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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Er sprach weiter zu ihr und immer weiter. Seine Stimme hatte jenen einschmeichelnden Klang, welcher selbst ein erfahreneres Mädchen, als Zarba war, zu bethören vermag. Er erzählte ihr von der Pracht und Herrlichkeit, die ihrer wartete und umstrickte sie mit so glanzvollen Schilderungen und Versprechungen, daß ihr Widerstand immer schwächer wurde, bis sie endlich frug:

»Hat die Vajdzina wirklich befohlen, daß ich bleibe?«

»Wirklich! Ich habe Dir ja zur Beglaubigung ihr Zeichen gebracht.«

»Es ist ihr Talisman, den sie noch niemals aus den Händen gegeben hat; ich glaube Dir und werde bleiben, bis sie kommt. Aber nun gibst Du auch Katombo frei?«

»Ja.«

»Jetzt gleich?«

»Sofort. Ich werde den Befehl geben, ihn zu entlassen.«

Er erhob sich. Sie hielt ihn zurück. Hatte trotz alledem der Zweifel seine warnenden Stimme in ihr erhoben?

»Ich muß dabei sein; ich muß mich überzeugen, daß er wirklich gehen darf!«

Er lächelte.

»Du lieber, kleiner Unglaube! Ich muß Dir Deinen Willen thun, um Dich ganz und gar zu beruhigen und zu überzeugen. Aber ist es Dir denn lieb, daß Katombo Dich sieht?«

»Nein, aber er soll erfahren, daß ich bei Dir bleibe, um ihn zu retten.«

Der Herzog trat hinaus auf den Korridor und von da in ein Zimmer, in welchem zwei Männer auf sein Erscheinen gewartet zu haben schienen. Sie trugen seine Livrée und waren wohl seine Vertrauten.

»Holt den Zigeuner! Ich werde Euch befehlen, ihn sofort frei zu geben, dennoch aber nehmt ihr ihn unten wieder fest und bringt ihn in den Keller zurück. Sorgt dafür, daß der ganze Vorgang keine Zeugen findet!«

Er kehrte zu Zarba zurück, der man es ansah, daß sie dem Erscheinen ihres bisherigen Geliebten doch nicht ohne Bangen entgegen sah. Nach einiger Zeit wurde die Thür geöffnet und einer der Männer trat ein.

»Befehlen Excellenz den Gefangenen?«

»Herein mit ihm!«

Katombo trat ein. Sein erster Blick fiel auf das Mädchen.

»Zarba!« Er fuhr zurück, als habe er ein Gespenst erblickt. »Was thust Du hier?«

»Ich habe um Gnade für Dich gebeten.«

»Zu dieser Stunde! Ich brauche keine Gnade; ich will nur Gerechtigkeit.«

»Nenne es wie Du willst, Gnade oder Gerechtigkeit,« fiel der Herzog ein.

»Ich will Dir Deinen Wunsch erfüllen, Du bist frei. Nehmt ihm die Fesseln und geht!«

Die Diener gehorchten dem Befehle und verließen das Zimmer. Katombo dehnte und reckte seine Arme, um das Blut in Umlauf zu bringen; dann wandte er sich an Zarba:

»Komm!«

Der Herzog legte den Arm um das Mädchen und zog sie an sich.

»Du gehst allein; Zarba bleibt bei mir.«

»Was soll sie hier?«

»Mein Liebchen sein. Geh!«

»Ah!«

Er sprach nur diese eine Silbe aus, aber ihr Ton gab deutlich Zeugniß von den Gefühlen, welche jetzt auf ihn einstürmen mußten.

»Die Vajdzina hat es geboten,« entschuldigte sich das Mädchen in sichtlicher Verlegenheit. »Ich konnte Dich nicht anders retten.«

»Um diesen Preis will ich nicht frei sein,« klang es verächtlich. »Du warst auch ohnedies für mich verloren, aber Du sollst Deine Untreue nicht mit einer angeblichen Großmuth bemänteln, die eine Lüge ist. Du erniedrigst Dich zur Buhlerin; ich habe keine Pflicht mehr, Dich zu retten; es würde auch vergebens sein; aber ich bitte Dich, kehre zur Vajdzina zurück, denn ich gehe wieder in meine Gefangenschaft.«

»Das wird Dich nichts nützen, denn sie bleibt bei mir, auch wenn Du verschmähst frei zu sein.«

Trotz des Schmerzes, der in seinem Innern wühlte, vermochte es Katombo, ein Lächeln fertig zu bringen; es war ein unendlich stolzes. Er reckte sich in die Höhe und trat einen Schritt näher.

