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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Erstes Kapitel.
Die Zigeunerin.

Auf der breiten Chaussee, welche durch das Dorf nach der Residenz führte, schritt ein junger Mann dahin.

Er mochte kaum mehr als zweiundzwanzig Jahre zählen, obgleich über seinem ganzen Wesen der Ausdruck des Charaktervollen, des innerlich und äußerlich Vollendeten lag. Seine hohe, kräftige Gestalt, die elegante Sicherheit seiner Bewegungen, die männlich schönen Züge seines von der Röthe der Gesundheit überhauchten Angesichtes konnten gewiß nur einen angenehmen Eindruck hervorbringen, und selbst das kleine, wohlgepflegte Bärtchen, welches seine vollen Lippen beschattete und in jedem anderen Antlitze stutzerhaft erschienen wäre, schien hier zur Gesammtwirkung unbedingt nothwendig zu sein. Er trug einen feinen, gewiß von einem besseren Tailleur gefertigten Promenadenanzug, und der goldene Zwicker, welcher den Blick seines Auges verschärfte, hatte seinen Sitz sicher nicht durch die schädliche Mode erhalten, durch das Tragen von Augengläsern ein vornehmes oder gelehrtes Aussehen zu gewinnen.

Zu beiden Seiten reihte sich, hinter schattigen Vorgärten halb verborgen oder anspruchsvoll bis an die Straße tretend, Villa an Villa. Zwischen zweien derselben lag, frappant von ihrer Architektonik abstoßend, ein kleines einstöckiges, schwarz geräuchertes Häuschen, durch den hohen Schornstein, das über der Thür angebrachte Wetterdach und mehrere umherliegende, der Reparatur harrende Geräthschaften deutlich als Schmiede bezeichnet.

Vor derselben hielt in diesem Augenblicke ein leichter Wagen. Es fehlte ihm der Kutscherbock; er mußte also wohl aus dem Fond gelenkt werden, und dies war heut jedenfalls nicht ganz fehlerlos geschehen, denn es zeigte sich die hintere Achse zerbrochen, und ein reich gallonirter Diener stand zu Häupten des dampfenden Gespannes, äußerst bemüht, dasselbe zu beruhigen. Die Insassen waren ausgestiegen. Es war nur ein Herr und eine Dame. Der Erstere trug Generalsuniform, obgleich er kaum das fünfundzwanzigste Jahr zurückgelegt haben konnte. Er hatte jenes Exterieur an sich, welches man sich nur in den höheren Kreisen anzueignen vermag, und schon der erste Blick auf ihn ließ erkennen, daß Stolz und Hochmuth bei ihm zu einer bedeutenden Entwicklung gelangt seien. Die Dame trug sich ganz nach dem Schnitte der grande mode; sie zählte vielleicht siebzehn, zeigte aber die sichere Tournure höherer Jahre. Ihre noch kindlichen, weichen und sympathischen Züge ließen errathen, daß die liebliche Knospe sich in wenig Zeit zu einer Rose von vollendeter Schönheit entfalten werde, zu einer Rose, nach welcher wohl nicht Jeder wagen durfte die begehrende Hand auszustrecken. Ihre Wangen waren jetzt bleich, jedenfalls eine Folge des gehabten Schreckes; in ihrem großen, blauen Auge schimmerte es noch ängstlich feucht, aber ihre goldene Stimme klang mild und ruhig:

»Keine Sorge, Durchlaucht! Ich wußte mich mitten in der Gefahr unter dem starken Schutze eines Ritters, dessen ausgezeichneter Rang ja schon genügt, das höchste Vertrauen zu beanspruchen.«

Der General verbeugte sich dankend, aber sein Blick ruht unklar und forschend auf ihrem Angesichte. War es Wahrheit, was sie sagte, oder hatte sie sich trotz ihrer Jugend schon jene feine Schärfe angeeignet, welcher es leicht wird, den Verweis nur für die Ahnung auszusprechen? Sie sah ihm so offen in das vornehm blasirte Gesicht, und doch spielte ein Lächeln um ihren kleinen Mund, welches er fast geneigt war ironisch oder gar sarkastisch zu nennen. Er entschloß sich zu einer weiteren Vertheidigung: »Ein ächter Ritter, auf sich selbst angewiesen, wird stets ohne Furcht und Tadel sein; hat er aber mit den Eigenschaften unvernünftiger und schlecht erzogener Wesen, wie diese beiden Rappen sind, zu rechnen, so kann er allerdings in die höchst fatale Lage kommen, auf Verzeihung rechnen zu müssen.«

