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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Sämmtliche Herren begaben sich in die Apotheke. Der Giftschrank mußte aufgesprengt werden, da der Schlüssel zu demselben nicht zu finden war, und kaum hatten die beiden Ärzte einen Blick auf den Inhalt desselben geworfen, so ertönte der zweistimmige Ruf:

»Blausäure fehlt! Die Leute haben ein Blausäurepräparat erhalten.«

»Haben Sie ein Gegengift bei der Hand?«

»Jawohl.«

»So versehen Sie sich mit demselben und eilen Sie damit nach den betreffenden Zellen! Herr Staatsanwalt, ich gehe in die Stadt, um einige Erkundigungen einzuziehen. Sie beurlauben mich?«

Gern. Ich werde bis zu Ihrer Rückkehr nicht unthätig sein dürfen.«

Max verließ die Anstalt und schritt der Stadt zu, welche eine kleine halbe Stunde entfernt lag. Vor derselben waren Straßenarbeiter beschäftigt, die Chaussee auszubessern. Er frug sie nach der Wohnung des Lohnkutschers Beyer und erhielt dieselbe so deutlich beschrieben, daß es ihm sehr leicht wurde, sie zu finden.

Er traf die Frau, die Kinder und auch den Knecht zu Hause an. Sie waren verlegen ob des vornehmen Besuches.

»Hier wohnt der Lohnfuhrwerksbesitzer Beyer?«

»Ja.«

»Ist er nicht zu Hause?«

»Nein.«

»Er hat den Herrn Direktor zu fahren?«

»Ja.«

»Wohin?«

Er erhielt keine Antwort. Die Frau blickte ihn verlegen an, und auch dem Sohne und der Tochter war es anzumerken, daß sie antworten könnten, wenn sie gewußt hätten, daß es nicht verboten sei. Der Dokor mußte sie anders fassen.

»Sie werden binnen einer halben Stunde arretirt werden.«

»Arretirt?« frug die Frau erschrocken. »Wir? Weshalb?«

»Wegen Mithülfe zur Flucht zweier schwerer Verbrecher!«

»Davon wissen wir nichts!«

»Pah! Sie haben dem Direktor und dem Oberarzte der hiesigen Irrenanstalt zur Flucht verholfen.«

»Dem Herrn Direktor? Zur Flucht? Hat er denn fliehen wollen?«

»Allerdings. Es liegt eine schwere Anklage gegen diese beiden Männer vor, und ich bin als königlicher Kommissär gekommen, sie zu arretiren. Ihr Mann hat ihnen seinen Wagen zur Flucht zur Verfügung gestellt, und Sie verweigern mir jede Auskunft, wohin die Fahrt gerichtet ist – ich werde Sie arretiren lassen müssen.«

Das Erstaunen und die Angst der Leute war grenzenlos.

»Der Herr Direktor ein Verbrecher? Das ist gar nicht möglich!« rief die Frau und schlug dabei vor Verwunderung die Hände zusammen. »Und auf der Flucht? Das ist ja schrecklich! Aber wir haben ihm dabei nicht geholfen. Wir haben gemeint, es handle sich um eine Ferienreise.«

»Warum verschweigen Sie das Ziel der Fahrt?«

»Weil der Herr Direktor meinte, daß es Niemand wissen solle.«

»Nun?«

»Mein Mann muß sie über die Gebirge nach der Grenze und von da weiter fahren, bis sie ihn ablohnen.«

»Ein gewisser, bestimmter Ort ist nicht genannt worden?«

»Nein.«

»Wissen Sie, welchen Weg er eingeschlagen hat?«

»Nein. Es führen sehr viele Wege in das Gebirge, und mein Mann kennt sie alle sehr genau.«

»Wann ist die Reise begonnen worden?«

»Vor zwei Stunden.«

»Ich will einmal annehmen, daß Sie nicht so schuldig sind, als ich vorher dachte, und also von der Arretur absehen, doch verlange ich, daß Sie mir zu jeder Zeit zur Verfügung stehen, wenn ich eine Erkundigung an Sie zu richten habe!«

Sie gaben ihm das Versprechen, und schon stand er im Begriffe, sich zu verabschieden, als er einen Blick nach dem Spiegel warf und unter demselben eine Bleistiftskizze bemerkte, welche sofort seine vollste Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Er trat näher und sah, daß er sich nicht getäuscht hatte.

