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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Er sorgte dafür, daß ihn der Prinz nicht sofort zu sehen bekam, und dies fiel ihm nicht schwer, da zur persönlichen Bedienung des Pascha einer der arabischen Matrosen von der Yacht gerufen worden war, und er nur die Aufgabe zu haben schien, die Verbindung mit der Außenwelt zu unterhalten. Als er nach einiger Zeit in sein Zimmer zurückkehrte und dabei an der Küche vorübergehen mußte, stand die Thüre derselben um eine Lücke offen und er vernahm die Stimme Almahs. Unwillkürlich blieb er stehen.

»Er ist kein Prinz!«

»Kein Prinz?« frug die erstaunte Stimme der Kastellanin. »Wie so?«

»Von Geburt mag er es wohl sein, aber nicht von Gesinnung. Einen Prinzen habe ich mir anders vorgestellt.«

»Wie denn ungefähr?«

»Wie – wie – nicht wie diesen Mann, dessen Augen beleidigen und dessen Höflichkeiten kränken, sondern wie – wie – nun –« lachte sie – »fast so stolz, ehrlich und gut wie den Matrosen, den Papa gestern gemiethet hat. Papa sagt auch, daß er gar nicht wie ein Vordeckmann aussehe und der Sohn sehr anständiger Eltern sein müsse. Ich möchte gar nicht wieder hinauf zu Papa, wenn ich nicht ihm und dem Gaste die Honneurs der Tafel zu machen hätte, wie sich der Prinz ausdrückt.«

»Ja, ein guter Herr ist er nicht, dieser Prinz Hugo, meinte die Kastellanin; »man darf es natürlich nur nicht öffentlich sagen. Er wird im ganzen Lande nicht anders genannt, als der "tolle Prinz," und besonders müssen sich die jungen Damen hüten, ihm zu begegnen.«

»Sie ist gewarnt,« dachte Arthur und trat in sein Zimmer.

Als er nach eingenommenem Mittagsmahle hinaustrat und einen Blick hinunter nach der Stadt warf, sah er einen Mann emporsteigen, welcher zuweilen halten blieb und das Schloß wie einer beobachtete, welcher sich noch nicht vollständig klar ist über die besten Schritte zur Erreichung eines vorgesteckten Zieles. Er bleib zuweilen einige Augenblicke sinnend stehen und schritt dann wieder eine Strecke empor, um von Neuem sinnend innezuhalten. Endlich erreichte er doch das Thor und sah sich hier Arthur gegenüber.

»Friede sei mit Dir, mein Sohn!« grüßte er salbungsvoll, das weiße Leinentuch aus der Tasche des langen Schoßrockes nehmend, um sich den Schweiß von der Stirn zu trocknen. »Wer wohnt in diesem schönen Hause?«

»Es gehört dem Fürsten von Sternburg.«

»Ist der Fürst zu sprechen?«

»Er ist nicht hier.«

»Wer vertritt ihn hier?«

»Sein Sohn, Prinz Arthur.«

»Prinz Arthur, der Norländische Seekapitän? Ist er daheim?«

»Warum?«

»Warum? Mein Sohn, ich bin ein Diener am großen Weinberge Christi; was ich thue und was ich frage, das thue und frage ich auf Geheiß des göttlichen Geistes, dessen Eingebung nicht Jedermann erfahren darf. Ist der Prinz daheim?«

»Warum? frage ich nochmals, denn auch ich bin ein Diener und gehorche meinem Herrn. Auf meine Auskunft kommt es an, ob er daheim ist oder nicht.«

»Mein Sohn, ich habe mit einem Gaste des Prinzen zu sprechen.«

»Wer ist dieser Gast?«

»Ein Türke, ein Ungläubiger, dessen Seele ich retten will vor dem ewigen Verderben. Ist der Prinz daheim?«

»Jetzt ist er nicht im Schlosse anwesend; er wird Euch also in Euren frommen Bemühungen nicht stören, ehrwürdiger Vater. Geht durch das Portal und eine Treppe empor, so werdet Ihr einen Diener finden, welcher Euch anmelden kann!«

»Ich danke Dir, mein Sohn. Nimm meinen väterlichen Segen!«

Er schritt nach dem Portale zu, in welchem er verschwand.

