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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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»Du hast den Kuran studirt und Worte und Handlungen der Höflichkeit gelernt. Ich werde Dir dienen, so weit ich es vermag.«

»Du bist Aufseherin im Harem des Mudellir?«

»Ich bin es.«

»Kennst Du die Namen aller seiner Frauen?«

»Ich kenne sie.«

»Und weißt Du von Jeder, wo ihre Heimath ist?«

»Von Keiner. Warum soll ich ihnen Schmerz bereiten, indem ich sie nach ihrer Heimath frage?«

»Kennst Du eine Namens Sobeïde?«

»Ich kenne sie, doch ist sie nicht eine von seinen Frauen.«

»Warum?«

»Er darf sie nicht berühren, sonst tödtet sie sich.«

»Wann wurde sie Euch gebracht?«

»Vor noch nicht einem Monat.«

»Weißt Du, woher sie kam?«

»Nein.«

»Es ist meine Geliebte. Darf ich einmal mit ihr sprechen?«

»Wenn Du mir beim Barte des Propheten Verschwiegenheit gelobst.«

»Ich schwöre es.«

»So muß es noch heut geschehen, denn der Mudellir reist morgen nach Kairo ab und nimmt einige seiner Frauen mit, unter denen Sobeïde vielleicht sein könnte.«

»Mit welchem Schiffe fährt er?«

»Ich weiß es nicht. Er nimmt das, welches ihm gefällt, ohne den Schiffer zu fragen, ob er ihm Schaden bringt.«

»Wann soll ich Sobeïde sehen?«

»Grad um die Mittagszeit. Sie wird im Garten sein. Wenn Du Dir das Haus betrachtest, so ist die hintere Mauer des Gartens leicht zu finden. Da, wo ein Zitronenbaum über dieselbe emporragt, wird sie stehen. Wie Du hinaufkommst, mußt Du selber sehen.«

»Kann ich mich auf Dich verlassen?«

Sie legte betheuernd die dicke Hand auf das Herz.

»Sicher!«

»Ich danke Dir. Wenn ich Dir etwas zu sagen habe, werde ich zu Deinem Bruder kommen.«

»Thue das!«

Katombo verabschiedete sich mit Ali. Draußen auf der Straße angekommen, schritten sie dieselbe hinab, bis sie ein einzeln stehendes Haus bemerkten, über dessen Thore die heilige Fatha zu lesen war. Auf einem Umwege suchten sie die hintere Seite des Gartens zu gewinnen, es gelang ihnen, und nun bemerkten sie, daß das Terrain ihrem Vorhaben außerordentlich günstig war. Die Umgebung zeigte sich so einsam und versteckt, daß man keinen Beobachter oder Verräther zu befürchten brauchte, und so kehrte Katombo außerordentlich befriedigt nach dem Sandal zurück.

Er hatte kaum seinen Anzug gewechselt, so trat Ali bei ihm ein. »Sihdi, es reiten einige Offiziere am Flusse hin. Man sagt, sie suchen ein Fahrzeug für den Mudellir auf.«

Sofort begab sich Katombo auf das Deck und kam gerade zur rechten Zeit um zu bemerken, daß einer von den Männern abstieg und auf den Sandal zuschritt. Am Wasser angekommen, verlangte er mit barscher Stimme ein Brett um hinüberkommen zu können. Es wurde ihm gelegt, und er schritt an Bord.

»Wo ist der Reïs?«

Man wies ihn zu Katombo, der ihn neugierig erwartete.

»Du bist der Führer dieses Schiffes?«

»Ich bin es.«

»Was hast Du geladen?«

»Nichts.«

»Wohin ist der Sandal bestimmt?«

»Nach dem Bahr-el-Abiad.«

»Was willst Du dort holen?«

»Sennesblätter.«

»Woher kommst Du?«

»Aus Kairo.«

»Zeige mir das Innere Deines Schiffes.«

»Wer bist Du?«

»Ich heiße Hamd-el-Arek und bin der Mudellir von Assuan. Kennst Du mich?«

»Ich habe Dich noch nie gesehen, aber Deinen Namen oft gehört. Komm und siehe!«

Er führte ihn durch die Kajüte und sämmtliche Räume. Als sie das Deck wieder betraten, schien der Statthalter im höchsten Grade befriedigt zu sein. Er legte Katombo seine Hand auf die Schulter.

»Bist Du ein guter Schiffer?«

»Urtheile selbst. Der Sandal ist nach meinem Plane gebaut.«

»So vertraue ich Dir, denn der Bau und die Einrichtung sind unübertrefflich. Du wirst nicht nach dem Bahr-el-Abiad gehen!«

»Nicht?« frug der Reïs scheinbar verwundert.

