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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Indessen hatte Zarba dem Wirthe einige Worte im Zigeuneridiom hingeworfen, welche dieser bejahte, indem er nach der Gegend deutete, in welcher die Tannenschlucht lag. Sie nickte kurz und frug dann Thomas:

»Wer sind diese Beiden?«

»Dieser da ist Palduin der Steuermann, mein durchgeprannter und lieper Bruder, den ich hier ganz unverhofft wiedergefunden hape, und Der dort, das ist –«

»Halt!« wehrte Karavey ab, indem er zu Zarba trat. »Siehe mich an, ob Du meinen Namen selper findest!«

Sie forschte in seinen Zügen und schüttelte langsam den Kopf.

»Ich kenne Dich nicht.«

»Und dennoch kennst Du mich! Du weißt meinen Namen und hast tausendmal an mich gedacht. Hast Du ihn nicht zu Deiner letzten Losung genommen?«

Sie horchte auf, trat ihm näher, blickte ihn schärfer an; dann entsank der Stock ihren Händen, und sie glitt langsam und schwach in den Sessel, welcher neben ihr stand. Die Stille des Todes herrschte in der Stube; nur ein leises, mit aller Macht nicht zu unterdrückendes Schluchzen war zu vernehmen – Zarba weinte.

Dann nahm sie die Hände von den Augen und streckte sie zitternd dem Bruder entgegen.

»Karavey!«

»Zarba!«

Sie lagen einander in den Armen, die sich seit länger als fast einem Menschenalter verloren und nicht wiedergesehen hatten. Das Leid hatte in ihren Herzen gewühlt wie der Pflug in der Erde, und wer trug die Schuld? Zarba, die einstige Rose der Brinjaaren, die jetzt verwelkt und entblättert dasaß, eine verfallene Ruine einstiger Herrlichkeit.

»Karavey, vergieb!«

»Dir ist schon längst vergeben!«

Dem guten Thomas stand das Wasser in den Augen; er konnte sich nicht halten und trat näher.

»Zarpa, ich pitte auch um Vergepung! Ich hape Dich für eine ganz schlimme Hexe gehalten und sehe jetzt, daß Du ein recht praves Frauenzimmer pist. Du sollst in meinem Herzen gleich nach der Parpara Seidenmüller kommen!«

Diese lyrisch-komische Auslassung war mehr als alles Andere im Stande, das erschütterte innere Gleichgewicht wieder herzustellen; nur die beiden Hauptpersonen der soeben stattgehabten Erkennungsscene blieben ernst.

»Bleibt hier!« bat Zarba. »Komm mit, Karavey!«

Sie traten mit einander hinaus in den Flur und wandten sich nach dem Gärtchen. Die Zingaritta hatte noch nicht bemerkt, daß dasselbe bereits besetzt war. Als sie die drei Personen erblickte, blieb sie überrascht stehen. Waren sie ihr bekannt? Es schien so. Fast hätte man aus dem Spiele ihrer Mienen vermuthen sollen, daß sie sie hier in den Bergen erwartet habe, nur die Art und Weise schien sie zu befremden. In diesem einen Augenblicke war die innere Erschütterung zurückgedrängt; sie war wieder Zarba, die Vajdzina ihres Stammes.

Sie schritt auf die drei Personen zu und blieb vor Almah stehen.

»Bhowannie läßt blühen die Blumen und duften die Rosen. Darf ich sehen dieses kleine Händchen?«

Lächelnd reichte das Mädchen ihr die Rechte dar. Zarba forschte in den Linien derselben, und es ging hell über ihre faltigen Züge.

