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Scarlett Trent der Abenteurer

Edward Phillips Oppenheim: Scarlett Trent der Abenteurer - Kapitel 27
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleScarlett Trent der Abenteurer
publisherRijke & Stock Verlagsgesellschaft m.b.H.
yearo.J.
firstpub1927
translatorReinhard Rijke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid5b3d7545
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Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Der Neffe seiner Tante

Vielleicht hatte Trent in diesen Tagen die schwerste Periode seines Lebens zu bestehen. Das Werk wurde mit ungefähr einem Dutzend Negern in Angriff genommen, während Trent, nur mit dem Notwendigsten bekleidet, angestrengt mitschuftete. Innerhalb einer Woche waren die Fischerboote entvölkert – alle ihre Insassen betätigten sich beim Straßenbau. Die Arbeit war schwer, aber der Verdienst glänzend. Es wurden ansehnliche Fortschritte erzielt, und die Berechnungen des jungen Landvermessers erwiesen sich als haargenau.

Trent stand in dauerndem Telegrammwechsel mit London. »Habe Cathcart wegen Untauglichkeit entlassen – Weg begonnen – guter Anfang«, depeschierte er die erste Woche.

Bald darauf kam der Bescheid: »Cathcart drahtet – aufgeben – Plan unausführbar – Aktien fallen – Drahtantwort.«

Trent ballte die Fäuste, und seine Verwünschungen ließen den jungen Gefährten erstaunt aufblicken. Dann schlüpfte er in seine Jacke und ging zum Telegraphenbüro.

»Cathcart lügt – habe ihn hinausgeworfen – Arbeit in vollem Gang – Straße wird innerhalb von sechs Monaten fertig sein. Unsere Freunde sollen keine Aktien verkaufen!«

Mit Fiebereifer stürzte sich Trent in seine Tätigkeit. Überall in die Umgebung sandte er Anfragen nach Hilfskräften und Vorräten. Das Geld zerfloß unter seinen Fingern, aber er schöpfte aus einer bodenlosen Geldkiste. Tag um Tag meldeten sich Eingeborene und heruntergekommene Weiße zur Arbeit. Über die wellenförmige Ebene erstreckte sich weithin der schnurgerade, mit grobem Kies bedeckte Streifen nach dem Horizont. Ein Vortrupp zog voraus, um das Gras fortzumähen; eine zweite Kolonne stampfte die feingeklopften Steine in die Erde. Der Landmesser wurde mager und braun. Trent und er rackerten sich ab, als ob ihr Leben davon abhinge. So fuhren sie fort, bis die erste Arbeitsgruppe in die Nähe des Waldrandes gelangte, hinter dem das Dorf Bekwando lag.

Nun begann eine sorgenvolle Zeit. Denn ein Bruchteil dessen, was Trent und der junge Straßenbauingenieur und noch ein paar andere wußten oder ahnten, würde bestimmt die Hälfte der Eingeborenen in die Flucht gejagt haben. Aus dem Fort wurden Soldaten angefordert, und man verteilte Waffen an die, die damit umzugehen verstanden. Des Nachts wurden bei den großen Lagerfeuern am Rande des Arbeitsgebietes Wachen ausgestellt. Trent und sein junger Assistent lösten sich ab, den geladenen Revolver neben sich und die Augen auf den dunklen Waldsaum gerichtet, aus dem keine anderen Geräusche drangen als Nachtvögelgezirp und Raubtierknurren. Doch mochte Trent keine Vorsichtsmaßregel außer acht lassen.

Je tiefer sie vordrangen, desto mehr waren sie auf der Hut. Endlich kam ein erstes Lebenszeichen von Bekwandos Einwohnern. In früher Morgenstunde zerschnitt ein brennender Wurfspeer die Finsternis und drang zischend in den Boden, nur wenige Fuß von Trent und seinem Assistenten entfernt. Trent trat unauffällig das Feuer aus. Aber der andere schlich sich fort und flüsterte jedem, von dem er wußte, er würde seinen Mann stehen, eine Warnung zu.

In dieser Nacht jedoch erfolgte kein Angriff; auch in der folgenden nicht. Am dritten Abend unterhielt sich Trent mit dem Landmesser, der offen seine Nervosität zugab.

