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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Der Wirth mit den beiden Zigeunern war es. Sie hatten schwarze Masken vor die Gesichter gebunden, lange Messer in den Fäusten und kamen in den Hohlweg herabgestiegen. Der Erstere öffnete den Wagenschlag.

»Wohin die Reise, meine Herren?«

»Nach der Grenze,« antwortete der Direktor zähneklappernd.

»Schnell oder langsam?«

»Schnell, so schnell wie möglich, mein Lieber.«

»Gut, dann muß ich Ihnen sagen, daß dieser Weg nicht der kürzeste ist, und zudem scheint Ihnen Ihr Kutscher abhanden gekommen zu sein. Wollen Sie sich uns anvertrauen, so werden wir Sie sicherer und schneller führen, als er Sie gefahren hat.«

»Sie meinen – Sie wollen – – ja, meine Herren, verstehe ich Sie recht?«

»Jedenfalls. Wir sind hier, uns Ihrer anzunehmen. Steigen Sie aus!«

»Aber bitte, wollen Sie uns nicht lieber den Wagen aufrichten und dann den Kutscher rufen? Ich werde Sie für diese kleine Mühe gern bezahlen.«

»Was könnten wir für eine so kleine Mühe fordern! Erlauben Sie uns doch eine etwas größere Mühe. Steigen Sie aus!«

»Aber, mein Bester, ich – – –«

»Heraus!«

»Sollte es wirklich Ihr Ernst – – –«

»Herrrraus, oder – – –!«

Dieser Ton, verbunden mit einer sehr deutlich zu erklärenden Bewegung des Messers brachte eine sehr schnelle Wirkung hervor. Der Direktor war trotz seiner Korpulenz in einem Nu aus dem Wagen; der Oberarzt folgte ihm ebenso eilig. Von dem Fuhrmann Beyer war nicht die geringste Spur zu bemerken.

»Kommen Sie!« gebot der Wirth und wandte sich dem Walde zu.

»Aber bitte, entschuldigen Sie, meine Herren, unser Gepäck –!«

»Geht Ihnen sicher nicht verloren, dafür lassen Sie mich sorgen. Folgen Sie nur diesen beiden Männern, die es so gut mit Ihnen meinen, daß sie nicht gern von ihren Messern Gebrauch machen möchten. Vorwärts, marsch!«

Die beiden Ärzte sahen sich gezwungen, dem fürchterlichen Menschen zu gehorchen. Sie wurden von den Zigeunern in den Wald geführt, wo man ihnen die Augen verband und sie dann an der Hand weiter geleitete. Dies dauerte sehr lang; die Zeit wurde ihnen fast zur Ewigkeit; aber endlich erreichte man das Ziel; eine Thür kreischte in den Angeln – noch einige Schritte weiter, dann wurden ihnen die Binden wieder von den Augen genommen. Sie befanden sich in einem vollständig dunkeln Raume.

»Hier herein!« klang die Stimme des einen Zigeuners.

Die Gefangenen wurden in einen engen, niedrigen Raum gestoßen; ein helles Gelächter ertönte hinter ihnen, dann waren sie mit sich allein. – –

Es war nur einige Tage früher, daß Prinz Arthur von Sternburg im Garten von Schloß Sternburg sein Renkontre mit dem wilden Prinzen gehabt hatte. Die Kastellanin Horn stand in der Küche und bügelte Gardinen und allerlei andere Hauswäsche, welche jetzt ja sehr nöthig gebraucht wird, als die Thür aufgerissen wurde und Almah ganz athemlos hereintrat.

»Hülfe, meine liebe Mama Horn, Hülfe!«

»Hülfe?! Herrjesses, mein Kind, was ist denn los?«

»Hülfe! Um Gottes willen, helfen Sie, retten Sie ihn!«

»Ihn? Wen denn?«

»Ihn!« antwortete das erschrockene Mädchen, indem sie auf einen Stuhl sank und die Augen schloß.

»Herr meines Lebens, jetzt stirbt sie mir!« schrie die Kastellanin und eilte hin und her, um irgend ein Mittel zu finden, die Ohnmächtige wieder in das Leben zurückzurufen. Vor Angst und Bestürzung jedoch fand sie nichts, und so nahm sie den Kopf des Mädchens an ihr Herz, streichelte die erbleichten Wangen und bat:

»Nicht sterben, mein liebes, mein gutes, mein süßes Kind, nur nicht sterben! Herrjesses, wo nur mein Alter steckt; nun bin ich ganz allein in dieser schrecklichen Noth! Sie stirbt mir wahrhaftig noch, und hat mir nicht einmal vorher gesagt, wen ich retten soll. Aber da, Gott sei Lob und Dank, da holt sie ja wieder Athem, da macht sie die Augen auf. Kind, fassen Sie sich und sagen Sie mir schnell, wen ich retten soll!«

»Ihn!« hauchte es leise.