»Ein Jesuit. Die frommen Väter werden hier im Lande geduldet; mir sind sie ein Gräuel! Bekehrungsversuch? Pah! Jedenfalls ist es eine ganz andere Absicht, die ihn zum Pascha treibt.«

Er blieb am Thore halten, um die Rückkehr des Mannes zu erwarten. Es dauerte gar nicht lange, so sah er ihn kommen.

»Mein Sohn, ich muß Dir zürnen!« klang ein Vorwurf zwischen den schmalen, bleichen Lippen der hagern Gestalt hervor.

»Weshalb?«

»Der Ungläubige war nicht allein; er hatte einen hohen Offizier bei sich, dessen Anwesenheit ihn verhinderte, meinen Worten Gehör zu schenken. Warum hast Du mir nicht gesagt, daß er keine Zeit habe?«

»Weil Ihr mich nicht darnach gefragt habt. Adieu!«

Er wandte sich indignirt ab und ging nach dem Garten. Er wandte sich, um seinen Gedanken ungestört nachhängen zu können nach dem hintersten Theile desselben, und war kaum dort angelangt, so vernahm er seitwärts ein Geräusch, welches ihn emporblicken ließ.

Auf der hohen Mauer ritt ein Mann, welcher ihm grüßend zunickte und dann mit einem Sprunge vor ihm stand.

»Was willst Du? Wer hat Dir erlaubt, auf eine so ungewöhnliche Weise hier Zutritt zu nehmen?«

»Zarba!«

Der Mann sprach nur dies eine Wort aus; aber es hatte eine sehr in die Augen fallende Wirkung.

»Zarba?« rief Arthur. »Kennst Du sie? Wo ist sie? Schickt sie vielleicht Dich hierher?«

Der Mann lächelte. Er war beinahe in Lumpen gekleidet, und sein Gesicht, der lang herabhängende Schnurrbart und die nackten, schmutzigen Füße ließen in ihm einen Zigeuner erkennen.

»Zu Euch, dem Prinzen nicht!« antwortete er.

»Du kennst mich?«

»Ich kenne Euch und liebe Euch, denn Ihr seid ein Freund von meiner Herrin, welche mächtig und groß ist unter dem Volke der Weissagung.«

»Wer ist Deine Herrin?«

»Zarba.«

»Und sie sendet Dich nicht zu mir?«

»Nein.«

»Aber Du kommst doch nach Schloß Sternburg. Was sollst Du hier?«

»Es ist ein großer Mann hier anwesend, welcher aus dem Morgenlande stammt und vom Fürsten geschickt wurde?«

»Ja,« antwortete Arthur erstaunt. »Wer hat Dir davon erzählt?«

»Zarba weiß Alles. Ich muß mit diesem Manne sprechen.«

»Was?«

»Nichts. Ich habe ihm nur ein Schreiben zu geben.«

»Er ist jetzt nicht allein; er hat Besuch. Du mußt also warten!«

»Ich kann nicht warten. Wollt Ihr dieses Papier ihm übergeben?«

»Ja.«

»Ich komme wieder, um mir die Antwort zu holen.«

Er wandte sich wieder nach der Mauer.

»Halt!« gebot Arthur. »Du wirst mir einige Fragen beantworten, ehe Du von hier gehst!«

»Welche?«

»Wo ist Zarba?«

»Das darf ich nicht sagen.«

»Und wenn ich Dich zwinge?«

»Der Zigeuner ist frei. Ihn zwingt Niemand. Und wenn ihn die Gewalt besiegt, so stirbt er, aber sein Mund schweigt.«

»Aber wenn ich Dich bitte?«

»Dann werde ich Euch Auskunft geben.«

»Nun?«

»Zarba wußte, daß Ihr nach ihr fragen würdet, und gebot mir, Euch zu sagen, daß ihr Geist stets neben Euch wandelt, ihr Auge alles sieht, was Ihr thut und ihrem Ohre kein Laut Eures Mundes entgeht. Sie muß verborgen bleiben noch eine kleine Weile; ist aber die Zeit gekommen, so wird sie erscheinen, auch ohne daß Ihr sie ruft.«

»Ist sie weit von hier?«

»Ich sagte, daß mein Mund schweigen und mein Fuß eilen muß. Ich habe den Mann zu verfolgen, welcher mit Euch draußen am Thore sprach.«

»Wer ist er?«

»Eine Viper, welche Euch sticht, sobald Ihr sie berührt. Seid gegrüßt von Zarba, der Königin ihres Volkes, und lebt wohl!«

Einen nahe an der Mauer stehenden Baum benutzend, kletterte er auf dieselbe empor und war in der nächsten Minute auf der andern Seite verschwunden.

