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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 49
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Er holte mit der Peitsche aus, doch Katombo kam ihm zuvor. Er riß ihm die Peitsche aus der Hand, zog sie ihm drei, vier Male über das Gesicht und faßte ihn dann bei der Gurgel. Es kostete ihn nur eine geringe Anstrengung, den entmannten Neger zu Boden zu werfen.

»Fesselt ihn,« gebot er seinen herbeispringenden Untergebenen; »gebt ihm einen Knebel und werft ihn in das Strafloch!«

Sie gehorchten, und nun ging Katombo zur Kajüte, in welcher eine halbleuchtende Lampe brannte. Die Thür zur Nebenkoje war verriegelt. Er klopfte an.

»Wer ist da?«

»Katombo!«

Jetzt sprang die Thür auf, und mit einem lauten konvulsivischen Schluchzen warf sich Sobeïde an seine Brust. Alles Gesetz, alle Strenge, alle Zurückhaltung war vergessen, und die Unglückliche folgte nur der Gewalt ihres Herzens.

»Katombo, bin ich nun sicher?«

»Du bist es, und keine Hand soll wagen, Dich auch nur leise anzutasten!«

»Wo ist der fürchterliche Mensch?«

»Gefangen und im Schiffskerker.«

»Ia Allah! O Gott, Du machst Dich unglücklich! Er besitzt die größte Macht beim Mudellir, und Du bist verloren!«

»Noch nicht. Hätte ich Dich noch nicht hier, so könnte ich demüthig sein, nun Du aber in Sicherheit bist, bin ich der Kapitän meines Sandals, und wehe dem, der es wagt, gegen meinen gerechten Willen zu handeln! Dieser Riegel ist fest; er wird Dich vor Hamd-el-Arek schützen; und diese Bretter brauchst Du nur auf die Seite zu schieben, so gelangst Du in den Raum, den ich für mich hergerichtet habe, weil der Mudellir in meiner Kajüte wohnen will. Befiehl, und es wird geschehen, was Du gebietest!«

»Du wirst Nichts gegen ihn ausrichten können, denn er kommt mit über zwanzig Mann!«

»Ich fürchte mich nicht, obgleich ich nur zehn Männer bei mir habe.«

»Fliehe, ehe er kommt!«

»Das geht nicht. Dich darf ich ihm nehmen, aber er hat sein ganzes Gepäck bereits an Bord, und wenn ich absegle ohne ihn, hat er das Recht, mir den Kopf vor die Füße zu legen, mir und all den Meinen.«

»So schütze mich vor ihm und jenen gräßlichen Schwarzen!«

»Sei getrost; es wird Dir nichts geschehen!«

Er ging wieder nach oben und gewahrte, daß der Landeplatz sich zum zweiten Male erhellte. Der Mudellir kam mit seiner Begleitung, und der Augenblick der Abfahrt war also nahe. Katombo hatte dazu alles vorbereiten lassen; der Sandal hing nur noch an einem Taue, und die Segel lagen hißgerecht, so daß es nur weniger Augenblicke bedurfte, um das Fahrzeug auf die Mitte des Stromes zu bringen.

Die Landungsbrücke wurde gelegt, und die Reisegesellschaft kam an Bord. Es mußte ein dringender Befehl vom Vizekönig eingetroffen sein, sonst hätte sich der Statthalter nicht so gesputet. Katombo empfing ihn auf dem Mitteldeck, anstatt aber seinen Gruß zu erwidern, stieß ihm der stolze Beamte nur das eine Wort entgegen:

»Abfahren!«

Das hatte der Reïs gewünscht, denn sobald das Fahrzeug sich im Strome befand, war er nach Schifferrecht alleiniger Herr desselben.

»Ho-ih!« ertönte seine Stimme, und sofort wurde das Ankertau gekappt, die Segel stiegen an den Masten empor, der Sandal drehte seinen Kiel der Fluth entgegen und befand sich bald in tiefem Fahrwasser.

Unterdessen war das Deck der Schauplatz eines wirren Treibens gewesen, da Jeder unter Beeinträchtigung der Andern sich so bequem wie möglich einrichten wollte. Jetzt war bereits einige Ordnung vorhanden, die aber bald in Gefahr gerieth, vollständig wieder zerstört zu werden. Es öffnete sich nämlich die Kajütenthüre und der Mudellir trat hervor. Im Scheine der brennenden Fackeln sah man den Ausdruck des höchsten Zornes auf seinem Angesicht.