»Fürchte Dich nicht vor dem Wasser; es bringt Dir Glück und Seligkeit. Im fernen Süd hat er Dich im Wasser gefunden, im Norden wirst Du ihn wiederfinden, schwimmend auf den Wogen im Donner des Kampfes; dann wirst Du sehen, wie nahe er Dir gewesen ist.«

Almah erglühte; auch Arthur war im höchsten Grade verwundert. Woher wußte die Zigeunerin von jener Begegnung im Nile? Sie wandte sich jetzt zu ihm:

»Auch Eure Hand, mein blanker Herr!«

Er gab sie ihr hin. Nach einer kurzen Betrachtung meinte sie:

»Der Geist der Weissagung blickt durch die Kleidung und das Gewand. Du wirst den Freund mit einer Krone schmücken und hohe Ehren erlangen. Fürsten und Könige sind in den Bergen, und in der kleinen Hütte ruhen die Beherrscher der Völker.«

Nun trat sie auch zu Nurwan Pascha. Er hatte seine türkische Kleidung abgelegt und trug sich ganz nach der hiesigen Sitte. Auch er streckte ihr seine Hand hin. Sie nahm dieselbe und betrachtete sie. Da plötzlich wurde ihr Gesicht leichenfahl, sie stieß einen gellenden Schrei aus und sank besinnungslos zur Erde. Der Name, die Gestalt, das Gesicht, Alles war ihr fremd geworden, aber diese Hand, die hatte sie wieder erkannt, die Hand, die sie einst so zärtlich liebkost und die sie dann so undankbar und leichtsinnig von sich gestoßen hatte.

»Was war das? Wer ist sie?« frugen die beiden Männer, und Almah bog sich liebreich zu ihr nieder, um ihr mit Hilfe eines Riechfläschchens beizustehen. Karavey kniete an der Erde und hielt die Hände der Schwester gefaßt.

»Zarba, wache auf! Was ist mit Dir?«

»Zarba!« rief Arthur, und

»Zarba!« rief auch der Pascha.

Der Letztere bog sich zu ihr herab:

»Zarba, erwache; Katombo ist da!«

»Wer?« rief Karavey aufspringend. »Katombo? Wo ist Katombo?«

»Hier; ich bin es selbst!«

»Ihr – Du bist es? O – o – welch ein Tag! Kennst Du mich?«

»Nein.«

»Karavey!«

»Karavey? Mann, Bruder, ists möglich!«

Jetzt lagen sich die beiden Männer in den Armen. Darüber erwachte die Zigeunerin. Sie richtete sich halb empor.

»Katombo, tödte mich!«

»Tödten? Nein, segnen werde ich Dich, Du Geliebte meiner Jugend und Du Abgott meines Schaffens!«

Er hob sie empor und setzte sie auf den Platz, den er erst inne gehabt hatte.

»Also Du, Zarba, bist die Königin unserer großen Verbindung? Du bist das allmächtige und allwissende Wesen, dem Groß und Klein gehorcht, ohne zu klagen und zu fragen! Du wiesest meine Liebe von Dir, aber ich war stark im Herzen und wurde dennoch glücklich. Siehe mein Kind, mein einziges, herrliches Kind; es mag Dir sagen, daß ich Liebe um Liebe wiedergefunden habe!«

Durch die laute Unterhaltung hier im Garten wurden die in der Stube Befindlichen aufmerksam. Max trat heraus; ihm folgten die Andern. Kaum hatte er die Hinterthür erreicht, so entfuhr ihm ein Laut der Verwunderung. Zwei Augen hatten auch ihn erblickt, Arthur kam herbei:

»Max, ich bitte Dich, in bin ein Matrose und heiße Bill Willmers! Nur Zarba scheint meinen wahren Namen zu kennen.«

»Warum dieses Inkognito?«

»Werde es Dir später erklären. Ah! Was ist das für ein Gespenst?«

Tirban, der Waldhüter kam am Waldessaume herbeigeschlichen. Kaum hatte Zarba ihn erblickt, so rief sie ihn herbei. Er kam und begrüßte sie mit einer Unterwürfigkeit, als ob er eine Königin vor sich habe.

»Kam die Depesche nach Waldenberg?« frug sie ihn.

