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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 38
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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An demselben Tage hatte der Regen die Wasser und Bäche des Gebirges hoch angeschwellt, daß es schwer und bedenklich war, auf Fußpfaden durch die Waldung zu kommen. Auch die wenigen fahrbaren Straßen, welche nach der Grenze führten, wurden schwerer wegbar, und wer nicht gezwungen war, dem Wetter zu trotzen, der blieb daheim am sichern Herde sitzen.

Ungefähr drei Wegsstunden von der Grenze entfernt liegt das Städtchen Waldenberg, rings umgeben von schroffen Höhen, welche die Poststraße nur schwer zu überwinden vermag. Seitwärts von dieser Letzteren steht an einem Saumpfade fast mitten im Walde ein einstöckiges Häuschen, über dessen Thür eine Holztafel angebracht ist, deren verwitterte und verwaschene Inschrift man nur mit Mühe zu entziffern vermag. Sie lautet: "Zur Oberschenke." Fragt der Fremde, ob es denn Gäste gebe, welche Durst genug haben, dieses einsame und anspruchslose Haus zu frequentiren, so antwortet man ihm allerdings mit Ja! er selbst aber würde wochenlang beobachten und zählen können, ehe er zu dem Resultate käme, daß am Tage nicht ein einziger Gast dort verkehrt.

Nur der Eingeweihte weiß, daß sehr oft gewisse Gestalten heimlich in das Gebäude huschen und es ebenso vorsichtig wieder verlassen; er weiß auch, daß zuweilen des Nachts die alte verräucherte Stube kaum die Zahl Derer zu fassen vermag, welche lautlos kommen und verschwinden.

Steht man vor der Thür der Oberschenke, so gestattet ein schmaler Holzschlag, der sich den Berg hinabzieht, einen Blick hinunter in das Thal und auf die Fahrstraße, welche dem Letzteren in vielen Windungen zu folgen hat. Sollte dieser Holzschlag durch eine gewisse Absicht hervorgerufen worden sein? Fast scheint es, als hätte es dem Wirthe ermöglicht werden sollen, von seinem verborgenen Wohnsitze aus die Straße immer im Auge behalten und beobachten zu können.

Heut that er dies nicht; er wußte, daß es keinen Verkehr oder wenigstens keinen nennenswerthen geben werde, er saß an dem gewaltigen Kachelofen, in welchem ein großer Holzklotz mehr klimmte als brannte, rauchte seine Pfeife und hob zuweilen einen dicken Steinkrug zum Munde, um in einem langen Zuge das Getränk zu schmecken, welches bei ihm Bier genannt wurde. Am Tische, der in der Nähe des Ofens stand, saßen zwei Männer, welche ähnliche Krüge vor sich stehen hatten und ein Gespräch unterhielten, über welches sich ein heimlicher Lauscher gewundert haben würde. Sie waren mehr in Lumpen als in ein ordentliches Gewand gekleidet, und doch hatte der Tabak, den sie rauchten, ein so feines und dabei kräftiges Parfüm, daß der Kenner geschworen hätte, er könne nur von sehr wohlhabenden Leuten bezahlt werden. Die Gesichter der Beiden hatten unbedingt jenen unverkennbaren Schnitt, der den Zigeuner kennzeichnet, während die breiten Züge des Wirthes die nordische Abstammung dokumentirten. Eines aber hatten alle Drei gemein: den Ausdruck der List und Verschlagenheit, der dem Beschauer gleich beim ersten Blicke auffallen mußte.

»Und sie sind wirklich wieder hüben gewesen, die Süderländer?« frug der Wirth.

