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Scarlett Trent der Abenteurer

Edward Phillips Oppenheim: Scarlett Trent der Abenteurer - Kapitel 31
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleScarlett Trent der Abenteurer
publisherRijke & Stock Verlagsgesellschaft m.b.H.
yearo.J.
firstpub1927
translatorReinhard Rijke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid5b3d7545
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Dreißigstes Kapitel.
Dialog auf der Rennbahn

»Du siehst ja heute so elegant aus, Irene!« bemerkte Cecil Davenant mit bewunderndem Blick.

»Man muß in Ascot schon elegant aussehen. Sonst soll man lieber fortbleiben.«

»Was glaubst du wohl, wer hier ist?«

»Alle Welt, sollte man annehmen.«

»Zum Beispiel auch Scarlett Trent.«

Sie erblaßte leicht und lehnte sich gegen die Balustrade der Rennbahn. »Ich glaubte, die ›Olympia‹ würde erst heute erwartet.«

»Das Schiff legte heute nacht in Plymouth an. Trent hat einen Extrazug gemietet. Er läßt hier einige Pferde laufen.«

»Er wird wahrscheinlich jetzt noch mehr als früher der Held des Tages sein.«

»Sicherlich. Übrigens – hast du nichts mehr von Fred gehört?«

Sie schüttelte ungeduldig den hübschen Kopf. »Nichts als Loblieder über Trent, der nach Freds Meinung ein Heros ist.«

»Ich hasse ihn!« brach es aus Davenant hervor.

»Ich auch!« bestätigte sie leise. »Aber dort ist er.«

»Ja – und in bester Gesellschaft.«

Eine kleine Zuschauergruppe, vor der jeder ehrfurchtsvoll zur Seite wich, schritt über den grünen Rasen den Pferden zu. Unter ihr sah man Mitglieder des königlichen Hauses und Scarlett Trent; aber als dieser die Mädchengestalt im weißen Sportkostüm erblickte, vergaß er jede Etikette und alles um sich her.

Er kam geradeswegs auf sie zu, ergriff ihre behandschuhte Rechte. »Wie ich mich freue, Sie so schnell wiederzusehen!« strahlte er. »Erst seit ein paar Stunden bin ich wieder auf englischem Boden.«

Sie zauderte mit ihrer Erwiderung und musterte ihn inzwischen genau. Sein Gesicht war gebräunter, als sie es je bei einem Briten gesehen. Aber eine eigenartige Stärke lag in seinen Zügen, die durch die erlittenen Entbehrungen mehr verfeinert als vergröbert zu sein schienen. Seine Hand war hart wie Stahl, und nicht ohne Widerwillen ward sie gezwungen, seine tadellose Kleidung und seine lässigen Manieren anzuerkennen. Er mußte mit merkwürdigem Anpassungsvermögen begabt sein.

»Sie sind berühmt geworden«, meinte sie endlich. »Wissen Sie wohl, daß sie im Begriff stehen, der gefeiertste Mann Londons zu werden?«

»Ach, die Zeitungen haben natürlich wieder einen Haufen Unsinn verzapft«, wehrte er ab. »Ich habe es allerdings nicht leicht gehabt und bin froh, Ihnen sagen zu können, daß ich es ohne Ihren Neffen Fred nicht soweit gebracht hätte. Er ist der tüchtigste Kerl, dem ich je begegnete.«

»Das freut mich zu hören. Er ist ein lieber Junge.«

»Er ist ein Held. Wir haben mancherlei Fährnisse durchgemacht, und er hat mir eine Menge zu bestellen aufgegeben – – Aber sind Sie allein hier?«

»Augenblicklich ja. Mein Vetter Cecil entfernte sich gerade, als Sie kamen. Ich bin mit meiner Kusine Lady Tresham hier. Sie weilt drüben auf der Rennbahn.«

Trent sah sich um und richtete dann seinen Blick wieder auf Irene. »Begleiten Sie mich ein Stückchen!« bat er. »Ich möchte Ihnen Iris zeigen, bevor sie zum Start kantert.«

Er zeigte nach einem Plakat. Es war Zufall, daß sie es noch nicht bemerkt hatte: Iris aus dem Stalle Trent befand sich unter den Mitbewerbern um den »Goldenen Becher«.

