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Scarlett Trent der Abenteurer

Edward Phillips Oppenheim: Scarlett Trent der Abenteurer - Kapitel 4
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleScarlett Trent der Abenteurer
publisherRijke & Stock Verlagsgesellschaft m.b.H.
yearo.J.
firstpub1927
translatorReinhard Rijke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid5b3d7545
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Drittes Kapitel.
Eines alten Mannes Heiligtum

Einen Augenblick stand Monty wie betäubt. Langsam schwand die Farbe auf seinem Antlitz, kam dann in jähen Wellen wieder. Regungslos verharrte er, die Augen weit aufgerissen.

»Ihr Bild! Das Bild meiner Tochter!« stammelte er verstört. »Trent, entweder treiben Sie Spott mit mir, oder Sie sind verrückt!«

Trent hob gleichgültig die Schultern. »Vielleicht haben Sie recht. Auf jeden Fall – ich nannte Ihnen meine Bedingung. Sie können sie annehmen oder nicht – wie es Ihnen behagt. Mich kümmert es nicht.«

Rote Flecke brannten auf Montys Wangen. Sein Körper ward von siedendem Jähzorn geschüttelt. Er warf sich auf seinen Gefährten, doch der wehrte ihn ab – hielt ihn ohne Anstrengung auf Armeslänge von sich.

»Es besteht kein Grund zur Aufregung,« knurrte Trent. »Ich gab Ihnen Antwort auf Ihre Frage, mehr nicht. Ich mag überhaupt nicht spielen. Wahrscheinlich würde ich doch verlieren, und für Sie ist's besser, wenn Ihnen der Schnaps vorenthalten bleibt.«

Monty kochte vor Wut und Enttäuschung. »Sie Bestie!« schrie er. »Wie konnten Sie es wagen, das Bild zu begaffen? Und wie können Sie mir einen solchen Vorschlag machen! Lassen Sie mich los!«

Aber Trent gab den Tobsüchtigen noch nicht frei. Allmählich erst wurde Monty ruhiger, geriet jedoch mehr und mehr unter den Einfluß des Alkohols. Trent löste seinen Griff und widmete sich wieder der Patience, nachdem er die Schnapsflasche in seiner Jackentasche verwahrt hatte.

Auf dem Boden kauernd, beobachtete ihn sein Teilhaber mit blutunterlaufenen Augen. »Trent, es tut mir leid, daß wir uns gezankt haben. Vielleicht hab' ich mehr gesagt, als erlaubt ist. Es war natürlich nicht meine Absicht, Sie zu beleidigen. Ich bitte um Entschuldigung.«

»Schon gut!«

»Sehen Sie: Sie haben keine Familie, sonst würden Sie es wohl besser begreifen können. Seit Jahren bin ich heruntergekommen – ein rasselndes Wrack, ein jämmerlicher Nichtsnutz. Jenes Bild aber hab' ich stets wie ein Heiligtum gehütet. Mein Töchterchen weiß nicht, daß ich noch lebe, wird es vielleicht nie erfahren. Und die Photographie ist meine einzige Erinnerung an sie. Deshalb kann ich sie doch unmöglich hergeben, nicht wahr?«

»Sie würden allerdings ein Schurke sein, wenn Sie es täten!«

Montys Gesicht erhellte sich. »Ich wußte ja, daß Sie bei ruhiger Überlegung so denken würden. Wollen wir uns also auf zweihundert Pfund einigen?«

»Sie scheinen sich mit aller Gewalt auf die Partie versteift zu haben. Nun gut: Ich bin bereit, mit Ihnen um jeden Betrag zu spielen. Von beiden Seiten der gleiche Einsatz – einverstanden?«

Monty schüttelte den Kopf. »Was soll ich mit Ihrem Geld? Sie wissen, daß mir nur um den Kognak zu tun ist. Ich überlasse es Ihnen, was ich als Einsatz stellen soll.«

»Das haben Sie ja vorhin gehört. Einen anderen will ich nicht.«

Zuckenden Gesichts kroch Monty näher nach dem Hüttenausgang, holte unschlüssig die Photographie hervor und betrachtete sie im blassen Licht des Mondes. Seine Augen glitzerten feucht. Er preßte das Bild an die Lippen und küßte es. »Mein Kind!« flüsterte er. »Mein Liebling!«

Trent hatte sich wieder die Pfeife angezündet und begann ein neues Solospiel. Monty lehnte am offenen Eingang, und halblaut drang es über seine Lippen: »Ich werde gewiß gewinnen – Trent hat ja immer Pech! Ich riskiere also nichts, und der Kognak – oh!«

Mit gurgelndem Röcheln zog er die Lippen ein. Seine Augen suchten Trent, aber der paffte unerschütterlich weiter und wendete den Blick nicht von den ausgebreiteten Karten.

»Ich riskiere so wenig,« raunte Monty wie im Selbstgespräch. »Und ich brauche den Schnaps. Ich kann sonst nicht schlafen.«

Trent gab keine Antwort. Seine Worte von vorhin reuten ihn. Sentimentalität lag ihm fern, aber er schämte sich.

»Trent! Hören Sie doch, Trent! Verteilen Sie die Karten!« Monty brachte das Bild zum Vorschein und legte es mit der Rückseite nach oben auf den zusammenklappbaren Feldtisch.