»Wirklich!«

»Woher weißt Du es, Horgy?«

»Ich bin Ihnen begegnet.«

»Alle Teufel! Allein?«

»Mit Tschemba hier.«

»Auch Du warst mit?« wandte sich der Wirth an den Genannten. »Wann war es?«

»Heute Nacht, drüben bei der alten Kapelle. Wir wären sicher des Todes gewesen, wenn sie es bemerkt hätten.«

»Das ist so gewiß wie mein Ofen hier! Was wird Sie dazu sagen, wenn sie es erfährt?«

»Sie? Hm, sie wird sie heimschicken mit blutigen Köpfen, wie vor fünf Wochen, als sie uns in das Tabaksgeschäft pfuschen wollten. Wenn diese albernen Kerls Ihre Oberhoheit anerkennen und Ihr gehorchen wollten, würde es ganz anders sein. Das Geschäft würde dann nicht zerrissen; es wäre ein gemeinsames; der Gewinn müßte sich verdoppeln, und Gefahr, haha, Gefahr wäre dann ein Wort, welches man gar nicht zu kennen brauchte.«

»Aber wie kommst Du zur Kapelle, Horgy? Ich denke, Du warst das, was man verreist zu nennen pflegt!«

»Allerdings. Ich kehrte gestern wieder und traf mit Tschemba zusammen.«

»Wo warst Du?«

»In Süderland.«

»Ah! Weit drin?«

»In Tremona.«

»Bist Du des Teufels? Hatte Sie Dich geschickt?«

»Ja.«

»Also ein Auftrag von Ihr! Darf man wissen, was es gewesen ist?«

»Nicht nothwendig. Ich hatte einen Kerl zu beobachten, der die Augen verdrehte, als ob sie an einer Kurbel gingen, und dann einen Brief zu übergeben.«

»An wen?«

»An – an einen türkischen Pascha!«

»An einen Pascha? Lüge Du und der Teufel!«

Wirklich war Horgy derjenige Zigeuner, welcher Arthur von Sternburg den Brief für Nurwan Pascha übergeben hatte. Bei der Interjektion des Wirthes lächelte er wie ein Mann, der die Wahrheit nur aus dem Grunde gesagt hat, weil er weiß, daß sie nicht geglaubt wird.

»Frage nicht mehr, als Du darfst! Du weißt, daß Sie streng darauf sieht, daß nie gesprochen wird. Also halte lieber den Mund und schenke mir nochmals ein!«

Der Wirth erhob sich, um den Wunsch des Gastes zu erfüllen; dabei fiel sein Blick durch das Fenster.

»Alle Wetter, dort kommt Einer auf die Schenke zu! Macht Euch hinaus in die Kammer! Es kann zwar Jeder bei mir verkehren, aber man braucht doch nicht Alles und Jedes mit der Kanone in die Welt hinaus zu schießen.«

Die beiden Zigeuner verschwanden mit ihren Krügen in dem anstoßenden Raume, und gleich darauf trat der Mann ein, der trotz des herabströmenden Regens den Weg nach der Schenke unternommen hatte. Die Dienstmütze kennzeichnete ihn als einen Post- oder Telegraphenbeamten.

»Eine Depesche!« verkündigte er.

»Eine Depesche? An mich?«

»Ja. Hier ist sie!«

Der Wirth machte Miene, das Couvert zu entfalten; der Beamte verhinderte ihn daran.

»Lest sie nachher. Ich habe keine Zeit, auf Euch zu warten.«

»Wollt Ihr nicht ein Bier trinken oder einen Schnaps?«

»Geht nicht. Ich muß pünktlich wieder zurück und habe mich wegen des schlechten Weges bereits verspätet.«

Er erhielt seine Gebühr und ging dann. Jetzt öffnete der Wirth den Umschlag und las die Depesche. In seine Mienen kam Bewegung; er trat zur Kammerthür und öffnete dieselbe.

»Kommt heraus! Es gibt Arbeit.«

»Arbeit?« frug Tschemba. »Auch für uns?«

»Ja. Ich habe eine Depesche bekommen.«

»Woher?«

»Aus der Residenz, von Ihr.«

»Von Ihr? Ists möglich?«

»Ja; hört! ›Oberschenke Waldenberg – Fuhrmann Beyer und zwei Männer – einen Tag lang aufhalten – mit Gewalt zur Tannenschlucht – Zarba.‹ Habt Ihr es verstanden?«

»Der Beyer soll aufgehalten werden? Er gehört ja doch zu uns!«

»Auf ihn ist es jedenfalls nicht gemünzt, sondern auf die zwei Männer. Er fährt nie einen andern Weg, als hier bei uns vorbei, und Sie muß genau wissen, daß er kommen wird.«

