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Scarlett Trent der Abenteurer

Edward Phillips Oppenheim: Scarlett Trent der Abenteurer - Kapitel 9
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleScarlett Trent der Abenteurer
publisherRijke & Stock Verlagsgesellschaft m.b.H.
yearo.J.
firstpub1927
translatorReinhard Rijke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid5b3d7545
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Achtes Kapitel.
Die Journalistin

Beinahe zum ersten Male in seinem Leben lenkte Scarlett Trent die Schritte nach dem Londoner Westen. Seit Jahren hatte er sich ausschließlich in den dichtbevölkerten Straßen und den hohen Geschäftsgebäuden der City bewegt. Aber nun war eine Zeit geruhigen Stillstands in sein Leben eingezogen, und halb unbewußt war er jetzt dabei, eine kleine Entdeckungsreise anzutreten.

Vom Strand aus überquerte er Trafalgar-Square, wanderte durch Pall Mall und Haymarket auf Piccadilly zu. Er bemerkte bald, daß er in eine Welt gekommen war mit anderen Sitten und Gewohnheiten als den seinen. Doch zwang er sich allmählich dazu, sie zu studieren – in einem vagen Empfinden, daß dies von großer Wichtigkeit werden könne. Denn ihm ward bewußt, daß seine äußere Erscheinung und seine Manieren sich unvorteilhaft von seiner Umgebung abhoben. Der flüchtige Blick eines Spaziergängers erregte plötzlich seinen Unwillen. Der Herr hatte Handschuhe an, Toilettenstücke, deren Vorhandensein Trent bis jetzt geflissentlich übersehen hatte. Trent trug einen schlechtsitzenden Kammgarnanzug und eine rote Krawatte; der Gent, der ihn so kritisch musterte, trug Zylinder, tadellosen Cut, Lackschuhe und einen dunklen Schlips mit diskretem Muster. Ob diese anderen Kreise, die ihn als Eindringling betrachten würden, etwa von ihm erwarteten, daß er sich nach ihrem Beispiel umbilden, ihre Sprache reden, ihre engstirnigen Auffassungen teilen, mit ihren kurzsichtigen Augen sehen solle?

Er betrat ein Restaurant, bestellte ein Glas Portwein, das er in einem Zuge leerte. Hierdurch von neuem Mut geschwellt, gelobte er sich, daß er nichts von alledem tun würde. In keiner Hinsicht würde er sich umstellen: Man hatte ihn zu nehmen, wie er war, oder man mußte ihn ungeschoren lassen!

Nun er einmal zu ansehnlichem Wohlstand gelangt war, wollte er auch das Beste genießen, das man dafür bekommen konnte. Das natürliche Begehren des Robusten, alle anderen zu überragen, war so gut wie gestillt. Das Leben der letzten Zeit, das jetzt hinter ihm lag, hatte an Reiz für ihn verloren. Der Ruin seiner Konkurrenten, der Beifall weniger Glücklicher, die ausschweifenden Vergnügungen und das Geldlassen bei Leuten, die er verachtete, das alles war er längst schon überdrüssig. In ihm brannte das Verlangen, sich einmal völlig von dieser Umgebung zu lösen.

Langsam schlenderte er dahin, erfüllt von einem unbestimmten Gefühl der Vereinsamung. Diese eleganten Männer, diese vornehmen Frauen mit den prächtigen Roben lebten in einer Welt, in der er sich nie heimisch fühlen würde, selbst wenn man ihn hineinließ. Er machte die Beobachtung, daß eine Dame ihn durch ihr Lorgnon maliziös beäugte und dann ihrer Gefährtin etwas zuzuflüstern schien. Ein andermal hörte er deutlich, wie man hinter ihm herlachte.

Verärgert rief er eine Autodroschke heran, und während er durch den Verkehrstrubel nach dem Waterloo-Bahnhof fuhr, bemächtigte sich seiner eine beklemmende Niedergeschlagenheit. Eine schwache Furcht vor der Zukunft bedrückte ihn. Immer war er ein Arbeitstier gewesen, hatte im täglichen Daseinskampf seine Kraft gestählt. Wo blieben jetzt die Früchte des Sieges? Eine so bedeutungslose Null wie Dickinson vermochte strahlenden Blicks von Glück zu sprechen – Dickinson, der bei kärglichem Gehalt vegetieren mußte, der von den Launen seines Chefs abhängig war und trotzdem lächerliche Illusionen hegte! Nun – es würde schon alles werden: Was Dickinson bekommen konnte, kam ihm, Scarlett Trent, bestimmt erst recht hundertfach zu.