»Nein, sondern zurück nach Kairo.«

»Was soll ich in Kairo?«

»Mich sollst Du hinbringen, mich, meine Diener und eine von meinen Frauen. Wenn wir glücklich ankommen, wirst Du gut bezahlt.«

Katombo bemühte sich, ein höchst verdrießliches Gesicht zu Stande zu bringen, und es gelang ihm so vollständig, daß der Mudellir die Stirn runzelte.

»Ich hoffe, Du beklagst Dich nicht über die Ehre, mich an Bord haben zu dürfen; die Nilpeitsche würde Dich eines Besseren belehren! Meine Dienerschaft kommt unter das Vorderdeck, die höhere Begleitung unter die Zelte, welche ich Dir senden werde, ich in die Kajüte und die Frau in die Kabine nebenan. Machst Du einen Versuch mit dem Sandal fortzugehen, so bekommst Du die Bastonnade bis Du stirbst.«

»Ich werde gehorchen!« antwortete Katombo.

»Ich hoffe es um Deinetwillen. Du hast nur für Raum und gute Fahrt zu sorgen; alles andere werde ich selbst liefern.«

Er verließ das Schiff, bestieg sein Pferd wieder und ritt davon. Katombo wußte nicht, ob er sich freuen solle; es galt, Gewißheit zu erlangen, und das konnte erst zu Mittage geschehen. Bis dahin hatte er allerdings genug zu thun, um seine Anordnungen zu treffen in Beziehung auf die Veränderungen, welche im Innern und auf dem Decke des Sandals vorgenommen werden mußten. Kurz vor Mittag aber verließ er mit Ali das Fahrzeug und begab sich trotz der außerordentlich drückenden Sonnenhitze nach dem Garten des Statthalters. Sie kamen unangefochten bei der ihnen angewiesenen Stelle an und suchten sorgfältig die Umgebung ab, um sich zu vergewissern, daß kein Lauscher vorhanden sei. Dann traten sie an den Punkt, wo sich der bezeichnete Baum über die Mauer erhob.

»Ich muß auf Deine Achseln treten, Ali!«

»Maschallah, das ist mir lieber als auf die Nase! Ich werde Dich schon erhalten können, Sihdi!«

»Herunter springe ich ohne Deine Hilfe. Du steckst Dich bis dahin unter jenen Busch, um das Terrain zu beobachten. Wenn Du etwas Verdächtiges bemerkst, stößest Du den Schrei des Geiers aus.«

»Den bringe ich fertig, Sihdi; wenn ich aber ›Lubeka Allah Hümeh,‹ den Gesang der Pilger, anstimmen sollte, so müßten wohl einige Töne über Bord geworfen werden. Doch, hier stehe ich, fest und sicher wie ein Elephant. Willst Du aufsteigen?«

»Ja, komm!«

Er schwang sich auf die Schultern des Dieners und konnte von hier aus gerade den oberen Rand der Mauer erfassen. Ein fester Griff, eine gewandte Volte und er saß oben.

»Hamdullillah, Preis und Dank sei Gott, daß ich nicht droben bin! Ich käme nicht so leicht wieder herab, und wenn ich auch meinen langen Namen als Seil gebrauchen wollte,« klang es von unten herauf; dann schlüpfte Ali hinter seinen Busch.

Katombo nahm zunächst eine solche Stellung unter den Zweigen ein, daß er nicht so leicht bemerkt werden konnte; dann blickte er hinab in den Garten.

Eine weiße Gestalt kam langsam den Gang daher. War es die Erwartete oder nicht? Er hatte vergessen der Haremshüterin seinen Namen zu sagen, und daher war es leicht begreiflich, wenn Sobeïde nur mit Mißtrauen auf das Abenteuer einging.

Er bemerkte, daß die Gestalt durch den Schleier hindurch die Stelle, an welcher er sich befand, sorgfältig musterte, und beschloß, sich durch ein kleines Wagniß Gewißheit zu verschaffen.

»Katombo!« rief er so laut, daß nur sie es noch zu hören vermochte.

Beim Klange dieses Namens zuckte sie zusammen, warf einige rasche Blicke umher und kam dann herbeigeeilt.

»Katombo, bist Du es wirklich?«

»Ich bin es. Doch blicke nicht empor, sondern thue, als ob Du Blüthen pflücktest! Daheim ist alles wohl. Vater und Schwestern lassen Dich grüßen. Ich habe Deinen Aufenthalt entdeckt und bin gekommen, Dich zu retten.«

»Das ist unmöglich.«

»Warum?«

»Ich muß noch heute Nacht zu Schiffe; der Mudellir schleppt mich nach Kairo.«

»Dich allein?«

»Ja!«

»Dann ist Alles gut; denn er fährt mit meinem Sandal.«

»Allah kerihm, Gott ist gnädig!«

»Du wirst neben der Kajüte untergebracht. Ich habe an der Seite nach dem Raume zu ein Brett locker gemacht, damit wir mit einander reden können. Hüte Dich eine Bewegung zu machen, aus der er sieht, daß Du mich und die Leute kennst!«

»Hast Du ein Messer bei Dir?«

»Ja.«

»Wirf es mir herab!«

Er zog es aus dem Gürtel und ließ es hinunterfallen.

