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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 55
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Er schlich sich hinunter in den Raum und trat hier vor einen aus starken Bohlen ausgeführten Verschlag, der so niedrig war, daß ein Mann kaum aufrecht darin sitzen konnte. Er klopfte.

»Katombo, Herr Katombo!«

»Wer ists?« frug es von innen.

»Kennen Sie den Schmied Brandauer, bei dem Sie gewohnt haben?«

»Natürlich, wer ist draußen?«

»Kennen Sie auch den Lehrjungen Thomas, der das B wie P ausspricht?«

»Ja.«

»Ich bin sein Bruder, der Balduin, von dem er so viele Cigarren geraucht hat, zwei Stück für drei Pfennige, Sie haben auch eine bekommen damals, Sie wissen schon!«

»Du bist der Bruder des Thomas? Was thust Du hier?«

»Ich bin Schiffsjunge.«

»Wohin ist der "Drache" bestimmt?«

»Er war bestimmt zum Kreuzen, kehrt aber jetzt nach Norland zurück, weil er einen sehr wichtigen Gefangenen gemacht hat!«

»Wen?«

»Malek-Pascha.«

»Maschallah, den Großvezier?«

»Ja. Wir haben ihn in einer Feluke aufgegriffen, in der er nach Tenedo wollte.«

»Und die Mannschaft der Feluke?«

»Ist auch kriegsgefangen.«

»Wo?«

»Drüben im Raume.«

»Wo sind meine Leute?«

»Die Türken sind im Backbord-, die Ihrigen im Steuerbordraume untergebracht.«

»Wo ist Manu-Remusat?«

»Bei ihnen.«

»Und meine Frau?«

»Ihre Frau? Haben Sie eine Frau? Ah, die verschleierte Dame in der Kajüte des Herzoges!«

»In der Kajüte des Herzoges? Maschallah, wer hat sie dort einquartiert?«

»Der Herzog selbst, er begnügt sich mit dem Nebenraume.«

»Hat er ihr Gesicht gesehen?«

»Nein; das weiß ich sehr genau, denn ich habe seine und ihre Bedienung. Sie ist verteufelt kouragirt und hat beim Essen ein Messer zurückbehalten, mit dem sie sich erstechen will, wenn Jemand ihre Kleidung anrührt.«

»Willst Du mir eine Botschaft an sie ausrichten?«

»Wollen Sie nicht selbst mit ihr sprechen?«

»Willst Du mich verführen?«

»Fällt mir gar nicht ein! Meister Brandauer hat Sie gerettet, und was der kann, das kann ich auch. Ich werde Sie befreien.«

»Wirklich!« jauchzte es hinter der Bohlenwand auf.

»Ja. Sie fliehen, und ich reiße mit aus, denn ich habe diese ewige Prügelei satt.«

»Aber wie es anfangen? kannst Du mir öffnen?«

»Ja; der Verschluß besteht ja nur in zwei hölzernen Riegeln.«

»Kannst Du mir einen Matrosenanzug besorgen?«

»Ja. Tom hat einen in seiner Kiste und wird es nicht gleich merken, wenn ich ihn mir einmal heimlich borge.«

»Also die Gefangenen sind alle im Raume untergebracht?«

»Ja.«

»Wo schlafen die Offiziers?«

»In ihren Kajüten.«

»Und die Marsgasten (Matrosen) und Soldaten?«

»Unter Vorderdeck.«

»Kann man dies nach oben hin von außen verschließen?«

»Ja.«

»Die Kajüten auch?«

»Ja.«

»Kann ich von hier aus zu meinen Leuten?«

»Sehr leicht.«

»Wie viele Mann halten die Wache?«

»Zwanzig, ohne dem Offizier.«

»Geht mein Fahrzeug noch am Schlepptau?«

»Ja. Man hat es ganz genau untersucht, aber nichts weggenommen.«

»Wo hat man unsere Waffen hingethan?«

»In die Handwaffenkammer.«

»Wie gelangt man dorthin?«

»Nur durch die Kapitänskajüte, die der Kommandeur jetzt dem Herzog abgetreten hat und wo nun Ihre Frau wohnt.«

»Ah, es wird gehen. Danken kann ich Dir jetzt nicht, sondern später. Sind große Nägel an Bord?«

»So viele Sie wollen. Wozu?«

»Zum Vernageln der Kajüten und Luken. Besorge so viele Du kannst und einige Hämmer dazu an einen Ort unter dem Decke, wo sie nicht vorzeitig bemerkt werden. Mir bringst Du ein scharfes spitzes Messer.«