Er bestieg ein Abteil erster Klasse des Zuges nach Walton, vom Eisenbahnpersonal mit ausgesuchter Hochachtung behandelt. Als er ausstieg und den Bahnhof verließ, hörte er seinen Namen rufen. Ein Auto erwartete ihn, in dessen Fond eine junge, auffallend gekleidete Blondine lehnte.

»Kommen Sie, Trent!« winkte sie. »Ich habe mich heimlich aus dem Staube gemacht, um Sie mit dem Wagen abzuholen. Das wird ein Bild geben, wenn man mich vermißt! Die Alte wird schön rasen! Wollen wir nicht ein Stündchen spazierenfahren?«

Ihr Organ klang schrill und laut. Trent verglich es unwillkürlich mit den Frauenstimmen der anderen Welt, in der er am Nachmittag geweilt. Ablehnung auf den Zügen, sah er sie an: »Sie hätten sich die Mühe sparen können! Ich brauche das Auto nicht und werde zu Fuß gehen.«

Sie schüttelte den Lockenkopf. »Puh! Schlechter Laune? Sie möchten allein sein?«

»Eigentlich ja.«

Die Blondine errötete. »Wie Sie wünschen!« zirpte sie spitz. »Es ist nicht meine Art, mich jemandem aufzudrängen.«

Trent wandte sich achselzuckend an den Chauffeur. »Fahren Sie nach Hause, Towson! Ich komme zu Fuß nach.«

Der Wagen rollte weiter, und Trent setzte mit bitterem Lächeln den Weg fort. Nach einer Weile machte er vor einer weißen Zaunpforte halt, öffnete sie mit einem Schlüssel und überquerte eine Rasenfläche. Er nahm den Hut ab und fächelte sich im Weitergehen Luft zu. Das einzige, was sein zähes Ringen mit den Prominenten der Handelswelt nie hatte verringern können, war seine Liebe zur Natur. Er ließ sein bloßes Haupt vom lauen Wind umschmeicheln, der von den Surreyhügeln kam, und trank den Duft des frischgemähten Grases. Während er dem Hause zuschritt, blickte er zufrieden auf ein leuchtendes Rhododendrenbeet, musterte die dunklen Zedern, deren Zweige über den geschorenen Rasen hingen, und die mattroten Töne des Rosengartens an der anderen Seite.

Das Haus selbst war klein, doch malerisch. Ein graues Steingebäude mit nur zwei Stockwerken. Von der Stelle aus, an der Trent jetzt stand, schien es völlig von Blüten und Efeu überwachsen. Es würde ihm doch leid tun, dies alles zu verlassen. Es war ein angenehmer Sommersitz gewesen, wenn auch zu primitiv für einen Millionär. Er würde sich nach etwas anderem umschauen müssen, nach einem Landgut zum Beispiel.

Durch eine andere Tür gelangte er in einen kleinen Garten mit Pinien und Unterholz, der an das Grasfeld grenzte. Ein Pfad schlängelte sich dahin, und als Trent um eine Krümmung bog, blieb er überrascht stehen. Da war ein Mädchen mit einem Skizzenbuch in der Hand, das ihm den schlanken Rücken wandte.

»Hallo!« rief er ohne Umschweife. »Schon wieder Besuch? Wer hat Sie hierhergebracht, mein Fräulein?«

Die Angeredete drehte sich erstaunt um. Sie trug ein einfaches weißes Leinenkostüm und eine dünne Musselinbluse, aber Trent bemerkte sofort, daß sie Kreisen angehörte, in denen er sich noch nie bewegt. Sie war die erste wirkliche Dame, die er je angesprochen, und er hätte sich die Zunge abbeißen mögen, als er bedachte, auf welche Art dies geschah.