»Zarba, die Zigeunerin! Wie kommt dieses Bild hierher?«

»Sie kennen Zarba?« frug die Frau um Vieles zutraulicher. »O, sie ist unsere Wohlthäterin schon seit langer Zeit, Herr Kommissär. Mein Sohn hat einiges Talent zum Zeichnen und ihr Bild gemalt, so wie es dort beim Spiegel hängt. Nicht wahr, sie ist gut getroffen?« setzte sie mit einem stolzen Blicke auf ihren Sohn hinzu.

»Sehr gut. Wie alt ist der Junge?«

»Siebzehn.«

»Und was wird er?«

»Er ist Schreiber und jetzt leider ohne Anstellung.«

»Er scheint ein sehr schönes Talent zu besitzen, und ich werde, wenn es Ihnen recht ist, einen Maler herschicken, der ihn prüfen mag. Vielleicht läßt sich etwas aus ihm machen.«

»O, wenn Sie das thun wollten, Herr Kommissär!« rief die Frau, beglückt und dankbar seine Hand ergreifend.

»Wollen sehen, liebe Frau; doch sagt mir, wie seid Ihr mit der Zigeunerin bekannt geworden ?«

»Das ist schon sehr lange Zeit her, wohl mehrere über zwanzig Jahre! Sie war damals eine gar angesehene Dame und wohnte in der Hauptstadt bei dem Herzoge von Raumburg. Das sollte allerdings verschwiegen bleiben; aber es wurde doch in allen Häusern der Stadt erzählt und man bedauerte das schöne Mädchen, weil – – doch, Herr Gott, Sie sind ja ein königlicher Kommissär und kommen wohl auch mit dem Herrn Herzog zusammen! Also meine Mutter war Hebamme und hatte dienstlich mit den allerhöchsten Herrschaften zu thun. Ich hatte damals erst vor Kurzem geheirathet und wohnte bei ihr in der Residenz. Da ereignete es sich, daß in einer Nacht zwei sehr hohe und vornehme Damen ihrer Hülfe bedurften nämlich die Königin Majestät und die reiche Fürstin von Sternburg, welche sich auf Besuch im königlichen Schlosse befand. Sie und die Königin waren nämlich weitläufige Cousinen, und der Fürst, welcher ein großer General und Feldherr ist, befand sich im Auslande, wo er im Krieg kommandirte. Die Fürstin starb an der Geburt, und weil mir kurz vorher mein Erstes auch gestorben war, so bekam ich das kleine Prinzeßchen – – ja, wollte sagen den kleinen Prinzen angelegt und wurde seine Amme. Damals besuchte mich die schöne Zigeunerin alle Tage, und von daher schreibt sich unsere Bekanntschaft, Herr Kommissär.«

Max ahnte nicht, welche Bedeutung diese kurze Erzählung jemals für ihn und sein Schicksal haben könne. Er frug:

»Und sie hat Euch dann öfters besucht?«

»Ja. Wir mußten ihr, wenn sie kam, über Alles Auskunft geben, und wenn sie wieder fort war, zu diesem Zweck allerlei Erkundigungen einziehen.«

»Über wen?«

»Über – über – ja, darf ich das denn sagen? Zunächst über den Sohn des Hofschmiedes Brandauer und den Sohn des Fürsten von Sternburg, dann über den Engländer, welcher Lord Halingbrook heißt, über den Herzog von Raumburg und viele andere hochgeborene Herren und Damen.«

»Die ihr alle persönlich kennt?«

»Nein. Ich kenne sie nicht. Mein Mann hat das Alles besorgt.«

»Hat er etwas für seine Bemühungen erhalten?«

Sie lächelte.

