie den Körper Katombos bis an den Quell, um die klaffende Wunde zu waschen. Bei dieser Bemühung kehrte ihm das Bewußtsein zurück. Er schlug die Augen auf und erkannte sein Weib.

»Ayescha!« hauchte er.

»Hier bin ich, mein Geliebter!«

»Wo ist Almah, unser Kind?«

»Hier, sie ist gerettet.«

»Und die Andern?«

»Gefangen und fortgeführt.«

»Und Sobeïde?«

»Ist mitgefangen.«

»Omar und Dein Vater?«

»Todt! Hier liegen sie.«

Er wandte langsam das verwundete Haupt. Sein Auge fiel auf die beiden Leichen; es sah auch die große Zahl der umherliegenden Todten; er schloß es wieder. Die Ohnmacht nahm ihn gefangen.

Die Frauen des Orientes werden nur für den zukünftigen Mann erzogen, und da der Orientale vorzugsweise Krieger ist und unter der Möglichkeit steht, öfters verwundet zu werden, so gibt es selten ein Weib, welche nicht mit der Behandlung der Wunden bekannt ist. Auch Ayescha wußte sehr wohl, was für einen solchen Fall zu thun sei. Sie suchte unter dem Grün nach einer schmerzstillenden Pflanze und fand sie auch. Nachdem sie eine Menge davon gesammelt hatte, zerdrückte sie dieselben, ließ den Saft in die Wunde träufeln, legte die ausgedrückten Pflanzen auf und verband dann den Kopf.

Diese Behandlung schien dem Kranken wohlzuthun; er fiel in einen tiefen Schlaf, welcher ihn erst am nächsten Morgen wieder aus seinen wohlthätigen Armen entließ. Die Scene, welche gestern sein mattes Auge erblickt hatte, war noch dieselbe. Er mußte sich erst besinnen.

»Ist Alles todt?« frug er dann.

»Nur Einige sind entkommen.«

»Warum verschonte man mich und Dich?«

»Deines Ranges wegen.«

»Und Sobeïde – warum nahm man sie mit fort?«

»Sie ist für das Harem des Vizekönigs bestimmt.«

»Allah inhal, Gott verdamme ihn! Pflege mich und gib mir fleißig Wasser und Pflanzensaft, damit ich gesund werde und sie Alle an ihm rächen kann.«

»Da wirst Du viele Wochen warten können!«

»Gott ist groß und allmächtig. Er kann Alles. Und mein Körper ist stark. Fürchtest Du Dich allein zu sein?«

»Ich fürchte mich vor den Todten, und in dieser Nacht waren die Hyänen und Schakals hier in der Nähe. Werden die Entflohenen zurückkehren?«

»Sie werden kommen wenn sie merken, daß sich die Mörder entfernt haben.«

Er schlummerte wieder ein.

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