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Scarlett Trent der Abenteurer

Edward Phillips Oppenheim: Scarlett Trent der Abenteurer - Kapitel 28
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleScarlett Trent der Abenteurer
publisherRijke & Stock Verlagsgesellschaft m.b.H.
yearo.J.
firstpub1927
translatorReinhard Rijke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid5b3d7545
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Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Götzendämmerung in Bekwando

Der Angriff mißglückte völlig; in zehn Minuten war das ganze Gefecht vorüber. Reichlich hundert Jahre vorher war den Bekwandonegern, die damals keine Kleider trugen und noch kein anderes Getränk als Palmwein kannten, große Tapferkeit eigen gewesen. Aber die Zivilisation, die sich inzwischen bis zu ihren Grenzen erstreckte, hatte Onkel Sam nach Gold und Elfenbein hungrig gemacht, und er führte Rum und Branntwein ein. Damit verringerte sich das Widerstandsvermögen der Wilden, und ihre Muskeln erschlafften. Als sie mit abscheulichem Kreischen, die Lanzen gefällt, aus dem hohen Gras aufsprangen, von den verhaßten Eindringlingen mit ohrenbetäubendem Gewehrknattern und Revolverfeuer empfangen, schwand ihr Mut wie Schnee an der Sonne. Sie stockten unschlüssig, und der Kugelregen verwüstete ihre Reihen. Nur ungefähr ein Dutzend noch kämpfte Mann gegen Mann; die übrigen flohen mit Verzweiflungsgeheul ins Dickicht zurück, und keiner von ihnen wagte es, je wieder sich gegen die mächtigen Weißen aufzulehnen.

Trent befand sich eine Zeitlang in gefährlicher Bedrängnis. Ein riesenhafter Neger, der ihn im Licht der Flammen erkannt, war mit gezücktem Speer auf ihn zugesprungen, von anderen Angreifern gefolgt. Der erste Schwarze entging Trents Kugel und krallte ihm nach der Kehle; aber im selben Augenblick schoß Davenant ihn durch die Schläfe – seitlings fiel er in die aufsprühende Glut des Lagerfeuers, und sein Todesschrei übergellte den Lärm des Gefechts. Ein anderer, der ihm dicht auf den Fersen war, wurde von Trent niedergeknallt; aber der dritte hielt ihn gepackt, bevor er seinen Revolver aufs neue abdrücken konnte. Die beiden Ringenden rollten in erbitterter Umschlingung über den Boden. Auf Trents Schädel sauste ein Hieb herab, dessen Narbe nie ganz verschwinden sollte – und zum zweitenmal sah er die Keule zum tödlichen Schlag erhoben. Aber schon hatte er sich freigemacht, sprang auf und schmetterte den abgeschossenen Revolver mit voller Wucht in des Negers Gesicht; und während er selbst dabei beinahe das Gleichgewicht verlor, jagte ein Soldat hinter ihm dem halbbetäubten Schwarzen eine Kugel durchs Herz.

Trent sah ihn fallen und brach nun selbst ohnmächtig zusammen.

Als er die Augen wieder aufschlug, stand schon die Sonne leuchtend am Himmel, und die Lagerbewohner hatten sich zerstreut, um die Leichen der Wilden zu sammeln.

»Ist jemand verwundet?« fragte Trent den Negerjungen, der ihm das verlangte Wasser brachte.

Der Junge grinste. »Viele Wilde tot. Aber kein Weißer und keiner von unseren Negern.«

»Wo ist Herr Davenant?«

Der Junge sah um sich. »Nicht sehen. Er gut kämpfen. Sein nicht verwundet.«

Voll beklemmender Angst erhob sich Trent. Davenant wäre sicherlich bei ihm gewesen, wenn er nicht verwundet war. Vergeblich durchsuchte er das Lager. Endlich glaubte sich einer der Neger zu entsinnen, daß ein großer Wilder mit einer Gestalt auf dem Rücken weggerannt sei. Er hatte geglaubt, es sei einer von den feindlichen Verwundeten – aber vielleicht war es auch der junge Ingenieur ...

Trent erkannte sofort die wahre Sachlage, und ein Gefühl der Verzweiflung bemächtigte sich seiner. Man hatte Davenant gefangengenommen! Trotzdem wahrte er seine Selbstbeherrschung. Vorerst noch erteilte er Anordnungen für die an diesem Tag auszuführenden Arbeiten, dann rief er Freiwillige vor, die ihn nach dem Dorf begleiten sollten. Es herrschte keine allzu stürmische Bereitwilligkeit. Vom Laufgraben aus einen Feind zurückwerfen, der weder über Deckung noch über Feuerwaffen verfügte, war etwas ganz anderes, als ihn nun in seinem eigenen Schlupfbau aufsuchen. Doch fanden sich ungefähr zwanzig Mann geneigt, darunter auch ein des Weges Kundiger.

