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Scepter und Hammer

Karl May: Scepter und Hammer - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleScepter und Hammer
authorCarl May
year1880
titleScepter und Hammer
sendernoname@abc.de, hille@abc.de
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Er inspizirte vorher gemächlich einige Spazierhöfe und begab sich dann in das Empfangszimmer. Der hier sitzende junge Mann erhob sich.

»Der Herr Direktor?« frug er mit einer nicht sehr tiefen Verbeugung.

»Der Oberarzt,« antwortete dieser frostig. Er mochte glauben, einen Literaten und Berichterstatter von der Sorte, welche gern die öffentlichen Anstalten interviewt, vor sich zu haben.

»Ich bat, den Herrn Direktor sprechen zu dürfen. Ist er verreist?«

»Ihr Name?«

»Hier meine Karte!«

Diese trug die einfache Aufschrift »Dr. Max Brandauer.« Der Oberarzt verbeugte sich kalt.

»Sie wünschen, einen Gang durch unsere Anstalt machen zu dürfen?«

»Allerdings.«

»Zu welchem Zwecke?«

»Zum Zwecke der Berichterstattung.«

»Ah!«

Über das Gesicht des Oberarztes flog die Genugthuung, daß er sich in seiner Voraussetzung nicht getäuscht habe.

»Ich gestatte Ihnen den Zutritt und werde Sie durch einen der Wärter führen lassen.«

»Ich wünsche die Begleitung des Herrn Direktors!«

»Geht nicht! Er und vier Ärzte sind von unserem schwierigen Berufe so sehr in Anspruch genommen, daß wir uns unsere kostbare Zeit nur von Vorgesetzten oder Herren höherer Extraktion kürzen lassen dürfen.«

Max lächelte.

»So bin ich also nicht extrakt. Bitte, lesen Sie diesen Befehl, mein Herr!«

Er zog einen zusammengefalteten Bogen aus der Tasche und reichte ihn dem Arzte hin. Dieser blickte überrascht und ein wenig verlegen auf. Das Papier enthielt einen sehr kurz gefaßten Befehl des Ministers des Innern, dem Vorzeiger desselben als königlichen Kommissär alle Zellen und Räume der Anstalt zu öffnen und ihm auf alle seine Fragen die ausführlichste Antwort zu ertheilen.

»Das ist etwas Anderes, mein Herr,« meinte der Arzt beinahe stotternd. »Bitte, bemühen sich der Herr Doktor mit mir zum Herrn Direktor!«

Er führte ihn ungesäumt in das Arbeitskabinet des Letzteren. Es war leer. Die Direktion hatte sich nach der Anstrengung des Rapportes einem stärkenden Morgenschläfchen in die Arme geworfen.

»Darf ich ersuchen, Platz zu nehmen? Ich werde den Herrn Kommissär sofort melden.«

»Wohl! Doch wünsche ich nicht, wieder eine halbe Stunde warten zu müssen. Meine Zeit ist mir noch kärger zugemessen als den Herren Ärzten!« klang die kurze Antwort.

Sie war von Erfolg, denn schon nach kaum zwei Minuten trat der Direktor ein, den schriftlichen Befehl noch in der Hand. Es war ihm deutlich anzusehen, daß er im Schlafe gestört worden war.

»Herr Kommissär, ich habe die Ehre – –«

»Bitte, Herr Direktor, wo haben Sie den Herrn Oberarzt gelassen?«

»Er mußte schleunigst zu einem Kranken, welcher – –«

»Bitte, rufen Sie ihn ebenso schleunigst zurück! Sie könnten sonst in den Verdacht kommen, daß er beauftragt sei, die Anstalt auf meine Inspektion vorzubereiten.«

Der Direktor sah sich gezwungen, zu klingeln, und der Oberarzt trat unmittelbar darauf ein.

