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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Ihr Auge flammte auf.

»So verachtest Du mich?«

»Nein, sondern ich bemitleide Dich und werde den Raub, den Du an mir begingst, zu rächen wissen, zwar nicht an Dir, sondern an ihm, denn Deine Strafe erhältst Du ganz von selbst, gerechter, größer und schwerer, als ich sie Dir bestimmen könnte.«

»So wagst Du, mit Deiner einstigen Vajdzina zu sprechen! Du sagst, daß Du mich nicht zum Weibe magst – weißt Du denn, o ich Dich noch zum Manne begehre? Welche Strafe könntest Du mir geben, welche Strafe könnte mich außerdem noch treffen? Katombo, der Geist des Irrsinns ist über Dich gekommen; bete zu Bhowannie, daß sie Dich vom Wahnsinne errette! Und wenn Deine Seele wieder licht und klar geworden ist, dann wirst Du erkennen, daß Zarba nicht nöthig hat, bei Dir um Vergebung und Liebe zu betteln. Vergebung braucht sie nicht, denn sie hat nicht gegen Dich gesündigt, und Liebe findet sie überall, mehr als manche feine blanke Dame, die ihr Auge vergebens zu Fürsten und Herzogen erhebt.«

Er blickte ihr mit unendlichem Mitleide in das glühende Angesicht.

»Zarba, nicht mich umfängt der Wahn, sondern Dich; nicht ich werde erwachen, sondern Du wirst es, und dann wirst Du Dich nach Vergebung sehnen, wie der Blinde nach dem Lichte der Sonne!«

»Was habe ich gethan, daß Du es mir vergeben müßtest? Ist ein Kuß, in Deiner Gegenwart gegeben, ein Verbrechen?«

»In meiner Abwesenheit ein Diebstahl, in meiner Gegenwart aber noch mehr, ein gewaltsamer Raub, in beiden Fällen aber eine Untreue.«

»Ich war nicht untreu!« behauptete sie fest.

»Was ist die Untreue? Eine Gesinnung, die im Charakter wohnt, im Herzen arbeitet und ihre Früchte durch das Auge, die Hand und den Mund nach Außen treibt. Seien diese Früchte gereift oder nicht, seien ihre Thaten vollendet oder begonnen, spreche sie durch den Blick, das Wort oder die That, die Gesinnung, die Untreue wohnt tief unten und ist ganz dieselbe. Ich kann einem Weibe verzeihen, von der ein Mann Alles nahm, was mir gehörte, wenn ihr Herz nur mein verblieb, und ich kann ein Weib für immer von mir stoßen, obgleich nur ein einziger ihrer Blicke mit Wünschen an einem Andern hing, denn ihr Herz war mir entflohen. Die Vajdzina schickte mich fort, wenn der Herzog kam; ich habe Dich also nicht beobachten und belauschen können; aber ich habe die Röthe Deiner Wangen gesehen, als er uns vorhin überraschte; ich habe die Sprache Deines Auges verstanden, als er den Kuß von Dir nehmen wollte, da ich unter dem Hunde lag; ich habe den entsetzten Schlag Deines Pulses gefühlt, als ich das Messer über ihm zuckte. Dein Herz ist nicht mehr mein; es gehört ihm. Und wenn es wieder zurückkehren wollte, ich möchte es nicht haben, denn nur der unvernünftige hilflose Säugling genießt den Bissen, den ein anderer Mund ihm vorkaut.«

Er mußte sie mit jedem Gedanken seiner Seele lieb gehabt haben, das war aus dem knirrschenden Grimme zu hören, mit welchem er seine letzten Worte sprach. Der Schweiß stand in Tropfen auf seiner Stirn; seine Zähne waren zusammengepreßt, und sogar die aufgetragene Farbe vermochte nicht, das tödtliche Bleich seiner Wangen vollständig zu verdecken. Das Mädchen bemerkte von dem Allem nichts; der Zorn hatte sie jetzt so vollständig übermannt, daß ihre Stimme beinahe heiser klang, als sie höhnisch antwortete:

