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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 54
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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»Wer ist der Befehlshaber dieses Fahrzeugs?« frug er.

»Ich,« antwortete Remusat.

»Wem gehört es?«

»Mir selbst.«

»Was hat es geladen?«

»Haus- und Wirthschaftsgeräth für mich.«

»Wo kommt es her?«

»Aus Siut.«

»Ah? Sollte dies die Wahrheit sein? Ein Nilschiff auf offener See! Wohin ist es bestimmt?«

»Nach Msarata.«

»Wo haben Sie Ihre Papiere?«

»Ich habe keine, ich bin ein Flüchtling.«

»Interessant!« lächelte der noch sehr junge Mann. »Um aus Egypten zu fliehen, fährt man von Siut aus durch ganz Egypten und geht mit einem Nilkahne unter Klippertakelage nach Msarata, welches unter der gleichen Oberhoheit des Sultans steht. Wie ist Ihr Name, mein Herr?«

»Remusat.«

»Das ist ein sehr berühmter Name, denn ich erinnere mich, von einem gewissen Remusat gelesen zu haben, der sehr Vieles über China, die Mongolei und Tibet geschrieben haben soll. Doch dieser Mann hat vor verschiedenen Jahrhunderten gelebt, und Sie können es also nicht sein, sonst hätte ich mich aus Rücksicht für Ihren schriftstellerischen Ruhm verabschiedet, ohne Sie weiter zu belästigen. So aber muß ich um die Erlaubniß bitten, Ihr Fahrzeug untersuchen zu dürfen!«

»Thun Sie es!«

Der Marineoffizier warf zunächst einen Blick auf dem Decke umher und bemerkte dabei:

»Diese guten Leute sind ja ganz außerordentlich bewaffnet!«

»Sie wissen wohl, daß bei uns jeder Mann berechtigt ist Waffen zu tragen; man braucht jedoch deshalb noch nicht ein Krieger zu sein.«

»Schön! Führen Sie mich zur Kajüte und in den Raum!«

Remusat begleitete ihn, während alle Andern auf dem Decke blieben. Als er wieder nach oben kam, zeigte seine Miene einen gewissen Grad von Unsicherheit.

»Ich habe allerdings nichts Verdächtiges bemerken können, und doch geben mir Ihre Angaben Grund zu dem Wunsche, Sie und die Ihrigen persönlich durchsuchen zu lassen. Wer auf offene See geht, bedarf ganz nothwendig derjenigen Papiere, durch welche er sich und seine Absichten zu legitimiren vermag.«

»Maschallah, Sie wollen einen Kapitän peinlich durchsuchen lassen!« brauste Remusat auf.

»Sie sind nicht Kapitän, sondern ein Privatschiffer, der mir dringend verdächtig erscheinen muß. Wollen Sie sich fügen?«

»Ich muß!«

Die Untersuchung wurde vorgenommen, ohne allen Erfolg, und schon glaubte sich Manu-Remusat frei, als der Offizier achselzuckend meinte:

»Auch das kleinste Fahrzeug kann ein sicheres Versteck für geheime Schriften, Depeschen und dergleichen haben. Was birgt dort das Zelt?«

»Meine Tochter.«

»Ah! Ich werde sie begrüßen.«

Er trat näher und öffnete den Vorhang. Die Hand Katombos fuhr nach dem Griffe seines Dolches, doch der Offizier machte vor der tief Verschleierten nur eine sehr höfliche Verbeugung und trat dann zurück. »Ich wünschte gern, Ihnen die Erlaubniß geben zu können, Ihren Kurs fortzusetzen, sehe mich aber leider außer Stande dazu. Wo ist Ihr Steuermann?«

»Hier,« antwortete Katombo.

»Sie Beide werden mich an Bord meines Schiffes begleiten, damit ich Sie dem Kapitän vorstelle. Er mag das Weitere verfügen.«

Zu einer Widerrede oder gar einem ernstlichen Widerstande wäre es nun zu spät gewesen. Die beiden Aufgeforderten mußten in das Boot steigen und wurden an das Schiff gerudert, unter dessen Spriete man die in goldenen Lettern abgefaßte Inschrift "Der Drache" lesen konnte. Sie stiegen das herabgelassene Fallrepp empor und wurden von einigen Schiffssoldaten in Empfang genommen, während der Lieutenant nach dem Quarterdecke schritt, um dort seinen Rapport abzustatten.

