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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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»Trafst Du ihn?« frug sie gespannt.

»Ich war bis jetzt bei ihm.«

»Frugst Du ihn nach Katombo?«

»Ja. Katombo ist gefangen.«

»Wo?«

»Bei der Justiz.«

»Weshalb?«

»Er ist in die Wohnung des Herzogs gekommen um ihn zu tödten, und dabei ergriffen worden. Nun soll er sterben.«

Die runzeligen Züge der Alten zogen sich zusammen.

»Wie wurde der Herzog gestern von Katombo genannt?«

»Ein Schuft.«

»Er ist auch einer. Glaube ihm kein Wort von allen seinen Reden. Er will Katombo verderben aus einem Grunde, den Du nicht kennst; Du wirst ihn aber noch erfahren.«

»Er wird ihn nicht verderben; er wird ihn freigeben.«

»Sagte er es?«

»Er sagte es.«

»Glaube es ihm nicht; er ist ein Lügner und Betrüger wie sein Vater. Suche zu erfahren, in welchem Gefängniß sich Katombo befindet; wir müssen ihn selbst retten.«

»Er gibt ihn frei; er hat es mir versprochen.«

Die Züge der Alten wurden womöglich noch finsterer als zuvor.

»Hat er es Dir versprochen, so hast Du ihm ein Gegenversprechen machen müssen.«

Zarba senkte verlegen den Blick.

»Ja,« antwortete sie endlich. Sie wußte, daß der Vajdzina nur schwer zu entrinnen sei.

»Was hat er von Dir verlangt?«

»Daß ich heut Abend mit ihm spreche.«

»Wo?«

»Hier im Walde.«

»Du lügst! Das ist zu gering als Entschädigung für Katombos Freiheit; er kann Dich im Walde ohne ein solches Opfer treffen. Ich verlange, daß Du die Wahrheit redest!«

»Ich sage sie. Er hat mich bestellt.«

»Aber nicht hier im Walde! Willst Du Deine Mutter täuschen, die zugleich Deine Vajdzina ist? Glaubst Du, mein Auge sei so trübe und mein Geist so dunkel geworden, daß ich nicht sehe und errathe, was Du mir verbergen willst? Du sollst heut zu ihm in seine Wohnung kommen! Antworte!«

»Ja.«

»Und Du hast es ihm versprochen?«

»Ja.«

Die Alte blickte eine Weile still sinnend vor sich hin; dann meinte sie:

»Vernimm, was ich Dir sage! Du solltest mit kaltem Herzen die Liebe in seiner Brust erwecken; es ist Dir gelungen, aber Dein Herz ist nicht kalt geblieben, sondern es brennt und lodert in derselben Gluth wie das seinige. Dies willst Du verschweigen und Deine Vajdzina betrügen. Deine Strafe dafür soll sein, daß Du den verdirbst, der Dir höher steht als meine Befehle. Du wirst heut zu ihm gehen, und wenn er Dich nicht wieder von sich lassen will, so komme ich und werde Dich zurückverlangen. Mache Dich schön und schmücke Dich fein, doch darf Niemand etwas davon merken!«

Sie wandte sich ab und Zarba befand sich nun mit ihrer eigenthümlichen Instruktion auf sich selbst angewiesen. In tiefes Sinnen und Grübeln versunken, streifte sie den ganzen Tag über im Forste umher, bis es Nacht wurde und die Stunde nahte, für welche sie bestellt worden war. Jetzt legte sie ihre beste Kleidung an und schlich sich, nur von der Vajdzina beobachtet, hinaus auf die Straße, auf welcher sie nach kurzer Wanderung auch wirklich einen Wagen halten sah, dessen Kutscher, als sie die Losung aussprach, ihr beim Einsteigen half und dann in Eile der Stadt entgegenfuhr. Am Flusse harrte ihrer ein Anderer, welcher sie in ein Boot geleitete und mit demselben nach dem Garten des Herzogs übersetzte. Hier führte er sie bis in die Nähe der Treppe, wo Raumburg ihrer bereits wartete.

»Du kannst gehen!« befahl er dem Diener, welcher sich auf diesen Befehl schleunigst entfernte. »Weiß der Vajda oder sonst Jemand, daß Du den Wald verlassen hast?« frug er dann Zarba.

»Die Vajdzina.«

Er schien unangenehm überrascht zu sein.

»Wer hat es ihr gesagt?«

»Ich. Sie hat Alles errathen.«

»So ist es nothwendig, daß auch ich Alles errathe. Komm!«

Er trat mit ihr an das Treppenfenster, öffnete dasselbe und stieg ein. Sie zögerte, ihm zu folgen.

»Komm ohne Sorgen, Zarba,« meinte er. »Es ist hier ein geheimer Weg nach meiner Wohnung; ich darf Dich nicht durch den öffentlichen Eingang bringen, weil ich nicht will, daß Du gesehen wirst.«

Sie stieg zu ihm herab. Jetzt zog er eine Blendlaterne hervor, so daß der Gang erleuchtet wurde, und führte sie durch die Bibliothek in sein Arbeitskabinet.

