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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Katombo verließ die Kaffeeschenke und kehrte auf demselben Wege in das Haus seines Gebieters zurück. Dieser saß noch auf dem Divan und rauchte seine Pfeife; er blickte erwartungsvoll auf, als der junge Reïs eintrat. »Du kehrst zurück, Deine Augen leuchten und Deine Wangen erglühen wie die Morgenröthe, wenn sie den jungen Tag verkündet. Was hast Du mir zu sagen?«

»Sihdi, Du weißt, daß ich mit Deiner Tochter gesprochen habe?«

»Ich weiß es, denn sie selbst sagte es mir, daß Du im Kiosk gewesen bist, um nach den Spuren meines Kindes zu suchen. Wir haben auch gesucht, aber der Schmerz verdüsterte unsere Augen; Du hast die Spitze eines Dolches und das abgerissene Stück einer goldenen Schnur gefunden?«

»So ist es, Sihdi.«

»Stammen sie von jenem Abende her?«

»Ja.«

»Aber wie willst Du den finden, dem Beides gehört? Nur Allah allein ist groß, er sieht und hört Alles, der Mensch aber ist nicht allwissend, er kann nicht in das Dunkel blicken.«

»Sihdi, weißt Du nicht, daß der Geist des Menschen von Gott stammt und wieder zu Gott geht? Der Mensch ist ein Kind Allahs, und Vieles, was der Vater weiß, theilt er dem Sohne mit; von der Allwissenheit Allahs fiel ein Strahl hernieder auf das Geschlecht der Menschen und dieser Strahl wird Verstand genannt. Den Einen traf er viel und den Andern wenig, darum sieht der Eine, was der Andere nicht bemerkt.«

»Und Du, was hast Du gesehen?«

»Den Räuber Deiner Tochter.«

Manu-Remusat sprang empor wie von einer Feder in die Höhe geschnellt. Bei dieser unvermutheten Nachricht ließ er ganz die anerzogene muselmännische Ruhe und Würde außer Acht.

»Ihn, ihn hast Du gesehen? Das ist unmöglich, ich selbst habe ihn gesucht – vergebens, meine Diener haben ihm nachgeforscht drei Wochen lang – ebenso vergebens, und Du, der Du kaum einige Minuten lang von ihrem Verschwinden weißt, willst ihn bereits gesehen haben?«

»Sihdi, ich habe ihn bereits seit einer Woche gesehen!«

»Wo?«

»Auf meiner Dahabié.«

»Bist Du wahnsinnig?«

»Nein, Sihdi, meine Sinne sind ebenso gesund wie meine Fäuste, mit denen ich ihn vor wenigen Augenblicken niedergeschlagen und gefangen genommen habe.«

»Du hast ihn gefangen? Sag, wo?«

»Beim Kawuahschi Abd-el-Oman.«

»Erzähle!«

»Erlaube mir zuvor, vier Deiner Diener zu senden, um ihn zu holen!«

»Thue es!«

Katombo ging in den Hof und gab dort die nöthige Instruktion, dann kehrte er zu Manu-Remusat zurück. Einer der Schwarzen mußte ihm eine Pfeife bringen, und dann begann er seinen Bericht, während dessen Ayescha hereintrat. Wegen der Wichtigkeit des Augenblickes erlaubte ihr der Vater zu bleiben, und Beide hörten mit äußerster Spannung den Worten des Erzählers zu. Als dieser geendet hatte, reichte ihm Manu-Remusat die Hand.

»Katombo, ich sagte vorhin zu Dir, Du solltest zu mir reden wie ein Sohn zu seinem Vater; ich werde Dein Vater sein, so lange Du eines solchen bedarfst oder so lange Allah mir das Leben schenkt. Erinnere mich an dieses Gelübde, wenn ich dessen jemals vergessen sollte!«

»Ich danke Dir, Sihdi!«

Er wollte weiter sprechen, wurde aber von einem der Diener unterbrochen, welcher eintrat und die Ankunft des Palankins (Sänfte) meldete.

»Nehmt dem Menschen den Knebel aus dem Munde, die Fesseln von den Beinen und bringt ihn herauf!« befahl Katombo und wandte sich dann an Remusat: »Du bist der Gebieter, Sihdi, Du wirst ihn verhören!«

»Nein, das werde ich nicht, Du hast ihn gefangen genommen und er ist Dein Eigenthum; Deine Augen sind heller und Dein Verstand ist klarer als der meinige. Sprich Du mit ihm!«

»Du befiehlst es, Herr, und ich gehorche!«

Jetzt brachten die vier Diener den Armenier geführt.

