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Scarlett Trent der Abenteurer

Edward Phillips Oppenheim: Scarlett Trent der Abenteurer - Kapitel 8
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleScarlett Trent der Abenteurer
publisherRijke & Stock Verlagsgesellschaft m.b.H.
yearo.J.
firstpub1927
translatorReinhard Rijke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid5b3d7545
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Siebentes Kapitel.
Im Zenit des Erfolges

In einem elegant möblierten Zimmer eines der größten Londoner Hotels, am Kopfende eines mit Schriftstücken und Schreibgerät überladenen Tisches, saß ein einzelner Mann. Stühle waren achtlos beiseitegeschoben, auf dem Büfett standen leere Sektflaschen, schwacher Tabaksrauch kräuselte sich zur bemalten Decke. Papierbogen sah man verstreut, mit Ziffern bemalt; eine Schreibmappe mit Messingrand lag einsam am anderen Tischende. Im Hintergrunde war ein hagerer junger Angestellter in abgetragenem schwarzen Habit damit beschäftigt, Akten und Papiere in eine große Blechtrommel zu verstauen.

Eine Versammlung hatte stattgefunden – eine Zusammenkunft einflußreicher Persönlichkeiten, die in der Finanzwelt als tonangebend galten. Sie hatten sich anfangs ironisch, dann kritisch und schließlich begeistert über die besprochene Angelegenheit geäußert. Für den Zurückgebliebenen wuchs ein Riesenerfolg heran. Er war kein Citymagnat wie die anderen, hatte sich auch nie in der Kunst geübt, es zu werden. Denn er hatte seine früheren Jahre in einem unzivilisierten Erdteil verbracht, wo nicht nur um Geld, sondern auch um das Leben gespielt wird. Der Mann, jetzt tief in seine Gedanken verloren, war Scarlett Trent.

Er lehnte leicht hintenüber in seinem bequemen Sessel, die Augen auf einen Punkt des Tisches geheftet. Der kleine Fleck Mahagoniholz schien auf geheimnisvolle Weise Szenen seiner Vergangenheit zu spiegeln. Die heutige Besprechung, bei der er seinen Standpunkt siegreich verteidigte, hatte sein schon so großes Vermögen mehr als verdoppelt. Vor ein paar Jahren, ohne Freunde und unbekannt, in England gelandet, hatte er sich jetzt einen hervorragenden Platz in der Gesellschaft erobert. Er war Pfundmillionär – einer der Gewaltigen der Welt!

Der Jüngling, mit vollgestopfter Trommel und Aktentasche, machte sich zum Aufbruch bereit. Ehrfürchtig wagte er es, seinen Chef zu stören. »Kann ich noch etwas für Sie erledigen, Herr Trent?«

Der Angesprochene kehrte aus seinen Grübeleien in die Wirklichkeit zurück. »Nichts mehr«, sagte er mit einer Kopfbewegung. »Sie können gehen!«

Es war bezeichnend für ihn, daß trotz der Stunde des Triumphs sein Ton noch immer barsch klang. Die Worte, die den anderen bedrückten, blieben ihm beinahe in der Kehle stecken.

»Ich möchte – ich bitte um Verzeihung, Herr Trent – aber ich gestatte mir, Ihnen zu Ihrem glänzenden Erfolg meinen Glückwunsch auszusprechen.«

Scarlett Trent musterte ihn kühl. »Was wissen Sie davon? Um was kümmern Sie sich?«

Der andere seufzte eingeschüchtert. Er hatte sehnsüchtig erwartet, seinen Chef heute zugänglicher zu finden. Daheim besaß er eine junge Frau, und er hoffte auf Vaterfreuden. Deswegen hatte er gesprochen. Er sah ein, daß er einen Irrtum begangen hatte.

»Verzeihung, Herr Trent«, sagte er scheu. »Es ist mir natürlich bekannt, daß die Herren für ihre Anteile des Buchomari-Syndikats eine enorme Summe bezahlt haben. Das geht mich freilich nichts an, und ich bedaure meine Bemerkung.«

»Es hat Sie überhaupt nicht zu interessieren, was ich für mein Eigentum erhalte«, murrte Trent unwirsch. »Ich habe Ihnen das doch schon öfter gesagt. Was legte ich Ihnen ans Herz, als Sie zu mir kamen? Nichts zu sehen und zu hören außer Ihrer Arbeit! Stimmt das oder nicht? Stieren Sie mich nicht an wie eine Eule in Todesgefahr!«

Der andere schluckte hörbar. Aber er dachte an seine Frau und nahm allen Mut zusammen. »Sie haben vollkommen recht, Herr Trent! Einem Dritten gegenüber würde ich auch nie davon gesprochen haben. Aber wir waren jetzt allein, und ich glaubte, daß die Umstände diesmal eine Entschuldigung für meine Freimütigkeit sein würden.«

Sein Chef ließ ein unheilverkündendes Brummen laut werden. »Wenn ich sage: Nichts hören oder sehen, dann meine ich es so!« polterte er. »Ich will nicht durch Sie an meine Geschäfte erinnert werden. Meinen Sie, daß ich es selbst nicht weiß?«

»Gewiß doch, Herr Trent! Ich sehe jetzt ein, daß ich hätte schweigen müssen.«

Scarlett Trent schaute mit mitleidlosem Tadel in das bleiche, nervöse Gesicht. »Ihre Jacke ist aber recht schäbig, Dickinson. Warum kaufen Sie sich keine andere?«

