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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Der Herzog von Raumburg, welcher jetzt trotz seiner Vermummung deutlich zu erkennen war, stand am Schreibtische des Königs und bemühte sich, ein Fach desselben zu öffnen; der Lakai stand neben ihm, um ihm zu leuchten. Die Fenster des Raumes waren so dicht verhangen, daß keine Spur des Lichtes hinunter in den Schloßhof zu fallen vermochte. Die beiden Männer standen mit dem Rücken nach der Bibliothek gekehrt, so daß sie den Eintritt des Königs und des Doktors, welche geräuschlos auftraten, nicht bemerkten. Der Letztere glitt, das Licht mit der Hand beschattend, sofort nach dem Eingange hin, der Erstere aber trat einige Schritte vor und grüßte dann: »Ah, guten Abend, Durchlaucht!«

Der Angeredete fuhr augenblicklich herum. Der Diener ließ beim Klange dieser Stimme die Laterne fallen, daß sie verlöschte. Jetzt nahm Max die Hand vom Lichte und stellte dasselbe auf das Marmorkamin, so daß der Raum genug erhellt war, um die schreckensbleichen Züge des Ministerpräsidenten und das Zittern des Lakaien zu bemerken.

»Majestät – –!« rief der Erstere.

»Ja, Serenissimus, die Majestät ist es, welche vor Ihnen steht, um Ihnen den Verlust aller bisher von hier verschwundenen Aktenstücke zu quittiren. Leider dürfte allerdings heut die Recherche nach gewissen Papieren erfolglos sein, da ich sie hier in meinen Händen halte. Haben Durchlaucht etwas zu bemerken?«

Die Gestalt des Herzogs, welche bisher wie vom plötzlichen Schrecke zusammengedrückt gestanden hatte, richtete sich jetzt wieder auf.

»Nein, Majestät!«

»Grunert, wähle zwischen Gnade und lebenslänglichem Zuchthause! Wirst Du Alles bekennen?«

Der Mann sank in die Kniee.

»Gnade, Majestät! Ich werde Alles erzählen!«

»Steh auf! Den Armleuchter!«

Der Diener verschwand in das Zimmer, in welchem er vorhin geschlafen hatte, und kehrte nach wenigen Augenblicken mit einem sechsarmigen Handleuchter zurück.

»Leuchte Durchlaucht hinab, Grunert!« Und sich zu Max wendend, fügte er hinzu: »Du hast einen trefflichen Gebrauch Deines Passe-partout gemacht und Dir meinen besten Dank verdient, lieber Max. Für jetzt magst Du entlassen sein. Habe die Güte und begleite Serenissimus so weit, als es Dir in Anbetracht der Sicherheit Deines Königs gerathen erscheint. Grüße Deine Eltern. Gute Nacht!«

Wie ein Automat drehte sich der Herzog nach dem Ausgange und entfernte sich. Max folgte ihm auf dem Fuße. Der Diener leuchtete. Während der Posten das große Hauptportal öffnete, befahl der Doktor dem Lakaien: »Du kehrst zum Könige zurück. Ein Fluchtversuch würde Dich unglücklich machen. Übrigens bist Du ja begnadigt, sobald Dein Bekenntniß offen und vollständig ist!«

Der Herzog schritt wortlos auf die Straße hinaus. Max hielt sich an seiner Seite. Da plötzlich blieb der Erstere stehen.

»Mensch, sehen Sie dieses Terzerol?«

»Sehr deutlich, Durchlaucht.«

»Nun wohl! Wenn Sie nicht sofort von meiner Seite weichen, schieße ich Sie nieder.«

»Hier? Mitten in der Residenz? Am königlichen Schlosse? Auf der Straße?«

»Hier!«

»Dann bitte ich, loszudrücken!«

In seiner Rechten blitzte der blanke Lauf eines Revolvers.

»Schurke!«

»Wen meinen Durchlaucht? Es sind nur zwei Personen gegenwärtig, von denen ich dieses Wort nicht auf mich beziehen darf. Bitte, gehen wir weiter!«

»Halt, nicht eher von der Stelle, als bis ich erfahren habe, auf welche Weise der König von meinem Besuche unterrichtet wurde!«

»Das sollen Sie erfahren, doch nicht hier. – Ich werde mir die Ehre geben, Sie bis an den Fluß zu begleiten, und stehe Ihnen dabei mit der betreffenden Aufklärung zu Gebote.«

Er schritt vorwärts; der Herzog folgte ihm unwillkürlich.

