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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Er brauchte nicht laut zu rufen, sondern nur zu winken, da der Mameluk ohne Unterlaß herüberblickte. Auf das Zeichen hin kam er näher und trat über die Laufplanke an Bord.

»Sallam aaleïkum!«

»Aaleïkum! Wen suchst Du?«

»Ich darf den Namen dessen, den ich suche, nicht nennen.«

»Wer hat es Dir verboten?«

»Mein Herr, Omar-Bathu, der Mamelukenbei. Ich soll hier zwei Männer und ein junges Weib aufsuchen und dann schnell zurückkehren, um zu melden, daß sie die See glücklich erreicht haben.«

»Du hast sie gefunden. Wie geht es meiner Tochter?«

»Mein Herr läßt Dir sagen, daß sie gesund und glücklich ist, nur betrübt sie sich, daß Du nicht bei ihr sein kannst mit der Schwester und dem Sohne.«

»Wie ist es möglich, daß Du so schnell nach Alexandrien gekommen bist.«

»Mein Herr gab mir zwei seiner besten Djemmels mit, ein Bischerihnhedschin und eine Tuaregfalle.«

»Und warum kamst Du nicht gleich zu mir, als Du mich erblicktest?«

»Ich erkannte Dich sofort, aber ich wußte nicht, ob dieses Schiff das Deinige sei, denn mein Herr hat es mir anders beschrieben.«

»Hast Du mir sonst noch etwas zu sagen.«

»Ja. Der Kaschef von Siut ist ermordet worden mit zehn seiner Khawassen; man weiß es bereits in Kairo und meint, daß Du es gewesen bist. Verweile Dich nicht länger in Alexandrien!«

»Ich werde Deinen Rath befolgen, doch komme herunter und stärke Dich mit Speise und Trank!«

»Dieses darf ich nicht eher thun, als bis ich die Befehle meines Herrn erfüllt habe. Willst Du, Sihdi, daß ich Dir einen Lootsen schicke, der draußen in Rosette wohnt und Dich des Nachts ganz sicher aus dem Hafen bringen wird? Es ist der Bruder meines Weibes.«

»Thue es, und zehn Goldstücke sind Dein eigen!«

»Gib sie ihm, wenn Du sie geben willst. Ich aber habe Omar-Bathu zu gehorchen und darf nichts von Dir nehmen. Sallam aaleïkum!«

Er sprang über die Laufplanke hinüber und verschwand in dem Getriebe der Menschen, welche am Ufer auf- und niederwogten.

Das Erscheinen des Mameluken hatte alle Zweifel und Bedenken beseitigt; es wurde alles zur Abfahrt gerüstet, und während dessen erwarteten sie seine Wiederkehr. Aber er kam nicht; es begann bereits zu dunkeln, und schon wollte sich ein böser Argwohn sowohl bei Remusat als auch bei Katombo geltend machen, als ein Mann die Planke betrat, den man sofort als einen Schiffer erkannte.

»Wer bist Du?« frug Remusat.

»Mein Name ist Tiba-Ben-Afram. Mich sendet mein Bruder.«

»Wer ist Dein Bruder?«

»Du hast ihn bereits gesprochen, Sihdi, als er Dir Grüße brachte von Omar-Bathu, dem Mamelukenbei.«

»Wo ist er?«

»Zurückgekehrt zu seinem Herrn, denn er weiß, daß ich Dich sicher aus dem Hafen bringen werde.«

»Warum kam er nicht noch einmal her mit Dir?«

»Er fürchtete Deine Belohnung.«

»Wann können wir fahren?«

»Sogleich, wenn Du befiehlst, Sihdi. Es ist guter Wind und in zehn Minuten bricht die Nacht herein.«

»Wo hast Du das Boot, in welchem Du zurückkehren wirst?«

»Es wartet mein draußen auf der Rhede.«

»So laßt uns beginnen.«

»Im Namen des allbarmherzigen Gottes!« fügte der fromme Muselmann bei, indem er das Haupt dreimal mit der Hand berührte und sich nach der Gegend von Mekka tief verneigte.

Jetzt wurden die Anker gelichtet und die Segel emporgezogen. Der Aufbruch des Sandals fiel keinem Menschen auf, da jeder Beobachter denken mußte, daß er nur hinaus nach Rosette wolle. Dort angekommen, ging er aber nicht vor Anker, sondern beschrieb einen weiten Bogen um den Quai herum und hielt dann auf die offene See zu.

Der Lootse stand ganz vorn am Bug und gab laut seine Weisungen; Katombo selbst stand am Steuer und lenkte das Schiff. Der Abend war sehr dunkel, und die Sterne hatten das Himmelsgewölbe noch nicht erstiegen. Nach und nach wurden die Kommandos des Lootsen immer leiser, bis er plötzlich ein Licht ergriff und dreimal hoch im Kreise schwenkte, ehe er es wieder hinter den Schirm stellte, wo es gestanden hatte.

Der Pfiff einer Möve war die Antwort auf dieses Signal, und gleich darauf sah man ein Boot dem Sandal nahen.