»Reïs!« brüllte er, sich funkelnden Auges umblickend.

Katombo schritt langsam auf ihn zu. Ein Wink von ihm genügte, um seine Leute hinter sich zu versammeln.

»Du rufst mich?«

»Ja, ich rufe Dich! Wer hat Dir befohlen, einen Riegel an mein Nebengemach anzubringen? Er war heut, als ich den Sandal besichtigte, nicht vorhanden.«

»Befohlen?« antwortete Katombo ruhig, jedoch das Wort sehr scharf betonend. »Befohlen hat es mir Niemand, sondern ich that es aus eigenem Antriebe.«

»So befehle ich Dir, ihn sofort abzureißen!«

»Befehle?« Und wieder legte er den schweren Ton auf dieses Wort. »Wem gehört dieser Sandal?«

»Nun Dir!«

»Das denke ich auch, und darum bin ich es allein, der hier zu befehlen hat. Wer etwas von mir wünscht, hat nur zu bitten!«

»Hund!« brüllte Hamd-el-Arek und machte Miene, sich auf ihn zu stürzen, doch besann er sich noch und blickte sich suchend um. »Simo!«

»Simo? Meinst Du Deinen Schwarzen?«

»Ja. Wo ist er?«

»Im Arrest. Er drohte mir mit der Peitsche und muß also seine Strafe leiden.«

»Mensch, bist Du wahnsinnig!«

»Weniger als Du. Ich kenne mein Recht; Du aber willst haben, was Dir nicht gehört.«

»Heraus mit dem Gefangenen, oder ich schieße Dich nieder! Er soll Dir das Fell zerbläuen, daß es die Winde in Fetzen mit sich nehmen. Herbei, Ihr Männer, faßt ihn!«

Katombo zog sich einige Schritte bis auf die Seinigen zurück; in seinen Händen funkelten die Läufe zweier Pistolen.

»Was ist das! Meuterei? Du rufst Deine Männer gegen mich auf? Weißt Du nicht, daß ich hier Recht habe über Leben und Tod? Was willst Du mit Deiner Handvoll Leute? Die Andern stecken unter Deck und können nicht herauf, denn ich ließ die Luke verriegeln, sobald Du die Stimme gegen mich erhobst.«

Der Mudellir sah sich genauer um und gewahrte nun allerdings, daß sich augenblicklich nur fünf seiner Leute auf Deck befanden.

»Den Riegel weg!« befahl er abermals, aber seine Stimme hatte nicht mehr den zuversichtlichen Klang wie vorher.

»Hast Du ein Recht zu diesem Verlangen? Ist die Bewohnerin der Koje Deine Frau?«

»Ja.«

»Du lügst!«

»Mensch!« knirschte der Statthalter. »Was wagst Du?«

»Ich wage Nichts, Du aber wagst Dein Leben, wenn Du Dich nicht sofort in Deine Kajüte begibst.«

»Wer sagt Dir, daß sie nicht meine Frau und nicht meine Sklavin ist?«

»Hamm-Barak, der Armenier!«

Dieser Name brachte eine wunderbare Wirkung auf den Mudellir hervor. Er trat zurück und fuhr sich unwillkürlich mit der Hand nach dem Kopfe:

»Hamm-Barak! Kennst Du ihn?«

»Ich kenne ihn.«

»Wo trafst Du ihn?«

»In Siut.«

»Wo ist er jetzt?«

»Gefangen in Siut!«

»Gefangen! Bei wem?«

»Bei Manu-Remusat, dem berühmten Abu-el-Reïsahn.«

»Ein fürchterlicher Fluch entfuhr den Lippen des Statthalters.

»Du lügst, Hund, und ich werde Dich zertreten, heut oder morgen.«

»Sage mir, dem Reïs dieses Schiffes, noch einmal in das Gesicht, daß ich lüge, so schlage ich Dir die Peitsche Deines eigenen Henkers in das Gesicht! Ich selbst bin es, der diesen Hamm-Barak gefangen hat; ich selbst habe ihn verhört, und ich selbst war in Deinem Garten, um Sobeïde zu befreien, denn wisse, dieser Sandal gehört keinem Andern als Manu-Remusat, den Du verfolgest. Bis Siut bin ich Dein Herr und Meister; dann verlässest Du das Schiff und magst gehen, wohin Du willst. Legt die Waffen ab!«

Die Worte hatten ihn wie ein Donnerschlag getroffen, so daß er sich von Katombo unwillkürlich die Pistolen, den Säbel und das Messer nehmen ließ. Die Andern folgten natürlich seinem Beispiele. Ohne ein Wort zu sagen, wandte sich der Mudellir um und ging in die Kajüte. Auf einen Wink Katombo's eilte Ali herbei und schob den Riegel vor; der Statthalter war gefangen.