»Ich bitte um Verzeihung«, sagte er unsicher. »Der Irrtum entstand dadurch, daß ich Sie nur von rückwärts sah.«

Sie lächelte freundlich. »Falls Sie Herr Scarlett Trent sind, so ist es an mir, mich zu entschuldigen. Denn ich bin allerdings ein ungebetener Gast. Darf ich Ihnen den Grund meines Hierseins erklären?«

Währenddes war sie einen Schritt näher gekommen. Ein Sonnenstrahl, der sich durch die Zweige stahl, glänzte in den Löckchen des goldbraunen Haars, und liebliches Lächeln teilte die Kirschenlippen.

Trent, sonst unter allen Umständen selbstbewußt und beherrscht, fühlte sich diesem reizenden Geschöpf gegenüber hilflos wie ein Kind. Sonderbares Summen surrte in seinen Ohren, vor seinen Augen nebelte ein Dunstschleier. Sie war es! Ein Irrtum schien nicht möglich. Es war das Mädchen, um dessen Bild er in der Negerhütte von Bekwando gepokert hatte – Montys kleine Tochter, über die der Vater noch in seiner Sterbestunde gesprochen.

Trent lehnte sich gegen einen Baum, ohne ein Wort hervorzubringen. Sie sah ihn bestürzt an. »Sind Sie unwohl? Wie mir das leid tut! Ich werde schnell Hilfe holen.«

Er besaß noch die Kraft, sie zurückzuhalten. Nachdem er ein paarmal tief Atem geschöpft, hatte er sich wieder in der Gewalt, obwohl sein Herz noch immer ungestüm klopfte. »Entschuldigen Sie – ich wollte Sie nicht erschrecken! Es kommt durch die Hitze. Das passiert mir öfter. Ja, mein Name ist Trent. Ich weiß nicht, was Sie herführt, doch Sie sind willkommen.«

»Sehr liebenswürdig von Ihnen!« antwortete sie heiter. »Aber vielleicht werden Sie anders denken, wenn Sie erst den Zweck meines Kommens wissen.«

»Doch nichts Unangenehmes, wie ich hoffe? Ich hatte den Eindruck, als ob Sie eine Skizze von meinem Hause anfertigten. Das ist Ihnen gern gestattet.«

»Ich will ein offenes Geständnis ablegen; ich bin Journalistin.«

»Was?« fragte er verdutzt.

»Journalistin bei der ›Tagespost‹. Die Erledigung solcher Aufgaben wird mir sonst nicht übertragen, aber ein Kollege erkrankte, und sein Vertreter kann nicht zeichnen. Deshalb schickte man mich! Schauen Sie mich, bitte, nicht an, als ob ich ein Gespenst sei! Haben Sie noch nie eine Journalistin kennengelernt?« Sie lachte leise, und Trent erfuhr jetzt zum erstenmal in seinem Leben, was eine melodische Frauenstimme war. »Oh, es ist nichts Ungewöhnliches! Sie haben sicherlich nichts dagegen, sich von mir interviewen zu lassen?«

»Wie meinen Sie?« forschte er verständnislos.

»Dazu bin ich nämlich hergekommen! Auch brauchen wir eine Skizze Ihres Heims. Ich weiß, daß Ihnen das unangenehm ist. Man hat mir erzählt, wie Sie den armen Morris von der ›Rundschau‹ abgekanzelt haben. Ich werde meine Fragen sorgfältig überlegen und Sie nur wenige Minuten belästigen.«

Er starrte sie unentwegt an, erstaunt und wie geblendet. Vom Scheitel bis zur Sohle bot sie ein entzückendes Bild, von dem geschmackvollen weißen Hut herab bis zum zierlichen Schuhwerk. Eine Journalistin! Die wirren Löckchen schimmerten wieder im Sonnenlicht. Sie war es! Er hatte sie gefunden!

Sie schloß aus seinem Schweigen, daß er mit seiner Zusage noch zögerte, und fuhr leicht beunruhigt fort: »Ich werde Sie wirklich nicht lange stören, aber es ist für mich von großer Wichtigkeit. Allerdings hätte ich ohne Ihre Erlaubnis nicht die Skizze anfangen dürfen. Wenn Sie mir das verübeln – –«

»Sie können zeichnen, solange es Ihnen paßt und die Skizze für jeden Ihnen passenden Zweck verwenden! Und – – ich werde Ihnen auch gern alles erzählen, was Sie wissen wollen!«

Sie vermochte kaum an ihr Glück zu glauben. Nach der Schilderung ihres Kollegen sollte Trent ein ungebildeter Grobian sein – sie mußte jetzt innerlich darüber lachen.