»Nun!«

»Was?«

»Auf welche Weise wurde der König benachrichtigt?«

»Auf eine sehr abenteuerliche, Durchlaucht. Er lag im Schlafe, fühlte eine Hand, welche ihn berührte, und erwachte. Ein Mann stand vor ihm, winkte ihm Schweigen, damit der im Nebenzimmer anwesende Lakai nichts höre, und erzählte ihm, daß der Herzog von Raumburg einen Einbruch beabsichtige, welcher auf gewisse aus der Irrenanstalt stammende Papiere gerichtet sei.«

»Wer war dieser Mann?«

»Der König erhob sich und erwartete mit dem Warner in der Bibliothek den hohen Spitzbuben mit – – –«

»Herrrrr – – –!« donnerte der Herzog, indem er das Terzerol erhob.

»Schön, Excellenz; mein Bericht mag für beendet gelten!«

»Wer war der Mann?«

»Ich.«

»Sie also? Sie – Sie – – Sie – – –! Wie erhielten Sie Kunde von dem, was geschehen sollte?«

»Mein Bericht ist, wie ich bereits bemerkte, zu Ende, Durchlaucht. Hier stehen wir am Flusse. Auf Wiedersehen später.«

Der Herzog wollte ihn fassen und halten, doch seine Hand griff in die nächtliche Finsterniß, in die Luft hinaus; er hörte nicht einmal die Schritte des sich Entfernenden.

»Verdammt sei dieser obskure Mensch, dieser Eisenhämmerer, der sich trotz alledem der Gunst des Königs erfreut und mir – – – Wie mag er nur bei allen Teufeln errathen haben, daß ich – – errathen? Pah, verrathen worden ist es, und zwar von keinem Andern, als von diesem Grunert selbst. Warum war der König sofort mit seiner Gnade da? Weil er sie ihm bereits vorher versprochen hatte, und nun wird der Verräther Alles erzählen, was er weiß. Doch ich kann ruhig sein. Wer wollte es wagen, den Herzog vom Raumburg öffentlich zur Verantwortung zu ziehen? Mit Grunert wird abgerechnet, und dieser Schmiedesohn wird ja schon morgen Abend nicht mehr im Stande sein, irgend Etwas auszuplaudern!«

Unterdessen schritt Max der Hofschmiede zu. Er wußte, weshalb ihn der König so schnell entlassen hatte. Der Wille des Letzteren führte ihn wieder nach der Irrenanstalt, um sich der beiden schuldigen Beamten zu versichern.

Die Eltern waren bereits zur Ruhe gegangen, und auch die Fenster des von Zarba und dem Hauptmann bewohnten Zimmers zeigten sich dunkel. Er machte die nothwendige Toilette, begab sich dann in eine der Hauptstraßen der Residenz und trat in ein Haus, vor dessen Thor eine zweispännige Chaise hielt.

Er stieg die Treppe empor und wurde von einem ältlichen Herrn empfangen, welcher bereits auf ihn gewartet zu haben schien.

»Sind sie bereit, Herr Staatsanwalt?«

»Längst.«

»Die nöthigen Instruktionen gingen Ihnen zu?«

»Im Laufe des Abends, von Seiner Majestät höchsteigenhändig unterzeichnet.«

»So lassen Sie uns aufbrechen, damit wir nicht zu spät kommen!«

Sie verließen das Haus und stiegen in den Wagen, welcher sie auf dieselbe Heerstraße führte, auf welcher Max bereits einmal die Landesirrenanstalt erreicht hatte. Wortlos neben einander sitzend, gaben sie ihren eigenen Gedanken Audienz. Die Pferde griffen wacker aus, und als der Morgen hereinbrach, sahen sie das burgähnliche Gebäude bereits in der Ferne im goldenen Strahle erglänzen. Eine Stunde später hielten sie vor dem Portale der Anstalt.

Der Pförtner erkannte den Doktor sofort wieder und ließ ihn unter tiefen Bücklingen ein.

»Der Herr Direktor?«

»Verreist.«

»Ah! Seit wann?«

»Seit einer Stunde.«

»Der Herr Oberarzt?«

»Auch verreist.«

»Seit einer Stunde?«

»Ja.«

»Allein?«

»Mit dem Herrn Direktor.«

»Und die Familien der beiden Herren?«

»Auch verreist.«

»Seit einer Stunde?«

»Ja.«

»Wohin?«

»Ich weiß es nicht.«

»Es war kurz vorher ein Herr da, welcher den Herrn Direktor zu sprechen verlangte?«

»So ist es.«

»Wie nannte er sich?«

»Doktor Ungerius.«

»Merken wir uns diesen Namen, Herr Anwalt.« Und sich wieder zu dem Pförtner wendend, fuhr er fort:

»Dieser Mann war klein, hager und von großer Lebhaftigkeit?«

»Allerdings.«

»Reiste er mit dem Herrn Direktor zugleich ab?«

»Nein. Dieser fuhr mit dem Herrn Oberarzt allein; die Familien der beiden Herren aber brachen unter dem Schutze des Herrn Doktor Ungerius auf.«

»Man reiste zu Wagen?«

»Ja; doch hatten die Damen, wie ich hörte, Anweisung, später die Bahn zu benutzen.«

