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Scarlett Trent der Abenteurer

Edward Phillips Oppenheim: Scarlett Trent der Abenteurer - Kapitel 29
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleScarlett Trent der Abenteurer
publisherRijke & Stock Verlagsgesellschaft m.b.H.
yearo.J.
firstpub1927
translatorReinhard Rijke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid5b3d7545
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Achtundzwanzigstes Kapitel.
Ein Brief für Irene

»Liebe Tante Irene!

Endlich finde ich wieder mal Zeit und Gelegenheit zu einem ausführlichen Brief – und diesmal wirst Du Dich nicht darüber beklagen können, daß Du keine Neuigkeiten erführest. Ich habe erstaunliches Glück gehabt, und das nur, weil Cathcart ein Tagedieb und ein Esel war. Welch ein Zufall, daß Cecil mir schreiben mußte, ich solle soviel wie möglich über Scarlett Trent in Erfahrung zu bringen suchen und Euch darüber berichten! Stellt Euch vor: Er sitzt dicht neben mir, und solange ich hier bin, war ich fast dauernd in seiner Gesellschaft. Aber ich will versuchen, von vorn zu erzählen.

Du weißt, daß Cathcart hier bei der Bekwando-Gesellschaft die Stellung als Landmesser und Ingenieur bekam. Er spielte gleichzeitig den Chef. Man sandte mich von Kapstadt als seinen Assistenten her, was für mich eine hübsche Beförderung bedeutete. Cathcart war ein träger Bursche und faulenzte am liebsten den ganzen Tag. Ich glaube, er hat den Posten auch bloß bekommen, weil sein Onkel Großaktionär der Gesellschaft ist. Die ganze Zeit über, da wir hier zusammen waren, hat er immer über die schönen Vergnügungen gejammert, die er fern von London versäume, und über die elende Umgebung hier, so daß es mir schon über wurde.

Hätte ich hier nicht öfters auf Jagd gehen können und einige nette Bekannte im Fort gehabt, so würde ich mich recht unglücklich gefühlt haben. Anfangs blühte mir in Attra durchaus kein angenehmes Leben. Niemand schien die Bekwando-Gesellschaft so richtig zu kennen, und das Landesinnere war wüst und bedrohlich. Schließlich zogen wir doch los – Cathcart fluchend von Anbeginn. Wir hatten nicht genügend Hilfskräfte, verfügten nur über mangelhaftes und spärliches Material – und die weltverlorene Gegend zwischen Bekwando und der Küste schien fürchterlich. Cathcart sandte trostlose Berichte nach London, und wir taten fast nichts mehr, bis Er kam. Du siehst, daß ich das Wort mit einem großen Anfangsbuchstaben geschrieben habe, und ich versichere Dir, er verdient es auch. Das Komische dabei ist, daß er Dich kennt, und er war die ganze Zeit über sehr nett zu mir.

Noch nicht vierundzwanzig Stunden war er an Land, als er schon eine Expedition unternahm, von der er nach einigen Wochen zurückkehrte. Als er Cathcart wegen seiner Lässigkeit zur Rede stellte, wurde der frech und machte Trent zum Vorwurf, er habe die Gesellschaft unter falschen Voraussetzungen gegründet, die ganze Sache sei Schwindel, und der Weg könne nimmermehr gebaut werden. Trent bedachte sich nicht lange, sagte ihm gehörig Bescheid und warf ihn hinaus, wobei er schwur, die Straßenanlage selber ins Werk setzen zu wollen. Ich durfte bleiben, und wir sind seitdem gute Freunde geworden.

Nie wieder werde ich wohl soviel des Interessanten erleben wie seit den Tagen meiner Bekanntschaft mit ihm. Höre und staune! Die Straße ist beinahe fertig! Wenn ich sehe, was wir erreicht haben, vermag ich es kaum zu glauben. Ich wünschte nur, einer von den großen Herren, die nie die Nase aus ihren Büros herausstecken, sähe unsere Fortschritte. Ich weiß, der Abschied von hier wird mir recht schwer fallen.

Du kannst Dir nicht denken, wie viele Abenteuer wir hier schon bestehen mußten, von den Kämpfen mit den Eingeborenen ganz abgesehen. Uns fehlte es fast an allen Werkzeugen, und mit den Menschenkräften haperte es ebenfalls. Anfangs konnten wir beinahe keine Helfer bekommen, aber Trent wußte sie doch heranzuziehen – Neger, Zulus und verkommene Europäer, alles, was nur eine Haue oder Schaufel festhalten konnte. Jeden Tag kamen mehr dazu, und so haben wir uns quer durch das Land hindurch einen Weg gebahnt. Ich glaube auch ziemlich mit zum Gelingen beigetragen zu haben; denn ich war der einzige, der von Vermessung und Ingenieurarbeit eine Ahnung hatte, und ich setzte manche schlaflose Nacht daran, um die Bauzeichnungen und Berechnungen auszuführen.

Am ersten Sonntag wollte ein Missionar bei uns predigen, aber Trent wehrte ihm. ›Wir müssen hier arbeiten,‹ sagte er, ›ob es Sonntag ist oder nicht. Ich darf meine Leute nicht in den kühlen Stunden des Tages ruhen lassen, damit sie Ihnen zuhören können. Wenn Sie predigen wollen, so nehmen Sie eine Hacke und predigen Sie während der Arbeit!‹ Und das tat er und schanzte sogar sehr tüchtig. Später, während der Mittagspause, hielt er eine Ansprache, und Trent stellte sich vor das Pult und ließ alle Leute zum Gottesdienst antreten!

