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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Eine Stunde später saß Nurwan Pascha mit Almah auf dem Balkon seiner Wohnung und schlürfte den Mocca, welchen ihm das schöne Mädchen drunten in der Küche der Kastellanin eigenhändig bereitet hatte. Auf der herrlichen Scene vor und unter ihnen lag der goldene Glanz des Sonnenlichtes; die Wogen der See blitzten in grünlich-goldenen und bläulich-silbernen Reflexen, welche sich draußen am fernen Horizonte in von unvergleichlichen Farben gesättigten Tinten verloren, und hier in der Nähe, auf der Küste, am Quai, im Hafen regte sich ein Leben von so vielseitiger, munterer Geschäftigkeit, daß man nicht müde wurde, seinem nie ruhenden Pulse zu folgen.

Vom äußersten Ende der Stadt ertönte ein scharfer, schriller Doppelpfiff; gleich einer Riesenschlange wand sich ein Dampfzug an der Küste hin, trat dann zwischen die Berge hinein und verschwand hinter den Höhen, welche das Binnenland vor den gefräßigen Fluthen des Meeres schützten.

»Mit diesem Zuge fährt er,« meinte der Pascha.

»Wer.«

»Ah, es ist wahr, Du weißt nichts davon. Ich meine unsern neuen Diener.«

»Bill Willmers? Wohin fährt er?«

»Nach der Residenz. Er hat mir eine höchst wichtige Depesche zu besorgen.«

»Eine höchst wichtige? So hast Du wohl ein recht gutes Vertrauen zu ihm, Papa?«

»Allerdings. Du hast jedenfalls meine gestrige Überraschung bei seinem Anblicke bemerkt. Es war mir, als sei mein liebster, bester Jugendfreund herbeigekommen, um mich zu begrüßen, ganz er, jeder Zug des Gesichtes, die Haltung, die Stimme, der treue, verständige Blick des Auges, und trotzdem er es unmöglich sein kann, da dieser Freund in meinem Alter steht, und trotzdem er einen mir vollständig fremden Namen führt, kann ich mich nicht von dem Gedanken, von der Ahnung trennen, daß mein Irrthum nicht ganz und gar ein vollständiger sei. So oft ich mit ihm spreche, möchte ich ihn nicht Willmers sondern Brandauer nennen.«

»Weißt Du, Papa, daß es mir auch recht eigenthümlich mit diesem Matrosen geht?«

»Wie so?«

»Papa das kann ich Dir nicht sagen! Du bist mein Vater, und was Du thust und sprichst, das ist, als hätte es Gott gethan und gesprochen. Wie andere Männer sind, das weiß ich nicht, aber – aber, wenn jetzt ein Sturm hereinbräche, daß die Wogen über unserer kleinen Yacht zusammenschäumten, und dieser Willmers spräche zu mir: ›Komm, ich gehe mit Dir in das Wasser und bringe Dich an das Land‹, ich würde ihm folgen und darauf schwören, daß er es vollbringt.«

Das scharfe Auge des Pascha blickte hinaus in das Weite; es war seinem adlerartigen Blicke nicht anzusehen, was er über die Worte der Tochter dachte. Diese hatte den prachtvollen Arm, welcher berückend unter dem leichten, seidenen Gewebe hervorschimmerte, auf die Balustrade gelegt und beobachtete das Treiben in der Nähe.

»Papa, schau den Reiter da unten!« rief sie plötzlich. »Ist ein solcher Galopp nicht fürchterlich?«

»Allerdings gefährlich, höchst gefährlich bei solchem Terrain. Der Mensch muß beim leisesten Fehltritte des Pferdes den Hals brechen. Ich wette, es ist einer jener jungen, unvorsichtigen Kavallerieoffiziere, denen der Ruhm, ein kühner Reiter zu sein, höher gilt, als die Herzensrufe des Vaters und der Mutter!«

»Er lenkt nach der Höhe ein –«

»Und zwar auf dem Wege, welcher nach Schloß Sternburg führt. Wer mag es sein?«

Er erhob sich und blickte stärker hinab.

»Willmers!« rief er dann, ebenso überrascht wie zornig.