Arthur hielt das kleine, zusammengefaltete und mit einem höchst eigenthümlichen Siegel versehene Billet in der Hand. Jetzt hatte er Gelegenheit gehabt, den Wunsch des Vaters zu befolgen und sich über Zarba vollständige Gewißheit zu verschaffen, doch war ihm der Bote mit der Glattheit eines Aals entschlüpft. Aber er mußte ja wiederkommen, um sich die Antwort zu holen, und dann gab es vielleicht Gelegenheit, die jetzt erfolglose Erkundigung mit besserer Wirkung zu erneuern.

Er schritt langsam wieder dem Schlosse zu, da hörte er leichte Schritte, welche ihm entgegenkamen, und blieb halten. Es war Almah. Der Weg hier war schmal und wurde zu beiden Seiten von Buschwerk begrenzt. Er machte Miene, sich in das Letztere einzudrücken, um den Weg freizugeben, sie aber hielt ihn mit einer Bewegung ihrer Hand davon ab.

»Bill – nicht wahr, so heißest Du –?«

»Ja.«

»Papa hat Dir wehe gethan. Sei ihm nicht gram dafür!«

Er blickte ihr in die Augen, und dann mußte er die seinigen schließen, denn er fühlte, welche Gluth seinem Herzen entstieg, um sich in den Blick zu drängen.

»Almah – nicht wahr, so heißen Sie?«

»Ja.«

»Und wissen Sie, was dieses Wort bedeutet?«

»Nein.«

»Almah heißt Seele, und – ohne Seele gibt es kein Leben, gibt es nur Tod. Erhalten Sie dem das Leben, welcher ohne Sie sterben müßte!«

Er theilte das Gebüsch mit den Armen und zwängte sich hindurch. Er fühlte, daß er zuviel gesagt habe, aber bei dem Anblick dieses herrlichen Geschöpfes hatte sich die Liebe in ihm aufgebäumt, so daß ihm die Worte wider Willen und gegen alle Absicht entfahren waren.

Er suchte den verlassenen Pfad wieder zu gewinnen und war dann auf demselben noch nicht weit fortgeschritten, so vernahm er abermals ein nahendes Geräusch. Er bog um eine Ecke und wäre fast mit Prinz Hugo zusammengestoßen. Dieser erkannte ihn sofort und blieb überrascht stehen. Er trug Generalsuniform und schien im Begriffe zu stehen, Jemand zu suchen.

»Halt! Treffe ich Dich hier, Bursche?« meinte er mit einem stechenden, verächtlichen Blicke. »Hast Du den "Jungen" an der Schloßwache vergessen? Hier, nimm ein Souvenir daran!«

Er holte aus, um Arthur einen Schlag in das Gesicht zu versetzen, dieser aber erhob einfach den Fuß und versetzte ihm einen solchen Tritt in die Gegend des Magens, daß er nach hinten zwischen die Sträucher stürzte.

»Behalte mit dem "Jungen" auch das Souvenir. Nur ein Schurke nimmt etwas von Dir an!«

Mit diesen Worten wandte er sich ruhig vorwärts. Er erwartete, daß der Gegner ihm sofort folgen werde, da er aber nicht das geringste Zeichen davon bemerkte, so blieb er nach kurzer Zeit stehen.

»Er ist mit dem Pascha fertig und hat bemerkt, daß Almah in den Garten ging. Jetzt folgt er ihr und wird es vorziehen, sie statt meiner aufzusuchen. Soll ich ihm folgen? Ja, denn in seiner Nähe vermag sie nur ein starker, schlagfertiger Arm vor Beleidigungen zu schützen!«

Er schritt noch eine kurze Strecke vorwärts und bog in einen zweiten Weg ein, welcher ebenfalls nach der Gegend des Gartens führte, in welcher die beiden zu vermuthen waren. Lange blieb er ohne das geringste Zeichen, daß sie sich getroffen hatten und noch anwesend seien, endlich aber vernahm er zwei Stimmen und schritt leise der Gegend zu, in welcher dieselben ertönten.

