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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 43
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Manu-Remusat durchlas und verglich die Papiere; dann, als er fertig war, steckte er sie zu sich.

»Ich sehe, daß Du ein treuer, muthiger und gewandter Diener bist. Das Geld, welches Du mitbringst, gehört Dir, und ich stehe im Begriffe, Dir einen Beweis meines Vertrauens zu geben, wie Du größer ihn niemals erlangen kannst.«

»Sprich, Sihdi! Ich werde hören und gehorchen.«

»Ich werde Dir eine Aufgabe ertheilen, welche Du vielleicht nur dann erfüllen kannst, wenn Du Dein Leben wagst. Soll ich weiter sprechen?«

»Ich lausche Deiner Rede, Sihdi. Mein Herz und meine Liebe gehören Dir, folglich auch mein Leben.«

»Du weißt, daß kein wahrer Moslemin zu einem andern Manne von seinen Frauen spricht. Wenn ich diesen guten und löblichen Gebrauch übertrete, so wirst Du erkennen, daß auch ich Dich lieb habe und Dir mein ganzes Vertrauen schenke. Ich habe keinen Harem wie andere Gläubige. Der Tod hat das Weib meiner Seele von mir gerissen; mein Herz ist ihr treu geblieben bis auf den heutigen Tag, und weder eine Frau noch eine Sklavin hat es vermocht, die Trauer um sie von mir wegzunehmen. Als sie von mir schied, hinterließ sie mir die zwei größten Kleinode meines Lebens, meine beiden Töchter. Du hast sie noch niemals gesehen, obgleich Du bereits drei Jahre in meinem Hause weilst. Sie sind schön wie die Huris des Paradieses, lieblich wie die Fittiche der Schwalbe und gut und folgsam wie Roath (Ruth), von der die Schriften der Kalifen und die Bücher der Juden und Christen erzählen. Sie waren meine Freude des Morgens, meine Wonne des Abends, und all meine Sorge bei Tag und bei Nacht hatte nur ihr Glück im Auge. Jetzt ist die Freude in Leid verwandelt, und die Wonne hat sich in Schmerz und Gram verkehrt, denn Sobeïde, die ältere von ihnen, ist verschwunden, und weder ich noch einer meiner Diener hat vermocht, eine Spur von ihr aufzufinden.«

Er schwieg. Sein Antlitz hatte sich wieder verdüstert, und in seinem dunklen Auge stand eine Thräne. Katombo hielt den Blick zu Boden gesenkt; er schien nachzusinnen. Dann erhob er ihn zu seinem Herrn.

»Darf ich sprechen, Sihdi?«

»Sprich!«

»Du sagtest selbst, daß ein ächter Moslem nicht von Frauen reden darf – «

»Der Mann darf von seinem Weibe und der Bruder von seiner Schwester reden. Sprich zu mir, wie der Sohn zu seinem Vater; sprich von Sobeïde, wie der Bruder von seiner Schwester; frage mich nach Allem was Du willst, ich werde Dir gern antworten!«

»Seit wann ist Sobeïde verschwunden?«

»Morgen werden es drei Wochen.«

»Am Tage oder des Nachts?«

»Des Abends.«

»War sie allein?«

»Ja. Sie war in den Kiosk gegangen, welcher an die Mauerecke des Gartens gebaut ist. Sie hatte dies niemals allein, sondern stets in Begleitung ihrer Schwester gethan; sie ist also entflohen, und dies verdoppelt meinen Schmerz.«

»Hatte sie gesagt, daß sie nach dem Kiosk gehe?«

»Ja.«

»Hatte sie ihre Schwester nicht aufgefordert, sie zu begleiten?«

»Nein.«

»Wo war die Schwester, als Sobeïde ging?«

»Bei mir. Wir spielten Schach. Sobeïde saß dabei; sie erhob sich und ging, ohne ein Wort zu sagen.«

»Spielte sie auch Schach?«

»Nicht gern und nicht gut.«

»Hat sie erst ihr Harem aufgesucht, ehe sie nach dem Kiosk ging? Erinnere Dich genau, Sihdi!«

»Nein, denn sie ging hier die Stufen hinab in den Hof und von da aus nach dem Garten. Selim, der Verschnittene, war im Hofe und hat es gesehen.«

