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Scarlett Trent der Abenteurer

Edward Phillips Oppenheim: Scarlett Trent der Abenteurer - Kapitel 39
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleScarlett Trent der Abenteurer
publisherRijke & Stock Verlagsgesellschaft m.b.H.
yearo.J.
firstpub1927
translatorReinhard Rijke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid5b3d7545
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Achtunddreißigstes Kapitel.
Krisis und Umschwung

Am nächsten Morgen saß Trent ein wenig früher als gewöhnlich in seinem Büro in der City – auf das Schlimmste vorbereitet. In einer knappen halben Stunde würde er vor einer Krisis stehen, wie sie die meisten Finanziers früher oder später einmal im Leben durchmachen müssen. Sein Kredit war nicht unmittelbar in Gefahr, aber das Mißtrauen schien schon erwacht. Die breitere Öffentlichkeit begriff die Lage nicht. Selbst die, die in gewissem Sinne hinter den Kulissen blieben, konnten nicht glauben, daß die Angriffe auf die Aktien der Bekwando-Gesellschaft rein persönlicher Art seien. Denn Da Souza, der seine ansehnliche Aktienmenge auf den Markt geworfen, hatte das Feuer entfacht. Als diese Aktien schnell aufgekauft wurden, war er mit düsteren Anspielungen zwischen den Börsenbesuchern einhergewandelt. Viele kleine Händler folgten daher seinem Beispiel, und doch ging der Kurs nicht wesentlich zurück. Allmählich wurde bekannt, daß Trent der Aufkäufer war. Nun herrschte wieder lebhafte Spannung. Würde der Abrechnungstag von Trent ausbalanciert werden können, ohne daß er selbst einen Teil seines Besitzes abstoßen mußte? Das würde für die Spekulation der schwerste Schlag seit Jahren sein. Und doch – und doch – hörte man es von einem zum andern murmeln: »Bekwandos verkaufen!«

Um zwölf Uhr kam ein Eilbrief von Trents Bankier. Das Schreiben war kurz, aber deutlich:

»... Wir sehen, daß Ihr Konto bei uns heute mit einem Saldo von 119 000 Pfund zu unseren Gunsten abschließt, für den wir als Sicherheit Bekwando-Aktien bis zum Betrage von 150 000 Pfund erhielten. Da wir über deren Wert beunruhigende Nachrichten empfingen, ersuchen wir Sie, Ihr Konto vor Kassenabschluß abzudecken, andernfalls wir uns gezwungen sehen, die Aktien auf den Markt zu werfen ...«

Trent zerriß den Brief in kleine Fetzen. Sein Mut verließ ihn keinen Augenblick. Telegraph und Telephon übermittelten seine Orders nach allen Richtungen. Er empfing jeden Besucher mit einer Zigarre im Munde, heiter und zuversichtlich. Wenige Minuten vor Kassenschluß betrat er ohne besondere Hast das Bankgebäude, und niemand bemerkte die Schweißtropfen auf seiner Stirn. Er schrieb eine Quittung über 119 000 Pfund aus und schob sie mit einem Bündel Banknoten und Schecks dem Kassierer zu, während er gleichzeitig seine Aktien forderte.

Man rief den Direktor. Trent wurde mit besonderer Höflichkeit in dessen Privatbüro geführt. Der Bankgewaltige schien sehr nervös. »Ich fürchte, Sie haben meinen Brief falsch aufgefaßt!« stotterte er.

Noch unter dem Eindruck der Stunden, die er durchgemacht, um das Geld zusammenzubekommen, fiel Trent ihm ins Wort: »Mein Besuch hier ist geschäftlicher Art, Herr Direktor, nicht freundschaftlicher. Ich möchte mein Konto bis zum letzten Pfennig begleichen und meine Aktien mitnehmen. Ich habe bezahlt, was ich schuldig bin.«

Der Direktor ließ aus dem Depot das Aktienpaket bringen. »Wenn ich Sie recht verstanden habe, Herr Trent, so wollen Sie Ihr Konto bei uns aufgeben?«

»Das ist allerdings meine Absicht.«

»Wir würden sehr bedauern, Sie verlieren zu müssen.«

»Das haben Sie sich selbst zuzuschreiben. Sie haben Ihr Äußerstes getan, um mich zu ruinieren – Sie und der Gauner Da Souza, der mir Ihre Bank empfahl. Wenn es Ihnen gelungen wäre, die Aktien heute oder morgen auf den Markt zu werfen, so wissen Sie sehr gut, was die Folgen gewesen wären.«

»Ich versichere Sie, Herr Trent, daß Sie sich im Irrtum befinden. Unser Brief war allerdings ein wenig knapp gehalten. Wollen wir ihn nicht lieber als ungeschrieben betrachten? Wir nehmen dann die Aktien wieder ins Depot, und Sie behalten Ihr Geld.«

»Ich denke nicht daran! Sie sehen mich hier nie wieder.«

Auf diese Weise trotzte Trent allein und mit Aufbietung aller seiner Kräfte vierundzwanzig Stunden lang dem mächtigen Trust der Baisse-Spekulanten, die sich je gegen seine Gesellschaft verschworen hatten; von allen Seiten hatte man ihn bestürmt, um Gewißheit über die Gültigkeit der Forderungen zu erlangen. Er hatte sie alle beruhigt entlassen. Aber als sich der Tag seinem Ende zuneigte und er jeden Pfennig, den er besaß, ausgegeben hatte, schien es ihm fast unmöglich, noch einen Tag länger leben zu können.

Da kam am anderen Morgen eine glänzende Nachricht aus Bekwando. Eine Menge Gold war gefunden worden, bevor man noch einen Schacht gegraben hatte, und ein Sachverständiger telegraphierte ein begeistertes Gutachten. Wer seine Bekwando-Aktien behalten hatte, schwenkte vergnügt das Morgenblatt und schlenderte mit strahlender Miene durch die Börse. Der Kurs der Aktien stieg rapid. Trent wurde nicht mehr belästigt, und die Schwarzseher ernteten Hohn und Spott. Nachmittags, bei Börsenschluß, hatte Trent hunderttausend Pfund verdient, und jeder betrachtete ihn als eine der Stützen des Geldmarktes.

Da erst begann er zu spüren, wie stark die Nervenanspannung gewesen. Sein Blick war fest und heiter geblieben. Überall in der City hatte er sich gezeigt, in sorgfältig gewählter Kleidung. Um seinen Mund lag ein leichtes Lächeln, das seine innerliche Unruhe verbarg. Niemand hatte geahnt, daß er die Nacht in einem kleinen Hotel außerhalb der Stadt verbracht hatte, wohin er abends um neun Uhr noch zu Fuß gepilgert war. Er besaß nicht einen Vertrauten – selbst sein Kassierer wußte nicht, woher die hohen Summen flossen, die Trent nach allen Seiten schleuderte. Aber als alles vorüber war, ließ Trent sich von seinem Wagen nach Hause bringen. Er schloß sich in sein Zimmer ein, zog die Jacke aus und warf sich mit einer großen Zigarre im Mund auf den Diwan.

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