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Scarlett Trent der Abenteurer

Edward Phillips Oppenheim: Scarlett Trent der Abenteurer - Kapitel 34
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleScarlett Trent der Abenteurer
publisherRijke & Stock Verlagsgesellschaft m.b.H.
yearo.J.
firstpub1927
translatorReinhard Rijke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid5b3d7545
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Dreiunddreißigstes Kapitel.
Der einsame Gefangene

Die Lage und Einrichtung der Büroräume Da Souzas waren nicht sehr geeignet, auf zufällige Besucher einen günstigen Eindruck zu machen. Das Kontor lag in der Nebengasse einer sehr unangenehmen Gegend. An der anderen Straßenseite sah man eine schwarze Mauer, und unweit davon befand sich ein Gemüseladen mit einer Kellerdestille.

Trent blickte erstaunt und mit einem gewissen Ekel um sich. Da Souzas einziger Angestellter, ein schäbig gekleideter Jüngling, von kränklicher Gesichtsfarbe und mit dicht zusammenstehenden Augen, war gerade beschäftigt, eine große falsche Brillantnadel am Ärmel seiner Jacke zu putzen. Er unterbrach diese Tätigkeit und starrte verblüfft auf den unerwarteten Gast. Trent kam geradenwegs von Ascot und trug noch seinen Feldstecher am Riemen um die Schulter.

»Ist Herr Da Souza zu Hause?«

»Ich glaube wohl, mein Herr. Wen darf ich melden?«

»Trent – Scarlett Trent.«

Eine Tür öffnete sich, und Da Souza erschien auf der Schwelle. Er grüßte mit einem Lächeln, das alle Zähne sehen ließ. Kampflust sprach aus den kleinen, scharfen Augen, der tiefen Verbeugung, der geheuchelten Unterwürfigkeit.

»Ich bin angenehm überrascht, Herr Trent«, erklärte er. »Willkommen in England! Wann sind Sie gelandet?«

»Gestern.«

»Und Sie kommen gleich von Ihren Triumphen auf der Rennbahn zu mir?«

»Ich komme von Ascot, aber mein Pferd hat verloren, wenn Ihre Anspielung darauf hinausgeht. Ich bin jedoch nicht hier, um mit Ihnen Turffragen zu erörtern. Ich hätte Sie gern unter vier Augen gesprochen.«

»Aber gern!« Da Souza stieß die Tür seines Heiligtums zurück.

Trent warf einen flüchtigen Blick durch das spärlich möblierte Zimmer. Ein staubbedecktes Fenster führte auf die Rückwand einer Bank oder eines anderen öffentlichen Gebäudes. Der Boden war kahl, die Wände mit gelben Karten von Goldminen aus dem westafrikanischen Distrikt bedeckt. Da Souza, tadellos gekleidet, mit glänzenden Schuhen und einer Blume im Knopfloch, war wohl der am wenigsten schäbige Teil in dieser Umgebung.

»Sie wissen sehr gut, weswegen ich komme«, begann Trent ohne Umschweife. »Obwohl Sie sich stellen, als wüßten Sie es nicht. Aber um Zeitverlust zu vermeiden, werde ich es Ihnen sagen: Was haben Sie mit Monty gemacht?«

Da Souza kehrte die inneren Handflächen nach außen und antwortete mit gutgespielter Ungeduld:

»Monty! Immer nur Monty! Was kümmert mich der? Sie sind für ihn verantwortlich, nicht ich!«

Trent wandte sich gelassen ab und verschloß die Tür. Da Souza wollte schreien, aber eine wahnsinnige Angst drückte ihm die Kehle zu. Sein aufgedunsenes Gesicht wurde grau, und die Knie zitterten ihm. Trent ergriff ihn bei der Schulter, und es war dem Portugiesen, als ob er in einen Schraubstock gezwängt werde.