»Welches Gewand trug sie?«

»Das, welches sie gewöhnlich trug.«

»Vermissest Du etwas von ihren andern Gewändern, von ihrer Wäsche, ihrem Schmucke und ihrem oder Deinem Gelde?«

»Nicht das Geringste. Ich selbst habe nachgeforscht und auch Ayescha nachsuchen lassen.«

»So freue Dich, Sihdi, denn Deine Tochter ist nicht freiwillig von Dir gegangen; sie ist nicht entflohen.«

»Nicht entflohen? Was sonst?«

»Sie ist geraubt, sie ist entführt worden.«

»Allah akbar, Gott ist groß! Du träufelst mir Balsam in die Wunde meines Herzens, die aber dennoch nicht genesen wird, denn sie ist mir doch verloren!«

»Allah akbar, Gott ist groß, sagst Du; er nimmt, und er gibt wieder; aber er steigt nicht vom Himmel herab, um Dir Deine Tochter selbst wiederzubringen, sondern er gab Dir einen klugen Sinn, einen starken Arm und treue Diener, damit Du Dir wieder holen sollst, was Dir geraubt wurde.«

»Mein kluger Sinn ist zu Ende mit seinen Plänen; mein starker Arm ist ermattet vom Kummer, und meine Diener, die ich aussandte, sind entweder noch gar nicht zurückgekehrt, oder sie kamen ohne die, welche sie mir wiederbringen sollten. Ich habe nur noch Dich, Katombo. Willst Du gehen und Sobeïde suchen?«

»Ich will, Sihdi. Als Du mich mit der Dahabié hinaufsandtest in das unbekannte Land, wußte ich, daß ich Deinen Willen erfüllen würde, und jetzt, da Du mich nach Deinem geraubten Kinde suchen heißest, sagt mir eine geheime Stimme, daß ich es finden werde.«

»Hab Dank, Katombo! Du gibst mir Hoffnung und neues Leben. Hier kommt Speise und Trank. Ich werde Beides wieder genießen können, denn ich vertraue auf Dich und Deine Geschicklichkeit. Wann wirst Du gehen?«

»Erlaube mir, Sihdi, daß ich heut noch bleibe. Ich muß mir Alles genau betrachten und überlegen, um einen richtigen Plan bilden zu können. Die Andern haben nichts vermocht, weil sie ohne ein bestimmtes Ziel von Dir gingen.«

»Du redest klug und richtig. Auch mußt Du Dich von Deiner Reise erholen. Iß und trink und verlange getrost von mir; Du sollst Alles reichlich haben, was Du zur Erfüllung meines Auftrages von mir forderst!«

Die Diener stellten einen nach orientalischer Sitte niedrigen Tisch vor die Beiden hin und bedeckten ihn mit Speisen, wie sie nur ein reicher Mann bezahlen und genießen kann. Katombo langte fleißig zu; Manu-Remusat aber aß nur sehr wenig. Der Gram ist der schlechteste Koch, den es geben kann.

Nach vollendetem Mahle verabschiedete sich der frühere Zigeuner von seinem Herrn. Er hatte sich bereits während des Essens Alles reiflich überlegt und schritt nach dem Garten, um zu dem Kiosk zu gelangen, aus welchem Sobeïde seiner Meinung nach entführt worden war. Dieses war ein aus Holz gezimmertes Gartenhaus in persischem Stile. Die Thür stand offen; einige Backsteinstufen führten zu ihr empor. Die Schritte Katombos verursachten auf dem weichen und sorgfältig gepflegten Rasen nicht das mindeste Geräusch; auf den Stufen aber knirschten seine Schuhe, und in demselben Augenblicke vernahm er ein leichtes Geräusch im Innern des Kiosk. Er öffnete die nur angelehnte Thür und – blieb mit einem Laute der Überraschung unter derselben stehen: Auf dem im Gartenhause befindlichen Divan hatte Ayescha gesessen und sich beim Schalle seiner Schritte erhoben.

»Katombo!« rief sie unwillkürlich, aber dieselbe Stellung beibehaltend. Sie hatte den Schleier niedergelassen, doch wenn auch durch diese Hülle ihre Züge nicht zu erkennen waren, ihre großen, dunklen Augen waren doch zu sehen; ihre kleinen Füßchen, welche in den feinsten Saffianpantoffeln steckten, blickten unter dem halb aufgerafften Gewande hervor, und auch die kleinen weißen Finger ihrer Rechten, welche den Schleier zusammenhielt, ließen sich deutlich bemerken.