Während dessen schoß der Sandal mit der Geschwindigkeit eines Dampfers vorwärts. Katombo war Herr des Schiffes und ließ noch während dieser Nacht ein Zelt für Sobeïde auf dem Verdeck errichten, und zwar an einer Stelle, daß sie nicht beobachtet werden konnte, selbst wenn sie es auf einige Schritte verließ. Er ging dann hinab, schob die Bretter zur Seite und bat sie, mit ihm zu kommen.

»Hinauf?« frug sie besorgt.

»Hinauf!«

»Wo ist der Mudellir?«

»Gefangen.«

»Und seine Leute?«

»Gefangen.«

»Remallah, was hast Du gethan!«

»Blos das, was ich verantworten kann.«

Er führte die tief Verschleierte hinauf, wo es ihr in der lauen Nachtluft besser behagte, als in der dumpfen Schwüle ihres kleinen Verschlages. – –

Einige Tage später bewegte sich eine Karawane durch die östliche Säumung der lybischen Wüste, eine Karawane, welche aus vierzig köstlichen Reitkameelen und ebenso vielen Lastkameelen bestand. Etwas vorauf ritt ein junger Mann in Mamelukentracht auf einem jener köstlichen arabischen Barakkpferde, welche meist ein seidenähnliches silbergraues Haar besitzen und von keiner andern Rasse übertroffen werden.

Schon waren die Schatten bedeutend länger als Thier und Reiter selbst; der Abend lag nicht fern, und es war wünschenswerth, bald einen Ruhepunkt oder das Ziel der Wanderung zu erreichen. Da plötzlich streckte das vorderste Hedjihn (Reitkameel) den langen Hals weit aus, sog die Luft in einem langen Zuge durch die Nüstern, stieß einen lauten gellenden Schrei aus und eilte dann wie vom Sturme getrieben in gerader Richtung davon. Die Männer stießen einen Jubelruf aus und folgten auf ihren Thieren in demselben beschleunigten Tempo. Das Hedjihn hatte die wassergeschwängerte Luft des Nilthales gerochen, und bald schoß die Karawane von den Sandbergen, welche es im Westen begrenzen, herab in die grünende duftende Senkung.

»Siut!« rief der Reiter auf der silbergrauen Stute. »Geht in das Karawanserai, und wartet dort auf meine Befehle!«

Er ließ der Stute die Zügel vollständig schießen und flog seitwärts von den Andern längs des Flusses hinan an dem Hause des Kawuahdschi vorüber.

Abd-el-Oman stand gerade vor seiner Thür. Als er den Reiter vorbeisprengen sah, murmelte er in den Bart:

»Omar-Bathu, der Mamelukenfürst, der reicher ist als der Khedive selbst! Er wird den Schech-el-Reïsahn besuchen.«

Er hatte richtig vermuthet, denn der Reiter bog in das Thor Manu-Remusats ein, sprengte durch den Garten in den Hof und hielt gerade vor der Treppe, welche zum Divan des Obersten der Schiffskapitäne führte. Er mußte mit dem Wege und den Lokalitäten sehr vertraut sein.

Der Hufschlag seines Pferdes war nicht unbemerkt geblieben; einige Diener eilten herbei, und oben öffnete sich eine Thür, aus welcher der Besitzer des Hauses in eigener Person hervortrat.

»Remusat!«

»Bathu!«

Kaum waren die Rufe erklungen, so lagen sich die beiden Männer in den Armen.

»Gesegnet sei der Gedanke, der Dich zu mir führt,« meinte zuerst Remusat. »Trete ein und sei mir willkommen!«

Nur wenige Augenblicke vergingen, so saßen sie mit den dampfenden Pfeifen vor dem duftenden Mokka.

»Monden sind vergangen, seit ich Dich nicht bei mir sah. Wohin hast Du Deine Zelte getragen?«

»Bald hierhin und bald dorthin, wo das Schwert gerade Arbeit fand. Wir haben gesiegt und viele Beute gemacht, denn Allah liebt den Muthigen und segnet seine Wege. Und Du? Wie ist es mit den Deinen? Wo ist Katombo, der Wackere, und wie befindet sich Sobeïde?«

Die letzten Worte waren leiser und fast zagend gesprochen.