»Ja.«

»Habt Ihr sie?«

»Wir haben sie.«

»In der Tannenschlucht?«

»Du hast es so befohlen.«

»Wer bewacht sie?«

»Horgy und Tschemba.«

Sie wandte sich an den Schmiedegesellen und seinen Bruder:

»Thomas, wir werden uns für eine halbe Stunde entfernen und übergeben Euch diese Dame!«

»Schön!« antwortete der Angeredete. »Ich werde sie pewachen und pewahren, als ob sie meine peste Ampalema wäre!«

»Bleibe hier!« bat Nurwan Pascha seine Tochter.

Sie nickte zustimmend.

»Darf Bill nicht auch bleiben, Papa?«

Die Zigeunerin hatte die Frage vernommen.

»Er darf bleiben!« entschied sie.

Das Erlebte hatte so mächtig auf die Anwesenden eingewirkt, daß sich Alle wie halb im Traume befanden. Sie folgte Tirban, welcher voranschritt. Der Weg ging zunächst nach seiner Hütte, dann an dieser vorüber in den dichten Wald hinein, bis sich vor ihnen eine tiefe, finstere Schlucht öffnete, deren Seiten mit riesigen Tannen besetzt waren. Das war die Tannenschlucht. Sie war beinahe eine Viertelstunde lang und schien seit Jahren von keinem menschlichen Fuße betreten worden zu sein. Ihr Hintergrund wurde von wirr über einander gethürmten Felsen gebildet. Tirban schob einen derselben mit Leichtigkeit bei Seite; das Kreischen verrosteter Angeln ertönte und es wurde eine Öffnung sichtbar, welche groß genug war, zwei Männer neben einander hindurch zu lassen.

Drin war es dunkel, aber eine angebrannte Fackel verbreitete bald das gehörige Licht. Auf einer Streu hatten zwei Männer gelegen, welche bei dem Eintritte der Kommenden sich erhoben. Es waren die beiden Wächter Horgy und Tschemba, welche ihre Vajdzina mit größter Ehrerbietung grüßten.

»Alles in Ordnung?« frug diese.

»Alles!«

»So bringt die Gefangenen!«

Im hinteren Theile des Raumes wurde eine Thür geöffnet, hinter welcher der Direktor mit dem Oberarzte hervortrat. Beim Erblicken der Anwesenden erbleichten Beide; dem dicken Direktor schlotterten die Kniee; er wäre zusammengebrochen, wenn er sich nicht an die Wand gelehnt hätte.

Zarba trat auf ihn zu.

»Hund, welcher den zerreißt, auf welchen er gehetzt wird, Du hast nur noch eine Minute zu leben, wenn Du nicht offen beichtest. Tirban, nimm die Pistolen!«

Der Alte griff in eine Vertiefung und brachte die Waffen hervor.

Zarba fuhr fort:

»Hier der Herr Doktor Brandauer wird Euch fragen; bei der geringsten Unwahrheit drückst Du los, Tirban!«

Der Direktor stöhnte vor Entsetzen. Max, welcher sicher annahm, daß es Zarba mit ihrer Drohung blos darum zu thun war, die beiden Ärzte einzuschüchtern, begann:

»Ich wiederhole, daß ich bei der geringsten Lüge winken werde; mehr bedarf es nicht zu einer Kugel. Herr Direktor, Sie kennen einen Herrn Aloys Penentrier?«

»Ja.«

»Er besuchte Ihre Anstalt sehr oft?«

»Ja.«

»Im Auftrage des Herzogs von Raumburg?«

»So ist es.«

»Er hatte Ihnen die Befehle desselben zu bringen?«

»Denen ich natürlich gehorchen mußte,« versuchte er sich zu entschuldigen.

»Ich theile diese Ansicht natürlich nicht. Sie konstatiren hiermit gewisse Fälle, in denen geistig vollkommen Gesunde als wahnsinnig eingeliefert und behandelt wurden?«

»Ja,« klang es nach einigem Zögern.