»Excellenz haben jedenfalls ein kompetenteres Urtheil als mein Stallmeister, welcher allerdings behauptet, daß die Rappen eine ausgezeichnete Schule besitzen. Jedenfalls fürchtete er dieses Urtheil, als er bat, einen anderen Wagen zu nehmen und ihm die Führung desselben zu überlassen. Übrigens war das Intermezzo mehr amüsant als gefährlich, und selbst die Fatalität, den Schmied nicht anwesend zu finden, hat die angenehme Folge, mich auf eine verlängerte Frist auf die Dienste meines edlen Ritters angewiesen zu sehen.«

Wieder hatte sein Auge jenen forschenden, beinahe stechenden Blick wie vorhin. Hatten ihre Worte vielleicht den Zweck, ihm die Überlegenheit eines Stallmeisters begreiflich zu machen? Dann war das zarte Frauengebild vor ihm allerdings mehr erwachsen und gereift, als er angenommen hatte. Seine äußern Augenwinkel zeigten einige leichte Fältchen, als er fortfuhr: »Könnten diese Dienste doch von ewiger Dauer sein, meine gnädige Prinzeß! Aber man wird in Angst um Euer Hoheit sein. Ich muß den Wagen hier zurücklassen und einen anderen requiriren.«

Er wandte sich an die Frau des abwesenden Schmiedes, welche, Auskunft ertheilend, bisher unter dem Eingange gestanden hatte.

»Also der Meister kommt erst am Abende zurück?«

»Ja.«

»Und Sie haben Niemand, der die sofortige Reparatur ausführen könnte?«

»Nein. Der Lehrjunge, welcher beim Nägelschlagen ist, bringt das nicht fertig.«

»So giebt es vielleicht in der Nähe einen anständigen Wagen, den man sich leihen kann?«

»Allerdings. Aber – Grüß Gott, Herr Doktor!« unterbrach sie sich.

»Prächtiges Wetter zum Spazieren. Nicht?«

Diese Worte waren an den mittlerweile herangekommenen Fußgänger gerichtet, welcher im Begriffe gestanden hatte, grüßend vorüberzuschreiten, jetzt aber, den Hut ziehend, näher trat. Die Frau streckte ihm halb vertraulich, halb respektvoll die Hand entgegen.

»Der Herr Pathe wollte wohl gar vorübergehen?«

»Um nicht zu stören.«

»Stören? Es findet ja das gerade Gegentheil statt! Diese Herrschaften haben die Achse zerbrochen; mein Mann ist nicht da, und drüben der Sommergast, der Engländer, borgt seinen Wagen keinem Menschen als nur dem Herrn Doktor. Da könnte der Herr Pathe helfen, wenn er so gut sein wollte.«

»Mein Freund, Lord Halingbrook, ist leider nach der Stadt gefahren; er begegnete mir, und in der Nähe wird es einen Wagen weiter nicht zur Verfügung geben. Doch wenn Herzogliche Hoheit« – er verbeugte sich höflich aber gemessen vor dem Generale – »gestatten, werde ich Dero Wagen in kurzer Zeit gebrauchsfähig herstellen. Hat der Herd Feuer?«

»Ja; der Junge braucht es zum Nägelmachen.«

»So mach die Frau Pathe es den Herrschaften bequem. Ich werde sofort an die Arbeit gehen.«

Er trat an die Schmiede, zog den Gehrock aus, streifte die Ärmel empor und band sich das dort hängende Schurzfell des Meisters vor. Nachdem das Feuer gehörig angefacht war, untersuchte er den schadhaften Theil des Wagens.

»In einer halben Stunde werden Durchlaucht fahren können,« lautete seine Entscheidung.