»Werft eine Leine aus, es ist mein Kahn!« erklärte der Lootse.

Als dies geschehen war, schwang sich ein Knabe von kaum vierzehn Jahren an Bord, während das Boot im Schlepptau nachgezogen wurde.

»Hast Du den Feind gesehen?« frug der Vater den Sohn.

»Ja.«

»Und warst nahe an ihm?«

»Ja.«

Dabei nickte der Knabe mit einer Miene, als ob dies etwas sehr Leichtes und Selbstverständliches sei.

»Wo befindet er sich?«

»Er segelt Nord bei Ost und gerade Ost von hier, um nach Damiette zu gehen.«

»So sind wir sicher. Gebt vorn eine Laterne aus, damit ich das Fahrwasser erkenne!«

Diesem Befehle wurde Folge geleistet, und nun gab er seine Kommandos wieder laut vom Buge aus, und trotz der Gefährlichkeit des Fahrwassers gelangten sie nach noch nicht zwei Stunden in die offene freie See.

Jetzt wollte sich der Lootse verabschieden, und Manu-Remusat zog eine Handvoll Goldstücke hervor.

»Hier nimm! Du hast es reichlich verdient.«

»Sihdi, behalte Dein Geld und gedenke mein! Mein Bruder bat mich, Dich durch die Blokade zu bringen, und ich habe es gethan, weil es ihm und Allah gefällig war. Dein Dank ist mir lieber als das Gold, welches Du mir bietest!«

Er trat an die Regeling und sprang trotz der Dunkelheit mit einer wahrhaft virtuosen Sicherheit hinunter in das Boot. Sein Sohn folgte ihm mit ganz derselben Gewandtheit.

»Sallam aaleïkum!« hörte man noch den Gruß der Beiden; die Wogen hoben das Boot empor, ein Wellenthal verbarg es wieder; dann – war die letzte Verbindung mit der Heimath zerrissen.

Manu-Remusat trat zu Katombo.

»Glaubst Du, daß es gute Menschen gibt, die Allah lieben muß?«

»Ich glaube es, denn dieser Mann hat es bewiesen.«

»Allah segne ihn und seinen Bruder, sammt uns allen, die zu uns gehören, obgleich wir sie verlassen mußten! Jetzt aber gib mir das Steuer und gehe zur Ruhe; Du bedarfst ihrer, denn morgen mußt Du das Schiff regieren, während ich schlafe!«

Katombo folgte dem Gebote. Als er am Morgen erwachte, erblickte er ringsum nur Himmel und Wasser; das Schiff war glücklich aus dem gesperrten Hafen in die offene See gekommen. Des Nachts war dies noch nicht zu behaupten gewesen, da mit Anbruch des Tages sehr leicht einer der Kreuzer zurückgekehrt sein und bemerkt werden konnte.

Auch die Luft war günstig und das Wetter so schön, daß der Sandal fast anderthalb Tage lang seine Fahrt ohne die geringste Unterbrechung oder Störung machen konnte. Am Nachmittage des zweiten Tages saßen Remusat und Katombo bei Ayescha im Zelte, während einer der Leute das Steuer führte. Da trat Ali herbei, welcher mit zur Bemannung gehörte, und klatschte in die Hände, zum Zeichen, daß er etwas zu melden habe. An den Eingang des Zeltes durfte er sich nicht wagen, weil ein Weib sich in demselben befand. Katombo erhob sich und ging hinaus.

»Was gibt es, Ali?«

»Schau dorthin, Sihdi!«

Dabei deutete er mit der Hand fast gerade nach Nord.

»Ein Segel!« bemerkte Katombo.

»Ein Segel, Sihdi? Allah segne Deine Augen, aber einer von uns Beiden sieht falsch, und meine Augen trügen mich niemals!«

Katombo suchte den ganzen Horizont ab, konnte aber nur das entdecken, was er bereits gesehen hatte.

»Dann trügen sie Dich jetzt, denn es gibt nur dies eine Segel!«

»Sihdi, Du weißt, daß ich Ali-el-Hakemi-Ebn-Abbas-Ebn-er-Rumi-Ben-Hafis- Omar-en-Nasafi bin, und was ich sage, das ist wahr, denn dieses Schiff, das dort gefahren kommt, hat nicht nur ein, sondern viele Segel!«

Jetzt mußte Katombo lächeln.

»Jetzt hast Du Recht, Ali mit dem langen Namen! Dieses Schiff hat sehr viele Segel; aber der Seemann sagt nicht: dort kommt ein Schiff, sondern: dort kommt ein Segel. Das mußt Du Dir merken. Rufe den Emir-el-Reïsahn herbei.«

Manu-Remusat kam, und Katombo zeigte ihm das Segel.