»Nun wohl, hältst Du mich für die Geliebte eines Herzogs, so mußt Du wissen, daß Du ein armseliger Wicht bist gegen einen solchen Mann. Es wird niemals einer Amme in den Sinn kommen, Dir meine Liebe vorzukauen. Ich verlache Dich und alle Deine Drohungen!«

Mit einigen raschen Schritten war sie hinter den Bäumen verschwunden. Er hatte vorhin durch seinen Angriff auf den Herzog bewiesen, daß es ihm an Muth und Kraft nicht fehle; jetzt aber, da die Wirklichkeit seines Verlustes unerschütterlich und unwiderruflich vor ihm lag, schlang er die Arme um den Stamm des nächsten Baumes und drückte seine glühende Stirn fest an die harte, rauhe Rinde desselben.

So stand er lange Zeit. Da plötzlich fühlte er eine Hand auf seiner Schulter. Er blickte auf; der Wildheger Stephan stand vor ihm.

»Bist Du Katombo?«

»Ja,« antwortete er in einem Tone, als erwache er soeben aus einem schweren, tiefen Traume.

»Ist nicht Zarba, die junge Zigeunerin, Deine Braut?«

»Warum fragst Du?«

»Weil ich Dir dann Etwas zu vertrauen habe.«

»Was?«

»Sind wir hier unbelauscht?«

»Ist es ein Geheimniß, was Du mir zu sagen hast?«

»Ja. Ich bin ein Freund von Dir und möchte Dir gern heut einen großen Dienst erweisen.«

Katombo blickte dem Hüter mißtrauisch in das Angesicht.

»Mein Freund? Seit wann willst Du es sein? Hast Du uns nicht von Allen am meisten gekränkt und verfolgt?«

»Dich nicht, sondern die Andern, die alle falsch und heimtückisch sind. Du hast uns nie Holz oder ein Wild gestohlen; darum habe ich Dich gern und möchte es Dir beweisen.«

»So komme ein Stück fort von hier!«

Sie schritten mit einander ein Stück in den Wald hinein, bis sie eine Stelle erreichten, an der sie sicher sein konnten nicht gesehen und gehört zu werden. Hier blieb der Zigeuner stehen.

»Jetzt sprich!«

»Kennst Du das Blößenhaus?«

»Das kleine, steinerne Häuschen auf dem freien Platze, welches immer verschlossen ist?«

»Ja.«

»Ich kenne es. Was ist mit ihm?«

»An seiner hinteren Seite steht eine Bank.«

»Ich kenne sie.«

»Auf dieser Bank habe ich Zwei sitzen sehen, Abends im Mondesscheine.«

»Zwei Männer?«

»Nein; ein Mann und ein Mädchen.«

»Ah! Wer waren sie?«

»Willst Du es wirklich wissen?«

»Wolltest Du nicht mit mir sprechen, um es mir zu sagen?«

»Allerdings. Das Mädchen war Zarba, Deine Braut.«

»Sagst Du die Wahrheit?«

»Es steht bei Dir, ob Du es glauben willst oder nicht.«

»Ich glaube es. Wer war der Mann?«

»Ich konnte sein Gesicht nicht erkennen; er saß so, daß es mir abgewendet war.«

»Das ist unmöglich! Sie saßen doch jedenfalls neben einander, und wenn Du ihr Gesicht gesehen hast, mußtest Du auch das seinige erkennen.«

»Sein Kopf lag an ihrer Brust.«

»Das geschieht nicht für immer; er muß ihn auch zuweilen erhoben haben. Du willst mir seinen Namen nicht verrathen.«

»Und wenn es so wäre?«

»Ich würde ihn dennoch kennen. Wenn Du so vorsichtig bist, so muß es ein Vorgesetzter von Dir sein.«