Nach einigen Augenblicken kehrte er zurück um sie zu holen. Unter einem luftigen Zelte saßen die Offiziere beisammen; einer von ihnen, welcher eine etwas reservirte Haltung eingenommen hatte, saß etwas weiter zurück. Der Kapitän erhob sich nicht bei dem Erscheinen der beiden Männer, er nickte nur leichthin mit dem Kopfe.

»Ich habe Ihre Angaben vernommen,« meinte er. »Haben Sie in Allem die Wahrheit gesagt?«

»In Allem.«

»Haben Sie etwas hinzuzufügen?«

»Nein.«

»Ihr Name ist Remusat?«

»Ja.«

»Vielleicht gar Manu-Remusat?«

»Allerdings.«

»Dann sind Sie der einstige Freund des Vizekönigs von Egypten?«

»So ist es.«

»Dann habe ich allerdings keinen Grund, die Wahrheit Ihrer Angaben zu bezweifeln.«

»Und dennoch enthalten sie Lügen, Kapitän,« fiel der Reservirte ein, welcher die Uniform eines Volontärs ohne alle Abzeichen trug. »Bitte, fragen Sie einmal dort den Steuermann, ob er nicht Katombo heißt!«

Bei dem Klange dieser Stimme fuhr Katombo herum und beim Anblicke des Sprechers überzog eine tödtliche Blässe sein Angesicht. Wie kam dieser Mann, sein Peiniger, sein Henker, sein Todfeind auf die See? Er hatte keine Zeit, über diese Frage nachzudenken, denn soeben erklang es aus dem Munde des Kapitäns:

»Wie heißen Sie?«

Er faßte sich und antwortete so fest wie möglich:

»Katombo.«

»Sehen Sie, Kapitän, daß ich Recht habe?« meinte der vorige Sprecher.

»Dieser Mensch ist ein vormaliger Zigeuner, welcher einst in meinen Palast eindrang um zu stehlen. Er wurde ertappt und entkam, nachdem er einen meiner Diener erstochen hatte. Seine eigene Mutter, welche wohl für ihn Wache gestanden hatte, mochte er in der Aufregung verkennen und für eine für ihn gefährliche Person halten, er faßte sie und warf sie in den Fluß, aus welchem man sie einige Tage später als Leiche auffischte.«

Katombo's Züge waren jetzt womöglich noch bleicher geworden.

»Lügner! Schurke! Mörder!« knirschte er. »Du selbst hast Sie ertränkt, jetzt hast Du Dich verrathen! Erst raubtest Du mir die Geliebte, dann nahmst Du mich widerrechtlich gefangen, und als – – –«

»Halt!« donnerte da der Herzog von Raumburg. »Kapitän, Sie hören, daß dieser Mensch wahnsinnig ist. Ich bin bei Ihnen an Bord gegangen, um meine Anschauungen in Betreff des Marinewesens praktisch zu erweitern, nicht aber, um mich von einem Mörder und Vagabunden insultiren zu lassen. Thun Sie Ihre Pflicht. Sie hören ja, daß der Mann identisch mit der Person ist, die ich meine!«

Der Kapitän gab einen Wink, und sofort legten sich zehn eisenfeste Matrosenhände um Katombo, der sich gegen eine solche Umschlingung nicht zu wehren vermochte.

»Vater, ich bin unschuldig, sage es Ayescha!« konnte er Manu-Remusat noch zurufen; dann wurde er unter das Verdeck geschleift.

Der Letztere war über diesen unerwarteten Vorfall so erschrocken, daß er nicht die kleinste Bewegung unternommen hatte, seinem Schwiegersohn zu Hilfe zu kommen. Jetzt wandte er sich an den Kapitän:

»Kapitän, hier liegt ein fürchterlicher Irrthum vor! Bei Allah und dem Propheten, ich gebe meine Ehre und mein Leben zum Pfande, daß dieser Mann, der der Mann meiner Tochter ist, niemals das gethan hat, dessen man ihn beschuldigt!«

»Der Mann Ihrer Tochter? Ihre Ehre zum Pfande! Es ist höchst unvorsichtig, dieses uns zu sagen, denn nun erhalten Ihre Angaben und gegenwärtigen Intentionen eine Beleuchtung, welche mir Veranlassung gibt, mich auch Ihrer Person zu bemächtigen. Sie sind mein Gefangener, und, merken Sie wohl, nicht nur mein Kriegs-, sondern auch mein Kriminalgefangener. Über Ihr Schiff und angebliches Eigenthum behalte ich mir weitere Bestimmungen vor!«

Er wurde ungeachtet aller seiner Protestationen abgeführt.