»Ihn? Ja, wen denn und wo denn?«

»Im Garten. Sie werden sich tödten!«

»Tödten? Herrjesses, ist das schrecklich!« Sie schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Was soll daraus werden, und wie soll das enden, wenn sie sich tödten! Aber, mein Kind, wer ist es denn?«

»Prinz Hugo.«

»Der? Und wer noch?«

»Er – er – – der Matrose, der neue Diener.«

»Der gute, gnädige Herr Ar- – – der – der Bill Willmers, wollen Sie sagen, mein Kind?«

»Ja. Der Prinz zog den Degen.«

»Den Degen? Herrjesses, ist das gefährlich, ist das eine Angst und eine Noth! Wo ist nur mein Alter? Bleiben Sie hier, mein Kind, ich muß gleich sofort in den Garten, um ein solches Elend und Herzeleid zu verhüten!«

Jetzt eilte sie hinaus. Sie war schon ein Stück in den Garten hinein, als sie stehen blieb, sich besann und dann schnell wieder umkehrte.

»Sagen Sie mir doch, mein Kind, wo sie sich umbringen; ich muß sonst zu lange suchen!«

»In der Ecke, ganz hinten.«

»Auch das noch. Da sind sie todt, ehe ich hinkomme!«

Sie sprang wieder hinaus, so schnell sie es vermochte, und wäre draußen beinahe an Arthur gerannt, welcher soeben aus dem Garten zurückkehrte.

»Gnädiger H– – – Sie leben noch, Sie haben sich nicht umgebracht? Herrjesses, was bin ich glücklich! Das muß ich gleich dem lieben, guten Fräulein erzählen!«

Sie kehrte zur Küche zurück, um diesen Vorsatz auszuführen. Der ganze Vorgang hatte nicht unbemerkt bleiben können. Horn kam die Treppe herabgestiegen, und auch der Pascha zeigte sich von oben.

»Was gibt es, Bill?« frug er.

»Einen Menschen, der im Garten liegt, Excellenz.«

»Todt?«

»Nein. – Und einen Brief.«

Er stieg die Stufen empor.

»Von wem?«

»Von einem Fremden.«

Er gab das Schreiben der Zigeunerin ab. Nurwan Pascha warf einen Blick auf das Papier und erbrach dasselbe dann mit einer Hast, welche deutlich die Bedeutung zeigte, die es für ihn haben mußte.

»Wo ist der Bote?«

»Fort.«

»Du hast sonst keinen Auftrag von ihm bekommen?«

»Keinen.«

»So geh!«

Schon stand Arthur im Begriffe, dieser Weisung Folge zu leisten, als unten vom Garten her eilige Schritte ertönten. Es war der wilde Prinz, welcher wieder zum Bewußtsein gekommen war. Mit blutigem Gesichte stürmte er herbei, um seinen Gegner zu suchen. Er sah ihn droben beim Pascha stehen, stieß einen heiseren Ruf der Rache aus und sprang empor. Schon wollte er Arthur von hinten packen, als dieser sich schnell umdrehte, ihn bei den Hüften faßte, emporhob und mit solcher Wucht die Treppe hinunterwarf, daß er unten wie ein Holzklotz aufschlug und zum zweiten Male liegen blieb. Das geschah so schnell, daß der Pascha nicht die mindeste Zeit gehabt hatte, es zu verhindern.

»Mensch!« rief er jetzt erschrocken. »Dieser Mann ist ein königlicher Prinz. Was hast Du mit ihm?«

»Nichts, Excellenz.«

»Nichts? Und wirfst ihn die Treppe hinab!«

»Ich nichts mit ihm, er aber wohl mit mir.«

Unten ertönten zwei Schreckensrufe. Die Kastellanin war mit Almah aus der Küche getreten und hatte den Prinzen liegen sehen.

»Herrjesses, welch ein Malheur!« rief sie erschrocken. »Einer ist also doch noch umgebracht worden. Und wie ist er im Gesichte zugerichtet!«

»Er hat es verdient,« klang da des Mädchens Stimme.

»Verdient?« frug ihr Vater, welcher jetzt herabgekommen war. »Wie meinst Du das?«

»Er verfolgte mich im Garten, Papa, und hielt mich bereits arg gefaßt, so daß ich mich gar nicht wehren konnte. Da kam Bill und errettete mich.«

»Ah, ists so!«

Er stieß mit dem Fuße gegen den Bewußtlosen und machte dabei die Pantomime der größten Verachtung.

»Herr Kastellan!«

»Excellenz!«

»Ich will diesen Menschen nicht wiedersehen. Nehmen Sie sich seiner an, daß er nicht so liegen bleibt, und säubern Sie ihn. Will er mich aber sprechen, so sagen Sie ihm, daß ich meinem Versprechen sofort nachkommen würde, auf ein Wiedersehen jetzt aber Verzicht leisten müsse.«

Dann wandte er sich an Arthur.