»Wenn Sie rufen, erwürge ich Sie«, knirschte Trent. »Hören Sie: Francis will die ganze Geschichte an die große Glocke hängen, wenn Monty nicht zum Vorschein kommt. Ich werde die Angelegenheit so gut wie möglich in unser aller Interesse regeln; doch darf Monty kein Haar gekrümmt werden. Heraus mit der Sprache! Wo steckt er?«

Da Souzas Züge waren jetzt aschfahl. »Trent,« flüsterte er, »lieber Freund, seien Sie doch vernünftig! Ich sage Ihnen, Monty lebt! Aber auch nicht mehr als das. Sein Leben hängt nur noch an einem seidenen Faden. Überlassen Sie das doch mir! Morgen wird er tot sein – ein sehr natürliches Ende gefunden haben. Zu befürchten ist nichts. Trent! Trent!«

Das letzte endete in einem heiseren Röcheln. Die Hand des anderen lag an seiner Kehle. »Sie Schurke! Bringen Sie mich sofort zu ihm, oder ich erdrossle Sie!«

Da Souza fischte mit einem gemeinen Fluch nach seinem Hut, und zusammen verließen die beiden das Büro.

*

»Da! Schon wieder!«

Die beiden Frauen warteten in atemloser Spannung. Diesmal war kein Irrtum möglich: Aus dem Zimmer über ihnen drang schwaches Schluchzen.

Julie warf ihr Buch hin und sprang auf. »Es ist nicht zum Aushalten, Mutter! Ich weiß, wo der Schlüssel ist. Ich werde nachsehen gehen.«

Frau Rahels üppige Gestalt erzitterte. »Laß es doch, liebes Kind! Vater könnte es erfahren, und dann – – Oh, mir ahnt das Schlimmste!«

»Du brauchst nichts zu befürchten, Mutter! Ich gehe!«

Die Mutter holte ein großes Taschentuch hervor, das stark nach Parfüm roch, und trocknete sich die Augen. Als sie wieder aufblickte, war Julie verschwunden.

Das junge Mädchen ertappte sich bei einer ungewöhnlichen Scheu, als es die Treppe hinaufging, den Schlüssel zu dem verschlossenen Zimmer in der Hand. Obwohl Julies Verhältnis zum Vater nicht, wie bei ihrer Mutter, das einer sklavischen Unterwürfigkeit war, erinnerte sie sich sehr gut seines strengen Verbots, jenen Raum trotz allen Rufens und Flehens seines Bewohners nicht zu betreten. Tagelang hatten sie nun das herzerweichende Jammern, die verzweifelten Schreie des Gefangenen anhören müssen – länger konnte sie es nicht mehr ertragen. Ihr weiches Gemüt war von Anfang an von dem Aussehen des alten Mannes, als er, schwer auf den Arm ihres Vaters gelehnt, das Haus betreten hatte, gerührt gewesen. Jetzt war sie entschlossen, sich Gewißheit zu verschaffen, ob die Absonderung seinem eigenen Wunsch entsprach. So stieg sie denn beherzt die Treppe hinauf und stieß die Tür zurück.

Als sie den Insassen erblickte, der sich bei ihrem Eintritt mühevoll aufraffte, war ihr erster Impuls, sofort umzukehren – denn Monty bot in seinem verfallenen Äußeren alles andere als eine Augenweide. Das Zimmer war von Alkoholbrodem erfüllt, Monty selber ungewaschen und unrasiert. Mit blutunterlaufenen Augen lag er halb über dem Tisch in der Haltung eines sinnlos Trunkenen. Bei diesem Anblick schwand Julies Mitleid. Also war das Schluchzen, das sie gehört, nur das lallende Gejammer eines Saufbolds gewesen! Aber er war so alt, und in der kindlichen Angst, mit der er sie anglotzte, lag etwas, das sie auf die Schwelle bannte.

Da er schwieg, begann sie: »Wir hörten Sie sprechen und fürchteten, Sie seien erkrankt.«

»So!« brummte er. »Führt Sie sonst nichts her? Ist keiner bei Ihnen – niemand, der mich holen will?«

»Außer meiner Mutter ist niemand im Hause!« beschwichtigte sie.