»Wir können sehr zufrieden sein. Zarba muß noch von ihrer Jugend her viel Geld besitzen.«

Er verabschiedete sich von den Leuten und versprach, des Sohnes nicht zu vergessen. Dann kehrte er zur Anstalt zurück.

Es hatte sich während seiner Abwesenheit wirklich herausgestellt, daß die acht Personen vergiftet worden seien; zwei waren bereits gestorben, andere zwei zeigten sich als schwer krank, und die Übrigen gaben Hoffnung, daß sichere Rettung vorhanden sei. Höchst seltsam war dabei die Ansicht der beiden braven Assistenten, daß sämmtliche acht Personen wohl kaum jemals wirklich geistig krank gewesen seien.

Max mußte die Bestimmung hierüber dem Generalstaatsanwalt überlassen, welcher beinahe noch bis zum Abend in der Anstalt zu thun hatte. Das dauerte ihm allerdings zu lange; er mußte bis zu dieser Zeit zu Hause sein, und daher verabschiedete er sich, um allein zur Stadt zurückzukehren.

Er kam dort an, als es bereits zu dunkeln begann, und fuhr zunächst beim königlichen Palais vor, um Bericht zu erstatten. Dann ging er nach seiner Wohnung. Hier erzählte er zunächst bei den Eltern die heutigen Erlebnisse und stieg dann hinauf nach der oberen Stube, um Zarba und den Hauptmann aufzusuchen.

Der Letztere nahm den regsten Antheil an den Ereignissen in der Anstalt und zeigte sich wüthend darüber, daß die beiden Beamten entkommen seien.

»Gewiß ist es noch nicht, daß sie entkommen,« meinte Max. »Der Staatsanwalt hat sofort den Telegraphen spielen lassen, und von der Familie des Lohnkutschers, welcher die beiden Männer führt, habe ich genau erfahren, welche Richtung sie einhalten.«

»Wie heißt der Lohnkutscher?« frug Zarba.

»Beyer. Ich habe Dein Bild in seiner Wohnung gesehen.«

»Beyer. Und wohin geht die Fahrt?«

»Über das Gebirge nach der Grenze.«

»Welchen Weg?«

»Ja, wenn wir das gewußt hätten, so wäre die Verfolgung schleunigst angetreten worden.«

»Wollt Ihr sie wieder haben?«

»Natürlich.«

»Gut, Ihr sollt sie haben; Zarba verspricht es Euch!«

Sie kam aus ihrer Ecke hervor und setzte sich zur Lampe.

»Mein Sohn, gieb mir Papier und ein Stück Blei!«

Sie erhielt Beides und malte auf das Erstere eine Reihe von Charakteren, für welche weder der Hauptmann noch Max ein Verständniß hatten.

»Nicht wahr, von uns kann jetzt keiner aus der Residenz fort?« frug sie.

»Nein,« lautete die Antwort des Doktors.

»Dann muß ich einen Boten haben, einen Mann, auf den sich Zarba ganz und gar verlassen kann.«

»Wohin?«

»Hinauf in die Berge.«

»Wie lange braucht er Zeit, um zurückzukommen?«

»Drei Tage.«

Max trat zum Fenster und öffnete es. Drunten saßen wie gewöhnlich die Gesellen vor der Thür.

»Thomas!«

»Zu Pefehl, Herr Doktor!«

»Magst Du einmal heraufkommen?«

»Sofort werde ich mich hinaufbegepen!«

Einige Augenblicke darauf krachte die Stiege unter den wuchtigen Schritten des ehemaligen Kavalleristen.

»Guten Apend, meine Herrschaften. Hier pin ich, wie ich leipe und lepe!« grüßte er, sich in die strammste Positur stellend.