Die Bemannung eines zweiten Bootes stieß zu den acht Leuten, welche sich bereits an Bord des Sandals befanden. Sie holten die Untergebenen Manu-Remusats als Gefangene an Bord des Kriegsschiffes. Dann wurde der Sandal an das Schlepptau genommen; der "Drache" ließ seine Maschine spielen; die Segel wurden wieder gehißt, und die Fahrt begann von Neuem.

Währenddem begann es schnell zu dunkeln. In einer der Mittelkabinen saß ein Mann in türkischer Tracht, mit dem weltbekannten rothen Fez auf dem Kopfe. Er schien in sehr ernstes Sinnen versunken; seine Brauen hatten sich zusammengezogen, und sein Mund zuckte hin und wieder, wenn er einen Blick durch das kleine runde Fenster warf, welches einen begrenzten Blick hinaus auf die See gestattete. Da klopfte es an die Thür, und auf seinen Ruf erschien ein Schiffsjunge mit einem ziemlich gut belegten Speisebrette in der Hand.

»Guten Abend, Herr Pascha!«

»Guten Abend!«

»Hier ist Ihr Essen. Haben Sie sonst einen Wunsch?«

»Melde mich dem Kapitän!«

»Das darf ich nicht, Herr Pascha, denn er will gar nicht mehr mit Ihnen reden, weil Sie immer Wünsche bringen, sagt er, die er nicht erfüllen kann. Und außerdem hat er heut gar schrecklich viel zu thun.«

»Wohl wegen dem Fahrzeuge, welches er wieder weggenommen hat?«

»Ja.«

»Wo war es her?«

»Hm, aus Egypten.«

»Wem gehörte es?«

»Wunderlicher Name! Einem gewissen Manu-Remusat.«

Der Türke wäre vor Überraschung beinahe in die Höhe gesprungen, wenn er sich nicht besonnen hätte, daß er dann mit dem Kopfe an die allzuniedrige Decke gestoßen hätte.

»Manu-Remusat? Ist er gefangen wie ich?«

»Ja; er und seine Leute.«

»Wie viele sind es?«

»Mit ihm und dem Steuermann achtzehn.«

Der Türke schwieg einige Augenblicke; dann frug er fast leise:

»Sagtest Du mir nicht einmal, daß Ihr mit dem Kapitän und den Offizieren nicht zufrieden seid?«

»Hm, ja! Verdammt viel Prügel und verteufelt wenig zu essen! Ich sagte Ihnen das aber nur, weil Sie ein so guter und unglücklicher Herr sind.«

»Höre, Junge, wie heißest Du?«

»Balduin Schubert.«

»Hast Du Eltern und Geschwister?«

»Nur einen Bruder, den Thomas, der ein Schmiedelehrjunge ist.«

»Willst Du reich werden?«

»Donnerwetter, alle Tage, wenn es sein muß!«

»Kannst Du es nicht so weit bringen, daß ich einmal heimlich mit diesem Manu-Remusat sprechen kann?«

»Nein, nein, das geht nicht, denn da bekäme ich die neunschwänzige Katze viel schlimmer als vorher. Gute Nacht, Herr Pascha!«

Wie ein Wind war er zur Thür hinaus und riegelte die Kabine zu. Draußen in dem engen Raumgange blieb er nachdenklich stehen.

»Ob ich es wohl wage? Wo er steckt, das weiß ich, und alle Mannen denken, daß ich nun bereits in meiner Koje schlafen werde bis zur nächsten Wache! Der Thomas hat mir so viel von ihm erzählt, wie er unschuldig gefangen gewesen ist, wie ihm der Herzog seine Liebste genommen hat, wie der gute Meister Brandauer sein Freund geworden ist und ihm nachher viel Geld gegeben hat, so daß er in die Fremde gehen konnte, um etwas Ordentliches zu sehen und zu lernen. Wie prächtig wäre es doch, wenn ich einmal nach Hause käme und zu dem Thomas und dem Brandauer sagen könnte, ich habe ihn auch gerettet! Ja, gut, ich werde zu ihm gehen!«

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