»Warte hier! Es wird Niemand Einlaß begehren, und ich werde in wenigen Minuten wohl schon wieder bei Dir sein.«

Er kehrte durch den Gang in den Garten zurück und trat an die künstliche Umzäunung desselben. Über dieselbe hinwegblickend, gewahrte er einen Kahn, welcher geräuschlos längs des Ufers herabgetrieben kam und ihm gegenüber landete. Eine Frauengestalt stieg aus.

»Dachte es mir!« murmelte er. »Doch sie soll sich verrechnet haben und mir statt hinderlich nur förderlich sein. Wenn sie den geheimen Eingang kennt, so muß sie sterben.«

Das Weib war keine Andere, als die Vajdzina. Sie kam vorsichtig an die Umfassung des Gartens heran und schlich sich an derselben entlang bis zu einer Stelle, welche ihr zum Übersteigen am bequemsten schien. In der Nähe stand eine von dichtem Blätterwerke gebildete Laube, in welcher es sich beim Erscheinen der Zigeunerin leise regte. Wäre es heller gewesen, so hätte man einen Diener erkennen können, welcher mit einem Küchenmädchen die Einsamkeit des Gartens zu einem Stelldichein benutzt hatte.

»Wer ist das?« flüsterte das Mädchen erschreckt.

»Jemand, der jedenfalls nicht herein gehört,« antwortete der junge Mann. »Ein Weib –! Sicher eine Obst- oder Gemüsediebin. Laß uns sie belauschen und dann auf der That ertappen!«

Sie traten aus der Laube und schlichen der Vajdzina nach, welche die Richtung nach der Verandatreppe einhielt. Dort angekommen, trat sie an das Fenster; noch aber hatte sie sich nicht zu demselben niedergebückt, so wurde sie beim Arme ergriffen.

»Halt! Was hast Du hier zu suchen?«

»Der Herzog!« flüsterte der Diener seinem Mädchen zu.

Sie standen mit einander hinter einem nahen Bosquet und konnten die beiden Andern ganz deutlich sehen und hören.

»Und was suchst Du hier?« antwortete die Zigeunerin. »Sind die Wege eines Herzogs so dunkel, daß Niemand sie sehen darf?«

»Ich suche Dich. Ich wußte, daß Du kommen würdest.«

»So hat es Dir der Geist gesagt, den Ihr Gewissen nennt. Wo ist Zarba, die Tochter der Boinjaaren?«

»Sie ist bei mir.«

»Schicke sie herab, daß ich mit ihr zurückkehre!«

»Sie wird bei mir bleiben, so lange es mir gefällt.«

»Ich wußte, daß dies Dein Wille war, und bin deshalb gekommen, sie gegen Dich zu schützen. Wo ist Katombo, mein Sohn?«

»Er befindet sich in meinen Händen.«

»Auch ihn gibst Du mir wieder. Dein Vater hat mich an dieser Stelle zu sich geholt, wie Du heut Zarba zu Dir geführt hast. Er knickte die Blume und warf sie dann fort; aber der Geist der Rache verwandelte die Rose in eine Löwin, welche nach Vergeltung lechzte. Du bist in meine Hand gegeben und wirst thun, was ich von Dir fordere.«

Er lachte kurz und höhnisch auf.

»In Deine Hand? Weib, Du bist verrückt! Aber ich bin trotzdem begierig, zu erfahren, was Du von mir verlangen könntest.«

»Daß Zarba Dein Weib werde, Dein rechtmäßiges, Dir öffentlich angetrautes Weib.«

»Es ist wahrhaftig kein Zweifel, Du bist wahnsinnig. Eine Zigeunerin das Weib eines Herzogs!«

»Sie ist eine Fürstin unter den Kindern der Zingaaren und schöner als alle Mädchen der Christen. Sie soll Herzogin werden, oder ich nehme Dir Deine Krone und Alles, was Du hast. Dein Vater schwur mir, daß ich sein Weib, seine Gemahlin sein solle; er hat sein Wort gebrochen, und daher soll die Tochter der verrathenen und verstoßenen Zigeunerin das sein, was ihre Mutter nicht werden durfte.«

»Ah – –!« dehnte er. »Das wird immer interessanter. Womit willst Du mich zwingen, Deinen Willen zu thun?«

»Mit Katombo. Er ist Dein ältester Bruder, welchen ich Deinem Vater stahl, um mich zu rächen.«

»Beweise es!«

»Siehe das Wappen der Raumburge an seinem Arme; es ist ganz dasselbe, wie auch Du eins haben wirst. Auch seine Kleider habe ich aufbewahrt an einem Orte, wo sie sicher liegen, bis ich sie brauche.«

»Weib, Du machst Dich ungeheuer lächerlich! Du bekennst Dich für des Kindesraubes schuldig und wirst für lebenslang in das Zuchthaus wandern, wenn Du Deinem Wahnsinn Folge gibst.«