»Ja.«

»Der Förster ist es nicht, denn dieser liebt sein junges, gutes Weib; der Oberförster auch nicht, denn dieser ist uns feindlich gesinnt und so alt, daß er sich des Abends zu keinem jungen Mädchen an das Blößenhaus setzt. Außer diesen Beiden kommt nur ein Dritter noch in das Gehege; dieser muß es ein, und weil er ein so hoher und gewaltiger Herr ist, willst Du mir nicht sagen, wie er heißt.«

»Ich darf keinen Namen nennen, weil ich sonst meine Stellung verlieren könnte; aber das will ich Dir sagen, daß Du ein sehr scharfsinniger Bursche bist.«

»Daß er zu Zarba kommt, weiß ich nun auch; aber des Nachts soll er von ihr lassen; dafür werde ich Sorge tragen!«

»Wie willst Du das anfangen?«

»Sie darf das Lager nicht verlassen.«

»Thor! Kannst Du Dir nicht denken, daß die Alte diese Liebschaft nach allen Kräften beschützt, weil Ihr große Vortheile aus derselben zieht? Sie sendet Dich in die Stadt, wenn er kommt; sie wird auch ihre Vorkehrungen treffen, daß Du die nächtlichen Zusammenkünfte nicht zu stören vermagst. Die Sache müßte ganz anders angefaßt werden.«

»Wie?«

»Ich will Dir gestehen, daß auch mir diese Schleichereien des hohen Herrn nicht angenehm sind; es gibt so Manches, was man am Liebsten thut, ohne von einem solchen Beobachter gesehen zu werden. Daher möchte ich ihm einen Streich spielen, der ihm das Wiederkommen verleidet. Willst Du mir dabei helfen, Katombo?«

»Gern, wenn ich mich auf Dich verlassen kann!«

»Gewiß kannst Du das! Hier hast Du meine Hand darauf!«

Er reichte ihm die Rechte hin, in welche der Zigeuner einschlug. Dann fuhr er fort:

»Als der Mann, den ich nicht nennen will, vorhin das Gehege verließ, begegnete ich ihm, und er befahl mir, daß ich die alte Steinbank heut noch mit weichem Wassermoos belegen solle; bis zur Dämmerung muß die Arbeit fertig sein.«

»So will er gewiß heut Abend kommen!«

»Das vermuthe ich auch und zwar mit Sicherheit. Wenn wir dann im Häuschen wären, könnten wir das Paar belauschen und jedes Wort vernehmen, denn gerade über der Bank befindet sich die einzige Fensteröffnung, die das alte Gebäude hat. Das Übrige könnten wir dann nach den Umständen einrichten, welche sich ergeben.«

»Ich bin dabei, sicher und gewiß! Aber der Schlüssel zu dem Häuschen, wer hat den?«

»Er hängt beim Förster, und Niemand bemerkt es, wenn ich ihn an mich nehme.«

»Willst Du dies thun?«

»Ja, vorausgesetzt, daß Du auch wirklich mitmachst.«

»Darüber gibt es keinen Zweifel mehr! Aber die Zeit?«

»Es war elf Uhr vorüber, als ich die Beiden bei einander sitzen sah, also wird es um Zehn wohl Zeit für uns sein.«

»Ich komme. Wo treffen wir uns?«

»Am Besten unter der großen Buche, welche der Thür des Häuschens am Waldrande gegenübersteht.«

»Gut!«

Sie gingen auseinander; der Wildhüter mit dem Bewußtsein, sein Opfer bereits in der Schlinge zu haben, und Katombo mit einem Herzen, in welchem gebrochene Liebe, Haß und der feste Vorsatz, Rache zu nehmen, eng bei einander wohnten.

Er rührte das fertig gewordene Wildpret, um welches die schmausende Zigeunerbande saß, als er den Lagerplatz erreichte, nicht an, sondern warf sich in das Moos und gab sich Mühe, schlafend zu erscheinen. Nach dem Mahle legte sich Karavey zu ihm.

»Katombo!«

Er antwortete nicht.