Gleich nach der Morgenmahlzeit brach man auf und bahnte sich fünf Stunden lang mühselig einen Pfad durch Unterholz und Gestrüpp. Gegen Mittag schon blieben etliche Schlappe erschöpft zurück. Ein paar Stunden später wankte eine Schar Todmatter hinter Trent und dem Führer her. Aber Trent blieb unerbittlich für ihr Flehen nach Rast und Ruhe. Denn jede Minute der Verzögerung konnte entscheidend für Davenants Leben sein. Vielleicht hatten die schwarzen Bestien in diesem Augenblick mit der Folterung begonnen. Der Gedanke allein entfachte in ihm neue, wilde Kraft. Er eilte mit weitausgreifenden Schritten voran, die bald einen immer größeren Abstand zwischen ihn und die anderen brachten.

Nach und nach war der Steig besser erkennbar, und das Gehen wurde minder beschwerlich. Der feuchte Hitzebrodem freilich lastete immer unerträglicher. In Strömen rann Trent der Schweiß von der Stirn. Aber das kümmerte ihn nicht, denn jeder Schritt brachte ihn seinem Ziel näher. Schon vernahm er durch die Stille den Schall von Messinginstrumenten und das unheimliche Gewinsel der Leichenklagen.

Behutsam schlich er weiter, bis nur noch eine dichte Gebüschwand ihn vom Dorfe trennte. Durch die Zweige spähend, sah er etwas, was sein Blut in den Adern erstarren ließ: An Händen und Füßen gefesselt, lag Davenant in einem Kreis phantastisch geputzter Krieger; aber, soweit Trent feststellen konnte, unverletzt. Sein bleiches Gesicht war in Trents Richtung gewandt, mit zusammengepreßten Lippen und furchtlosem Blick. Laut singend umtanzte ihn ein Messerschwinger. Der König wälzte sich neben einer leeren Flasche sinnlos trunken vor seiner Hütte.

Je länger Trent die Szene vor sich betrachtete, um so höher stieg sein Zorn. Seine Leute waren noch weitab. Wer konnte sagen, wie lange es noch dauerte, daß man Davenant unbehelligt ließ? Trent tastete nach seinem Revolver und biß die Zähne zusammen. Er durfte den jungen Gefährten nicht länger der Gefahr aussetzen. Entschlossen verließ er sein Versteck, trat in die Lichtung und stieß einen Ruf aus, dem ängstliches Geschrei antwortete. Die Frauen flohen in die Hütten – die Männer schlüpften wie Ratten in ihr Versteck. Aber der tanzende Henker von Bekwando, zugleich Priester und Medizinmann des Stammes, wich nicht von der Stelle und zückte das Messer auf Trent. Zwei Krieger blieben gleichfalls, als sie das sahen.

»Schneide die Taue durch!« befahl Trent und zeigte auf Davenant.

Der Medizinmann ruderte mit den Armen und kam fuchtelnd einen Schritt herzu. Angriffsbereit postierten die beiden anderen sich hinter ihn.

Trents Revolver blitzte im Sonnenlicht. »Schneide die Taue durch!« gebot er zum zweitenmal.

Der singende Henker sprang vor – da zögerte Trent nicht länger und schoß ihm mit fester Hand eine Kugel durchs Hirn. Der Neger schlug mit lautem Schrei vornüber, der in jeder Hütte, in jedem Baum ein Echo zu wecken schien. Seine Stammesgenossen gebärdeten sich wie Verzweifelte. Hatte doch der Medizinmann behauptet, gefeit zu sein. Auch hatte er geprahlt, daß er die Weißen töten werde, wenn sie kämen. Und nun war er selber tot! Ihre letzte abergläubische Zuversicht war zerstört; selbst der berauschte Herrscher hatte sich torkelnd aufgerichtet und gab sonderbare Grunzlaute von sich.