»Brechen wir auf, meine Herren!« gebot Max. »Ich wünsche zunächst die Kollektivräume, wie den Andachtssaal, die Küche, Spazierorte und so weiter zu sehen, und dann gehen wir die Einzelzellen durch.«

Es war das erste Mal, daß ein königlicher Kommissär vollständig unangemeldet die Anstalt überraschte, und das scharfe Auge des Doktors erblickte Manches, über welches er zwar einen lauten Tadel zurückhielt, doch bemerkten seine Begleiter an den zahlreichen Notizen, welche er eintrug, daß sie es nichtsdestoweniger mit einem strengen Besuche zu thun hatten.

Der Rundgang durch dieses Haus der Irren ließ Max einen tiefen Blick in die Leiden thun, denen der menschliche Geist ausgesetzt ist. Es gab da Gemüthskranke, welche irgendein eingebildetes Ereigniß betrauerten, Idioten, die leise und unablässig vor sich hinwimmerten, Tiefgestörte, welche nie einen Laut von sich gaben, und Redselige, die keinen Augenblick zu schweigen vermochten. Es gab da Künstler und Dichter, die, berühmt durch ihre Werke, hier an kindischer Einbildung laborirten oder unter dem Eindrucke eines finstern Phantomes wie seelenlose Kreaturen dahinvegetirten. Einer hielt sich für einen Tiger. Man hatte seine Zelle in einen Menageriekäfig verwandeln müssen; er aß nur rohes, blutiges Fleisch, welches er mit den Zähnen und seinen langen Nägeln zerriß, und brüllte wie ein wildes Thier. Ein Anderer drehte sich unablässig um sich selbst; er bildete sich ein, die Erdachse zu sein. Ein Fernerer beobachtete den Himmel durch eine wie ein Fernrohr gebrauchte Papierrolle; er hielt sich für Galilei und entdeckte alle Tage neue Sterne. Ein Weiterer glaubte Bonaparte zu sein; er stand laut kommandirend in seiner Zelle und dirigirte die Schlacht bei Wagram.

In der Zelle Nummer Elf saß ein junger Mensch, in der Weise in die Zwangsjacke eingepreßt, daß die furchtbare Kongestion nach dem Kopfe ihm den Verstand rauben mußte. Dicker Schaum triefte ihm aus dem Munde, und die blutunterlaufenen Augen quollen aus ihren Höhlen. Er vermochte nicht zu sprechen, sondern ließ bei dem Eintritte der drei Männer nur ein wildes, unartikulirtes Ächzen vernehmen, in welchem sich die entsetzlichste Todesangst ausdrückte.

»Warum diese Strenge?« frug Max.

»Er hat sich an seinem Wärter vergriffen und ihn beinahe getödtet. Er ist der Schlimmste der Tobsüchtigen und nur auf diese Weise zu zähmen.«

Im Weiberhause wiederholten sich mit den durch das Geschlecht bedingten Abänderungen ganz dieselben Szenen und Verhältnisse. Aus einer der Zellen erscholl ein so entsetzliches Geschrei, daß Max es nicht anzuhören vermochte.

»Um Gotteswillen, Herr Direktor, gibt es kein Mittel, diese Leute zum Schweigen zu bringen?«

»Sie werden von selbst aufhören. Man hat diese Art Gebrüll stets zu hören, wenn ein Zuwachs zum ersten Male in die Jacke kommt.«

»Diese Person befindet sich also erst seit Kurzem hier?«

»Seit heute.«

»Wer ist sie?«

»Eine Zigeunerin.«

»Ah! Welcher Art ist ihr Wahnsinn?«

»Das hatten wir noch nicht Gelegenheit zu beobachten, Herr Doktor.«

»Aber durch die Einlieferungsakten muß Ihnen eine Bemerkung darüber doch unbedingt zugegangen sein?«

»Ich hatte noch nicht die Gelegenheit, sie zu lesen.«

»Bitte, lassen Sie öffnen!«

Die begleitende Wärterin schob die Riegel zurück. Inmitten der Zelle lag Zarba auf der Diele; ihre Füße staken in eisernen Klammern und ihr Oberkörper war ganz in derselben Weise wie bei dem Irren Nummer Elf eingeschraubt. Max hatte Mühe, seine Ruhe zu bewahren.