»Hier nimm; doch ich hoffe, daß Du es nicht brauchst!«

Ein leiser Ruf erscholl.

»Die Hüterin gibt mir das Zeichen. Lebe wohl!«

»Friede und Hoffnung sei mit Dir!«

Sie eilte davon, und Katombo sprang von der Mauer herab. Ali kam aus dem Busche hervor.

»Du hast sie gesehen?«

»Ja.«

»Und mit ihr gesprochen, Sihdi?«

»Ja.«

»Hat sie nichts von mir gesagt?«

Katombo mußte über die trockene Naivetät des Dieners lachen. »O doch!«

»Was sagte sie, Sihdi? Sage es schnell!«

»Sie frug mich, warum Du heute morgen so naß gewesen bist.«

Ali blickte verlegen vor sich nieder.

»Hatte Dich vielleicht wieder El Timsach, das Krokodil, in das Wasser gezogen?«

»Nein, Sihdi. Es war eine fürchterliche Überschwemmung in der Straße Bab-el-Run, von der ich Dir ein ander Mal erzählen werde.«

»Gut; ich kann warten. Aber jetzt komm! Wir sind hier keineswegs in Sicherheit.«

Sie verließen den Ort und kehrten in einem weiten Bogen nach dem Flusse zurück.

Im Laufe des Nachmittags kamen alle nöthigen Reiserequisiten auf dem Sandal an, und während des Lärmens, welcher bei der Zurichtung des Schiffes unvermeidlich war, konnte das kleine Geräusch nicht auffallen, welches Katombo dadurch verursachte, daß er noch einige Bretter an der Koje lockerte, in welcher Sobeïde untergebracht werden sollte. Auch einen Riegel brachte er an, durch welchen der kleine Raum von innen fest verschlossen werden konnte. Auf diese Weise war das Mädchen vor jeder Fährlichkeit geschützt.

Der Nachmittag verging und ebenso der Abend. Es wurde Nacht, und die Sterne leuchteten vom tiefblauen Firmamente so ruhig hernieder, als ob es auf Erden weder Leid noch Schmerzen, weder Angst noch Sorgen gebe. Da plötzlich tauchten Fackeln auf dem Platze auf, vor welchem die Barken, Dahabiés und Sandals ankerten. Vier Träger brachten einen Palankin, den ein schwarzer Verschnittener begleitete. Sie näherten sich der Stelle, wo die "Djuhr-el-Djienne" ankerte, und verlangten eine Landungsbrücke übergelegt. Diesem Wunsche wurde entsprochen, und nun brachten sie den Palankin an Deck. Der Verschnittene trug eine Nilpeitsche in der Hand.

»Wo ist der Reïs?« frug er mit seiner unnatürlichen Falsettstimme, welche im grellsten Widerspruch mit seinem herkulischen Körperbaue stand.

»Hier bin ich,« antwortete Katombo, indem er näher trat.

»Öffne den Raum für diese Frau, aber schnell, sonst mache ich Dir Beine!«

Der Reïs sah sich den Mann ruhig an. Dann meinte er: »Ich werde öffnen, aber nicht schneller, als es mir beliebt. Hier an Bord gilt nur meine Peitsche und nicht die Deinige. Merke Dir das!«

Der Kastrat fletschte ihm die großen, weißen Zähne entgegen, hatte aber doch nicht den rechten Muth, seine Drohung auszuführen.

»Wollen sehen!« meinte er höhnisch.

»Werden auch sehen!« antwortete Katombo. »Komm!«

Die Sänfte wurde nach der Kajütenluke getragen, wo Sobeïde ausstieg. Der Verschnittene führte sie hinab. Nach kaum einigen Minuten, während welcher Zeit sich die Palankinträger bereits wieder entfernt hatten, kehrte er eiligen Laufes zurück und kam gerade auf Katombo zu.

»Gib mir Hammer und Zange!«

»Wozu?«

»Wie kannst Du einen Riegel machen an die Thür, welche die Frau von ihrem Gebieter trennt! Sie ist sein Eigenthum, und er muß zu ihr können, so oft er will. Ich will den Riegel entfernen!«

»Du willst? Allah akbar, Gott ist groß im Himmel und auf Erden, und ich bin Gott auf meinem Schiffe. Der Riegel bleibt wo er ist!«

»Er kommt fort, sage ich!«

»Er bleibt, sage ich!«

»So warte, Du Kelb, Du Hund!«

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