»Willmers, Papa? Das ist doch nicht möglich! Ein Matrose kann doch auf keinen Fall ein solcher Reiter sein!«

»Er ist es aber doch. Es scheint, als sei an diesem einfachen Manne Alles ungewöhnlich, sogar – sein Gehorsam, seine Dienstfertigkeit. Ich glaube ihn mit meiner höchst dringlichen Depesche unterwegs nach der Hauptstadt und muß bemerken, daß es ihm beliebt, spazieren zu reiten, bevor er an die Ausführung meines Befehles denkt. Nur bin ich neugierig, von wem er sich das Pferd geborgt hat!«

»Papa, ich bitte –!«

»Was?«

»Sei nicht barsch mit ihm; er wird es nicht wieder thun! Du glaubst es gar nicht, wie Dein Blick schmerzt, wenn Du zürnst!«

»Und ihn soll er nicht schmerzen?«

»Vergieb ihm! Er kennt Dich noch nicht und wird es nicht bös gemeint haben.«

»Eine Depesche ist kein gewöhnlicher Brief, Kind. Ich muß ihn empfangen, wie er es verdient hat!«

Er erhob sich und begab sich hinab, um den Kommenden zu erwarten. Almah war nicht von seiner Seite gewichen. Hatte sie die Ahnung, daß ein einziger Strahl ihres Auges hinreichend sei, alle schmerzenden Blitze unschädlich zu machen, welche das Auge des Vaters schleudern könnte? Der Huftritt des Pferdes ertönte, und Arthur ritt in den Hof. Die Beiden bemerkend, nahm er den Hengst kurz auf und sprengte in zierlichem kurzem Galopp, einen Bogen schlagend, bis vor die breiten Granitstufen, auf denen sie standen, und stand dann nach einem gewandten Schwunge aus dem Sattel vor ihnen. Der Pascha blickte ihm zornig in das vom scharfen Ritte geröthete Gesicht.

»Wem gehört das Pferd?«

»Dem Prinzen von Sternburg.«

»Wer hat Dir erlaubt, es zu reiten?«

»Der Kastellan.«

»Und wer noch?«

»Niemand.«

»So! Also meiner Erlaubniß bedarf es zu einem Spazierritte, währenddessen ich Dich auf der Reise nach der Residenz vermuthe, nicht! Du bist kein gehorsamer Diener; ich kann Dich nicht gebrauchen; Du kannst gehen!«

Der Gescholtene schlug kein Auge nieder; er blickte dem Pascha ruhig in das Angesicht und antwortete:

»Zu Befehl, Excellenz!«

Sich scharf auf dem Absatze herumdrehend, schritt er davon.

»Papa!« bat Almah, indem sie die Hand auf den Arm des Vaters legte.

Dieser hatte eine solche Eile von Seiten des Dieners gar nicht erwartet.

»Willmers!« gebot er.

Der Gerufene drehte sich um.

»Excellenz!«

»Komm noch einmal näher!«

Arthur folgte dem Rufe.

»Warum gehorchst Du jetzt so schleunig?«

»Um Excellenz zu beweisen, daß ich kein ungehorsamer Diener bin.«

»Und dennoch bist Du es, sonst hättest Du den vorhin abgelassenen Kurierzug nach der Residenz benutzt, um meine Depesche zu expediren.«

»Excellenz haben mir nicht befohlen, diesen Zug zu benützen.«

»Gebot ich Dir nicht, die Depesche schleunigst zu übermitteln? Es ging am Abende kein Zug mehr, wie Du sagtest, folglich –«

»Folglich bin ich zu Pferde nach der Residenz, Excellenz.«

»Zu Pferde? Diesen weiten Weg? Unmöglich!«

»Bei einem solchen Pferde ist es sehr möglich. Ich kehre eben zurück; die Depesche wurde um Mitternacht übergeben.«

»Wem?«

»Dem Kommandanten der Schloßwache.«

»So wird sie der König heut Vormittag lesen. Du wurdest gefragt, von wem sie sei?«

»Nein. Ich schnitt alle Erkundigungen durch die Angabe ab, daß ich ein Kurier von Schloß Sternburg sei.«

»Gut! Ich habe mich vorhin geirrt. Du bleibst!«

»Zu Befehl, Excellenz!«

Er wandte sich ab und trat zum Pferde, welches er nach dem Stall führte. Dann suchte er das Stübchen auf, welches er als Domestik erhalten hatte. »Papa, bat sie ihn, als ich von ihm fortgewiesen wurde! Sie ist gut und mild; ihr Angesicht lügt nicht, wie die Züge so vieler Frauen, welche man innerlich ganz anders findet, als das Äußere es verspricht. Ihr Auge ist rein und wahr wie das Kristall der Quelle, welche das kleinste Sandkorn des Bodens erblicken läßt. Almah, sei Du das köstliche Ziel, nach welchem ich strebe, und wenn es mir beschieden ist, es zu erreichen, so will ich vom Geschicke nichts mehr verlangen, als nur die Kraft, mir Deine Liebe für immer erhalten zu können!«

Er öffnete das Medaillon und drückte das Bild der heimlich Geliebten an seine Lippen. Dann stellte er sich sinnend an das Fenster.

