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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Unterdessen hatte der Kastellan mit seiner Frau die Gäste nach oben geführt. Die Zimmer, welche Nurwan Pascha zur Verfügung gestellt wurden, waren geradezu prachtvoll zu nennen, und jedes einzelne Fenster bot eine Aussicht, welche einen Seemann entzücken mußte.

»Diese Zimmer bewohnen Durchlaucht, der Herr General, wenn er sich hier befindet,« erklärte Franke.

»Und welche von ihnen sind für mich bestimmt?« frug die noch immer Verschleierte mit einer Stimme, deren süßer, reiner Wohllaut wohlthuend zu Ohren drang.

»Die Ihrigen liegen eine Treppe höher. Darf ich sie Ihnen zeigen?«

»Ja, kommen Sie.«

Die Wohnung, welche sie jetzt betraten, bestand aus vier im Kreise neben einander liegenden Räumlichkeiten, welche für eine Dame, und zwar mit einer Eleganz eingerichtet waren, die auf den unermeßlichen Reichthum des Sternburg'schen Hauses schließen ließ. Die beiden Männer waren unten geblieben, und die Kastellanin befand sich also jetzt mit der Fremden allein.

»Herrlich, prächtig,« jubelte die Letztere, erfreut die kleinen weiß behandschuhten Händchen zusammenschlagend. »Das ist ja eine Thurmwohnung, von welcher aus man nach allen Seiten die prächtigste Aussicht hat, hier auf die See, und hier auf die Küste und dort hinein in das weite grüne Land. Und wie prächtig eingerichtet; blauer Sammt und weißer Atlas! Wer pflegt hier zu wohnen?«

»Ihre Königliche Hoheit, Prinzeß Asta von Süderland, wenn sie die Stadt besucht, um Seeluft zu athmen.«

»O schön, wundervoll! Ich habe die Zimmer einer Königlichen Prinzeß!« rief die Türkin in kindlichem Jubel und hüpfte aus einem Gemache in das andere, um jede Kleinigkeit in Augenschein zu nehmen.

Die Kastellanin folgte den zierlichen Bewegungen mit Bewunderung. Das war ein körperlich vollkommen ausgebildetes Weib mit einem reinen, noch unverfälschten kindlichen Gemüthe.

»Es freut mich, daß diese Wohnung Ihnen genügt! Für die nöthige Bedienung wird schleunigst gesorgt werden, und dann wird uns jeder Ihrer Wünsche ein Befehl sein, Madame!«

»Madame?« frug sie verwundert. »Sie halten mich für eine Frau?«

»Ja doch! Sind Sie nicht eine Frau aus dem Harem des Herrn Pascha?«

»Jetzt schlug sie die Händchen nochmals und zwar im hellen Entzücken zusammen, wobei ihren Lippen ein herzliches Lachen entquoll, dessen Konsonanz goldenen Saiten zu entstammen schien.

»Ich – eine Frau – aus dem Harem des Herrn Pascha?«

Und mitten im hellsten Lachen schlug sie den Schleier zurück, nahm ihn vom Kopfe, warf die leichten Hüllen von sich, welche das eigentliche Gewand dem Blicke entzogen, und frug dann: »Sehe ich wirklich aus wie das Weib eines Pascha?«

Die Kastellanin trat bei dem Glanze der ihr entgegenstrahlenden Schönheit unwillkürlich einen Schritt zurück; eine solche Vereinigung der vollkommensten körperlichen Reize hatte ihr erfahrenes Auge noch niemals erblickt, und mit vollster Überzeugung antwortete sie:

»Nein, Sie sind keine Frau, sondern – – aber – aber – bitte, befehlen Sie, wie ich Sie nennen soll!«

»Sagen Sie erst Ihren Namen?«

»Horn.«

»Nun wohl, Mutter Horn, nennen Sie mich einfach Almah!«

Die Kastellanin blickte ihr mit glänzenden Augen in das herrliche Angesicht.