Gerade an dem Orte, an welchem er mit dem Zigeuner gesprochen hatte, stand Almah und vor ihr der tolle Prinz, welcher vor der Begegnung mit ihr, jedenfalls die Spuren entfernt hatte, welche seine Uniform von der Begegnung mit Arthur davongetragen hatte. Man sah es dem Mädchen an, daß sie sich ihm gegenüber in Verlegenheit befand. Ihre Wangen waren geröthet, und ihr Blick irrte suchend über die Umgebung, als ob sie nach einer Gelegenheit spähe, dem ihr lästigen Gespräche zu entgehen.

»Ich wiederhole, daß Ihr Vater der schönste Mann ist, welcher meinem Blicke begegnete. Und Ihre Mutter, Fräulein, muß alle Reize in sich vereinigt haben, welche dem Weibe gegeben sind, um sich den Mann unterthänig zu machen.«

»Ich kenne nur Papa. Mutter starb, als ich noch ein Kind war,« antwortete sie verlegen.

»Kein Wunder,« fuhr der Prinz fort, ohne auf ihre Worte zu achten, »daß ich in Ihnen die herrlichste aller Frauen vor mir sehe. Fräulein, sie haben keine Ahnung von der Gewalt, mit welcher Ihr Anblick Jeden packt, welcher in Ihre Nähe kommt – – –«

Er erfaßte ihre Hand, die sie ihm aber zu entziehen suchte.

»O, lassen Sie mir dieses kleine süße Händchen! Ich muß es küssen; ich muß meinen Arm um diese unvergleichliche Taille legen, muß dieses bezaubernde Köpfchen an mein Herz ziehen, um diese Lippen – – –«

»Prinz,« rief sie, »lassen Sie mich!«

»Dich lassen?« antwortete er, die sich mit aller Macht Sträubende fest an sich ziehend. »Das wäre das unverzeihlichste Verbrechen gegen die Göttlichkeit des Schönen. Nein, festhalten werde ich Dich, Du Entzückende, um von Deinen Lippen Wonne und Seligkeit zu trinken!«

Sie wandte alle ihr zu Gebot stehende Kraft an, sich aus seiner Umarmung zu befreien, vergebens.

»Lassen Sie mich, Prinz, sonst rufe ich um Hülfe!«

»Rufe, mein Herz; es wird Dich hier Niemand hören!« antwortete er, sich mit seinem Munde ihren Lippen nahend.

»Sie braucht nicht zu rufen, denn sie ist bereits gehört worden,« ertönte eine feste, ruhige Stimme, und der Matrose stand vor ihm. »Lassen Sie meine Herrin los, Prinz!«

»Ah, Du bist es?« erklang es knirschend. »Schön, ich werde sogleich mit Dir abrechnen, vorher aber muß ich diese Lippen – – –«

Er kam nicht zum Kusse, denn Arthur packte ihn, so daß er die Arme von Almah lassen mußte, und schleuderte ihn mit solcher Wucht an die Mauer, daß er zusammenknickte. Dennoch aber raffte sich der Prinz schnell wieder empor und zog den Degen.

»Hund, das wagst Du! So stirb!«

Arthur faßte ihn bei der Faust und entriß ihm den Degen.

»Sterben, nicht wahr, wie gestern Karl Goldschmidt, Dein Opfer? Du bist ein ehrloser Schurke, und ich werde Dich als solchen kennzeichnen, damit fortan die Unschuld vor Dir sicher sei!«

Er entriß ihm den Degen, zertrat denselben mit dem Fuße und schleuderte ihm das Gefäß mit solcher Kraft in das Gesicht, daß ein rother Blutstrahl aufspritzte. Vor Wuth und Schmerz laut heulend, stürzte sich der Getroffene auf ihn, fühlte sich aber sofort mit unwiderstehlicher Kraft gepackt und zu Boden geworfen. Dann riß der starke Seemann eine Ruthe vom nächsten Busche und zog ihm dieselbe wiederholt über das Angesicht.

»So, an diesem Zeichen soll man Dich erkennen, und der gestrige Tag soll der letzte sein, an dem es Dir gelingt, ein Mädchen zu bethören!«

Ein mächtiger Faustschlag vollendete den Sieg; der Prinz lag entehrt und besinnungslos am Boden. Als sich Arthur erhob war Almah entflohen. – – –

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