»Glaubst Du wirklich, daß es meine Absicht war, gefangen zu bleiben? Ich wollte nur sehen und beweisen, daß meine Rettung nichts als eine eitle Vorspiegelung war. Ich gehe. Zarba bedaure ich; Dich aber verachte ich. Du hast mir das Liebste geraubt, was ich hatte; Du wirst mich wiedersehen, wenn ich komme, Abrechnung mit Dir zu halten!«

Er trat zur Thüre hinaus und schritt der Treppe zu. Unten standen die beiden Diener; er mußte an ihnen vorüber, wenn er zum Hauptportale gelangen wollte. Der Eine trat ihm entgegen.

»Hier ist bereits verschlossen. Komm hier nach hinten!«

Er schritt voran, einen langen Flurgang hinab. Katombo folgte, hinter ihm der zweite Domestike. Der Andere öffnete am Ende des Ganges eine Thür, hinter welcher eine Treppenöffnung sichtbar wurde.

»Hier hinab!«

Dem Zigeuner kam blitzschnell die Erkenntniß, was man mit ihm vorhabe. Rasch wandte er sich um, warf den hinter ihm Stehenden zu Boden und sprang den Gang zurück. Neben dem Portale befand sich eine Thür, in deren Schlosse der Schlüssel steckte. Mit der Geschwindigkeit des Gedankens riß er sie auf, trat ein und schob den Riegel vor. Die Diener waren ihm gefolgt.

»Er wird durch das Fenster fliehen wollen. Schnell das Thor auf und hinaus!« gebot der Eine.

Die Innenriegel flogen zurück; das Thor sprang auf, und die beiden Männer traten hinaus. Der kleine Raum, in welchen Katombo gerathen war, war das Zimmer des Portiers. Dieser befand sich nicht in demselben, da man ihn entfernt hatte, um nach dem Befehle des Herzogs jede unnöthige Zeugenschaft zu vermeiden. Auf dem Tische lag ein Messer. Katombo ergriff es, öffnete das Fenster, schwang sich hinauf und sprang nach außen. Seine Füße berührten in dem Augenblicke den Boden, in welchem seine Verfolger aus der Thür traten. Sie warfen sich sofort auf ihn, aber mit einem lauten Weheschrei stürzte der Vorderste zur Erde; Katombo hatte ihm das Messer in die Kehle gestoßen und flog in weiten Sätzen nach dem Wasser zu.

»Hilfe! Mörder! Haltet ihn!« rief der Unverletzte und eilte hinter ihm her.

Neben dem Portale stand ein Schilderhaus, in welchem ein Militärposten lehnte. Der Mann war Zeuge des ganzen Vorganges gewesen; doch war Alles so schnell geschehen, daß er sich erst, als Katombo bereits den Fluß erreicht hatte, auf das besann, was ihm zu thun oblag.

»Steh oder ich schieße!« gebot er und erhob das Gewehr.

Der Zigeuner warf sich in das Wasser. Der Schuß krachte, und die Kugel pfiff hart über seinem Kopfe hinweg. Die Hilferufe des Dieners und der weithin dröhnende Schuß blieben nicht ohne für Katombo höchst bedenkliche Folgen. Die zahlreiche Dienerschaft des Herzogs eilte auf den Alarm aus dem Palaste und besetzte das diesseitige Ufer. Am jenseitigen sammelten sich Leute; es war dem Fliehenden unmöglich, hüben oder drüben zu landen. Ein Glück für ihn war es, daß gerade gegenwärtig nur ein einziges Boot auf dem Flusse sichtbar war. Es hielt sich in der Mitte und wurde stromauf gerudert. Ein einziger Mann saß in demselben. Konnte Katombo ihn überwältigen, so war er gerettet. Als ein ausgezeichneter Schwimmer strebte er schnell dem Kahne entgegen. Der Mann zog das Ruder ein und richtete sich empor.