»Ist diese Behandlung durchaus nöthig, Herr Direktor?«

»Durchaus.«

»Aus welchem Grunde?«

»Nun?« frug der Direktor die Wärterin.

»Sie schlug an die Thür und begehrte, herausgelassen zu werden.«

»Dieser Begehr ist ein sehr natürlicher und, wie mir scheint, hier auch gerechtfertigt. Ich ersuche Sie, Herr Direktor, die Gequälte aus ihrer Lage zu befreien!«

»Ich darf diesem Wunsche unmöglich Gehör schenken, Herr Doktor. Es ist eine Heilung vollständig unmöglich, wenn man gleich im ersten Augenblicke der Behandlung sich einer Inkonsequenz schuldig macht. Ich bitte, dies zu verzeihen!«

Der Beamte wußte gar wohl, warum er diese Antwort gab. Entfesselte er die Zigeunerin, so stand gewiß eine Enthüllung der Angelegenheit bevor, über welche der Kommissär am wenigsten Etwas erfahren durfte.

»Es ist Ihnen also unmöglich, meine Bitte zu erfüllen?«

»Leider!«

»So befehle ich es!«

Der Direktor blickte ihm halb verwundert und halb besorgt in das Gesicht. Es gab nur einen Ausweg:

»Ich darf auch diesen Befehl nicht berücksichtigen, Herr Doktor. Überhaupt habe ich Befehle zu erhalten nur von Vorgesetzten, welche Eigenschaft Sie allerdings nicht besitzen. Die Excellenz hat mir befohlen, Ihnen alle Auskunft zu ertheilen, nicht aber, Befehle von Ihnen entgegen zu nehmen!«

»Schön! Bitte, lesen Sie auch Dieses!«

Er zog ein zweites Schreiben hervor und überreichte es. Der Direktor erbleichte, als er seinen Inhalt überflog.

»Sie sehen, Herr Direktor, daß es mir allerdings hier zusteht, jede mir beliebige Verfügung zu treffen; diese eigenhändige Instruktion Seiner Majestät muß Sie davon überzeugen. Lassen Sie diese Frau nicht sofort entfesseln, so entsetze ich Sie auf der Stelle Ihres Amtes!«

Diese Drohung hatte einen augenblicklichen Erfolg. Der Direktor war der Wärterin sogar selbst behilflich, die Jacke aufzuschnallen und die Klammern zu lösen. Kaum vermochte die Gemarterte, wieder frei zu athmen, so verstummte ihr Geschrei; aber eine Aufklärung ihrerseits hatte der Beamte nicht zu befürchten; sie sank besinnungslos zu Boden. Er sollte aber die Überzeugung erhalten, daß der Kommissär besser unterrichtet sei als er selbst.

»Sie sprachen vorhin von den Einlieferungsakten dieser Kranken, die Sie noch nicht studirt haben?«

»Allerdings.«

»Sie haben dieselben aber bereits in Ihrer Hand gehabt?«

»Ja.«

»Sie lügen!«

»Herr Doktor – –!«

»Ich wiederhole es, Sie lügen. Bitte, schicken Sie sofort, sie herbeiholen zu lassen!«

»Ich glaube – ich hoffe, Herr Doktor, daß – ich wollte sagen –«

»Nun, was wollten Sie sagen?«

»Daß diese Akten allerdings nicht ganz die gewöhnliche Form besitzen – «

»Sondern nur in einem Befehle des Herzogs von Raumburg bestehen?«

Der Direktor erschrak auf das Heftigste. Wer war dieser junge Mann, dieser einfache »Doktor Max Brandauer«, der doch ein so außerordentliches Vertrauen des Königs besaß, daß er mit augenblicklicher Entlassung drohen konnte? Und wie kam er dazu, von dem Befehle des Herzogs zu wissen?