»Halten Sie Ihr Pferd für chancenvoll?«

Er nickte. »Man sagt es. Für einen Anfänger hatte ich ziemliches Glück. Ich habe einen vortrefflichen Trainer gefunden. Wenn Sie Lust haben, eine Wette auf Iris anzulegen, so können Sie es ruhig wagen, obwohl keine hohe Quote winkt.«

Sie schritten nach einem stilleren Teil des Feldes. »Ich hörte, daß Sie im Seebad waren«, fuhr er fort. »Es scheint Ihnen gut bekommen zu sein. Sie sehen vorzüglich aus.«

Sie wollte seinen Blick mit zusammengezogenen Brauen beantworten, um ihm hierdurch wie auch durch ihr Schweigen zu verstehen zu geben, daß seine Bemerkung einigermaßen dreist war. Er jedoch schien ihre Mißstimmung nicht zu fühlen, denn er war eifrig beschäftigt, die Grüße Vorübergehender zu erwidern. Sie biß sich auf die Lippen und sah vor sich hin.

»Eigentlich halte ich es – wenn Sie es nicht durchaus wünschen – für besser, den Besuch bei Iris aufzugeben«, bemerkte Trent. »Es stehen schon zu viele Leute herum.«

»Wie Sie wollen. Nur wird es einen sonderbaren Eindruck machen, daß Sie vor dem Rennen Ihr Pferd nicht aufsuchen. Wollen Sie nicht allein hingehen?«

»Ich denke nicht daran. Ich werde nachher das Tier noch oft genug zu Gesicht bekommen. Lieben Sie Pferde?«

»Sehr.«

»Gehen Sie öfters zum Rennen?«

»Sooft sich mir Gelegenheit bietet. Zu den Rennen in Ascot komme ich immer.«

»Es ist ein interessantes Bild. Sind Sie nur zu Ihrem Vergnügen hier oder müssen Sie auch darüber schreiben?«

Sie lachte. »Ich muß einige Toiletten schildern. Meinen Bericht über die Rennen selbst würde wohl niemand lesen – fürchte ich.«

»Ich hoffe, daß Sie Ihre eigene Toilette nicht vergessen werden! Denn sie ist eine der schönsten.«

Sie wußte nicht, ob sie sich geschmeichelt oder beleidigt fühlen sollte. »Sie sind sehr gütig in Ihrem Urteil, Herr Trent.«

»Sie erwarten doch hoffentlich nicht von mir, daß ich jetzt schon alle guten Manieren beherrsche?« fragte er trocken.

»Sie haben sich bereits sehr viel angeeignet – und mit einer außergewöhnlichen Leichtigkeit. Warum also auch nicht Manieren?«

Er zuckte die Achseln. »Mit der Zeit wird es ja kommen. Aber es wird noch mancher Feilungen bedürfen; ich frage mich nur ...«

»Was?«

»Ob es jemand der Mühe wert finden würde, diese Aufgabe auf sich zu nehmen.«

Sie hob die Augen und sah ihm voll ins Gesicht. Sie wußte genau, was sie in ihren Blick legen wollte – und es mißlang ihr vollkommen. Es lohte ein Feuer und eine Kraft aus den klaren grauen Augen, so fest auf sie gerichtet, daß es sie verwirrte. Sie war unzufrieden mit sich und fühlte sich unbehaglich.

»Sie sind in der Lage, sich alles, was sie begehren, kaufen zu können«, sagte sie kühl. »Mir fiel eben ein, wie traurig es doch ist, daß Ihr Kompagnon nicht mehr lebt, da er doch am Anfang die Mühen mit Ihnen teilte. Es erscheint mir hart und ungerecht, daß er nun den Erfolg nicht mehr erleben durfte.«

Trent zeigte keine Bestürzung, wie sie erwartet und worauf sie aufmerksam geachtet hatte. Nur wurde seine Miene ernster. »Wie sonderbar, daß sie jetzt von meinem Kompagnon sprechen. Ich habe mich in letzter Zeit oft mit ihm beschäftigen müssen.«

»In welcher Hinsicht?«

»Nun – erstens bin ich nicht überzeugt, daß unser gegenseitiger Vertrag korrekt war. Er hat eine Tochter – ich erzählte Ihnen bereits davon – und ich möchte mich so gern persönlich mit ihr in Verbindung setzen. Meiner Ansicht nach hat sie gewisse Ansprüche. Ich wünschte, sie würde sie geltend machen.«

»Haben Sie nochmals versucht, sie zu finden?«

Er sah sie einen Augenblick starr an, aber sie hielt den Schirm gesenkt, so daß er ihr Gesicht nicht ergründen konnte. »Ja, das habe ich«, bestätigte er langsam. »Und mir widerfuhr dieselbe herbe Enttäuschung. Sie weiß, daß ich nach ihr fahnde, und sie will und will nicht entdeckt werden.«

»Wie merkwürdig!« Irenes Augen blieben auf die fernen Surreyhügel gerichtet. »Wissen Sie jetzt den Grund dieses Verhaltens?«