»Glaube nicht, daß ich denken soll, Du schläfst! Der Schmerz kennt keinen Schlummer und keine Ruhe.«

»Was willst Du?«

»Dir sagen, daß ich stets Dein Bruder und Dein bester Freund gewesen bin.«

»Ich weiß es, Karavey!«

»Was wirst Du thun?«

»Ich? Was soll ich thun? Der arme, verachtete Zingaritto gegen einen großmächtigen Herzog? Nichts!«

»So willst Du Dich nicht an ihm, sondern an Zarba rächen?«

»An ihr? Niemals! Ich habe sie geliebt.«

»Täusche mich nicht! Als Du kamst, las ich in Deinen Augen, daß ein fester Entschluß in Deiner Seele wohnt. Des Freundes Blick ist scharf. Sage mir, was Du vorhast, und ich werde Dir beistehen mit allen meinen Kräften!«

»Laß mich, Karavey! Du bist Zarba's rechter Bruder; ich darf Dir mein Geheimniß noch nicht mittheilen.«

»So versprich mir wenigstens, daß ihr kein Leid geschieht!«

»Ich verspreche es!«

»Und daß Du nicht Etwas vornimmst, was Dich unglücklich machen kann!«

»Auch das verspreche ich, obgleich ich bereits so unglücklich bin, daß ich gar nicht unglücklicher werden kann.«

»Willst Du uns verlassen?«

»Ich weiß es nicht. Ich will ein freier Mann sein, dem die Vajdzina nicht zerstörend in das Leben greifen darf; aber ich bin ein Sohn Eures Volkes geworden und möchte es bleiben, weil Dankbarkeit in meinem Herzen wohnt.«

»Schwöre mir bei Bhowannie, der Schrecklichen, daß Du nicht von uns gehst, ohne es mir vorher zu sagen!«

»Ich schwöre es!«

»Vielleicht gehe ich dann mit Dir. Der Gitano darf keinen Willen haben als den seines Vajda und seiner Vajdzina; aber wenn diese Beiden die eigene Tochter, das beste Kind des Stammes, das schönste Mädchen des Volkes, die einst selbst Vajdzina werden soll, einem lüsternen Christen opfern, so werde ich mich gegen ihren Befehl auflehnen und, wenn dies Nichts hilft, den Stamm verlassen. Die Welt ist groß und weit; der Gitano hat keine Heimath und weiß, daß nur die Fremde ihm gehört.«

Das flüsternd geführte Gespräch war zu Ende, und die beiden Jünglinge lagen, in trübe Gedanken versunken, neben einander, während die andern dachten, daß sie schliefen. So verging ein Theil des Nachmittages, bis der Vajda mit Karavey und den andern Männern in den Wald gingen, um sich ein Wild zu holen. Die Frauen und Mädchen blieben zurück, doch lag auch auf ihnen in Folge des heutigen Erlebnisses ein Druck, der eine lebhafte Unterhaltung nicht aufkommen ließ.

Katombo erhob sich jetzt, um mit seinen Gedanken durch den stillen, lautlosen Forst zu streichen. Darüber verging Stunde um Stunde, bis es beinahe zehn Uhr war. Jetzt schlug er den Weg nach dem Blößenhause ein. Die kleine Lichtung, in deren Mitte es stand, war rings von hohen Tannen umgeben, zwischen denen zuweilen der hohe Wipfel einer Eiche oder Buche emporragte. Das Häuschen selbst war einstöckig, von starken Mauern aufgeführt, und besaß eine dicke Bohlenthür, welche mit starkem Eisen beschlagen war. Das kleine Fenster an seiner hinteren Seite hatte kaum genug Umfang für den Kopf eines Mannes und war mit starken, tief eingefugten Eisenstäben versehen. Das Bauwerk hatte einst zu verschiedenen Jagdzwecken gedient, stand aber jetzt vollständig leer und unbenutzt, und selbst der alte Oberförster wäre in Verlegenheit gerathen, wenn man ihn gefragt hätte, vor wie viel Jahren es zum letzten Male von einem menschlichen Fuße betreten worden sei.

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