»Verzeihe, Herrin, wenn ich Dich störe, und erlaube mir, mich wieder zurückzuziehen!« meinte Katombo.

»Was wolltest Du hier?« frug sie mit beinahe leiser Stimme.

»Dein Vater gebot mir, Sobeïde aufzusuchen, und ich glaubte, hier die erste Spur von ihr zu finden.«

»Wirst Du sie wiederbringen?«

»Das weiß nur Allah und sein Prophet; aber ich werde Alles thun, was in meinen Kräften steht, Dir Deine Schwester wiederzugeben.«

»Ich weiß es, Katombo!«

Diese süße, metallisch-reine Stimme nannte ihn beim Namen! Er mußte sich zwingen, ruhig zu bleiben.

»So darf ich gehen?«

»Nein, bleibe und suche!«

Er hatte ganz unmöglich glauben können, diese Erlaubniß zu erhalten. Sie erweckte Gefühle in ihm, die bereits einmal wach gewesen waren und bisher im tiefsten Herzen geschlummert hatten. Ayescha setzte sich wieder nieder, doch ohne ihr Händchen zurückzuziehen oder ihre Füße zu verhüllen. Er bemerkte dies sehr wohl; doch durfte er auf diese hohe Vergünstigung keine Rücksicht nehmen, da er seine ganze Aufmerksamkeit auf den Zweck seiner Anwesenheit zu verwenden hatte. Leider waren alle etwaigen Spuren auf dem Fußboden und den wenigen im Kiosk befindlichen Gegenständen bereits unvorsichtiger Weise verwischt worden, und all sein Scharfsinn konnte ihn zu keiner Entdeckung führen.

Jetzt trat er an das eine Fenster, welches nach außerhalb der Mauer führte. Die dasselbe gegen die Sonne schützende Matte war aufgezogen. Er untersuchte die Einfassung der Öffnung und bemerkte in dem unteren Gewände die Bruchfläche eines stählernen oder eisernen Gegenstandes, welcher in dem Holze gesteckt hatte. Ein Nagel konnte es unmöglich gewesen sein, da die Fläche lang und schmal wie der Durchschnitt einer Messerklinge war. Schnell nahm er seinen Dolch zur Hand und grub den Gegenstand heraus. Es war die Spitze eines zweischneidigen Dolches.

Jetzt blickte er an der Außenseite des Kiosk und der Mauer hinab. Einige Zoll oberhalb der Stelle, wo der erstere auf der letzteren ruhte, stak ein tief eingeschlagener Nagel, und an ihm hing ein schimmernder Gegenstand. Katombo griff hinab und nahm ihn empor. Es war ein kleines Stück Goldschnur, wie man sie zur Verzierung von Jacken gebraucht.

Indem er lautlos dastand und nachdenklich die beiden Gegenstände betrachtete, klang es hinter ihm:

»Hast Du eine Spur?«

Er drehte sich um und stand hart vor Ayescha, welche aufgestanden und herbeigetreten war.

»Ich weiß es noch nicht. Hast Du oder Sobeïde jemals Waffen mit ihm Kiosk gehabt?«

»Nein.«

»Oder ein Anderer?«

»Nein. Dieser Kiosk war blos für uns Beide, und Niemand konnte ihn öffnen als wir.«

»Aber Dein Vater war hier?«

»Nur einmal als Sobeïde fort war.«

»Du warst dabei?«

»Ja.«

»Hatte er einen Dolch bei sich?«

»Nein.«

»So stammt diese Spitze von einem Fremden! Trägt einer unserer Diener ein Kleid, an welchem sich eine solche Schnur befindet?«

Sie nahm das Stück und hielt es nahe an den Schleier, doch schien sie es durch das Gewebe hindurch nicht genau erkennen zu können, denn sie drehte sich ein wenig abseit, öffnete den Schleier und sah nun die Goldschnur genau und ziemlich lange Zeit an.

Wollte sie Katombo Gelegenheit geben, ihre Züge zu sehen? War dies nicht der Fall, so hätte sie sich weiter fortwenden müssen, denn der junge Mann erblickte das unvergleichliche Profil eines Angesichtes, dessen Schönheit ihm das Blut siedend durch die Adern pulsiren machte. Was war Zarba gegen diese köstliche orientalische Perle, Zarba, die ihn verlassen und verrathen und dann sich selbst verloren hatte! Was seit jenen schweren Tagen tief in seinem Innern vergraben gewesen war, in diesem Augenblick sprengte es seine Hülle und bäumte sich mit Riesengewalt empor, hochauflodernd wie ein Feuer, welches durch den Zutritt der Luft neuen Raum und neue Bahnen gewinnt.