»Wer da?«

Katombo antwortete nicht. Das Messer in der Rechten, stieß er mit den Füßen kräftig aus, so daß er fast über den Bord des Kahnes gehoben wurde. Sich mit der Linken festhaltend, holte er mit dem Messer aus. Der Mann im Kahne sah die Klinge blitzen; mit einem blitzschnellen Griffe faßte er die Rechte des Zigeuners, der unter dem furchtbaren Drucke, den er fühlte, das Messer fallen ließ, ergriff ihn dann an der Jacke und warf ihn mit einem riesenkräftigen Schwunge zu sich herein. Bei dieser Bewegung drohte das schwanke Fahrzeug umzukentern; es hob und senkte sich, und das Wasser spritzte von beiden Seiten herein. Den Mann schien das nicht im Mindesten zu berühren; er hielt mit eisernen Fäusten Katombo gepackt und meinte in beinahe gemüthlichem Tone:

»Heda, mein Bürschchen, da bist Du wohl an den Unrechten gekommen! Wer sind wir denn eigentlich?«

»Rette mich; ich bin unschuldig!« stieß der Zigeuner hervor.

»Unschuldig? Und dabei schießt man hinter Dir her und schreit nach Mördern? Wer bist Du?«

»Ich bin ein Zigeuner und dem Herzoge von Raumburg entsprungen, der mich in seinen Keller sperrte, um mir meine Braut nehmen zu können.«

»Der Raumburger? Hm! Ich bin dem Kerl keineswegs gewogen; aber Du greifst mich mit dem Messer an.«

»Aus Verzweiflung!«

»Möglich!« Der Sprecher blickte aufmerksam nach den beiden Ufern und meinte dann gelassen: »Höre, Bursche, ich will Dir einmal Etwas sagen: Ich kenne den Herzog, und was Du mir da sagst, klingt allerdings wahrscheinlich. Bist Du unschuldig, so werde ich mich Deiner annehmen; im andern Falle aber übergebe ich Dich der Polizei. Erzähle mir Alles aufrichtig und versuche nicht, mir zu entkommen. Bis Du fertig bist werden wir trotz den Schreihälsen da drüben ein wenig spazieren fahren.«

Er nahm die Hände von Katombo weg, so daß sich dieser aufrichten konnte, und griff nach den Rudern. Jetzt erst erkannte der Zigeuner, daß er einen Mann von ganz ungewöhnlich kräftigen Körperformen vor sich hatte, der sich allerdings vor Niemand zu fürchten brauchte. Von zwei starken Armen getrieben, flog der Kahn jetzt wieder stromabwärts, so daß die Verfolger ein lautes Geschrei erhoben, welches aber der Besitzer des Kahnes nicht im Geringsten beachtete.

»Also erzähle!« gebot er zum zweiten Male.

Sein Gesicht war so ehrlich und Vertrauen erweckend, daß Katombo Muth faßte. Er stattete einen ausführlichen Bericht über das Erlebte ab, und war mit demselben erst zu Ende, als die Residenz längst hinter ihnen lag. Der Andere zog die Ruder ein und ließ den Kahn nur noch mit dem Wasser treiben.

»Hm! Ich glaube Dir Alles, was Du mir da gesagt hast; aber eine verteufelte Geschichte ist es dennoch, da Du das Messer gebraucht hast. Hätte der Lärm nicht stattgefunden, so glaube ich, ließe der Herzog die Sache am liebsten auf sich beruhen. Am Besten ist es, Du machst Dich so schnell wie möglich aus dem Staube.«

»So willst Du mich freigeben?«

»Allerdings; man hat mich nicht erkannt, und Du scheinst mir ein ganz braver Kerl zu sein.«

»So bitte ich Dich, mich an das Land zu setzen. Ich muß sofort nach dem Gehege.«

»Was fällt Dir ein! Du kannst Dir leicht denken, daß bereits Boten unterwegs sind, um Dich dort abzufangen.«

»Aber ich muß zur Vajdzina!«

»Jetzt nicht, mein Junge! Es ist keineswegs meine Absicht, Dir zu helfen, damit sie Dich wieder erwischen. Willst Du den Deinen Nachricht geben, so werde ich selbst nach dem Gehege gehen.«

»Wirklich?«

»Ja, und zwar noch heut in der Nacht, wenn Du es verlangst.«

»Und wo bleibe ich?«

»In meiner Wohnung; da bist Du sicher.«

»Wer bist Du?«

»Ich heiße Brandauer und bin der Kurschmied seiner Majestät des Königs.«

»Ich verstehe mich auch auf die Schmiederei.«

»Ich habe davon gehört, daß die Zigeuner oft die besten Pferdeschmiede sind. Das freut mich! Jetzt gehen wir an das Land.«

»Und dann in die Stadt zurück?«

»Ja. Doch habe keine Sorge; Du bist bei mir vollständig sicher.«

»Und der Kahn? Er kann Dich verrathen.«

»Er gehört einem Fischer; er mag ihn morgen holen.«

Sie stießen an und zogen das Boot an das Land. Dann schritten sie in einem weiten Bogen nach der Stadt zu. Jede Begegnung sorgfältig vermeidend und sich stets im Dunkel haltend, gelangten sie glücklich an die Hofschmiede, deren Fenster alle dunkel waren.

