Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Edward Phillips Oppenheim >

Scarlett Trent der Abenteurer

Edward Phillips Oppenheim: Scarlett Trent der Abenteurer - Kapitel 41
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleScarlett Trent der Abenteurer
publisherRijke & Stock Verlagsgesellschaft m.b.H.
yearo.J.
firstpub1927
translatorReinhard Rijke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid5b3d7545
Schließen

Navigation:

Vierzigstes Kapitel.
Gelöste Qual

Um die Dämmerstunde war von See leichter Wind aufgekommen. Fred Davenant, im Tropenanzug, trat hinaus und warf sich mit einem lauten Seufzer der Erleichterung in einen Liegestuhl. Am Fuß des Hügels schimmerten die weißen Lichter der Stadt, die heute abend lärmvoller als sonst schien; denn draußen in der Bai lag ein Dampfer verankert, der Passagiere und Güterladungen gebracht.

Fred hatte einen schweren Tag hinter sich; sonst wäre er selbst zum Hafen gegangen, um zu sehen, wer angekommen war, und seine Post in Empfang zu nehmen. Er fiel in leichten Halbschlummer, denn die Sonne hatte tagsüber in heißer Glut gebrannt, und das Rauschen der See klang wie ein Wiegenlied. Plötzlich schlug eine Männerstimme an sein Ohr. Er fuhr auf und horchte angestrengt – ungläubig. Seine Phantasie mußte ihn getäuscht haben – und doch ...

»Herr Trent!« rief er. »Herr Scarlett Trent! So wahr ich lebe!«

Trent streckte hastig die Hand aus. Die frohe junge Stimme, die vor Erregung vibrierte, rührte ihn auf ungeahnte Weise. Es tat so wohl, so warm begrüßt zu werden – wenigstens einen Menschen auf der Welt zu wissen, der sich über sein Kommen freute. Denn seine Seele war wund und seine Freude am Leben dahin. Während der langen Herreise hatte er sich manchmal an die Reling gelehnt und auf das Wasser gestarrt, als ob er dort Ruhe zu finden hoffe. Ihm war zumute wie einem Spieler, der einen zu hohen Einsatz gewagt und verloren hat.

»Fred!« Die Hände ineinanderverschlungen schauten sich beide an. Plötzlich bemerkte der jüngere die Veränderung. »Was ist Ihnen?« forschte er besorgt. »Hat die Gesellschaft doch keinen Erfolg gehabt, oder sind Sie krank gewesen?«

»Nichts von beidem. Die Gesellschaft steht in voller Blüte, soviel ich weiß. Aber das Leben in der Zivilisation bekommt mir nicht. Ich bin zurückgekommen, um ein paar Monate hier zu arbeiten – das wird die beste Arznei für mich sein.«

»Ich bin so froh, Sie wiederzusehen! Alles geht hier ausgezeichnet. Man hat mir dieses Häuschen gebaut. Ich habe es erst vorige Woche bezogen. Ist es nicht entzückend? Wo ist Ihr Gepäck?«

»Ich habe nicht viel. Es ist bereits auf dem Wege hierher. Können Sie mich aufnehmen?«

Der andere stimmte bereitwillig zu und ließ durch einen Diener eine Mahlzeit bereiten. Zuvor jedoch mußte Trent ihn begleiten, um sein Zimmer in Augenschein zu nehmen, und bald darauf saßen beide bei Tisch, wo der Ingenieur heiter die Honneurs machte. Doch als sie später auf der Veranda rauchten, um sich der Moskitos zu wehren, blieb Fred sehr wortkarg. Endlich beugte er sich vor und legte die Hand auf Trents Arm. »Sprechen Sie, Trent! Befreien Sie Ihr Herz von dem, was es bedrückt!«

Trent war bestürzt und gerührt. Und jäh überfiel ihn das Verlangen, einem Menschen, der ihn verstand, seine Seele zu offenbaren. »Ich glaubte, nie zu jemandem darüber sprechen zu können«, murmelte er langsam. »Doch Ihnen wohl darf ich es sagen.«

Und er tat es. Er erzählte seine ganze Lebensgeschichte, ohne sich zu schonen, sprach von den Tagen seines Bündnisses mit Monty und gestand, ihn mehr als einmal hart behandelt zu haben. Er sprach auch von Irene – von seiner eigenartigen Liebe zu ihrem Jugendbildnis, einer Liebe, die später bei der persönlichen Bekanntschaft zur Leidenschaft wuchs. Dann berichtete er von Francis' Dazwischentreten, von Irenes Argwohn, dem verzweifelten Augenblick, da er, um ihr Vertrauen zu gewinnen, alles aufs Spiel gesetzt und – verloren hatte.