»Ich fürchte, daß es dafür nur einen Grund gibt. Es ist traurig, etwas Derartiges von einer Frau annehmen zu müssen, und ich würde mich freuen ...« Er zögerte. Sie hielt den Blick immer noch abgewandt, aber ihre Haltung verriet Ungeduld. »Es scheint, daß Monty aus den ersten Kreisen Londons stammt. Jedenfalls war er sehr angesehen. Er machte Dummheiten – und natürlich gab man ihm keine Gelegenheit, ein neues Leben zu beginnen. Das tun die vornehmen Sippen nie. Ich muß gestehen, daß er ziemlich tief gesunken war, als ich ihn kennenlernte. Aber meiner Ansicht nach war es die Schuld seiner Verwandten, die ihn dorthin schickten – und auch damals hatte er noch seine guten Seiten. Ich möchte Ihnen etwas erzählen, gnädiges Fräulein, was ich Ihnen schon längst sagen wollte – falls es Sie interessiert.«

Schon während seiner Rede hatte sie sich gefragt, wieviel er wohl wissen mochte. Sie bedeutete ihm durch ein Zeichen, daß er fortfahren möge.

»Monty besaß nur wenig an irdischem Gut, das sich der Mühe des Aufhebens verlohnte. Aber etwas gab es, wovon er sich nie trennte, das er immer bei sich trug. Ein Bild seines Töchterchens aus der Zeit seines Unglücks.«

Trent bückte sich ein wenig, als wenn er nach der Rennbahn sehen wollte, aber Irene war auf der Hut. Ihr Antlitz blieb hinter einer Wolke weißer Spitzen verborgen.

»Es ist eine sonderbare Geschichte mit diesem Porträt. Ich bekam es ein- oder zweimal zu sehen und gewann es ebenfalls lieb. Es zeigte nur ein kleines Mädchen mit aufgeweckten und sympathischen Zügen. Wir waren beide einsam – und allmählich wurde es uns beiden wert. Eines Abends wollte Monty pokern – das Spiel war eine Leidenschaft des armen Burschen – aber er besaß nichts mehr als die Photographie. Wir spielten darum – und ich gewann.«

»Wie herzlos!« murmelte sie mit ersticktem Ton.

»Den Eindruck macht es. Aber ich wollte das Bildnis so gern besitzen. Dann folgte unser fürchterlicher Rückmarsch nach der Küste, bei dem ich Monty Tag für Tag auf dem Rücken trug und nachts Wache hielt, um uns die schwarze Bande vom Leibe zu halten – denn sie saßen uns fortwährend auf den Fersen. Ich möchte Ihnen nicht die ganze Furchtbarkeit jener Stunden schildern, gnädiges Fräulein, denn das würde Ihnen den Schlaf rauben. Ich möchte Ihnen nur noch dieses sagen, und es ist die Wahrheit: Ich habe ihn nicht verlassen, bevor ich wirklich überzeugt war, daß er im Sterben lag. Er verlor das Bewußtsein, und ein Trupp der Wilden war dicht hinter uns. Daher verließ ich ihn und nahm das Bild mit mir – ich glaube, es ist mir seitdem ebenso teuer geworden wie ihm.«

»Das klingt wohl ein wenig übertrieben.«

»Später einmal werde ich wieder mit Ihnen darüber sprechen. Dann werde ich versuchen, Sie zu überzeugen, daß es sich in der Tat so verhält.«

Er konnte ihr Gesicht immer noch nicht sehen, ahnte aber unbewußt, daß sie einen Teil ihrer Selbstbeherrschung verloren haben mußte.

»Sie haben mir noch nicht erzählt«, bemerkte sie nach einer Weile, »wie sie sich den Wunsch der Dame, unerkannt zu bleiben, erklären.«

»Ich kann nur vermuten, daß sie sich ihres Vaters schämt und niemand kennenlernen will, der ihm während der Zeit seines Niedergangs nahestand. Eine sehr engherzige und ungerechte Auffassung. Wenn ich nur zehn Minuten mit ihr sprechen und ihr erzählen könnte, wie ihr armer Vater immer von ihr träumte, ihr Bild küßte – ich glaube bestimmt, ihr Verhalten würde ihr leid tun.«

»Vielleicht suchen Sie dann noch nach einem anderen Grund«, antwortete sie, den Blick noch immer abgewandt. »Sie sagen, daß Ihnen das Bild liebgeworden ist; versuchen Sie doch dann, ihr gegenüber in Gedanken großmütig zu sein!«

»Das werde ich. Vor allem – –«

»Nun?«

»Vor allem, weil das Bild mich manchmal an – Sie erinnert!«

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