»Wir gehen durch die Hinterthür,« meinte der Schmied und sprang über den Zaun.

Katombo folgte ihm. Als sie in die Werkstatt traten, machte Brandauer Licht. Das Erste, was den beiden Männern in die Augen fiel, war eine weiße Gestalt, die sich hinter den Blasebalg niedergekauert hatte, um sich dort zu verstecken. Jedenfalls war es ein Lehrjunge, der hier auf verbotenen Wegen von dem Meister überrascht wurde, den er wohl bereits zu Hause gewähnt hatte. Der Schmied zog ihn hervor, und nun zeigte es sich, daß der Bursche nur mit Hemd und Unterhose bekleidet war.

»Was thust Du hier, Thomas?«

»Ich – ich – ich weiß es selper nicht, Meister Prandauer.«

»So!« Er leuchtete in den Winkel, wo der Bursche gesteckt hatte, und brachte eine noch glimmende Cigarre zum Vorschein. »Was ist das?«

»Das? Hm, das ist vielleicht gar eine Ampalema!«

»Du hast geraucht?«

»Nur ein ganz kleines Pischen, Herr Meister.«

»Und warum hier?«

»Dropen kann ich nicht in der Kammer; da könnte ich pei dem Opergesellen schöne Ohrfeigen pesehen!«

»Verdient hättest Du sie!« lachte Brandauer, der dem Lehrjungen nicht ungewogen zu sein schien. »Aber da sie einmal brennt, so magst Du sie fortrauchen. Dabei aber sorgst Du für diesen Mann, den ich Dir übergebe, bis ich nachher wiederkomme.«

»Ganz zu Pefehl, mein pester Meister Prandauer!« schmunzelte der Junge und folgte den beiden Leuten in die Stube, wo der Schmied einen Kleiderschrank öffnete.

»Hier, ziehe Dich um, und laß Dir dann von Thomas zu essen und zu trinken geben. Er mag so vorsichtig wie möglich sein, daß Niemand aufgeweckt wird. Jetzt gehe ich nach dem Gehege.«

Nach einigen weiteren Bemerkungen verließ er das Haus. Katombo sah sich von dem Lehrburschen aus das Beste bedient, der, als sich der Zigeuner umgekleidet hatte und mit Essen fertig war, hinaus in die Werkstatt ging und mit einer Cigarre zurückkehrte.

»Willst Du Dir auch eine anprennen?« frug er.

»Ja.«

»Da hast Du sie; aper rauche sie mit Verstand; es ist nicht etwa plos Cupa oder Hapanna, sondern die peste Ampalema. Ich hape sie von meinem Pruder Palduin, der ist Kenner, zwei Stück für drei Pfennige!«

Damit hatte die Unterhaltung ein Ende, denn der Lehrling hatte keine Lust, sich den Hochgenuß seiner Ambalema durch unnützes Reden zu beeinträchtigen, und Katombo war zu sehr mit seinen Gedanken und Gefühlen beschäftigt, als daß er ein Bedürfniß nach einem Gespräche empfunden hätte.

So vergingen beinahe zwei Stunden, ehe Brandauer zurückkehrte. Er schickte den Jungen zur Ruhe und gab dann kurzen Bericht.

»Ich habe sie nicht getroffen.«

»Warum? Der Ort ist auch bei Nacht leicht zu finden.«

»Weil sie überhaupt nicht mehr da sind. Ich traf ganz unerwartet auf einen Militärposten, der mich anrief. Ich gab an, daß ich mich verirrt hätte, und frug nach dem Grunde, daß Posten ausgestellt seien. Er erzählte mir, daß einer der Zigeuner einen Mann erstochen habe und entflohen sei; nun ist das ganze Gehege besetzt, um ihn zu fangen, sobald er zurückkehrt. Die andern Zigeuner aber sind sofort unter militärischer Bedeckung transportirt worden, wohin, das wußte er nicht.«

»So werde ich morgen nachforschen!«

»Das überlaß nur mir. Für jetzt bist Du bei mir in Sicherheit. Ich übergebe Dir ein Zimmer, welches kein Mensch betreten darf als der Lehrling, der Dich bedienen wird. Er ist treu und verschwiegen. Das Übrige wird sich später finden.«

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