»Nicht daß ich mich ängstige,« sagte er lächelnd, »aber den ganzen Tag schon habe ich das Empfinden, als ob wir belauert würden. Ich bin überzeugt, daß die schwarzen Hallunken sich am Waldesrand versteckt halten. Bevor der Morgen anbricht, werden wir mehr von ihnen wissen.«

»Wenn sie es auf einen Kampf ankommen lassen wollen, dann soll mir das recht sein. Gern hätte ich einen Abgesandten zum König geschickt, doch ich fürchte, man wird ihn ermorden. Onkel Sam läßt sich nicht blicken. Schon zweimal habe ich nach ihm geschickt.«

Der andere sah vor und hinter sich auf die langen Streifen aufgeworfener Erde. »Herr Trent,« stieß er unvermittelt hervor, »Sie sind ein Genie. Tatsächlich, dieser Weg ist eine erstaunliche Leistung – besonders in Anbetracht der ungeübten Kräfte und der mangelhaften Maschinen, die uns zur Verfügung stehen. Ich weiß allerdings nicht, wieviel Erfahrung Sie im Straßenbau haben.«

»Gar keine.«

»Dann ist's noch weit wunderbarer!«

Trent blickte ihn an, mit einem gütigen Lächeln, wie es nur wenige bisher bei ihm gesehen. »Ein großer Teil der Ehre kommt Ihnen zu, Davenant! Ich hätte den Entwurf nie allein zeichnen und berechnen können. Ob ich es zu Ende bringe oder nicht – diese Arbeit wird in jedem Fall eine gehörige Anzahl Stufen auf Ihrer Glücksleiter bedeuten!«

Der Jüngere lachte. »Noch nie in meinem Leben hat mich eine Aufgabe mit solcher Freude erfüllt. Wenn ich an mein einstiges Londoner Bürodasein denke, überläuft es mich kalt. Wie herrlich dagegen ist's hier! Ich wußte bisher gar nicht, was intensives Lebensgefühl dem Menschen schenken kann.«

Trent starrte gedankenverloren ins Lagerfeuer.

»Sie haben heute Post bekommen,« fuhr Davenant fort. »Wie schaut's in der Heimat aus?«

»Ich bin ziemlich zufrieden. Cathcart hat natürlich Unheil zu stiften versucht, soviel er nur konnte; aber es hat ihm nicht viel genützt. Meine Telegramme sind veröffentlicht worden, und augenblicklich werden wohl unsere Briefe mit den Photographien, die Sie von unserer Tätigkeit hier aufgenommen haben, in Druck sein. Das war eine glänzende Idee!«

»Und die Aktien?«

»Haben ein wenig nachgelassen, aber nicht nennenswert. Da Souza scheint nach und nach seine Posten abzustoßen, die aber zum größten Teil von meinen Maklern aufgekauft werden. Die Aktien stehen ungefähr auf 90%. Eine Woche nach meiner Rückkehr werden sie auf 300 und 400 emporschnellen.«

»Und wann gehen Sie?«

»Sobald ich hier einen geeigneten Stellvertreter habe und die Angelegenheit mit der schwarzen Majestät in Bekwando geordnet ist. Sie werden mich dann auf ein paar Wochen nach London begleiten.«

Der andere strahlte. »Dann wollen wir uns aber einmal gehörig amüsieren! Wissen Sie in London Bescheid?«

Trent schüttelte den Kopf. »Nicht allzu gut. Sie werden mein Führer sein.«

»Herzlich gern. Ich werde Sie überall mit hinnehmen und auch mit meiner Tante bekannt machen. Sie wird Ihnen gefallen.«

»Ähnelt Sie Ihnen?«

»Sie ist viel klüger, aber wir waren immer gute Freunde. Sie ist die gescheiteste Frau, die ich kenne, und verdient viel Geld mit Artikelschreiben. – Aber Sie haben ja Ihre Zigarre fallen lassen, Trent!«

Trent suchte auf dem Boden. »Schreibt Sie für Zeitungen?« forschte er langsam. »Heißt Sie Davenant?«

»Nein, sie ist eigentlich eine Kusine meiner Mutter – trotzdem nenne ich sie Tante, obwohl sie ja kaum älter ist als ich. Sie heißt Wendermot – Irene Wendermot. Irene ist ein schöner Name, nicht wahr?«

Trent stand auf und murmelte etwas über verdächtige Geräusche im Busch. Er hatte seinem Gefährten den Rücken zugewandt und hielt die Augen starr auf die Grenzlinie des Unterholzes geheftet. In Wirklichkeit aber sah er nichts – gar nichts, und war nur bestrebt, das rote Licht der züngelnden Flammen über sein Gesicht spielen zu lassen. Davenant, auf die Ellbogen gestützt, spähte in die gleiche Richtung. Ein flüchtiger Ausdruck, den er auf Trents Zügen bemerkt zu haben glaubte, hatte ihn nachdenklich gestimmt.

Später wollte Trent sich einreden, daß der Klang von Irenes Namen ihm zum Lebensretter geworden sei. Denn sein Blick, anfangs zerstreut, spannte sich zu gesammelter Schärfe. Er bückte sich und raunte dem Kameraden etwas ins Ohr. Das Wort ging von Mund zu Mund; einer nach dem anderen der bisher schlafenden Männer verschwand im tiefen Laufgraben. Flackernd prasselte das rote Feuer – und nur wenige Meter von der erhellten Fläche ringelten sich dunkle Gestalten wie Schlangen durch das Gras.

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