»Habt Ihr dieser Tage viel zu arbeiten, Thomas?« frug Max

»Zu arpeiten gipt es immer pei uns, Herr Doktor.«

»Aber außerordentlich viel Arbeit – –?«

»Ist nicht so sehr schlimm!«

»Willst Du mir einen Gefallen thun?«

»Zu Pefehl, recht gern, Herr Doktor!«

»Du sollst einen Brief hinauf in das Gebirge schaffen.«

»In das Gepirge? Da pin ich in meinem ganzen Lepen noch nicht gewesen. An wen ist der Prief gerichtet?«

Max sah die Zigeunerin fragend an.

»An den Waldhüter Tirban,« antwortete diese.

»Tirpan? Ist mir niemals pekannt gewesen. Wo wohnt er?«

»Du fährst mit dem Frühzuge nach Süderhafen und gehst von da bis zum Abend auf der Straße fort, welche quer durch das Gebirge führt. Am Abend kommst Du an einen Krug, vor dessen Thür zwei Tannen stehen; dort kehrst Du ein und fragst den Wirth nach dem Waldhüter Tirban. Dieser wohnt auf einer Waldblöße, ihm gibst Du diesen Brief. Das Übrige wirst Du von ihm selbst erfahren.«

»Gut! Also Süderhafen – Gepirgsstraße – Apend – Krug – zwei Tannen – Waldplöße – Tirpan – gut, ich werde ihn zu finden wissen.«

»Aber wird Thomas nicht zu spät kommen?« frug Max. »Die Flüchtlinge sind heut früh fort, und er kommt erst morgen Abend zu Tirban.«

»Dafür laßt mich sorgen, junger Herr! Willst Du mir ein Telegramm aufschreiben, mein Sohn?«

Der Hauptmann nahm Platz und griff zur Feder, Zarba überlegte einen Augenblick und diktirte dann:

»Oberschenke Waldenberg – Fuhrmann Beyer und zwei Männer – einen Tag lang aufhalten – mit Gewalt zur Tannenschlucht – Zarba.«

Max hörte mit Erstaunen dem Diktate zu. Die Worte klangen nach Geheimnissen, welche zu ergründen er wohl begierig gewesen wäre. Die Gitana wurde ihm von Stunde zu Stunde eine immer mysteriösere Persönlichkeit. Er sah wahrhaftig jetzt eine ganze Zahl von Goldstücken in ihrer braunen Hand erglänzen, als sie in die Tasche griff, um den Betrag für die Depesche auf das Papier zu legen. Und dieser Betrag war so genau abgezählt, daß sich vermuthen ließ, dies sei nicht die erste Depesche, welche die Zingaritta expediren ließ.

»Willst Du diese Depesche noch heute Abend besorgen?« frug Max den Kavalleristen.

»Zu Pefehl, Herr Doktor!«

»Hier hast Du Reisegeld für morgen. Den Vater brauchst Du nicht um Erlaubniß zu fragen, ich werde dies für Dich thun.«

»Zu Pefehl, Herr Doktor und guten Apend die Herrschaften!«

Damit drehte er sich um und schritt zur Thür hinaus. Unten angekommen, stellte er sich breitspurig vor die beiden andern Gesellen hin.

»Wißt Ihr etwas Neues?«

»Nun?« frug Heinrich.

»Ich pegepe mich morgen auf eine lange Reise.«

»Wohin?«

»Geht Euch nichts an, Ihr Gelpschnäpel Ihr. Aper wenn Ihr in einer Stunde zu unserer Parpara Seidenmüller kommt, so will ich Euch einige Seidel zum Abschied gepen, weil das Reisegeld so reichlich ausgefallen ist.«

»Ich komme, Thomas!« meinte der immer durstige Artillerist. »Das mit den Seideln ist der trefflichste Gedanke, den Du heute haben konntest!«

»Ja, das ist am Den!« bekräftigte nickend Baldrian, der Grenadier. – – –

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