»Was mag es sein, was den berühmten Admiral nach Tremona führt? Und wie kam der Vater mit ihm zusammen? Es ist ein eigenthümlicher Brief, welchen er mir schreibt!«

Er öffnete ein Kästchen und entnahm demselben einen Bogen, welchen er entfaltete und las:

 
»Mein lieber Junge!

Ich erfuhr in Deinem letzten Briefe, daß Du Urlaub bekommst und nach Tremona gehen wirst. Das gönne ich Dir von ganzem Herzen und wünsche, ich könnte bei Dir sein. Da dies aber nicht der Fall sein kann, so sende ich Dir einen Stellvertreter, nämlich keinen Anderen, als den berühmten Seehelden Nurwan Pascha, welcher eine Kleinigkeit mit der Süderländischen Regierung zu reguliren hat und mich frug, ob es in Tremona ein anständiges Logement gebe, wo er einige Zeit lang ungestört seinen Neigungen leben könne. Ich erzählte ihm von Dir und Schloß Sternburg und erhielt von ihm die Erlaubniß, ihn Deiner Gastfreundschaft empfehlen zu dürfen. Er wird einige Tage nach dem gegenwärtigen Briefe bei Dir anlangen, und ich bin überzeugt, daß Ihr beiden Seethiere bald Wohlgefallen an einander finden werdet. Sorge besonders dafür, daß er sich frei und ohne von zudringlicher Neugierde belästigt zu sein, bewegen kann!

Allem Anscheine nach bereitet sich zwischen Norland und Süderland ein Bruch vor, dessen Länge und Breite jetzt unmöglich abzumessen ist, und ich habe eine kleine Ahnung, daß der Besuch des Pascha in Tremona mit diesem Umstande in enge Verbindung zu bringen sei. Mir scheint, es fehle Süderland im Falle eines Krieges an einem tüchtigen Seemanne, vielleicht – doch soll diese Bemerkung keineswegs eine Mahnung enthalten, den Pascha unter Deine Aufsicht zu nehmen. Er ist eine vollständig undurchdringliche Persönlichkeit, und neben seiner hohen seemännischen Charge ein gewandter Diplomat, dem man nicht gern eine unangenehme Deklination einflößen möchte. So soll ihm noch vor ganz Kurzem beim Vizekönige von Egypten eine Mission gelungen sein, an deren Schwierigkeit die Bemühungen seiner Vorgänger gründlich scheiterten. Nimm ihn auf wie mich selbst – à propos, er hat eine Tochter, welche er, – ich sage Dir einstweilen nur so viel, daß ich sie heirathen werde, wenn Du kein Mittel findest, dies zu verhindern. Leider wird er sie wohl nicht mitbringen; sie ist in echt orientalischer Abgeschlossenheit erzogen worden, und so scheint es wahrscheinlich, daß er sie nicht dem bewegten Leben einer großen Hafenstadt aussetzen werde.

Vielleicht ist es mir möglich, noch vor Ablauf Deines Urlaubes Dich in Tremona zu überraschen. Bis dahin sei gegrüßt von Deinem treuen Vater. Ist es Dir noch nicht gelungen, eine Spur von der Zigeunerin Zarba aufzufinden? Ich würde Vieles darum geben, ihr einige Fragen vorlegen zu können. Der Obige.«

 

Noch war er mit dem Zusammenfalten dieses Briefes beschäftigt, so klopfte es und die Kastellanin trat ein.