Er holte tief Atem und brach in ein Wimmern aus. Nach einer Weile raunte er stockend: »Wenn ich hier stundenlang einsam sitze, komme ich auf alle möglichen Gedanken. Noch vor kurzem vermeinte ich, die Stimme des Missionars Price zu hören. Er fragte mich nach der Geldkassettte – der Holzkassette mit dem Kreuz auf dem Deckel. Sonderbar, wie?«

Er lächelte geistesabwesend. Seine Knochenfinger tasteten nach dem Glas neben ihm.

Julie schüttelte lächelnd den Kopf und trat näher. Sie fürchtete ihn nicht mehr. »An Ihrer Stelle würde ich nicht mehr trinken. Es ist nicht gut für Sie.«

»Gut?« antwortete er langsam. »Es ist Gift – reines Gift!«

»Das beste wäre es, wenn Sie den Alkohol stehenließen und ein wenig spazierengingen.«

Er schüttelte den Kopf. »Das riskiere ich nicht! Man sucht mich. Ich muß mich verstecken – immer verstecken!«

»Wer sucht Sie?«

»Herr Price und seine Frau. Sie sind mir nachgereist.«

»Weshalb denn?«

»Wissen Sie denn nicht, daß ich ein Dieb bin?«

»Nein – das tut mir aber leid. – Wollen Sie mir nicht die Sache näher erklären? War es etwas sehr Schlimmes?«

»Ich weiß es nicht. Es ist so schwer, sich aller Einzelheiten zu entsinnen. Es war ungefähr folgendermaßen: Ich scheine schon sehr lange gelebt zu haben; und wenn ich alles zurückdenke, kann ich mich wohl an das erinnern, was in früherer Zeit geschah. Aber dann kommt plötzlich eine Lücke. Alles verwischt sich, und ich bekomme heftige Kopfschmerzen, wenn ich mein Gedächtnis anstrenge.«

»Quälen Sie sich nicht!« mahnte sie freundlich. »Ich werde Ihnen ein wenig vorlesen, wenn Sie wollen, und Sie bleiben schön ruhig und still sitzen.«

Er schien das zu überhören und hub wieder an: »Ich hatte vor meinem Tode nur noch einen Wunsch: Ich wollte meine kleine Tochter, die jetzt erwachsen ist, noch einmal wiedersehen. Immer aber war der Ozean zwischen uns, und Onkel Sam kam jeden Tag mit dem verfluchten Rum. Dann tauchte Trent eines Tages auf und sprach von Geld, von England. Als er wieder fortging, blieben die Worte in meinen Ohren, und nachts drangen über das Meer hinweg Rufe zu mir. Das große Schiff lag im Hafen, und der Rauch stieg aus den Schornsteinen. Da wurde ich wahnsinnig. Sie rief mich von der anderen Seite des Meeres – und ich stahl das Geld, verließ heimlich das Haus.«

Julie streichelte die zitternde Greisenhand. Ihre Augen schwammen in Tränen. »Also Ihre Tochter wollten Sie gern noch einmal sehen?«

»Ja – meine kleine Irene. Ich hörte sie rufen mit der Stimme ihrer Mutter. Darum nahm ich das Geld.«

»Deswegen wird Sie niemand tadeln! Sie machen sich nur unnötige Sorgen. Ich werde mit meinem Vater sprechen. Er wird Ihnen schon helfen.«

Monty hob die Hand. »Er verbirgt mich. Von ihm erfuhr ich erst, daß man mich sucht. Mir selbst macht es nicht viel aus, aber sie könnte es erfahren, und ich habe schon Schande genug über sie gebracht. – Hören Sie!«

Auf der Treppe klangen Schritte. In jäher Angst klammerte sich der Alte an Julie. »Sie kommen!« ächzte er. »Verstecken Sie mich – ich beschwöre Sie, verstecken Sie mich!«

Aber sie war ebenso bestürzt wie er; denn sie hatte die Tritte ihres Vaters erkannt. Die Tür ging auf. Auf der Schwelle erschien Da Souza, dicht hinter ihm Scarlett Trent.

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