Beide, sowohl der General als auch die Dame, hatten den Vorgang mit sichtlicher Verwunderung verfolgt. War dieser so distinguirt aussehende Mann, welcher den Doktortitel führte, wirklich im Stande, eine zerbrochene Wagenachse zu repariren? Die Schmiedin hatte ihn Pathe genannt; er konnte also von keinem ungewöhnlichen Herkommen sein, und doch war er Freund des Lord Halingbrook, eines stolzen, exklusiven Engländers, welcher als Gesandter seiner Königin Zutritt beim Hofe hatte. Das war ein Räthsel, für welches sich besonders die Dame zu interessiren schien.

Sie beobachtete jede seiner Bewegungen mit Aufmerksamkeit und machte dabei die Bemerkung, daß er eine ungewöhnliche Körperstärke besitzen müsse. Die Pferde waren im Nu ausgespannt, und dann hantirte, hob und schob er an dem Wagen, als ob er ein leichtes Kinderspielzeug in den Händen habe. Dann ertönten aus der Schmiede mächtige Hammerschläge, so daß die Funken durch den Eingang auf die Straße stoben.

Die Schmiedefrau hatte ein Tischchen mit zwei Stühlen, auf welchen die Herrschaften Platz nahmen, vor das Haus gesetzt.

»Wie nennt sich der Herr, welcher sonderbarer Weise Arzt und Schmied zu gleicher Zeit ist?« frug die Dame.

»Arzt? Nein, das ist er nicht, sondern Doktor der Jurisprudenz,« antwortete die Gefragte mit sichtlichem Stolze.

»In seinem Alter? Welche Stellung bekleidet er?«

»Keine; er hat das nicht nothwendig und sagt, es hindere ihn am Weiterlernen. Er ist der Sohn vom Hofschmied Brandauer; ich habe mit dem König und dem Lord Halingbrook Pathe bei ihm gestanden.«

»Ah, die gewöhnliche Bettelei durch Gevatterbrief, der man leider so oft ausgesetzt ist!« dehnte der General geringschätzig.

Das Gesicht der Schmiedefrau röthete sich ein wenig.

»Darf ich fragen, wer der Herr Offizier ist?«

»Ich bin der Prinz von Raumburg und General. Diese Dame ist die Prinzeß Asta von Süderland, königliche Hoheit.«

Er schien mit dieser Vorstellung einen dominirenden Eindruck beabsichtigt zu haben, hatte sich aber geirrt, denn die Frau erschrak nicht im mindesten, sondern wandte sich mit einer allerdings freudig überraschten Miene an die Prinzessin.

»Das ist schön, Hoheit, daß ich Sie einmal sehe! Der Herr Pathe hat uns immer sehr viel Gutes und Löbliches von Ihnen und Ihrem Herrn Vater, dem König, erzählt. Er hat ein gar scharfes Auge für die Politik und wäre wohl auch als Offizier an seinem Platze. Die Majestät verkehrt sehr viel in der Hofschmiede und hat immer verlangt, daß er Dienst nehmen soll; aber er hat niemals gewollt.«

»So kennt er mich?«

»Nein; er hat Sie noch nie gesehen; aber den Herrn General hier kennt er.«

»So hat er auch von mir gesprochen?« frug dieser mit beinahe wegwerfender Belustigung.

»Sehr oft!«

»Doch auch nur Gutes und Löbliches, wie ich wohl erwarten darf?«

Sie zögerte einen Augenblick; dann antwortete sie:

»Ja, Gutes, denn er hat erzählt, daß der Herzog von Raumburg, Ihr Vater, einst unser König wird, wenn der jetzige stirbt, der keine Kinder hat. Aber sagen muß ich Ihnen doch, daß die Gevatterschaft damals keine Bettelei war. Der König und der Lord haben sich ja beide selbst angeboten, und der Hofschmied hat gehorchen müssen; aber darauf hat er bestanden, daß ich dabei sein müsse, und das ist den hohen Herren auch ganz recht gewesen. Unsere Majestät ist eben ein sehr lieber Herr, der nur das Beste seiner Unterthanen will und Alle seine Kinder nennt. Gott gebe es, daß es später nicht anders wird!«

Der General schien zu einem scharfen Worte bereit, hielt es aber zurück, da eine fremdartige Erscheinung sich der Schmiede näherte und die Anwesenden grüßte.