»Zu welcher Flagge glaubst Du, daß es gehört?«

»Ich weiß es nicht und mag es auch nicht erfahren.«

»Soll ich etwas mehr Ost bei Süd halten?«

»Um ihm aus dem Kurse zu gehen? Nein, das ist nicht nothwendig, denn siehe, es geht ja ganz scharf auf Süd und wird uns nicht bemerken.«

»Aber es ging vorhin Süd bei Ost!«

»Das hat nur so geschienen; jetzt, da der Winkel offener ist, kann man es deutlicher sehen. Ich gehe wieder in das Zelt, komm nach, wenn es seinen Lauf nicht ändert!«

Er ging. Katombo beobachtete den Lauf des fremden Fahrzeuges. Dieses hielt allerdings ganz streng auf Süd; in einer Viertelstunde mußte es bereits verschwunden sein, und darum kehrte auch er in das Zelt zurück, gab aber vorher Ali die Weisung, genau aufzuschauen und alles Auffällige sofort zu melden.

In der angegebenen Zeit klatschte der Diener auch wirklich in die Hände. Katombo steckte nur den Kopf hinaus.

»Was gibt es?«

»Das Schiff ist fort, Sihdi!«

»Gut!«

Es verging etwas über eine Stunde; da klatschte der wackere Ali schon wieder.

»Etwas Neues?« frug Katombo.

»Ja, Sihdi. Wieder ein Schiff!«

»Mit vielen Segeln?«

»Ja. Es sieht aus gerade wie das vorige.«

Katombo verließ das Zelt.

»Wo fährt es?«

»Beinahe gerade im Süd von uns; dort!«

Katombo erkannte dasselbe Fahrzeug, welches vorher im Nord von dem Sandal gesegelt war, und dann den Kurs nach Süd gehalten hatte.

»Hole schnell den Herrn!« befahl er.

Manu-Remusat eilte schnell herbei, wirklich erstaunt über die seltsame Schnelligkeit, mit welcher das fremde Fahrzeug ihm von einer Seite auf die andere gekommen war. Er nahm das Rohr zur Hand und betrachtete es sorgfältiger.

»Katombo, wir sind verloren!«

»Warum?«

»Es ist ein Kriegsschiff, und zwar muß es ein feindliches sein.«

»Hat es die Flagge gezogen?«

»Nein, aber es ging erst im Nord von uns und hat seinen Kurs nur verändert, um uns den Rettungsweg nach der Küste von Derna abzuschneiden. Das ist gewiß. Nur kann ich die Schnelligkeit nicht begreifen, mit der dies geschehen ist. Allah allein weiß es!«

»Gib mir das Rohr!«

Er bekam es und schaute aufmerksam hindurch.

»Du hast Recht: Allah weiß es, ich aber auch!«

»So erkläre es mir!«

»Es ist ein Dampfer, der auch mit Segeln geht, wenn der Wind es erlaubt. Siehst Du den leichten Streif an seinem Stern? Er wird jetzt immer dichter und schwärzer. Jetzt hält das Schiff gerade auf uns zu und gibt vollen Dampf. Du hast Recht; es macht Jagd auf uns!«

»Was thun wir? Uns ergeben?«

»Nein, uns wehren!«

»Das geht nicht. Dort an Bord gibt es zehn Mal mehr Leute als bei uns, und wir haben keine Kanonen.«

»Willst Du ihnen Dein Kind und Deine Schätze preisgeben?«

»Sie führen nicht mit Frauen Krieg, und mein Gut wird mir verbleiben, denn ich bin ein Flüchtling des Vizekönigs und kein Soldat.«

»So thue, was Du denkst. Ich ergebe mich in Deinen Willen!«

»Laß uns auch die Leute fragen!«

Dies geschah. Das Orlogschiff kam immer näher und zeigte sich in Folge dessen von Augenblick zu Augenblick größer und mächtiger. Die Bemannung des Sandals war im Gebrauche der Handwaffen wohlgeübt und keineswegs feig zu nennen, aber es gehörte dennoch beinahe der Muth der Verzweiflung dazu, es mit einem solchen Gegner aufzunehmen. Alle außer Einem stimmten daher der Ansicht von Manu-Remusat bei. Dieser Eine war Ali.

»Allah akbar, Gott ist groß, und mein Handschar ist spitz und scharf. Warum soll sich ein Gläubiger den Ungläubigen ergeben? Ich werde sie verschlingen, wie die Heuschrecke das Gras des Feldes und das Laub der Bäume frißt!«

Er kam natürlich mit seiner Meinung nicht durch, sondern es wurde beschlossen, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben, falls das Schiff wirklich ein feindliches sein sollte.

Mittlerweile war es so nahe gekommen, daß es eine seiner Stückpforten öffnen konnte. Es ließ plötzlich alle Segel fallen, hißte die Flagge auf und gab mit einem Schuße das Zeichen, ein Gleiches zu thun.

»Ein Norländer, also wirklich ein Feind!« rief Remusat. »Eine Flagge haben wir nicht; laßt die Segel fallen!«

Dies geschah, und nun sahen sie der Ankunft des Bootes, welches der Norländer aussetzte, um an Bord des Sandals zu gehen, mit banger Erwartung entgegen. Ayescha zitterte vor Angst am ganzen Leibe, und Remusat sowohl als auch Katombo versuchten vergeblich, sie zu beruhigen. Das Boot legte an, und ein Offizier stieg mit acht Mann an Bord.

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