»Das geht nicht! Ich bin eine alte geringe Frau, und Sie sind – aber bitte, was sind Sie denn, wenn Sie nicht die Frau des Pascha sind?«

»Ich bin seine Tochter.«

»Ah! Und wie titulirt man in der Türkei die Tochter eines Pascha?«

»Man nennt sie bei ihrem Namen. Darum sollen Sie Almah zu mir sagen.«

»Ich muß wohl gehorchen, wenn Sie es befehlen; aber Ihr Herr Papa, wird er es leiden? Ich – ich – ich habe mich bisher so sehr vor den Türken gefürchtet, weil sie so große Bärte und so krumme Säbel haben und an einen andern Gott glauben.«

»Ah? Kommen Sie einmal her zu mir, meine gute Frau Horn; ich will Ihnen etwas sagen!« Sie ergriff die Hand der Kastellanin und zog die Letztere nahe zu sich heran. »Hören Sie: Vater ist kein Türke in der Weise, wie Sie es nehmen!«

»Nicht? Kein Türke?«

»Nein.«

»Dann sind Sie auch keine Türkin?«

»Nein. Vater ist ein Christ und ich bin also auch Christin.«

»Ists wahr?« frug die Kastellanin erfreut.

»Natürlich!«

»O, das ist schön! Ich möchte Sie so gern recht herzlich lieb haben, und hätte mich dies doch nicht getraut, wenn Sie eine Türkin wären.«

»So ists recht, Mütterchen! Wollen uns lieb haben, so lieb, als seien sie auch wirklich meine Mutter!«

»Ja, haben Sie denn keine Mutter mehr?«

»Nein, ich habe Mama gar nicht gekannt; sie starb, als ich noch ein sehr kleines Kind war.«

»Sie armes, liebes Fräulein! Haben Sie auch keine Schwester, keine Tante oder sonst eine Freundin?«

»Verwandte habe ich nicht. Ich wohne mit Papa auf einer Insel im Meere, und wenn er zur See geht, so bin ich mit meiner alten Dienerin und zwei Arabern ganz allein.«

»Und so war es immer?«

»Immer!«

»Das ist ja fürchterlich! Auf einer einsamen Insel im Meere mit zwei Arabern und einer alten Dienerin allein zu sein. Nimmt Sie Ihr Papa nicht zuweilen mit?«

»Nein, ausgenommen ein einziges Mal und jetzt.«

»Da sollen Sie hier Entschädigung finden. Sie müssen hier recht oft in Gesellschaft gehen und – – –«

»O nein; das mag ich nicht; ich bin gern allein, sehr gern, und mag gar nicht hinaus unter die vielen Leute, unter denen ich mich so fürchte. Doch kommen Sie; ich muß hinunter zu Papa; man wird jetzt wohl unsere Effekten bringen!«

Sie ließ die Schleier liegen und stieg nach unten, wo ihr Vater wirklich bereits auf sie wartete. Man sah aus den Fenstern seiner Wohnung die drei Araber die Höhe ersteigen, und nicht lange dauerte es, so befanden sich Almah und die Kastellanin im Vorzimmer beim Auspacken.«

»Warum haben Sie die Araber fortgeschickt, Fräulein Almah? Nun müssen Sie diese Arbeit selbst vornehmen!«

»Sie meinen, ich soll fremde Männer für Papa sorgen lassen? O nein, das ist er nicht gewohnt, und das mag ich auch gar nicht leiden.«

»So, gerade so geht es mir auch mit meinem lieben, jungen Herrn!«

»Wer ist das?«

»Prinz Arthur – –«

»Der uns hier erwarten sollte?«

»Ja.«

»Aber, hören Sie, meine liebe Mutter Horn, ist das nicht ein wenig unartig von diesem Prinzen, daß er uns entflohen ist? Meine alte Dienerin hat mir sehr viel davon erzählt, daß die Männer des Abendlandes so aufmerksam gegen ihre Frauen seien. Bei einem Prinzen ist dies wohl nicht der Fall?«

»O doch! Aber er hat ja gar nicht gewußt, daß Sie mitkommen, und sodann war in dem Briefe seines Vaters ja von einer späteren Zeit die Rede.«

»Ja, wir sind eine Woche früher abgereist, als Papa eigentlich beabsichtigte. Doch, Sie wollten sagen, daß sie den Prinzen auch gern bedienen?«

»Ja, das wollte ich sagen. Ich lassen ihm von einem Andern keine Handreichung thun.«

»Warum? Er ist ja doch nicht Ihr Gatte oder Ihr Vater!«

»Aber mein Herr, und dennoch dabei so lieb und gut, so mild und nachsichtig, als ob er mein Sohn sei.«

»Er ist schon sehr alt?«

»Warum?«

»Weil er Fregattenkapitän ist, und Papa sagte, daß man dies sehr schwer und sehr spät werde.«