Als wir mehr ins Innere vordrangen, bekamen wir es mit den Wilden zu tun, und das wird auch mit der Grund sein, weshalb Cathcart solch Miesepeter war – dieser Hasenfuß, der, wie er mir bänglich erzählte, noch nie einen Revolver abgeschossen hat! Nun, eines Nachts wollte man uns überfallen; aber Trent war auf dem Posten, und wir haben den schwarzen Brüdern eine gehörige Lektion erteilt. Es waren große, wüste Kerle mit vergifteten Speeren. Und nun mein eigenes Abenteuer. Du wirst ja staunen, wenn Du es liest.

Ich wurde von einem dunkelhäutigen Koloß niedergeschlagen und huckepack ins Stammesdorf geschleppt, wo ein anderer, halb Scharfrichter, halb Hoherpriester, messerschwingend und mit lauter Litanei um mich herumsprang. Da lag ich nun, ungefähr um die Stunde, da Du morgens Dein Frühstück nimmst, wie ein Opferlamm gebunden auf dem freien Dorfplatz. Die ganze wilde Horde umringte mich, fletschte die Zähne und stammelte unverständliche Worte. Die Situation war alles andere als angenehm. Man schien gerade entschlossen, mir den Garaus zu machen, als Trent auftauchte – mutterseelenallein – und stolz. Er war seinen Begleitern eine ganze Strecke voraus, da er fürchtete, daß die Wilden Schlimmes mit mir vorhätten. Da stand er nun, wie ein Held, nur einen Revolver in der Hand, ungefähr hundert Feinden gegenüber, und was in den nächsten fünf Minuten geschah, läßt sich unmöglich schildern. Trent schoß den Medizinbonzen nieder, der auch ihn mit dem Messer bedrohte, und schnitt dann meine Fesseln durch. Man wollte uns anfallen, und ich hielt uns schon für verloren, als endlich Trents zurückgebliebene Begleitmannschaft anrückte, worauf die Wilden klein beigaben.

Trent legte des Priesters schmutzige Götzenbilderhütte in Asche, ohne daß die lärmenden Eingeborenen ihn zurückzuhalten wagten. Und was glaubst Du, was Trent nun tat? Vom König bis zum letzten Nigger setzte er sie alle an die Arbeit! Sie betrachteten ihn als ihren Besieger und folgten ihm wie die Schafe, als er sie anranzte. Sie meinen, sie seien jetzt Sklaven, und begreifen nicht, warum sie bezahlt werden; denn jeder bekommt seinen Wochenlohn. Ach, Tante Irene, Du müßtest den königlichen Fettwanst einmal mit der Hacke hantieren sehen! Er ist so dick wie eine Tonne, dabei erbärmlich ungeschickt und insgeheim widerspenstig; aber da er Trent fürchtet, versteigt er sich nicht zu offenem Ungehorsam; und nun quält er sich stundenlang mit Seufzen und Stöhnen und schwitzt wie im türkischen Dampfbad.

Über viele Seiten hin könnte ich Dir noch stundenlang sonderbare Begebenheiten erzählen, aber ich muß schließen; denn bald wird die Post abgeholt werden, damit sie rechtzeitig aufs Schiff kommt. Es ist hier einfach wunderbar. Trent hat mir Cathcarts Posten gegeben. Ich erhalte fünfhundert Pfund im Jahre, und er will dafür sorgen, daß ich eine Extrazulage bekomme. Ich hoffe auch, daß die Gesellschaft ein großer Erfolg sein wird. Zahlreiche Bergwerksmaschinen sind eingetroffen, die auf ihren Weitertransport warten, sobald der Weg es gestattet; und von allen Seiten strömt eine Masse Volks herbei, das bei uns arbeiten will. Ich bin neugierig, was Cathcart sagt, wenn er erfährt, daß die Straße so gut wie vollendet ist und ich jetzt seine Stellung einnehme ...

Der Bote, der den Brief mitnehmen soll, steht neben mir. Auf Wiedersehen, liebe Tante! Recht viele Grüße von

Deinem Fred.

P. S. Trent ist ein Held!«

Langsam las Irene den Brief – Zeile für Zeile und Wort für Wort. Verschiedentlich schon hatte sie von der erstaunlichen Energie gehört, die der frischgebackene Millionär an die Bewältigung seiner Riesenaufgabe wandte. Seine kurzgefaßten Berichte, die ihren Weg in die Presse gefunden hatten, und nun auch Freds Brief machten ihn in ihren Augen zu einem Cäsar. An diesem Abend fiel es ihr schwer, sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Immer wieder ertappte sie sich dabei, daß ihre Gedanken abschweiften – über den Ozean hin zu einer tropischen Gegend, wo ein sonderbarer Wirrwarr von Arbeitern aller möglichen Rassen mit Graben und Karren unter der brennenden Sonne beschäftigt war. Bisweilen auch schien es ihr, als ob sie eines Mannes Blick über das Meer hinweg auf sich geheftet sähe, wenn er sich einen Augenblick aufrichtete und von seinen Mühen ruhte. Fred lag ihr gewiß am Herzen – doch das Antlitz, das sie erblickte, war nicht das ihres Neffen.

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