»Bill, wußtest Du, daß es ein Prinz ist?«

»Ja.«

»Und hast Dich dennoch an ihn gewagt?«

»Pah!«

»Du bist ein guter, tüchtiger Junge, und ich werde Dir dankbar sein. Ich muß sofort verreisen. Willst Du mich begleiten, oder mußt Du hier bleiben?«

»Dauert diese Reise lang, Excellenz?«

»Keine Woche.«

»Verreisen, Papa?« fiel hier Almah ein. »Darf ich mit?«

»Es würde für Dich beschwerlich sein, mein Kind. Es geht in das Gebirge.«

»Dann muß ich doch erst recht mit, Papa; ich habe ja noch gar kein Gebirge gesehen!«

»Nun meinetwegen, nämlich wenn Bill mitgeht, dem ich Dich übergeben müßte. Nun, Bill?«

»Ich gehe mit, Excellenz!«

Das Blut stieg ihm zu Herzen bei dem Gedanken, daß ihm das herrliche Wesen für eine Reise anvertraut werde, und bei dem dankbaren Blicke, welcher ihn aus ihrem Auge traf. Der Pascha stieg, ohne sich um Prinz Hugo weiter zu bekümmern, mit seiner Tochter wieder empor, und Arthur sah sich jetzt mit dem Kastellan und dessen Frau allein.

»Durchlaucht, ich bin ganz erschrocken,« meinte Horn; Arthur aber fiel ihm sofort in die Rede:

»Willmers heiße ich, Willmers, merken Sie sich das! Diesen Menschen tragen Sie hinaus vor das Thor, und wenn er wieder hereinkommt, sind Sie Ihres Dienstes entlassen.«

»Durchl– – –!«

»Willmers heiße ich!«

»Vor das Thor – ein königlicher Prinz – – –!«

»Ein Lump ist er, nichts weiter! Übrigens haben Sie gehört, daß ich mit verreisen werde; versorgen Sie mich mit dem Nöthigen. Ich weiß noch nicht, wohin es geht, werde aber dafür sorgen, daß wir in Berührung bleiben, damit wenn ich plötzlich einberufen würde, Sie mich sofort benachrichtigen können.«

Jetzt ertönte die Stimme Almahs, welche nach der Kastellanin rief. Diese gehorchte und fand das Mädchen in der Wohnung desselben.

»Wir werden uns Abschied sagen müssen, meine gute Mama Horn,« wurde sie empfangen.

»Doch nicht für immer!«

»Nein, nur für einige Tage. Wissen Sie, Papa hat mit dem wilden Prinzen eine sehr wichtige Unterredung gehabt, und die Folge dieser Unterredung muß wohl diese Reise sein.«

»Wo gehen Sie hin?«

»Zunächst nach Süderhafen und dann hinauf in die Berge. Wissen Sie, Mama, daß ich mich unendlich freue?«

»Ich glaube es Ihnen, mein liebes Kind.«

»Wo ist der Prinz?«

»Er wird vor das Thor geschafft. Ach, was war das für ein Schreck, als Sie kamen und um Hülfe riefen; ich hätte vor lauter Angst gleich in den Erdboden hineinsinken können. Wie ist es nur so schlimm gekommen?«

Almah theilte ihr das Nähere mit und fügte dann hinzu:

»Es ist gerade so gewesen, als sei Bill ein Prinz und der Prinz ein Matrose. Ich sage Ihnen, Mama, dieser Willmers ist ein Held, dem ich mich auf unserer Reise sehr gern anvertrauen werde.«

»Nicht wahr? Ja, ja, vertrauen Sie sich ihm nur an, mein liebes Kind; bei ihm sind Sie sicher vor aller Fährlichkeit. Der Prinz hatte nichts Anderes verdient, obgleich ich erschreckliche Angst habe, was auf die Sache folgen wird; denn einen königlichen Prinzen mit der Ruthe entehren, das kann selbst dem hochgestelltesten Manne höchst gefährlich werden.«

»Ihm können sie nichts thun, denn er steht unter Papa's Schutz. Schlimmer wäre es, wenn er ihn getödtet hätte.«

»Herrjesses, das wäre doch ganz und gar entsetzlich gewesen! Ich kann von solchen Dingen ein Wort erzählen.«

»Sie, Mama Horn?«

»Ja ich! Denken Sie sich einmal« – und dabei näherte sie sich ihr mit wichtiger und geheimnißvoller Miene – »ich bin einst dabei gewesen, daß Jemand getödtet wurde!«

»Durch den Scharfrichter?«

»Nein, durch einen richtigen ächten Mörder.«

»Nicht möglich! Das wäre dann ja bei einem Morde gewesen!«

»Das war es auch!«

»Wirklich? O, Mama Horn, dann haben Sie ein fürchterliches Abenteuer erlebt, welches Sie mir erzählen müssen.«

»Liebes Kind, das darf ich nicht!«

»Warum?«

»Mein Mann hat es mir verboten.«

»Der? So haben Sie es ihm erzählt?«

»Er war ja selbst auch mit dabei!«

»Er auch? Das wird ja immer interessanter! Dürfen Sie es wirklich nicht erzählen?«

»Nein.«

»Keinem Menschen?«

»Keinem!«

»Hat er Ihnen denn auch befohlen, es mir zu verschweigen?«

»Nein.«

»Na, sehen Sie, Mama Horn; jetzt können Sie mir diese schöne Geschichte also doch erzählen! Nicht wahr? Bitte!«

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