»Bringt ihn näher und tretet dann ab,« gebot Katombo. »Doch bleibt hinter der Thür!«

Sie stellten den Gefangenen in die Nähe des Divans und verließen dann das Gemach. Er stand mit finsterer Miene vor seinen Richtern, aber es war ihm dennoch anzusehen, daß ihm das Herz nicht gar zu muthig schlug.

»Du leugnetest vorhin,« begann Katombo; »willst Du jetzt bekennen?« Der Gefangene schwieg.

»Ich wiederhole meine Frage: Willst Du die That gestehen?«

Es erfolgte wieder keine Antwort.

»Ah, Du bist vor Angst plötzlich stumm geworden; ich werde Dir die Sprache wiedergeben.«

Er klatschte in die Hände und sofort erschienen die vier Diener.

»Führt ihn hinab in den Hof, zieht ihm die Schuhe aus und gebt ihm die Bastonnade, einstweilen blos zehn Hiebe auf jede Fußsohle!«

Sie ergriffen den Armenier, nahmen ihn trotz seines Widerstandes fest und führten ihn fort. Der Schall der Hiebe klang herauf in das Gemach, doch kein einziger Laut oder Schrei verkündete, daß er seine verlorene Stimme wieder bekommen habe; dann brachten sie ihn wieder herein. Er hatte Mühe, auf seinen nackten Füßen zu gehen, blieb aber aufrecht und finster vor Katombo stehen.

»Willst Du nun bekennen?« frug dieser wieder.

Die Antwort blieb abermals aus.

»Führt ihn wieder ab und gebt ihm zwanzig!« gebot er den Dienern, welche noch geblieben waren.

»Ich habe Nichts gethan, ich will vor den Kaschef geführt sein!« knirschte jetzt der Gefangene.

»Maschallah, die Schläge haben geholfen; tretet ab, Ihr Leute, aber haltet Euch bereit!« Dann wandte er sich wieder an den Inkulpaten: »Vor den Kaschef wirst Du nicht kommen, denn Du gingst ja auch nicht zu ihm, bevor Du in unsern Kiosk einstiegest. Wo ist die Tochter dieses Sihdi?«

»Ich kenne sie nicht und weiß nicht, was Du willst!«

»Höre, Mann, die Sprache ist Dir noch immer nicht vollständig zurückgegeben worden; ich werde meine Arznei nochmals anwenden, vielleicht wirst Du dann vollständig geheilt. Oder willst Du reden?«

Der Gefragte schwieg. Katombo klatschte zum zweiten Male, und die Diener traten ein.

»Gebt ihm vierzig auf jede Sohle, wenn er nicht verspricht, zu reden!«

Sie führten ihn ab und bald erschollen die Schläge von Neuem, gleich darauf aber auch das Wimmern des Gefangenen. Ayescha hüllte sich fester in ihre Schleier, die Exekution mochte ihr weiches Gemüth peinlich berühren; auch Manu-Remusat schien einiges Bedenken zu haben.

»Dürfen wir ihn schlagen, Katombo?« frug er, »oder müssen wir ihn nicht vielmehr dem Kadi übergeben?«

»Er ist ein Armenier und kein Unterthan des Vizekönigs, sonst hätte er sich darauf berufen. Und wir werden schneller mit ihm fertig, als der Kaschef oder Kadi; hat er Dir nicht schlimmere Streiche versetzt, als er jetzt erhält?«

»Du hast Recht, mein Sohn; aber siehe, da bringen sie ihn wieder!«

Wirklich traten die Exekutoren wieder mit dem Inkulpaten ein und einer von ihnen meldete, daß er nur fünfzehn Streiche erhalten habe, weil er jetzt reden wolle. Sie setzten ihn, da er nicht mehr zu stehen vermochte, auf den Teppich und entfernten sich dann wieder.

»Bete das Surat yesin, daß Dir Allah Deine Sprache wiedergegeben hat,« begann Katombo, »und bitte ihn, daß er sie Dir erhalte, denn ich schwöre Dir bei Allah und seinem Propheten, daß Du nun sechzig Hiebe erhältst, sobald Du Dich weigerst zu sprechen. Merke Dir, sechzig auf jede Sohle, selbst wenn Du versprächest zu reden.«

»Ich bin in Deiner Hand; ich habe geschworen zu schweigen, aber Allah wird mir vergeben, wenn ich aus Schmerz meinen Schwur breche!« lautete jetzt die kleinmüthige und verzagte Antwort.