Trent bückte sich, hob das Messer auf und durchschnitt Davenants Fesseln. Der Befreite lächelte schwach. »Ich hätte nicht gedacht, daß Sie mich finden würden. Machte ich einen sehr ängstlichen Eindruck?«

Trent klopfte ihm auf die Schulter. »Wenn ich nicht zur rechten Zeit gekommen wäre, würde ich die ganze Negerbande in Fetzen geschossen und die Hütten über ihren Köpfen niedergebrannt haben. Hier – nehmen Sie den Revolver! Ich glaube, die Brüder führen Böses im Schilde.«

Die beiden Krieger, die bei dem Priester gestanden, näherten sich, aber etliche Meter von Trents Revolver entfernt, fielen sie in die Knie, zum Zeichen der Unterwerfung. Trent nickte, und einen Augenblick später war ihm die demütige Haltung verständlich: Seine Begleitmannschaft kam hinter den Büschen zum Vorschein.

Trent zündete sich eine Zigarre an und setzte sich auf einen Holzblock, um die nächsten Maßnahmen zu überlegen. Inzwischen brachten die Wilden mit beflissenen Gesten Nahrungsmittel herbei.

Nach einer kurzen Ruhepause bedeutete Trent seinen Getreuen, ihm zu folgen. Er trat an die Hütte des Medizinmannes und zerrte den vor der Öffnung hängenden Vorhang aus geflochtenem Gras herab. Trotzdem blieb es drinnen noch so dunkel, daß man eine Fackel anstecken mußte, bevor die Wände zu erkennen waren. Eine widerliche Luft empfing die Eintretenden. Unterdrücke Ausrufe entschlüpften ihnen, als das Innere der Hütte sich langsam enthüllte.

Der Tür gegenüber befand sich das abstoßende, in Lebensgröße ausgeführte Holzbild eines grinsenden Götzen, in grellen Farben bemalt. Daneben andere ekelhafte Fetischfiguren. Von der Decke baumelten menschliche Schädel. Die Hand eines Weißen, im Lauf der Jahre schwarz geworden, war mit einer Speerspitze an der Mauer befestigt. Gestank und Schmutz peinigten unerträglich. Doch draußen lagen Frauen und Männer auf den Knien und erwarteten Hilfe von ihren alten Göttern. Ein Schrei des Entsetzens stieg auf, als Trent ohne Umschweife ein Götzenbild umstieß – ein Wimmern der Todesangst, als Davenant mit sonderbarem Schmunzeln ein anderes, völlig von Würmern zerfressen, zwischen ihre Reihen schleuderte. Häßlich, allen Glanzes beraubt, lag es im strahlenden Sonnenschein, ein Block gemeinen Holzes, ungeschickt mit bunten Flecken betupft, das Bild, das sie in seiner geheimnisvollen Dunkelheit angebetet hatten, sie und ein ganzes Geschlecht vor ihnen. Das Mysterium seiner verborgenen Existenz, die angsteinflößenden Worte des Hohenpriesters, die Ehrfurcht, die durch übermächtigen, ererbten Aberglauben in ihnen gezüchtet worden, drang wieder zur Oberfläche, als sie es erblickten. Wie gehetzt flohen sie außer Sehweite der hohlstarrenden Augen – außerhalb Reichweite der Rache, die sicherlich der Tat der weißen Teufel folgen mußte. In gehöriger Entfernung machten sie halt – die Männer betäubt und verwirrt, die Frauen unter Winseln und Wehklagen.

Trent und Davenant kamen hustend aus der Hütte, angeekelt von der stickigen Pestluft, und dumpfes Murmeln rollte in der Zuschauermenge. Sicherlich hatten die Götter es so bestimmt – es war eine Art Wahnsinn, mit dem diese Tempelschänder gestraft wurden. Aber bald wandelte sich das Gemurmel in Jammern, als man sah, was geschehen sollte. Fremde Männer rannten hin und her und stapelten Holz und Zweige um die heilige Hütte. Flammen züngelten empor, eine Rauchsäule stieg in die windstille Luft. Fassungslos sah das Volk das Gebäude voll furchtbarer Geheimnisse, aus dem die Stimme des heiligen Mannes ihnen Krieg und Erfolg gekündet, im Feuer glühen und mählich in eine formlose Masse sinken.

Trent beobachtete gleichfalls dies Schauspiel, während er heftig an seiner Pfeife sog. Er fühlte sich als ein Kulturbringer der Menschheit. Aber Davenant begriff etwas von der Tragik des Augenblicks. Er sah mitleidig nach der Gruppe der Klagenden hin. »Was soll jetzt mit den Leuten geschehen?«

»Sie werden mir helfen, den Weg fertigzustellen! Ich werde sie arbeiten lehren.«

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