Trent runzelte die Brauen. »Eigentlich ist's ein lächerliches Unterfangen. Wir wollen davon absehen. Sie bekommen – nun, sagen wir, ein Likörglas voll Kognak, dann legen Sie sich zur Ruhe. Ich bleibe wach – ich bin nicht müde.«

Monty zischte eine Verwünschung. »Ich will alles haben!« beharrte er. »Jeden Tropfen! Und das Porträt werde ich auch behalten – Sie werden sehen, mein Lieber! Los nun endlich – mischen Sie!«

Trent zögerte nicht länger. Er mischte die Karten und gab sie Monty. »Sie sind an der Reihe. Wollen wir spielen wie vorhin?«

Der Alte nickte. Seine Zunge brannte, und das Sprechen kostete ihn Mühe. Er verteilte die Karten, einzeln und mit einer übertriebenen Sorgfalt. Als er fertig war, nahm er die seinen auf und betrachtete sie der Reihe nach mit schmerzlicher Beklemmung.

»Wieviel?« fragte Trent und hielt ihm das Päckchen hin.

Monty zauderte, wollte erst drei Karten ablegen, bedachte sich aber und warf nur eine hin. Schließlich legte er doch mit leisem Seufzer drei auf den Tisch und nahm die drei anderen, die Trent ihm überreichte. Sein Gesicht klärte sich auf. Anscheinend hatten seine Aussichten sich gehoben.

Trent streifte sein Spiel mit einem achtlosen Blick und nahm noch ein Blatt hinzu.

Monty konnte sich nicht länger bezähmen. Er schleuderte die Karten auf den Boden. »Drei!« rief er mit ungestümer Freude. »Drei von einer Farbe!«

Gelassen legte Trent seine Blätter auf: »Ich habe gewonnen,« sagte er eiskalt. »Ich habe Könige.«

Monty rang ächzend nach Luft und sah stieren Blicks auf die fünf Karten seines Partners.

Trent nahm das Bild an sich, barg es gleichmütig in der Tasche und stand auf. »Hören Sie, Monty,« sagte er, »Sie sollen trotzdem den Kognak haben!«

Monty suchte eine Stütze am Türpfosten. »Lassen Sie den verfluchten Kognak! Geben Sie mir lieber das Bild zurück!«

»Warum? Es ist rechtmäßig in meinen Besitz übergegangen.«

»Nehmen Sie dann dies – –!«

Aber der Schlag verfehlte sein Ziel; denn Trents Hand war rechtzeitig vorgeschnellt und hielt den Angreifer in Schach.

Monty brach in Tränen aus. »Was wollen Sie mit dem Bild? Sie haben meine Tochter nie gesehen!«

»Natürlich hab' ich nichts davon,« gab Trent zurück. »Aber noch vor ein paar Minuten galt Ihnen das Bild weniger als eine Viertelflasche Feuerwasser.«

»Ich war von Sinnen. – Mein einziges, liebes Kind!«

»Ich habe Sie bisher nie über Ihre Tochter sprechen hören,« bemerkte Trent trocken.

Nach kurzem Schweigen schlich Monty hinaus in die Dunkelheit, und es war, als ob seine Stimme von fern her wehte.

»Ich habe Ihnen nie von ihr erzählt,« begann er, »weil sie nicht zu den Mädchen gehört, über die man zu Ihresgleichen spricht. Ich bin es ebensowenig wert, mich ihren Vater zu nennen, wie Sie es sind, den Saum ihres Gewandes zu berühren. Es gab eine Zeit, Trent – Jahre sind es her – da ich stolz war bei dem Gedanken, sie meine Tochter heißen zu dürfen. Dann begann mein Niedergang – und es wurde anders. Sie hörte für mich auf, meine Tochter zu sein. Und schließlich verdiene ich's auch nicht mehr, ihr Bild bei mir zu tragen. Behalten Sie es nur, Trent, behalten Sie es – und geben Sie mir den Schnaps!«

Er kam wieder hereingeschlurft, die mageren, knochigen Hände wie Krallen ausgestreckt. Seine Augen glühten wie die einer Wildkatze.

Doch Trent stand zwischen ihm und der Flasche. »Von mir aus können Sie das Bild zurückhaben. Aber an Ihrer Stelle, wenn ich eine Braut, ein Weib oder ein Töchterchen hätte wie dieses –« er berührte fast ehrfurchtsvoll das Bild – »nun, dann würde ich durch Feuer und Flammen für sie gehen! Fühlen Sie nicht selbst, wie feige Sie sind? Wir haben jetzt unser Glück gemacht – Sie können heimkehren und Ihrem Kind Schätze zu Füßen legen, Juwelen und schöne Kleider und allen Frauentand. Aber Sie werden es nie so weit bringen, wenn Sie sich ständig mit Alkohol betäuben. Dämmen Sie doch wenigstens Ihr Laster ein, bis wir das Unternehmen zu einem guten Ende gebracht haben!«

»Sie kennen meine Tochter nicht,« murmelte Monty. »Wie sollten Sie auch? Auf Geld und Gut würde sie nichts geben, aber es würde ihr das Herz brechen, wenn sie sähe, wie tief ihr alter Vater sank. Es ist zu spät, Trent! Ich werde jetzt einen Schluck genehmigen. Das wird mich erfrischen. Sie sehen doch, wie elend ich mich fühle.«

Mit unsicheren Bewegungen griff er nach der Flasche, und voller Angst, Trent könne sich eines anderen besinnen, führte er sie hastig an die Lippen. Er schluckte verzückt – hielt plötzlich inne. Die Flasche entglitt seinen nervösen Fingern, klirrte zu Boden, und die Flüssigkeit entrann ihr in dünnem Strahl.

Trent stand betroffen auf: Im Eingang stand ein Europäer, allem Anschein nach ein Brite, in Leinenanzug und Tropenhelm.

Es war der Mann, auf den sie gewartet.

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