»So sprich: Du warst es, der das Mädchen raubte?«

»Ja.«

»Allein kannst Du nicht gewesen sein; wer war bei Dir?«

»Die ganze Bemannung eines Sandals.«

»Der Sandal war von dem gemiethet, für den Ihr das Mädchen raubtet?«

»Ja.«

»Wer ist es?«

Der Armenier blickte ängstlich vor sich nieder.

»Willst Du die Sechzig haben? Du weißt, daß ich geschworen habe und also mein Wort halten werde!«

»Ich muß es gestehen: es ist der Mudellir (Statthalter) von Assuan.«

»Hamd-el-Arek!« rief Manu-Remusat, indem er die Pfeife vor Überraschung zu Boden fallen ließ. »Mein Todfeind, der mächtige Hamd-el-Arek, welchen der Khedive (Vizekönig) beschützt wie einen Bruder! Allah akbar, jetzt begreife ich Alles! Er weiß, daß Sobeïde eine Perle ist unter den Töchtern Egyptens und hat sie rauben lassen, um seinen Harem mit ihr zu schmücken und sich zugleich an mir zu rächen. Fahre fort, mein Sohn; dieser Mann darf nicht geschont werden, und wenn er nicht Alles der Wahrheit gemäß bekennt, soll er nicht blos sechzig Streiche erhalten, sondern ich lasse ihn so lange schlagen, bis ihm der Schaum des Todes von den Lippen tropft. Redet er aber aufrichtig, so darf er auf meine Gnade rechnen und ich werde ihn so barmherzig behandeln, wie es seine Reue verdient; das schwöre ich bei dem Barte meiner Väter!«

»Du hörst diese Worte,« meinet Katombo, »also denke an Dein Bestes! Wie heißest Du? Schirwan ist dein richtiger Name nicht. Wie nennt Dich der Mudellir?«

»Hamm-Barak.«

»Standest Du in seinem Dienste?«

»Ja.«

»Als was?«

Der Gefragte schwieg verlegen. Katombo lächelte:

»Ich begreife; Du mußtest ihm diejenigen Dienste leisten, von denen Niemand etwas wissen durfte und für welche es im Haushalte keinen Namen gibt?«

»So ist es.«

»Der Auftrag, welchen er Dir gab, bezog sich nicht direkt auf Sobeïde?«

»Nein; ich sollte von den beiden Töchtern dieses Sihdi eine bringen, gleichviel welche.«

Ayescha machte eine Bewegung des Entsetzens, wie leicht hätte sie das Schicksal ihrer Schwester treffen können.

»Wie kamt Ihr in den Kiosk?«

»Ich kundschaftete es aus, daß die beiden Töchter des Scheik-el-Reïsahn sich des Abends dort befinden, und schwang mich mit meinen Leuten hinauf. Es kam nur Eine, und wir nahmen sie gefangen. Ich stieß meinen Dolch in das Fenster und hing unsere Strickleiter an denselben; meine Männer stiegen mit ihr hinab; ich mußte nachspringen, aber als ich zuvor den Dolch wieder herauszog, brach die Spitze ab.«

»Du bist kein Springer, sonst wärst Du nicht an dem Nagel hängen geblieben. Ihr habt die Gefangene gesund und richtig abgeliefert?«

»Ja.«

»Sie befindet sich in dem Harem des Mudellir?«

»Nein. Seine Lieblingsfrau ist eifersüchtig; er darf keine junge schöne Sklavin bringen.«

»Wo ist sie dann?«

»In einem Hause der Straße Bab-el-Run, wohin wir sie bringen mußten. Man erkennt es an der ersten Sure des Koran, welche über seinem Thore steht.«

»Wie viel erhieltest Du für die That?«

»Ich erhielt noch nichts; der Mudellir will mich erst nach meiner Rückkehr bezahlen.«

»Warum gingst Du wieder nach Siut?«

»Ich sollte erkundschaften, ob Manu-Remusat unsere Spur entdeckt habe.«

»Wußtest Du, daß die Dahabié, auf welcher Du fuhrst, ihm gehört?«

»Nein; der Steuermann nannte mir Deinen Namen.«

»Ist Hamd-el-Arek jetzt noch in Assuan? Ich hörte, daß der Khedive ihn nach Kairo berufen habe.«

»Er wird noch einige Tage in Assuan bleiben, um sich Sobeïde günstig zu stimmen; aber lange Frist ist ihm nicht gelassen.«

»Ich bin fertig mit Dir!« Dann wandte er sich an Manu-Remusat: »Das Weitere muß ich Dir überlassen, Sihdi!«