Ein Augenblick des Schweigens folgte. Dann klopfte ihm der Jüngere fast liebkosend auf den Arm und neigte sich in der Dunkelheit ihm näher zu. »Frauen sind große Närrinnen«, sagte er mit starker Emphase wie aus jahrelanger Erfahrung. »Wenn Tante Irene Sie nur halb so gut kennen würde wie ich, hätte sie Ihnen gern geglaubt, daß Sie alles nur um ihretwillen taten. Aber ich sage Ihnen: Sie hätten abwarten müssen! Nachdem Irene ihren Vater gesehen und gesprochen hatte, würde sie alles besser verstanden haben. Ich werde ihr schreiben.«

Trent schüttelte den Kopf. »Nein. Jetzt ist es zu spät. Jener Augenblick hat mir alles gesagt, was ich wissen wollte. Ich verlangte Ihre Liebe, Fred – und – darauf brauche ich nicht mehr zu hoffen. Sonst würde sie mir vertraut haben. Es war auch Wahnsinn, zu hoffen, daß sie mich je lieben könne. Die Zeit muß mir überwinden helfen. Wir werden in nächster Zeit auf die Löwenjagd gehen, Fred. Das wird mir Ablenkung bringen.«

Aber die Löwen, die Trent schießen wollte, blieben vorläufig am Leben, denn am nächsten Morgen fühlte er sich krank, und innerhalb einer Woche hatte ein mordsüchtiges Fieber ihn gepackt. Fred pflegte ihn. Der deutsche Arzt von Attra kam, und als er vernahm, wer sein Patient war, blieb er im Hause. Aber trotz seiner Kunst und Freds Pflege sah es übel aus um Scarlett Trent. Jeder Begriff von Zeit und Umgebung schwand ihm, alles sank in eine dumpfe Tiefe voll quälender Gedanken, die wie Feuerwerk vor seinen glühenden Augen verzischten. Manchmal war es Monty, der ihn aus der Wildnis rief, manchmal das Kreischen der Wilden Bekwandos, das die Luft zu erschüttern schien. In anderen Augenblicken war es Irene, die mit kaltem Antlitz sein leidenschaftliches Flehen mißachtete.

Trents Zustand verschlimmerte sich. In seltenen Augenblicken teilweiser Bewußtlosigkeit sah er sich als Sterbenden und das Ende aller Dinge ohne Freude und ohne Bedauern nahen. Die große Enttäuschung seines Lebens fraß wie ein Krebsgeschwür an seinem Herzen. In glühendheißen Nächten rief er nach dem Tod, und der knöcherne Gast stand wie ein grauer Schemen zu Häupten seines Lagers.

Dann folgte wieder ein Fieberkrampf, und ein Frauenname drang zum offenen Fenster in das nächtliche Dunkel, durch das Moskitonetz, das zwischen den Palmen gespannt war, über die schäumende See hinweg zu dem großen Dampfer im Hafen. Vielleicht hatte sie es gehört – vielleicht auch war es nur Einbildung. Auf dem Höhepunkt der Krisis jedoch strich eine linde Hand über seine Stirn, weich wie Sammet und kühl wie taufrischer Morgenwind, und eine Stimme klang an sein Ohr, so zart und sänftigend, daß die Glut in seinen Adern erlosch – so lieblich, daß er in die Kissen sank – und schlief.

Da lächelte der Arzt, und Fred schluchzte froh.

»Ich bin gekommen,« sagte Irene leise, »weil es der einzige Weg für mich war, alles wieder gutzumachen. Ich hätte Ihnen Vertrauen schenken müssen. Das sagte auch Vater sofort.«

»Ich habe manche Fehler begangen,« klagte Trent sich an, »und handelte auch nicht immer gut an ihm.«

»Nun alles erklärt ist, wüßte ich nicht, wie Sie anders hätten handeln können. Sie haben ihn doch aus Da Souzas Krallen gerettet, während sein Tod Ihnen Vorteile gebracht hätte. Vater sehnt sich sehr danach, Sie wiederzusehen; Sie müssen recht bald wieder völlig gesunden!«

»Um seinetwillen also?« murmelte er.

Sie beugte sich über sein Lager. »Nein, um meinetwillen!« flüsterte sie und küßte ihn innig auf die Stirn.

 << Kapitel 40 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.