»So – so – ist es!« stotterte er.

»Sie werden mir diesen Befehl ausliefern!«

»Herr Doktor, ich kann nicht sagen, ob er sich noch vorfinden wird.«

»Sie werden ihn finden, um eine amtliche Durchsuchung Ihrer Papiere zu vermeiden. Diese Frau betrat die Anstalt, um ihren Sohn zu besuchen?«

»So ist es.«

»Wo befindet sich derselbe?«

»In Nummer Elf der Tobsüchtigen.«

»Ah! Jener so furchtbar Gefesselte ist es? Vorwärts, meine Herren; er wird sofort aus seinen Banden befreit!«

Er eilte so schnell voran, daß ihm die beiden Andern kaum zu folgen vermochten. Der Direktor schwitzte vor Angst; er wagte während des raschen Ganges kein Wort mit dem Oberarzte zu wechseln.

»Nummer Elf öffnen!« rief Max schon unter der Korridorthür dem Wärter zu. Die beiden Unterärzte befanden sich auf einem Rundgange in der Nähe. Sie traten herbei, überrascht darüber, daß ein Fremder hier in so stürmischer Weise das Kommando führte.

»Herr Doktor Brandauer, königlicher Kommissär!« keuchte der Direktor. Der Genannte aber eilte achtlos an den beiden Männern vorüber und trat in die Zelle.

»Herunter mit der Jacke, augenblicklich herunter!« gebot er. Der Wärter blickte seine Vorgesetzten fragend an.

»Thue es!« stöhnte der dicke Direktor, dessen Verdauung heute in einer so unerwarteten Weise gestört wurde.

Jetzt war es Max, welcher beim Öffnen des Marterwerkzeuges mithalf.

Der Befreite sog die Luft in einem tiefen Zuge in die von der entsetzlichen Pressung erlöste Lunge und versuchte, die Glieder zu recken, die von dem stagnirenden Blute angeschwollen waren. Aber die Fähigkeit, zu denken, schien ihm noch nicht zurückgekehrt zu sein.

»Der Name dieses Mannes, Herr Direktor!«

»Von Wallroth, vormals Hauptmann der Artillerie.«

»Seine Einlieferungsakten – ?«

Der Direktor schwieg.

»Ich verstehe! Sie waren jedenfalls ganz von derselben Beschaffenheit wie diejenigen seiner Mutter. Herr Direktor, es scheinen unter Ihrer Leitung Dinge vorzugehen, welche mich veranlassen, eine strenge Untersuchung zu beantragen. Halten Sie den Hauptmann wirklich für wahnsinnig?«

»Natürlich!«

»Wer sind diese beiden Herren?«

»Meine Unterärzte.«

»Meine Herren,« wandte er sich an diese, »ich bitte um Ihre Meinung über diesen Punkt.«

»Herr Kommissär – !«

»Keine Ausflucht oder Bemäntelung! Ich frage Sie auf Ihre Ehre und Ihr Gewissen, ob Sie diesen Bedauernswerthen wirklich für wahnsinnig halten. Ihre Antwort wird über Ihre Stellung und Zukunft entscheiden.«

»Er wird es in kurzer Zeit sein,« antwortete der Muthigere von Beiden.

»Das genügt und stimmt mit meiner eigenen Überzeugung vollständig überein. Herr Direktor, ich erkläre den Hauptmann sammt seiner Mutter für frei und aus der Anstalt entlassen. Sorgen Sie augenblicklich für die nöthige Stärkung der Beiden und dann für einen Wagen, in welchem sie mich nach der Residenz begleiten. Vorher aber wollen wir noch sehen, ob der Befehl zu finden ist, welchen Sie heute von Seiner Durchlaucht durch einen Expressen erhielten. Das Weitere wird durch die Behörde verfügt werden, deren Instruktion Sie so gern respektiren!« –

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