»Ich stehe hier gerade im vollen Licht, Herr Trent«, antwortete der andere mit neuer Beklemmung. »Sie muß einmal wieder gut abgebürstet werden. Ich werde mich gelegentlich nach einer neuen umsehen.«

Sein Chef knurrte wieder etwas vor sich hin. »Welches Gehalt beziehen Sie?«

»Zweihundertvierzig Mark im Monat, Herr Trent.«

»Und wollen Sie da etwa behaupten, daß Sie sich nicht anständig kleiden können? Was machen Sie eigentlich mit dem Gelde? Es wird natürlich alles in Cafés und Kinos verjuxt, nicht wahr?«

Der junge Mann zeigte jetzt endlich einen Funken Tapferkeit. Er wurde rot. »Ich besuche keine Cafés, Herr Trent, und ich habe seit Jahren keinen Wein oder anderen Alkohol getrunken. Ich ... habe eine Frau zu ernähren ... und vielleicht – wir erwarten –«

Er schwieg unvermittelt. Wie konnte er davon sprechen, was, trotz aller damit verbundenen Angst, sein Herz vor Freude schneller pochen ließ, während sein Chef ihn so kühl anstarrte? Er vollendete seinen Satz nicht, und der Glanz, der flüchtig sein alltägliches Gesicht erhellt hatte, begann zu erlöschen.

»Eine Frau!« räsonierte Trent. »Und alles, was drum und dran hängt, wie? Ihr jungen Männer seid doch bornierte Esel. Da hat man's noch vor sich, einen Platz in der Welt zu erobern, steht mit dem Fuß erst auf der untersten Sprosse, quält sich mit geringem Einkommen – aber es werden mit Absicht und Vorsatz alle Möglichkeiten des Aufstiegs in einem Augenblick der Verblendung fortgeworfen. Sicherlich eine hübsche Larve und keinen Pfennig Geld! Ein Spaziergang im Mondschein, ein bißchen sentimentales Gefasel – und wie weggeblasen ist jede Energie! Kein Wunder, daß es so viele Schafe gibt und nur wenige Führer!«

Der junge Mann hob den Kopf. Wieder überzog brennende Glut seine Wangen. Und doch – wie schwer fiel es, seine Würde gegenüber dem Mann, von dem sein täglich Brot abhing, zu behaupten. »Sie irren sich, Herr Trent! Ich bin sehr glücklich und zufrieden.«

Trent lächelte höhnend. »Danach sehen Sie nicht aus!«

»Möglich, Herr Trent. Aber es ist so! Ein jeder hat seine eigene Auffassung vom Glück. Sie selbst haben harte Entbehrungen ertragen, haben schwer gearbeitet, mannigfachen Unannehmlichkeiten und Gefahren getrotzt, nur um reich zu werden. Auch ich habe gedarbt, geschuftet und gekämpft, um für das Mädchen, das ich liebte, ein Heim zu schaffen. Sie ernteten Erfolg und fühlen sich glücklich. Mich verlangt nicht danach, Millionär zu werden. Es genügt mir, mit meiner Frau froh vereint zu sein.«

Scarlett Trent sah ihn überrascht an. Dann lachte er laut, und eine Zentnerlast fiel dem jungen Mann, der sich ein paar Minuten lang vergessen hatte, vom Herzen. Denn dies Lachen klang wohl spöttisch, aber nicht ungehalten.

»Sie haben mich schön in die Enge getrieben«, hörte er seinen Herrn sagen. »Sie sind, meiner Ansicht nach, ein einfältiger Narr! Aber wenn Sie zufrieden sind, ist's ja gut. Hier, kaufen Sie sich eine Jacke und trinken Sie ein Glas Wein!«

Trent warf eine Banknote auf den Tisch. Der andere entfaltete sie und gab sie erschrocken zurück. »Ich bin Ihnen sehr verbunden, Herr Trent«, meinte er demütig. »Aber Sie haben sich versehen. Es ist eine Fünfzigpfundnote.«

Trent streckte die Hand aus – zog sie wieder weg. »Lassen Sie nur! Ich wollte Ihnen zwar bloß einen Fünfpfundschein geben. Aber es macht keinen Unterschied. Schaffen Sie sich einen neuen Anzug an!«

Der junge Mann schloß in freudiger Bestürzung die Augen. »Ist das Ihr Ernst, Herr Trent?« stammelte er verwirrt. »Ich – ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen danken soll.«

»Versuchen Sie es auch nicht – wenn Sie nicht wollen, daß ich das Geld zurücknehme!« Trent trat ans Büfett. »Allmächtiger Himmel, können die Brüder saufen! Kein Tropfen Champagner ist zurückgeblieben – – halt! Hier sind noch zwei ungeöffnete Flaschen! Zugepackt, Dickinson! Stecken Sie sie ein für Ihre Frau! Ich habe alle bezahlt – daher hätte es keinen Zweck, sie stehenzulassen. Machen Sie nun, daß Sie verschwinden!«

»Herr Trent, darf ich Ihnen ...«

Scarlett Trent warf die Tür mit lautem Dröhnen ins Schloß. Als er sich auf den Stufen der Hoteltreppe eine Zigarre anzündete, ging der junge Mann an ihm vorüber – wollte nochmals Dankworte stottern. Sein Chef jedoch drehte ihm ostentativ den Rücken zu.

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