»O nein, er ist erst zweiundzwanzig Jahre alt.«

»Zweiundzwanzig? So jung! Sagen Sie einmal, Mutter Horn, wie sieht denn eigentlich so ein abendländischer Prinz aus? Wohl recht stolz, streng und vornehm?«

»Meist.«

»Also Prinz Arthur auch?«

»Dieser nicht – im Gegentheile! Wenn der Sie anschaut, so ist es, als ob Ihnen die liebe Sonne recht hell und warm in die Augen schiene.«

»So hat er wohl Augen wie – wie – wie der Matrose, den Papa mit der Karte zu Ihnen sandte?«

»Wie der – der Bill Willmers? Ja, gerade so sind seine Augen. Sie dürfen nur – – doch, da ist er, Ihr Diener!«

Die Thür zum Vorzimmer war geöffnet worden, und Arthur stand unter derselben. Almah hatte sich über einen Koffer gebeugt, jetzt erhob sie sich und wandte sich zu ihm um. Sie stand vor ihm, gerade so wie er zu seinen Kameraden auf der Veranda gesagt hatte, wie die Schönheit in ihrer herrlichsten Inkarnation. Den schlanken und doch vollen Oberkörper bedeckte eine rothe, mit Gold gestickte türkische Jacke, unter welcher ein blausammetnes, von massiven Silberspangen verschlossenes Mieder die herrlichste Büste mit einer Taille verband, die man mit den Fingern zu umspannen vermochte. Sie wurde umschlossen von einem mit edlen Steinen besetzten Schuppengürtel, von welchem aus weißseidene Hosen über die schön gerundeten Hüften bis herab zu den Knöcheln gingen, deren Feinheit mit der Kleine des Füßchens bezaubernd harmonirte. Auf dem schlanken, schneeigen Halse saß ein Köpfchen, dessen Anmuth ebenso wenig zu beschreiben war, wie die unvergleichliche Schönheit der Gesichtszüge, welche in ihrer Harmonie ein Ganzes bildeten, dem kein Malerpinsel und auch nicht das nachbildende Licht der Sonne gewachsen sein konnte.

Arthur war, als sie sich emporrichtete und mit dem kleinen, reizenden Händchen die vollen, schwarzblauen Locken aus der Stirn zurückwarf, wie erstarrt halten geblieben. Kein Glied seines Körpers bewegte sich; sein Mund war leise geöffnet und seine Augen richteten sich fast unnatürlich groß auf das entzückende Wesen, welchem am Tage seine Gedanken und des Nachts seine Träume gegolten hatten seit jenem Abende auf dem Nile. Sie sah den erstarrenden Ausdruck seiner Züge und frug halb ängstlich:

»Was ist Ihnen? Was wollen Sie? Sie sind schon zurück!«

»Al – – Almah!« rang es sich halb seufzend und halb jubelnd von seinen Lippen; dann kam ihm die Bewegung wieder, und er machte Miene, sich auf sie zu stürzen, wurde aber von dem Blicke, welchen sie auf ihn warf, förmlich zurückgeschleudert.

»Sie wissen wie ich heiße?«

»Ja.«

»Woher erfuhren Sie meinen Namen?«

Er besann sich und bemühte sich, die furchtbare Aufregung, unter welcher jedes Glied seines Körpers erbeben wollte, in die Tiefen seines Innern zurückzuringen.

»Hörte ich ihn nicht von Excellenz, dem Pascha selbst?«

»Ach so. Sie bleiben jetzt zur Disposition und lassen sich vom Kastellane Ihre Wohnung anweisen. Gehen Sie!«

Er wandte sich wie im Traume zurück und verließ das Zimmer.

»Was war mit ihm?« frug Almah. »Haben Sie sein Erschrecken gesehen, Mutter Horn?«

»Allerdings.«

»Bin ich so häßlich, daß er sich vor mir fürchtet? Oder erschrak er aus einem Grunde, den ich nicht kenne?«

Die Kastellanin war keine Diplomatin, und dennoch gab ihr die Vorsicht eine Antwort ein, die sie nicht besser hätte geben können:

»Es geht ihm wie mir; er hat Sie für eine Türkin gehalten, die sich nicht sehen lassen darf. Er hat Sie unverschleiert erblickt und hält sich nun für einen Verbrecher, dem Sie zürnen müssen; daher sein Schreck!« – – –

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