Seine Worte klangen außerordentlich ruhig und gelassen, obgleich die ihm gewordene Enthüllung von der größten Wichtigkeit für ihn sein mußte. Die Zigeunerin amtwortete:

»Du hast Recht; ich werde eine Zeit lang gefangen sein, aber Katombo, der neue Herzog, wird mich zu begnadigen wissen. Wähle zwischen Zarba und meiner Rache!«

»Ich habe gewählt.«

»Wie?«

»So!«

Mit einem raschen Griffe schlug er ihr die beiden Hände um den Hals, den er in der Weise zusammenpreßte, daß es ihr unmöglich war, einen Laut von sich zu geben. Der Athem verging ihr; Die Besinnung schwand; sie schlug krampfhaft mit den Armen um sich; dann sanken dieselben schlaff herab; ein letztes konvulsivisches Zucken flog über ihren Körper, dann stürzte sie, von ihm losgelassen, zur Erde. Er hatte sie erwürgt.

Die beiden Lauscher standen vor Entsetzen an allen Gliedern gelähmt. Sie hätten sich nicht bewegen können, selbst wenn es in ihrer Absicht gelegen hätte, gegen die finstere That ihres Gebieters einzuschreiten. Und überdies war dieselbe so rasch geschehen, daß für einen Entschluß die nöthige Zeit gar nicht vorhanden war.

Der Herzog nahm die Leiche auf und trug sie davon.

»Er wird sie in das Wasser werfen,« meinte der Domestike in einem Tone, aus welchem die ganze Größe seines Entsetzens klang. »Komm, um Gottes Willen, komm; wir dürfen von dieser Stunde nicht das Mindeste wissen!« Er zog das zitternde Mädchen in größter Eile mit sich fort.

Seine Vermuthung war richtig. Der Herzog warf die Zigeunerin über die Umfassung, stieg nach und schleppte sie dann in den Fluß. Das Wasser desselben war hier so tief und reißend, daß es die Leiche sicher eine so weite Strecke mit sich fortnahm, daß eine Entdeckung nicht zu erwarten stand. Dann kehrte er durch den verborgenen Gang in sein Arbeitszimmer zurück.

Als er hier bei Zarba eintrat, zeigte sein Äußeres eine Ruhe, welche nicht das Geringste von dem verrieth, was soeben geschehen war.

»Ich mußte Dich warten lassen,« meinte er. »Nun aber bleibe ich bei Dir.«

»Ich dachte, Du holtest Katombo!«

»Katombo? Wie kommst Du auf diesen Gedanken?«

»Hast Du mir nicht versprochen, ihn frei zu geben, wenn ich Dir Deinen Willen thue, Dich hier zu besuchen.«

»Versprochen habe ich es eigentlich nicht. Es ist sehr schwer, ihn der Hand des Richters zu entziehen.«

»Dir ist Alles möglich«

»Vielleicht.«

»So gib ihn frei!«

»Unter einer Bedingung.«

»Welche ist es?«

»Laßt erst sehen! Katombo ist kein geborener Zigeuner, wie ich nun sicher weiß. Wer sind seine Eltern?«

»Ich weiß es nicht. Die Vajdzina fand ihn im Walde.«

»War der Vajda dabei, als sie ihn fand?«

»Nein, er war damals in Süderland.«

»Der Vajda und die Vajdzina sind so offen mit einander, daß sie kein Geheimniß gegen einander haben?«

»Die Vajdzina ist die Königin des Stammes; sie braucht ihrem Manne nichts zu sagen, was er nicht wissen soll.«

Sie ahnte nicht, daß sie mit diesem Ausspruche ihrem Vater das Leben rettete.

»Weißt Du, daß ich soeben mit der Vajdzina gesprochen habe?«

»Jetzt?«

»Ja. Sie hat Dir gesagt, daß sie kommen werde.«

»Sie sagte es.«

Er zog eine Schnur hervor, an welcher ein kleiner, lederner Wickel hing. Er hatte sie vorhin der Leiche vom Halse genommen, ehe er diese in das Wasser warf.

»Hier sendet sie Dir dies Zeichen. Du sollst bei mir bleiben, bis sie kommt, um Dich abzuholen.«

»Bei Dir? Ich kam doch nur für eine Stunde!«

Er zog sie an sich und strich ihr mit der Hand liebkosend über das Haar. »Hast Du mich wirklich lieb, Zarba?«

»Ja.«

»Und mußt Du der Vajdzina in Allem gehorchen?«

»Ja.«

»So wirst Du bei mir bleiben; sie befiehlt es Dir. Denn nur unter dieser Bedingung kann ich Katombo retten und den Andern, der ihm gegen mich beistand.«

Sie blickte verwirrt vor sich nieder. Der Gehorsam gegen die Vajdzina und die Liebe stritten gegen das Gefühl mädchenhafter Scham und Zurückhaltung in ihrem Innern.

»Und was soll ich hier?«

Er drückte sie noch inniger an sich und küßte sie wiederholt auf die schwellenden Lippen.

»Meine Gebieterin sollst Du sein, meine Braut, mein Weibchen.«

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