Da schloß sie den Schleier und wandte sich ihm wieder zu.

»Es trägt Niemand in unserem Hause solche Schnur.«

Er senkte den Blick zur Erde; er brauchte Zeit, um seine Ruhe, seine Fassung wieder zu gewinnen. Da plötzlich leuchtete sein Auge auf, und es ging hell über sein intelligentes Gesicht.

»Ich habs, ich habs! Allah kerihm, Gott ist gnädig!«

»Was hast Du? Weißt Du, wo Sobeïde sich befindet und wer sie geraubt hat?«

Sie war vor Erregung schnell zu ihm herangetreten und legte ihm das Händchen auf die Schulter. Er zuckte unter dieser Berührung zusammen wie unter einem kräftigen Faustschlage; ihr Gesicht befand sich nahe dem seinigen; er fühlte den linden würzigen Athem ihres Mundes – er konnte nicht anders, er legte die Linke um sie und öffnete mit der Rechten ihren Schleier.

»Ayescha!«

»Katombo, was wagst Du, was thust Du!« flüsterte sie, erschrocken, verwirrt und beseligt zugleich.

»Ayescha, Licht meiner Augen, Stern meiner Seele, Sonne meines Lebens, darf ich Dich ohne Schleier sehen?«

»Nein – ja – nein!« antwortete sie, beim letzten Worte die Hand erhebend, um sich wieder zu verhüllen.

Er wehrte ihr diese Bewegung.

»O, laß mich den Strahl Deiner Augen und den Glanz Deines Angesichtes trinken, Du Holde, Du Reine, Du Unvergleichliche. Laß mich Deine Lippen küssen und dann sterben vor Wonne, vor Entzücken und vor Seligkeit!«

Er bog sich zu ihr nieder und berührte mit seinem Munde zweimal, dreimal ihre Lippen, ohne daß sie es ihm wehrte. Ihr Angesicht erglühte, aber sie griff weder zum Schleier noch suchte sie sich seinem Arme zu entziehen. »Du bist kühn, Katombo, aber ich liebe Dich!« klang es leise und langsam zwischen ihren wie Perlen schimmernden Zähnen hervor.

»Und Du stehst so hoch über mir, wie der Himmel über der Erde, aber ich liebe Dich. Willst Du herabsteigen zu mir, dem Armen, dem Kleinen, und mich beglücken mit einer Seligkeit, wie sie in Allahs Himmeln nicht zu finden ist?«

»Ich will, obgleich Du Allah lästerst mit Deinen Worten,« erwiderte sie, ihr Köpfchen fest und innig an seine Brust schmiegend.

»Du willst? Du willst!« jauchzte er. »O, dann bin ich stark und mächtig; dann vermag ich Alles, selbst das Schwerste durch Dich! Dann werde ich Dir auch Deine Schwester wiederbringen!«

»Glaubst Du? Hast Du wirklich hier Spuren von ihr gefunden?«

»Ich weiß es noch nicht sicher, aber ich werde mir sofort die Gewißheit holen. Leb wohl, Ayescha, mein Ein und Alles! Ich werde heut, wenn der Abendstern im Zenithe steht, wieder hier sein und auf Dich warten. Wirst Du kommen? Kannst Du kommen, ohne daß man Dich bemerkt?«

»Ja, ich werde kommen, mein Geliebter!«

»Hab Dank, so viel Male Dank, als Sterne am Himmel stehen, als Tropfen im Meere wogen und als Körner des Sandes in der Wüste glühen!«

Er drückte sie an sich; er fühlte das entzückte Wogen ihres Busens an seiner Brust; er küßte sie wieder und immer wieder und ließ sie endlich leise auf den Divan gleiten. Dann trat er an die Fensteröffnung, hob den Fuß zu derselben empor, schwang sich hinaus und stand mit einem kühnen Sprunge unten an der Gartenmauer. Von hier aus schritt er eilends dem Flusse zu, bemerkte aber, sich einmal umdrehend, daß Ayescha am Fenster stand und ihm nachblickte.

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