»Wirklich sehr nett von Ihnen, Herr Trent!« erklärte sie froh. »Es kostete mich einige Überwindung, Sie aufzusuchen. Denn ich war mir im ungewissen, ob Sie mich überhaupt empfangen würden. Darf ich erst meine Zeichnung beenden? Vielleicht können Sie mir nachher ein kurzes Weilchen Ihrer Zeit opfern?«

»Wie Sie wünschen! Darf ich Ihr Werk sehen?«

»Gewiß.« Sie überreichte ihm das Skizzenbuch. »Aber es ist noch unfertig.«

»Wird es noch lange dauern?«

»Etwa eine Stunde.«

»Sie sind sehr tüchtig!« lobte er mit einem leichten Seufzer.

»Man nennt Sie den tüchtigsten Mann Londons«, gab sie zurück.

»Pah! Es ist nicht immer Tüchtigkeit, die zu Wohlstand verhilft.«

Das Mädchen hatte sich emsig in die Arbeit vertieft. Grelles Lachen ließ sie beide zusammenzucken. Ein junges Weib mit Bubikopf und in hellblauer Abendtoilette tanzte auf der Rasenfläche vor unsichtbaren Zuschauern.

Trents Augen schossen Blitze aus glühendem Gesicht. Es schien ein Cancan aus einem Tingeltangel, und die Bewegungen waren reichlich ordinär. Bevor er es verhüten konnte, entschlüpfte ihm ein Fluch. »Verzeihen Sie, bitte!« murmelte er. »Ich werde der unliebsamen Szene sofort ein Ende machen.«

»Warum wollen Sie Ihre Freunde in ihren Liebhabereien hindern?« widersprach sie ruhig. Sie blickte nicht auf, aber Trent fühlte ihre veränderte Haltung.

»Es sind nicht meine Freunde!« knurrte er ungestüm. »Ich werde sie alle hinausjagen!«

Einen Augenblick schien sie erstaunt über seine unvermutete Heftigkeit. Dann zeichnete sie eifrig weiter, doch ihr Ton ward wieder freundlicher: »Es wird etwas länger währen, als ich annahm. Kann ich vielleicht morgen vormittag wiederkommen? Wann fahren Sie in die City?«

»Auf keinen Fall vor Mittag! Sie können kommen, wann es Ihnen paßt. An jener Gesellschaft brauchen Sie keinen Anstoß zu nehmen. Ich werde dafür sorgen, daß man aus Ihrer Nähe bleibt.«

»Sie dürfen um meinetwillen nicht sich Schwierigkeiten aufladen oder Ihre Gewohnheiten ändern. Meine Tätigkeit bringt mich mit Leuten vielerlei Schlags zusammen. Da verlernt man alle Vorurteile. Wollen Sie aber nun nicht lieber hineingehen? Ich glaube den Tafelgong gehört zu haben.«

»Ich möchte Sie noch etwas fragen. Es mag Ihnen aufdringlich vorkommen, aber so ist's nicht gemeint. Haben Sie sich den Journalistenberuf zum Zeitvertreib gewählt oder – um Geld zu verdienen?«

»Nur um Geld zu verdienen!« bestätigte sie lachend. »Ich würde meine Tätigkeit nicht halb so angenehm empfinden, wenn ich mir damit nicht meinen Unterhalt erwerben könnte. Dachten Sie, daß ich sie nur aus Spleen betriebe?«

»Ich weiß nicht recht. Jedenfalls danke ich Ihnen. Kommen Sie nun morgen?«

»Gern.«

»Also auf Wiedersehen!«

Trent lüftete den Hut und schritt widerstrebend dem Hause zu, erfüllt von dem Bewußtsein, daß ihm etwas Wundervolles zuteil geworden sei. Er versank in angestrengtes Grübeln, und einmal machte er halt, um ein wedelndes Hündchen zu streicheln, das er für gewöhnlich zu übersehen pflegte. Dann pflückte er von einer Rabatte eine weiße Rose und fragte sich, weshalb ihn die an das fremde Mädchen erinnerte ...

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