»Ebenso gestehen Sie Fälle ein, in denen Sie angehalten waren, gefürchtete Internirte durch Tödtung zu entfernen?«

»Ja.«

»Ihr Oberarzt war ausnahmslos Ihr Mithelfer?«

»Ja.«

»Gestehen Sie das ein?« wandte sich Max an diesen.

Er warf dem Direktor einen fürchterlichen Blick zu, schielte nach der bereitgehaltenen Pistole und antwortete:

»Bei solchen Gewaltmitteln kann ich nicht anders als ja sagen.«

»Gut, so sind wir fertig. Wo sind die Effekten dieser Männer?«

»Hier,« antwortete Tirban, indem er zwei Koffer herbeischob.

»Untersuchen!«

Sie wurden geöffnet, enthielten aber nichts als Wäsche und Toilettengegenstände. Daher ließ Max die Kleidung der Gefangenen untersuchen. Jetzt kam das Reisegeld und außer demselben ein Portefeuille zum Vorschein, welches einige versiegelte Briefe ohne Adresse enthielt. Max erbrach sie, und kaum hatte er einen Blick auf den ersten geworfen, so griff er in die Tasche und zog sein Notizbuch hervor. Er hatte ganz dieselbe Geheimschrift erkannt, zu welcher er aus der Bibliothek des Herzogs von Raumburg sich den Schlüssel mitgenommen hatte. Er trat an das Tageslicht und begann zu dechiffriren.

Es dauerte lange, ehe er fertig war. Die Andern ahnten, daß er etwas sehr Wichtiges gefunden haben müsse, und vermieden, alle Störung. Als er geendet hatte, steckte er die Briefe zu sich und überlegte einige Zeit. »Ich werde über diesen Fund später berichten. Können die Gefangenen für diese Nacht noch hier bleiben?«

»Ja,« entschied Zarba.

»So schließt sie wieder ein! Jetzt vorerst wieder zurück zum Kruge, wo wir versuchen wollen, die Räthsel zu lösen, vor welche wir uns heute gestellt sehen.«

»Halt!« gebot Zarba. »Ehe wir diesen Ort verlassen, verlange ich von Euch Allen den Schwur, ihn niemals zu verrathen.«

»Ich schwöre es gern,« antwortete Max.

»Ich auch,« stimmten die Andern bei.

Der Rückweg wurde angetreten. Tirban blieb in seiner Hütte; die Übrigen begaben sich nach dem Kruge. Als sie dort angekommen waren, näherte sich Thomas Schubert seinem jungen Herrn.

»Herr Doktor, darf ich einmal ein Pischen neugierig sein?«

»Nun?«

»Warum ist der Herr Hauptmann von Wallroth zurückgeplieben und nicht lieper auch mitgekommen?«

»Der König erlaubte es nicht. Er hat ihn zum Major avancirt und gewünscht, ihn für jetzt im Schlosse zu behalten.«

»Donnerwetter, da pleipe ich ein anderes Mal auch zu Hause!«

Er trat befriedigt zu seinem Bruder. Dieser verwandte kein Auge von Nurwan Pascha, welcher sich wieder zu seiner Tochter gesetzt hatte, und drehte sich endlich ärgerlich um.

»Thomas, ich wette doch mit Dir, daß dieser Mann der schwarze Kapitän ist. Je länger ich ihn mir betrachte, desto gewisser werde ich!«

»Ein Seeräuper? Dann hat er dieses Mädchen wohl auch aus der See geraupt und giept sie nun für seine Tochter aus. Darüper zerpreche ich mir aper den Kopf nicht; lieper will ich einmal nachdenken, wie ich es anfange, daß mein junger Herr auf den glücklichen Gedanken kommt, mir eine von seinen Cupa oder Hapanna anzupieten?« – – –

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