Es war eine alte Frau. Sie ging vollständig barfuß, trug einen einzigen Rock von grellrother Farbe, um die Schultern einen gelben, arg beschmutzten Überwurf und hatte ein blaues Tuch turbanartig um den Kopf geschlungen. Ihr Teint war tiefbraun; zahlreiche Runzeln durchfurchten ihr Gesicht, in welchem eine scharfe Nase über einem spitzen Kinne thronte, und ihre Gestalt lag gebeugt auf dem Stocke, auf den sie die beiden Hände stützte. Als Nordländerin hätte man sie über sechzig Jahre alt schätzen müssen; aber sie war augenscheinlich eine Zigeunerin, und da Frauen dieses Stammes sehr schnell altern, so war es sehr wahrscheinlich, daß sie diese Höhe noch nicht erreicht hatte.

Sie zeigte bei dem Anblicke des Offiziers nicht die mindeste Verlegenheit. Ihn und die Anderen mit scharfem Auge musternd, grüßte sie mit einer beinahe stolzen Handbewegung und frug:

»Hat der goldige Herr eine kleine Gabe übrig für Zarba, die Zigeunerin?«

Er warf höchst indignirt den Kopf zurück.

»Geh! Ihr und das Betteln seid im Land verboten.«

Sie trat ihm um einen Schritt näher und bohrte den scharfen Blick ihres großen, dunklen Auges forschend in sein Gesicht.

»Wie? Der Herr Offizier heißt mich gehen? Gab es nicht eine Zeit, in welcher Zarba, die Vajdzina ihres Stammes, selbst Fürsten willkommen war? Ich kenne Dein Gesicht und Deine kalten Augen, denen nur der Stolz und Hochmuth ein Leben gibt. Du bist der Sohn eines Herzogs und trachtest nach Scepter und Krone. Aber Du hast die Zingaritta von Dir gewiesen, und so wird Dein Aufgang sein wie der Tritt des Elephanten, der Alles zermalmt, Dein Ende aber wie der Tod des Wildes, das im finstern Dickicht stirbt, einsam, verlassen und vom Blute triefend!«

Sie hatte sich gerade emporgerichtet, so hoch ihre Gestalt es erlaubte. Die Rechte auf den Stock gestützt, hielt sie die Linke wie beschwörend in die Höhe. Ihre Augen leuchteten, die Falten ihres Gesichtes hatten sich geglättet, und ihre Worte drangen zischend durch die elfenbeinernen Zähne, welche zwischen den dünnen, zusammengeschrumpften Lippen hervorglänzten. Bei all ihrer jetzigen Häßlichkeit ließ sich vermuthen, daß sie früher wohl ein schönes Mädchen gewesen sei.

Der Prinz war aufgesprungen. Auch sein Auge blitzte. Von Wuth übermannt ergriff er sie beim Arme.

»Weib, Hexe, soll ich Dich zermalmen?«

Auch die Prinzessin hatte sich erhoben. Ihr milder, verwunderter Blick traf sein Auge. Er nahm die Hand von der Zigeunerin und wandte sich zur Schmiedin.

»Schicken Sie sofort Ihren Lehrling nach der Polizei. Diese Landstreicherin wird arretirt!«

In diesem Augenblicke trat Doktor Brandauer aus der Schmiede, den großen Zuschlagehammer in der Hand. Die Zigeunerin sah ihn; ihr Auge schien dreifache Schärfe zu gewinnen, und über ihr erregtes Gesicht glitt ein Zug der Überraschung. Mit zwei raschen Schritten stand sie vor ihm.

»Du bist Max, der Sohn aus der Hofschmiede?«

»Ja,« antwortete er verwundert.

»Ich bin Zarba, die Zingaritta.«

»Zarba? Ists möglich!« rief er, während die freudigste Überraschung sein offenes Gesicht erhellte. »Endlich, endlich wird unser größter Wunsch erfüllt. Du mußt mit zum Vater!«

»Zarba darf Dir nicht folgen.«

»Warum nicht?«

»Sie soll arretirt werden.«

»Warum?«

»Weil sie den hohen Herrn in die Zukunft blicken ließ.«

»Der Herr General wird Dich nicht arretiren lassen. Du gehst mit mir!«

Diese Worte wurden mit einer Bestimmtheit gesprochen, von welcher sich der Prinz beleidigt fühlte.

»Oho!« meinte er. »Ich habe die Arretur befohlen und werde mir Gehorsam zu verschaffen wissen!«

Den schweren, eisernen Hammer wie federleicht in der Hand schwingend, blickte ihm Brandauer lächelnd in das Angesicht.