»Von welchem Punkte aus?«

»Weiß ich nicht.«

»Mit wem fuhr der Direktor?«

»Mit einem hiesigen Lohnkutscher.«

»Wie heißt der Mann?«

»Beyer.«

»Hat er Familie und Gesinde?«

»Er hat Frau, Sohn, Tochter und Knecht.«

»Wurde heut bereits ausgespeist?«

»Die Morgensuppe.«

»Die beiden Assistenzärzte?«

»Befinden sich beim Kaffee.«

»Bringen Sie uns zu ihnen.«

Der Mann führte sie über den vorderen Hof hinüber in die Wohnung der beiden Unterärzte, welche gar nicht erstaunt zu sein schienen, als sie den königlichen Kommissär wieder erkannten.

»Guten Morgen, meine Herren,« grüßte Max. »Mich kennen Sie bereits. Gestatten Sie mir, Ihnen den Herrn Generalstaatsanwalt von Hellmann vorzustellen, welcher sich einige Auskunft über den Herrn Direktor erbitten möchte! Doch vorher eine Frage: Wurde heut Morgen von Seiten des Herrn Direktors oder des Herrn Oberarztes bereits medizinirt?«

»Ich glaube ja. Beide Herren begaben sich in die Hausapotheke und suchten kurz vor ihrer Abreise einige Pfleglinge auf.«

»Sie waren dabei?«

»Wir wurden ausgeschlossen.«

»Gibt es einen Mechanismus, sämmtliches Aufsichtspersonal schnell zu versammeln?«

»Die Anstaltsglocke.«

»Lassen Sie sofort läuten. Wo versammelt man sich?«

»In Nummer Vier des hiesigen Gebäudes.«

»Schön! Sie bleiben hier, um die Fragen des Herrn Generalstaatsanwaltes zu beantworten, während ich in Nummer Vier einige Befehle zu ertheilen habe!« Er ging. Kaum hatte er das betreffende Konferenzzimmer betreten, so läutete es, und von allen Seiten kam das männliche und weibliche Aufsichtspersonal herbeigeeilt. Auch der Pförtner, welcher die Glocke gezogen hatte, stellte sich wieder ein.

»Ich habe Sie rufen lassen, um Ihnen mitzutheilen, daß der Direktor und der bisherige Oberarzt dieser Anstalt unter Anklage zu stellen sind und sich ihrer Vernehmung durch die Flucht entzogen haben,« redete Max die Versammelten an. »Die Leitung der Anstalt wird bis auf Weiteres in die Hände der beiden Assistenzärzte übergehen, und Ihre Obliegenheiten bleiben ganz dieselben wie bisher. Der Herr Generalstaatsanwalt, welcher mit mir hier angekommen ist, wird seine Erkundigungen natürlich auch an Sie zu adressiren haben, und es liegt in Ihrem eigenen Interesse, sich genau nur an die Wahrheit und Ihr Gewissen zu halten. Der Direktor und der Oberarzt haben kurz vor ihrer Abreise einige Zellen besucht?«

»Ja,« ertönte die mehrstimmige Antwort.

»Welche Nummern?«

Es wurden ihm acht Nummern genannt, welche er sich notirte.

»Die Insassen dieser Nummern wurden jedenfalls vergiftet. Eilen Sie schleunigst, Ihre Vorkehrungen zu treffen; ich werde Ihnen die beiden Ärzte sofort zusenden.«

Das Zimmer war im Nu leer. Max kehrte zum Staatsanwalt zurück, welcher mit den hauptsächlichsten Fragen zu Ende war.

»Meine Herren, die beiden flüchtigen Beamten hatten Ursache, gewisse Zungen schweigsam zu machen, und haben sich dabei eines sicher wirkenden Giftes bedient. Hier sind acht Zellen verzeichnet, welche von ihnen besucht wurden. Eilen Sie, den Bewohnern derselben zu Hülfe zu kommen!«

Diese Nachricht brachte die beiden ehrlichen Männer in eine nicht geringe Aufregung.

»Herr Kommissär,« meinte der Eine; »eines solchen Verbrechens ist kein Mensch fähig!«

»Bitte, halten Sie jede Bemerkung zurück! Sie wissen, daß die Wirkung eines starken Giftes nach Sekunden berechnet werden muß.«

»Dann vorwärts,« erwiderte er, nach dem Zettel greifend, welcher das Verzeichniß der acht Zellen enthielt; »laßt uns sehen, ob man wirklich so teuflisch zu sein vermag!«

»Halt!« meinte der andere Hülfsarzt. »Begeben wir uns vor allen Dingen in die Apotheke. Wir kennen den Inhalt des Giftschrankes so genau, daß wir bei einer für acht Personen berechneten Dosis sofort sehen werden, von welchem Gifte genommen wurde!«

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