»Wer mögen die Männer sein?«

»Geht uns jetzt nichts an. Sie sollen aufgehalten und nach der Tannenschlucht geführt werden. Sind wir Drei dazu genug, oder soll ich noch einige rufen?«

»Wir sind genug, denn der Beyer muß mithelfen.«

»So lauf Du in die Stadt, Horgy, und erkundige Dich im "Weißen Schwane," ob er schon dagewesen ist! Er kehrt auf jeden Fall dort ein. Nach dem, was Du erfährst, haben wir uns dann einzurichten.«

Der Zigeuner folgte dem Gebote. Er holte den Telegraphenbeamten ein, so schnell schritt er aus, doch ließ er sich nicht von ihm bemerken, sondern schlug sich an ihm vorüber durch den Wald, nicht achtend der Nässe, welche die Äste auf ihn warfen. In der Stadt angekommen, suchte er den bezeichneten Gasthof auf. Vor dem Thore desselben stand ein mit zwei Pferden bespannter Kutschwagen, den er sofort erkannte, auch wenn der Besitzer desselben nicht gerade bei den Thieren gestanden hätte. Es war Beyer, und die Depesche war also keine Minute zu früh an ihre Adresse gekommen.

»Beyer!«

Der Angeredete drehte sich um.

»Horgy! In diesem Wetter auf den Beinen?«

»Deinetwegen. Du fährst zwei Männer?«

»Ja.«

»Wohin?«

»Über die Grenze.«

»Daraus darf nichts werden.«

»Warum?«

»Sie müssen in die Tannenschlucht.«

»Warum?« frug der Fuhrmann verwundert.

»Weil Sie es befohlen hat.«

»Sie? Zarba?«

»Still! Weißt Du nicht, daß kein Name genannt werden darf. Sie hat es aus der Hauptstadt telegraphirt.«

»Gewiß?«

»Gewiß!«

»So gibt es für uns nichts Anderes als wir müssen gehorchen. Aber wie?«

»Wer sind die Leute?«

»Der Direktor und der Oberarzt aus dem Irrenhause.«

»Hm, vornehme und gelehrte Leute! Sollen wir List oder Gewalt gebrauchen?«

»Beides, wenn es nothwendig ist, vorerst jedoch nur List. Ich habe Ihnen zwar versprechen müssen, sie so schnell wie möglich über die Grenze zu bringen, jetzt aber gibt es keine Wahl. Wie viele seid Ihr dazu?«

»Drei.«

»Ist wenig, wird aber reichen, wenn nichts Außerordentliches dazwischen kommt.«

»Sind sie bewaffnet?«

»Nein, soviel ich bemerkt habe. Sie essen jetzt. In zehn Minuten geht es weiter. Eilt Ihr voraus. Ich fahre bis an das Holzkreuz droben im Hochwalde. Dort werde ich es so einzurichten wissen, daß wir umkippen und der Wagen sich gemüthlich an die Seite des Hohlwegs legt. Das Übrige ist dann Eure Sache.«

»Gut. Also vorwärts!«

Der Zigeuner schritt davon.

Drinnen in der Gaststube saßen die beiden Flüchtlinge bei den Resten ihres sehr eilig abgehaltenen Mahls. Die Wirthin hatte sich zu ihnen gesetzt, um sie dabei zu unterhalten.

»Also Sie denken, daß man am Tage nichts zu befürchten braucht?« frug der dicke Direktor, das gepflogene Gespräch fortsetzend.

»Nein, mein sehr verehrter Herr,« antwortete sie. »Ein Schmuggler ist noch lange kein Straßenräuber. Sogar bei Nacht könnte man ganz sicher reisen, wenn man sich nur hütet, ihnen partout in den Weg kommen zu wollen. Nur für den Fall wäre eine Gefahr vorhanden, wenn man zwischen sie und die Süderländer geriethe.«

»Wie so? Die Süderländer, wen meinen Sie?«

»Die Schmuggler von drüben. Beide treiben ganz dasselbe Geschäft, aber es herrscht Feindschaft zwischen hüben und drüben, weshalb, das kann ich allerdings nicht sagen, und wenn sie einmal an einander gerathen, dann geht es stets auf Tod und Leben. Erst kürzlich haben sie sich ein Treffen geleistet, bei welchem die von drüben mehrere Todte lassen mußten.«