»Durchlaucht, ich bitte unterthänigst, diese Frau freizugeben.«

»Ich habe keine Veranlassung, meinen Befehl zurückzunehmen.«

»Und ich erbat aus Höflichkeit, was ich nicht zu erbitten brauchte. Es hat hier Niemand Veranlassung, Ihren Befehlen Gehorsam zu leisten. Wir gehören weder zur Polizei noch zu Ihrer Dienerschaft, und Zarba steht unter meinem ganz besonderen Schutze. Wollen Sie mich zwingen, sie Ihnen zu entziehen, ohne die Reparatur vollendet zu haben?«

»Wir werden uns eines anderen Wagens bedienen!«

Da trat die Prinzessin zu dem Doktor.

»Herr Doktor, vollenden Sie das Begonnene. Asta von Süderland bittet Sie darum!«

Ein Blitz seines Auges leuchtete an ihr empor.

»Königliche Hoheit, dieser Wunsch ist mir allerdings Befehl. Ich lasse mich von keinem Herrscher kommandiren; aus solchem Munde aber genügt ein Wort, mich zu willfährigsten Ihrer Diener zu machen. Zarba, geh in die Stube, und warte, bis ich fertig bin!«

Sie schüttelte langsam das Haupt und sah ihn mit einem Blicke an, welcher eigenthümlich zwischen Liebe und Demuth glänzte.

»Das Volk der Brinjaaren und Lampadaaren hat Indien verlassen, weil Bhowannie, die Göttin, es ihm gebot. Es irrt im fremden Lande und hat weder Ruhe noch Rast, bis der Wunderbaum gefunden ist, an welchem es sich versammelt, um die Erde zu beherrschen. Zarba ist eine Tochter ihres Stammes; sie darf nicht ruhen, wenn der Geist sie treibt. Sie muß gehen; aber Du wirst sie wiedersehen, noch ehe die Sonne dreimal untergegangen ist. Gieb mir Deine Hand!«

Sie nahm seine Linke, warf aber kaum einen kurzen Blick in dieselbe. Ihr Auge suchte das Weite und haftete dort mit einem Ausdrucke, als thäten sich ihm die Pforten der Zukunft auf, um ihn die Gestalten späterer Zeiten schauen zu lassen. Dann sah sie ihm fest in das erwartungsvoll lächelnde Angesicht.

»Der Geist ist allwissend, aber das Auge des Menschen ist schwach; doch wenn der Geist es stärkt, dann werden vor ihm Dinge offenbar, die es sonst nicht zu erblicken vermag. Du wirst nicht glauben, was Dir Zarba sagt, und dennoch wird es sich erfüllen. Deine Hand ist stark, den Hammer zu schwingen; sie bedarf dieser Stärke, um später das Scepter zu halten. Scepter und Hammer wird die Losung Deines Lebens sein. Du wirst Liebe säen und Feindschaft ernten; aber Deine Faust wird wie ein Hammer auf die Häupter Deiner Feinde fallen und ihnen die Kronen entreißen, die sie Dir zu rauben trachteten. Ich sehe Dich mit hochgeschwungener Keule mitten unter ihnen; ich sehe sie stürzen und sterben oder um Gnade flehen; ich sehe Dich hoch über ihnen, und an Deiner Seite –«

Sie hielt wie unter dem Eindrucke eines unerwarteten Gesichtes plötzlich inne und ergriff dann mit einer schnellen Bewegung die Hand der Prinzessin, welche in der Nähe stehen geblieben war. Dann fuhr sie in dem vorigen Tone fort:

»Ich sehe Dich hoch über ihnen, und an Deiner Seite den Engel Deines Lebens, den Du gefunden hast, als Du den Hammer hieltest, und der Dir treu bleibt, auch wenn Du das Scepter trägst. Glaube es Zarba nicht, aber sage ihr später, daß sie Dir die Wahrheit verkündete!«

Sie gab die beiden Hände frei, wandte sich um, und war mit größerer Schnelligkeit, als man ihr zugetraut hätte, auf dem schmalen Pfade, welcher zwischen der Schmiede und der nächsten Villa in das Freie führte, verschwunden. –

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