»Darf ich das Frühstück serviren, Durchlaucht? Mein lieber junger Herr sind die ganze lange Nacht hindurch zu Pferde gewesen und haben während dieser Zeit wohl kaum etwas Ordentliches genossen!«

»Ja, ich habe Hunger, meine liebe Mutter Horn. Zeigen Sie einmal, was Sie mir bringen!«

»Ich bringe immer nur, was Sie gern haben, Durchlaucht. Und wissen Sie, wer es geschnitten und auf den Teller arrangirt hat?«

»Natürlich Sie.«

»O nein, Fräulein Almah ist es gewesen.«

»Die Türkin? Die wird doch das Frühstück für ihren Bedienten nicht selbst bereiten! Ich nehme natürlich an, daß sie gewußt hat, für wen es bestimmt ist.«

»Sie hat es gewußt und dennoch die kleinen Händchen nicht geschont. ›Er ist während der ganzen Nacht zu Pferde gewesen und von Papa dafür gar noch ausgescholten worden,‹ hat sie gesagt; ›ich muß dafür sorgen, daß er nicht hungert.‹ Übrigens ist sie gar keine Türkin, sondern eine Christin.«

»Ah! Ist dies wahr?«

»Sie hat es mir selbst gesagt; und auch ihr Vater ist ein Christ. Er hat sie auf einer einsamen Insel erzogen, und wenn er fort gewesen ist, so hat sie sich mit zwei Heiden und einer alten Dienerin allein befunden.«

»Welche Insel ist das gewesen?«

»Das weiß ich nicht, aber wenn Sie es wissen wollen, so werde ich sie einmal fragen. O, sie sagt mir Alles; sie ist die echte reine Liebe. Durchlaucht, wenn ich ein Mann wäre, die müßte meine Frau werden! Sie ist so schön wie die Sonne, und so gut wie keine Andre mehr. Wenn ich daran denke, daß sie einmal beinahe ertrunken wäre, so zittre ich vor Angst!«

»Ertrunken?«

»Ja, ertrunken. Das ist da drüben gewesen in – na da, wo der König Pharao auch ertrunken ist –!«

»In Egypten?«

»Ja, so heißt die Gegend. Da ist sie mit der Frau vom Könige einmal des Abends auf dem Wasser spazieren gefahren und dabei aus dem Kahn gefallen. Herr Jesses, wie leicht konnte sie da verloren sein. Aber da ist ein Fremder gewesen, der hat sie noch erfaßt und ist mit ihr an das Land geschwommen.«

»Wer war es?«

»Das weiß ich nicht.«

»Aber sie weiß es?«

»Auch nicht. Er hat der Königin seine Karte gegeben, und die hat sie wieder verloren.«

»Ah, wessen Karte man verliert, an Dem ist Einem nicht viel gelegen.«

»Das mag wahr sein, hier aber ist es sicherlich anders; denn Almah kann ihr Herzeleid darüber, daß sie ihrem Retter nicht einmal danken kann, gar nicht beschreiben.«

»Vielleicht findet sie ihn noch!«

»Das ist möglich, denn sie weiß wenigstens so viel, daß er Korvettenkapitän gewesen ist. Vielleicht könnten Durchlaucht ihn ausfindig machen, da es ein Kamerad ist; aber Sie dürfen leider wegen dem Inkognito nicht mit ihr darüber sprechen. Herr Jesses, wäre das schön, wenn das Inkognito nicht wäre!«

»Warum?«

»Weil dann zwei gute, liebe Menschen mit einander verkehren könnten, wie es sich für sie schickt und gehört. Adieu, Durchlaucht; nun muß ich fort, denn es gilt, an das Diner zu denken!«

Der Kapitän lächelte still vor sich hin. Auch ihm kam es so vor, daß es weit schöner wäre, wenn er sich ihr in seiner wahren Eigenschaft zeigen könne, doch leider schien es ihm nicht gerathen, den Pascha durch das Geständniß der Wahrheit in Verlegenheit zu bringen.

Aus diesem Grunde besorgte er einige Aufträge desselben im Laufe des Vormittags mit dienstlicher Treue, und war eben in das Schloß zurückgekehrt, als er, die Höhe herniederblickend, eine Lohnequipage bemerkte, welche sich dem Schlosse zu emporbewegte. Sie war offen, und er konnte deutlich die Gestalt erkennen, welche, in einen Militärüberrock gehüllt, in stolz-nachlässiger Haltung im Fonde saß.

»Prinz Hugo! Ah, als Abgesandter seines Vaters, jedenfalls in Folge der von mir überbrachten Depesche!«

Sein Gesicht nahm einen finstern Ausdruck an. »Heute wird er nicht die Lieutenantsuniform tragen, und – ah, wenn er Almah erblickt, so wird er Feuer und Flamme sein. Einem Charakter von seiner Rücksichtslosigkeit ist es zuzutrauen, daß er die Heiligkeit des Gastrechtes und die Eigenschaften ihres Vaters vergißt. Doch dann wehe ihm; ich werde über sie wachen!«

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