Remusat sprach noch einige unwesentliche Fragen aus, die sich meist auf das Verhalten und Befinden seiner Tochter bezogen. Über das Erstere wurde ihm ausführlicher Bescheid; über das Letztere aber konnte er natürlich nichts erfahren. Seine Schlußmeinung sprach er in den Worten aus: »Du bleibst mein Gefangener, bis die Angelegenheit zu Ende ist. Erhalte ich meine Tochter unversehrt wieder, so werde ich Dir ein gnädiger Richter sein; findet aber das Gegentheil statt, so mußt Du sterben!«

Er ließ den Armenier abführen und sorgte dafür, daß an eine Flucht desselben nicht zu denken war. Dann reichte er Katombo nochmals die Hand: »Ich wiederhole, daß ich Dir ein Vater bleiben werde. Allah halte seine Hand über Dir und alle die Deinen, so lange Du lebst und sie auf Erden sind! Du hast mir neue Hoffnung gegeben, wo keine mehr vorhanden war, hast mir den Weg gezeigt, den ich zu gehen habe, und nun werde ich noch heute aufbrechen nach Assuan, um mein Kind von seinem Räuber zurückzufordern.«

»Das wirst Du nicht. Willst Du Deine andere Tochter schutzlos zurücklassen?«

»Ich übergebe Dir Ayescha, denn ich weiß, daß sie unter Deiner Obhut so sicher ist wie im Zelte der Erzväter.«

Ein Gefühl des Stolzes und der Genugthuung überkam Katombo, dennoch aber antwortete er:

»Sagtest Du nicht selbst, daß Hamd-el-Arek Dein Todfeind sei? Er ist der Liebling des Vizekönigs. Willst Du in die Höhle des Löwen gehen? Du wirst nicht Deine Tochter retten, sondern darin umkommen!«

»Einst hatte ich die Macht, welche er besitzt; ich befehligte ganze Flotten, welche auf der See schwammen, und Alles was ich that, war recht und gut. Da wollte mir der Vizekönig eine seiner Töchter zum Weibe geben; ich aber liebte die Mutter meiner Töchter und schlug es ihm ab. Er schickte mich in die Verbannung. Der Streich war von Hamd-el-Arek ausgesonnen; dieser wußte, daß ich jedes andere Weib ausschlagen und also den König erzürnen werde. Er nahm meine Stelle ein in der Gunst des Herrschers und trachtet mir nun auch nach meinen Töchtern, Allah verdamme ihn. Ich werde ihn tödten, wo ich ihn nur finde!«

»Laß Den für Dich handeln, den Du vorhin Deinen Sohn nanntest, Sihdi! Du kannst nicht frei und ungehindert handeln, denn der Mudellir kennt Dich; mich aber hat er noch nie gesehen; von mir hat er noch nie gehört. Du kennst mein Auge und meinen Arm. Ich schwöre Dir, daß ich Dir Deine Tochter bringe oder sterben werde; ich schwöre es bei Allah und den sieben Himmeln des Propheten!«

Manu-Remusat wurde wankend; das war ihm anzusehen, und jetzt legte sich auch das Händchen Ayeschas auf seine Schulter.

»Erfülle seine Bitte, Vater, und bleibe bei mir. Er wird Dir Sobeïde wiederbringen!«

»Auch Du, meine Tochter? So sei es denn! Fahre Du hinauf nach Assuan; Du wirst meine Hoffnung ganz erfüllen. Nimm die leere Dahabié, welche noch nicht befrachtet ist; ich stelle sie unter Deinen Befehl.«

»Verzeihe, Sihdi! Die Dahabié geht zu langsam. Gieb mir den Sandal, welcher nach meiner Zeichnung gebaut wurde und eigentlich in drei Tagen seine erste Fahrt stromab beginnen sollte!«

»Den kannst Du nicht nehmen; er ist ja beinahe vollständig befrachtet.«

»Wir laden Alles auf die zweite Dahabié. Wenn alle unsere Schiffer helfen, sind wir vor Anbruch des Morgens fertig, und dann wird der Sandal so schnell segeln, daß er den Verlust der Zeit doppelt einbringt.«

»Thue, was Du wünschest! Der Sandal wurde nach Deinem Plane gebaut; Du selbst gabst ihm den Namen Djuhr-el-Djienne (Schwalbe) und behauptest, daß er der beste Segler des Nils sein werde. Dir zu Ehren soll seine erste Fracht in dem Glücke bestehen, welches Du mir wiederbringst. Gehe jetzt, mein Sohn, und ertheile Deine Befehle; sie sollen so befolgt werden, als seien es meine eigenen!«

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