»Ich kann mehr als ein Dutzend bringen, der Koch hat deren genug.«

»Gut. Wann wirst Du kommen?«

»Zur nächsten Wache, wenn Alles schläft.«

»Kannst Du noch einmal zu meiner Frau gehen?«

»Ja. Die Offiziers sind alle bei Tafel.«

»So bereite sie vor und sieh zugleich nach, ob der Eingang zur Waffenkammer offen ist!«

»Wirs Alles geschehen, Herr Katombo!«

Er ging, und der Gefangene blieb in einer unbeschreiblichen Aufregung zurück. Er lag im engen Kerker; sein Weib befand sich in den Händen des Herzoges, von dem Alles zu erwarten stand, wenn nicht schleunige Hülfe ermöglicht wurde – er lebte wie im Fieber, ob vor Grimm oder allzureger Ungeduld und Erwartung, er wußte es selbst nicht. Die Minuten dehnten sich aus zu Ewigkeiten, bei jedem Laute und jedem Geräusche horchte er auf. In seinem finstern Loche konnte er den Lauf der Zeit nicht verfolgen, und schon glaubte er, daß der Schiffsjunge ihn nur geäfft habe oder wenigstens verhindert worden sei, sein Versprechen zu erfüllen, da, da endlich! vernahm er leise Schritte, die sich seinem Käfige näherten. Die Riegel wurden zurückgeschoben, und eine leise Stimme sprach:

»Jetzt kommen Sie heraus!«

Katombo kroch hervor und streckte mit einer wahren Wollust seine Glieder. »Hast Du die Messer?«

»Ja; Schlachtmesser, Vorschneidemesser und Tischmesser eine ganze Menge, und hier ist auch ein Schiffssäbel für Sie.«

»Die Nägel?«

»Liegen bereit, in der großen Taurolle am Mittelmast. Es sind vier Hämmer dabei; ich habe Alles dem Zimmermann genommen.«

»Warst Du bei meiner Frau?«

»Ja. Sie fürchtet sich um Sie und läßt Sie bitten, ja doch Ihr Leben zu schonen.«

»Wie steht es mit der Waffenkammer?«

»Die ist verschlossen, aber ein Fußtritt bricht die Thür sehr leicht ein.«

»Wie steht es oben?«

»Es schläft Alles, und die Wachen ahnen nicht das Geringste.«

»So führe mich zu den Meinen.«

»Kommen Sie!«

Er faßte ihn bei der Hand, zog ihn durch den Raum und brachte ihn vor eine Thür, hinter welcher man ein Geräusch vernahm, als ob menschliche Körper im Stroh raschelten.

»Hier ist es.«

Katombo tastete und fühlte drei Riegel, welche er zurückschob.

»Wer da?« frug es laut von innen.

Er öffnete.

»Remusat sprich leise. Ich bin es, Katombo.«

»Katombo? Hamdullillah, Preis sei Gott, Du bist frei?«

»Ja. Wollt Ihr es auch sein?«

»Frage nicht, sondern gib uns Waffen!«

Sie waren Alle aufgesprungen und streckten ihm ihre Hände entgegen. »Ja, Waffen, Waffen her, damit wir frei werden!«

Katombo drängte sie zurück.

»Ihr Männer, hört, was ich Euch sage: Wir wollen nicht nur frei sein, sondern wir wollen auch das Schiff haben, auf dem wir uns befinden, sonst holen Sie uns schon nach einigen Stunden wieder. Die ganze Besatzung schläft, außer den Deckwachen. Hier habt Ihr jeder ein Messer. Wir schleichen uns hinauf und beseitigen die Wachen ohne alles Geräusch. Darauf kommt Alles an, denn wenn vorzeitiger Lärm entsteht, so sind wir verloren. Wir kriechen also am Boden hin, ein Jeder bis zu seinem Mann. Du, Ali, schleichst Dich in die Kapitänskajüte, um die Tochter Deines Herrn zu schützen; sie ist dort. Ihr drei, Hafis, Bako und Rahman, kriecht bis zum Mittelmast; dort liegt eine Taurolle, in welcher Nägel und Hämmer liegen. Für den Fall, daß je ein Ruf ausgestoßen wird, der uns schaden könnte, springt Ihr dann gleich vor und vernagelt schleunigst die Vorder- und Hinterluke nebst dem Eingang zur Offizierskajüte. Jeder von Euch eins von diesen Dreien. Wir Andern machen die Wachen stumm. Das Übrige muß sich dann aus den Verhältnissen ergeben. Seid Ihr einverstanden?«

»Ja!« flüsterte es rund im Kreise, und nur Remusat setzte hinzu:

»Wie befindet sich Ayescha?«

»Gut. Also vorwärts – halt!«

Er streckte den Arm vor um sie zurückzuhalten, denn oben erschallten Schritte.