»Katombo fuhr mit dem Sandal nach Assuan, und Sobeïde – sie – sie ist – –«

Da legte ihm Omar-Bathu die Hand auf den Arm.

»Ich weiß, der Mann spricht nicht von seinen Frauen, aber nach Sobeïde darf ich doch fragen; sie liebt mich, und Du hast sie mir verlobt. Heut komme ich, um offen um sie zu werben und sie nach Kairo in meinen Palast zu führen als einziges Weib, welches ich jemals nehmen werde. Die Kameele, welche meine Brautgabe bringen, liegen bereits im Serai.«

Manu-Remusat senkte das Haupt.

»Freund, es ist großes Herzeleid eingezogen in mein Haus, denn Sobeïde war verschwunden.«

»Verschwunden?«

Der Mameluke sprang empor, schleuderte die Pfeife in den fernsten Winkel und legte die Hand an den Griff seines krummen Säbels.

»Ja, verschwunden.«

»So wurde sie geraubt, denn freiwillig entfliehen kann Sobeïde nie. Wer war der Teufel, der mir dieses that?«

»Ich suchte wochenlang vergebens, bis endlich Katombo vom Bahr-el-Azreck zurückkehrte und bereits eine Stunde später den Namen des Räubers entdeckt hatte.«

»Ja, Katombo ist klug, kühn und wacker; er ist mein Freund. Doch sag, wer ist der Räuber? Ich muß seinen Kopf zu meinen Füßen sehen.«

»Er ist ein Mächtiger, bis zu dessen Kopf die Degen Tausender nicht zu reichen vermögen – –«

»So nenne ihn doch!« rief Bathu mit dem Fuße stampfend. »Bei allen Scheïtans (Teufeln) der Hölle, ich muß seinen Namen wissen!«

»So höre ihn: Hamd-el-Arek, der Mudellir von Assuan.«

»Dieser? Das Schoßkind des Khedive? Den sollen alle Djiens (böse Geister) durch die Lüfte reiten, daß er gliederweise in die Tschehema (Hölle) stürzt. Was hast Du gethan?«

»Ich wollte selbst gehen und sie von ihm fordern – –«

»Er hätte Dich erdrosseln lassen,« fiel ihm Bathu in die Rede.

»Doch Katombo bat mich, ihn zu senden.«

»Daran that er recht. Wenn Einer sie zurückbringt, so ist er es, aber wenn ich – –«

Er wurde unterbrochen, denn die Thüre öffnete sich und Ali trat ein.

»Sallam aaleïkum, Sihdi, Friede sei mit Dir!«

»Ali!« rief Remusat, und jetzt entfiel auch ihm die Pfeife. »Du kommst von Assuan. Was bringst Du für Botschaft?«

Der Mamelukenfürst stürzte auf ihn zu und faßte ihn bei der Schulter. »Ja sage es, schnell, heraus damit! Ihr kamt glücklich nach Assuan?«

»Ja, Sihdi. Wir gingen dorthin, um Sobeïde, die Tochter unsers Schech-el- Reïsahn zu holen.«

»Und was habt Ihr erreicht? Rasch, schnell, augenblicklich!«

»Sihdi, ich heiße Ali-el-Hakemi-Ebn-Abbas-Ebn-er-Rumi –«

»Zum Teufel mit Deinem Namen! Ich will wissen, ob Ihr glücklich gewesen seid oder nicht!«

»Laß mich ruhig aussprechen, so erfährst Du es am schnellsten.«

»So sprich!«

»Ich heiße Ali-el-Hakemi-Ebn-Abbas-Ebn-er-Rumi-Ben-Hafis-Omar-en-Nasafi, und was ich einmal will, das vollbringe ich auch.«

»Hamdullillah, Preis sei Gott! So habt Ihr sie gesehen?«

»Ja; zuerst sah sie Sihdi Katombo, als er auf der Mauer saß; dann sah ich sie, als – – –«

»Still jetzt! Sage nur zunächst das eine: Bringt Ihr sie?«

»Ja. Ich bin mit dem kleinen Boote vorangerudert, um es Euch zu melden.«

»Und Hamd-el-Arek, was sagt er dazu?«

»Was er sagt, das konnten wir nicht hören, denn er sitzt als Gefangener in der Kajüte.«

»Der Mudellir?«

»Der Mudellir! Sihdi Katombo hat ihn und alle seine Leute auf dem Sandal gefangen.«

»Das klingt unglaublich. Erzähle!«

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