»Schauderhaft!« meinte der Direktor, sich den Schmeerbauch mit einer Miene betastend, als wolle er untersuchen, ob auch er mit zu diesen Todten gehöre. »Hier muß doch die Behörde einschreiten!«

»Die Behörde? Ja, eine Behörde gibt es, und Grenzer und Soldaten gibt es auch, aber man hat noch niemals gehört, daß auch nur Einer von ihnen einmal einem Pascher begegnet wäre. Es ist verwunderlich.«

»Die Leute müssen ja förmlich organisirt sein und einen sehr listigen Anführer besitzen.«

»Das sagt man, aber es kennt ihn Niemand, und es geht Alles so glatt und geheim, daß man von keinem einzigen Menschen mit Sicherheit sagen könnte, daß er zu den Paschern gehört. Aber wollen die Herren wirklich fort?«

Die beiden Männer hatten sich erhoben.

»Ja; wir haben Eile und bitten um Ihre Rechnung.«

Diese wurde aufgestellt und bezahlt; dann stiegen sie ein und der Wagen rollte durch das Städtchen weiter, hinaus in den Wald.

Eine Zeit lang saßen die Flüchtlinge einander schweigsam gegenüber, bis der Oberarzt die Stille unterbrach.

»Kennen Sie den Geheimerath, an welchen wir gewiesen sind?«

»Persönlich nicht; ich war ja überhaupt noch nie in Süderland. Aber sein Ruf ist wohl auch Ihnen nicht ganz fremd. Er ist einer von den wenigen Beamten der dortigen Regierung, welchen man einen Einfluß auf den König zutrauen darf; wir sind ihm jedenfalls gut empfohlen, und wenn es uns gelingt, einen günstigen Eindruck auf ihn zu machen, so zweifle ich nicht, daß der uns aufgezwungene Ortswechsel von keinen unangenehmen Folgen für uns ist.«

»Wenn! Ja, könnte man in die Zukunft blicken!« meinte der etwas düsterer angelegte Oberarzt.

»Folgen Sie meinem Beispiele und seien Sie guter Dinge! Der Herzog von Raumburg darf uns unmöglich fallen lassen; denken Sie an die beträchtliche Summe, welche er uns überwiesen hat, und an die wichtigen Depeschen, welche uns durch Penentrier anvertraut worden sind. Die Zukunft läßt mich nichts befürchten; anders aber ist es mit der Gegenwart. Wir haben eine noch ziemliche Strecke zurückzulegen, ehe wir die Grenze erreichen, und es sollte mich wundern, wenn wir nicht bereits verfolgt würden. Dazu kommt die Geschichte mit den Schmugglern, die einander gegenseitig massakriren. ich wollte, wir wären hinüber!«

Dieser letztere Gedankengang warf ihn in die vorige Schweigsamkeit zurück; er lehnte sich in die Polster des Wagens und schloß die Augen. Der Oberarzt folgte seinem Beispiele; die Landschaft draußen bot ja bei der gegenwärtigen Witterung nichts Anziehendes, und so wühlten sich die Räder immer weiter fort; Viertelstunde um Viertelstunde verging, bis plötzlich ein lauter Ruf des Kutschers die Fahrgäste aus ihrem Halbschlummer aufschreckte.

Dem Rufe folgte ein eigenthümliches Schwanken des Wagens, welcher jetzt einen scharfen Ruck bekam und sich auf die Seite neigte.

»Um Gotteswillen, wir stürzen!« rief der Direktor. »Beyer, halt, halten Sie an!«

Der Wagen kam nicht vollständig zum Umfallen; er stand inmitten eines tiefen Hohlweges und lehnte sich mit der einen Seite fest an die Böschung desselben. Die Pferde hielten vorn unbeweglich und geduldig wie die Lämmer, und nur der Kutscher stieß einige zornige Flüche hervor und stieg ab, um nach der Ursache des Unfalls zu sehen.

Der Direktor öffnete ängstlich das Fenster, um sich über seine Lage zu unterrichten, fuhr aber sofort mit einem Schreckenslaute zurück.

»Gott stehe uns bei! Doktor, sehen Sie die drei Kerls, welche dort herabspringen?«

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