»Der Offizier von der Runde,« bemerkte Baldrian ängstlich.

»Kommt er herab?«

»Jedenfalls.«

»Desto besser. Komm, Vater! Ihr Andern wartet noch!«

Er lehnte die Thür nur an, ohne sie zu verriegeln, und schlüpfte mit Manu- Remusat hinter die Treppe. Wirklich näherten sich die Schritte und kamen die engen Stufen herab. Es war derselbe Lieutenant, welcher den Sandal bestiegen hatte. Er trug eine Blendlaterne und wollte sich jedenfalls überzeugen, daß sich die Gefangenen in Sicherheit befänden. Als er die letzte Stufe überschritten hatte, tauchte Katombo aus seinem Winkel auf und faßte ihn von hinten bei der Kehle. Remusat erhob das Messer, doch Katombo mahnte:

»Nicht stechen! Ich brauche die Uniform.«

Er preßte die Kehle des Mannes so lange zusammen, bis dieser erstickt zu Boden sank.

Remusat hatte die Laterne ergriffen und leuchtete; Katombo zog dem Todten die Kleider aus und trat hinter die Treppe; bald kam er als Offizier hervor.

»Nun vorwärts! Jeder kennt seinen Platz und mag seine Schuldigkeit thun; ich brauche Euch nicht erst zu sagen, was auf dem Spiele steht.«

»Wollen wir die Türken nicht mit herauslassen?« frug der Schiffsjunge.

»Nein. Sie wären uns im Wege und könnten sehr leicht alles verderben. Vorwärts!«

Er schritt voran und blies die Laterne erst in der Nähe des Oberdeckes aus. Kaum auf dasselbe gestiegen, sah er eine Gestalt auf sich zukommen.

»Wer da!«

»Ronde!«

»Alles in Ordnung und nichts pas– – –«

»Passirt!« wollte der Deckoffizier sagen, kam aber nicht dazu das Wort vollständig auszusprechen, da ihm bei der ersten Silbe das Messer Katombos in das Herz fuhr.

Dieser schritt weiter und wurde noch von drei Posten angerufen, welche ganz dieselbe Antwort erhielten. Vorn am Steven traf er mit Manu-Remusat zusammen.

»Wie steht es?« frug er diesen.

»Es lebt Keiner mehr außer dem Steuermanne.«

»So komm! Zuerst nehme ich ihn, und dann nimmst Du das Steuer.«

Sie gingen nach hinten, Katombo mit lautem militärischem Schritte und Manu-Remusat eine Strecke hinter ihm, leise und schleichend.

»Ronde?« frug der Steuermann, aus seinem Hause tretend.

»Ronde!« antwortete Katombo in bejahendem Tone.

»Werden bald nach Nord fallen müssen, denn wir haben die Höhe von Kap Matapan bereits überschritten.«

»So überschreite auch die!«

Bei dem letzten, laut betonten Worte sank der nichtsahnende Mann, mitten in das Herz getroffen, zu Boden. Sofort tauchte Remusat empor.

»Maschallah, hast Du einen sicheren Stoß! Gerade als ob Du Djezzar Bei (Oberhenker) des Großsultans gewesen wärst! Also ich nehme das Steuer. Wie halten wir?«

»Den jetzigen Kurs, sonst müßten wir manövriren, und dazu haben wir jetzt die Leute nicht. Es ist ein großes Glück für uns, daß der "Drache" nur unter Segeln fährt, ginge die Maschine, so hätten wir den Streich kaum wagen können.«

»Was wirst Du jetzt thun?«

»Ich werde – – ah, da kommt der, den ich brauche!« Und zu dem Schiffsjungen gewendet, welcher jetzt herbeigesprungen kam, frug er: »Wo schlafen der Maschinist und die Feuerleute?«

»Dort im Langboote, wenn des Nachts nur gesegelt wird. Sie haben des Tages so viel Hitze auszustehen, daß sie des Abends das kühle Deck aufsuchen. An sie habe ich gar nicht gedacht; die hätten Alles verderben können!«

»Dann ist es gut, daß wir so leise gewirthschaftet haben, daß sie uns nicht hören konnten. Wie kommt man zu den Speisevorräten und dem Wasser?«

»Durch die Kambuse (Küche).«

»Also braucht man die andern Räume nicht zu berühren?«

»Nein. Es führt nur diese eine Thür hinab in den Vorrathsraum, und der Proviantmeister hat den Schlüssel dazu.«

»Hamdullillah, so haben wir das Spiel gewonnen! Gibt es genug Laternen und Handspeichen?«

»So viele Sie wollen.«

»So komm!«

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