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Scarlett Trent der Abenteurer

Edward Phillips Oppenheim: Scarlett Trent der Abenteurer - Kapitel 26
Quellenangabe
authorE. Phillips Oppenheim
titleScarlett Trent der Abenteurer
publisherRijke & Stock Verlagsgesellschaft m.b.H.
yearo.J.
firstpub1927
translatorReinhard Rijke
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20180612
projectid5b3d7545
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Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Ein Donnerwetter im Ingenieurbüro

Ungefähr zwei Wochen später ritt Scarlett Trent in Attra ein – bleich, mager und hohläugig. Die wahre Geschichte der vergangenen Tage würde nie jemand erfahren! Trent aber hatten sie für immer ihr Siegel aufgeprägt. Jede Stunde in diesem Lande galt ihm als kostbar – und doch hatte er vierzehn Tage geopfert, um Francis' Leben zu retten. Und was für Tage – was für Nächte! Man hatte den Verwundeten zuweilen in einem Zustand vollkommener Geistesabwesenheit, ein andermal wie einen Tobsüchtigen längs eines Pfades durch die Wildnis getragen, durch Flüsse und Moraste nach der Stadt Garba, wo vor Jahren ein vermögender Händler aus dem Kongo ein kleines, weißgekalktes Hospital hatte errichten lassen. Der Patient befand sich jetzt außer Lebensgefahr, aber bestimmt war er nie zuvor »dem Tal der Schatten« so nahe gewesen. Ein Augenblick verminderter Aufmerksamkeit, eine verschobene Decke, eine vergessene Dosis Alkohol – und Scarlett Trent hätte als Multimillionär durchs Leben gehen können, als ein Fürst unter seinen Mitmenschen, für immer aller Sorgen ledig. Aber Francis wurde gepflegt wie selten ein Kranker. Einen Teil der Strecke hatte Trent selber ihn tragen helfen, indes er unablässig seine Augen auf das wächserne Gesicht des Leidenden geheftet hielt – stets bereit, Krämpfe und Fieber zu lindern. Bis man Garba erreichte, war er nicht aus den Kleidern gekommen, und vierzehn Tage lang hatte er fast nichts gegessen. Beim Einritt in Attra schwankte er im Sattel; als er das Büro seines Vertreters betrat, ähnelte er eher einem Schatten als einem Menschen aus Fleisch und Blut.

Landmesser Cathcart lag lässig in seinem Liegestuhl. Sein junger Assistent hockte vor einem Tisch, unlustig über ein Papier gebückt. Bei Trents Erscheinen wechselten beide einen bestürzten Blick.

»Gerechter Himmel, was ist Ihnen?« rief Cathcart erschrocken.

Trent sank in einen Stuhl. »Etwas Wein, bitte! Ich fühle mich ein bißchen überanstrengt.«

Cathcart schenkte Champagner ein. Trent leerte das Glas in einem Zuge und verlangte Zwieback. Seine kräftige Natur erholte sich bald. Allmählich wich die tödliche Blässe von seinem Gesicht. »Wo ist Da Souza?« forschte er.

»Nach England!« Cathcart starrte nach dem offenen Fenster, das durch ein vorspringendes Dach vor der Sonne geschützt war. »Er ist gestern abgereist.«

Trent war aufs höchste betroffen. »Hat er für seine Heimkehr einen Grund angegeben?«

Cathcart rauchte eine Weile schweigend weiter. Eine Erklärung schien unvermeidlich; und wie unangenehm sie auch sein mochte, er konnte sie ebensogut jetzt wie später abgeben. »Ich glaube, der Portugiese will versuchen, seine Anteile an der Bekwando-Gesellschaft an den Mann zu bringen.«

»Sie meinen, daß er sich schnurstracks davongemacht hat, um für hunderttausend Pfund Aktien auf den Markt zu werfen?«

»So sagte er wenigstens. Er sei zu der Ansicht gekommen, daß der Plan unausführbar und die Konzession wertlos geworden sei. Er scheint also soviel wie möglich aus seinen Anteilen herausschlagen zu wollen, ehe die Flaute ruchbar wird.«

Trent nahm einen Schluck und brannte sich eine Zigarre an. »Soviel von Da Souza!« knurrte er. »Und jetzt, Herr Stanley Cathcart, möchte ich gern wissen, warum, zum Teufel, Sie und Ihr Jüngling in den kühlen Tagesstunden hier im Büro es sich gemütlich machen, während doch Arbeiten von größter Wichtigkeit der Erledigung harren? Alles bei euch scheint zu schlafen. Wo sind Ihre Leute? Ich sehe keinen Menschen beschäftigt. Und ich gab Ihnen doch die Stelle an, von der aus mit der Straßenanlage begonnen werden sollte. Ja, zum Donnerwetter, was soll das heißen, daß Sie die ganzen Wochen unnütz verstreichen ließen?«

Cathcart räusperte sich würdevoll. »Ich habe eingesehen, Herr Trent, daß der Bau der Straße praktisch unmöglich ist – bei den ungenügenden Arbeitskräften und dem schlechten Material. Auch kennt man keine befriedigende Methode, um die Sumpfstrecken trockenzulegen. Außerdem werden uns angesichts der fortwährenden Bedrohungen durch die Wilden alle Arbeiter davonlaufen. Ich habe das alles in einem Bericht klargelegt, den ich gestern mit dem Schiff an den Gesellschaftsvorstand sandte.«

Trent erhob sich und stieß die Tür auf. »Hinaus mit Ihnen!« knirschte er.

Cathcart glotzte ihn fassungslos an. »Was meinen Sie damit? Dies hier ist mein Haus!«

»Sie irren sich! Es ist das Büro der Bekwando-Gesellschaft, mit der Sie nichts mehr zu tun haben!«

»Schwatzen Sie keinen Unsinn!« widersetzte sich Cathcart ungehalten. »Ich bin vertraglich als Landmesser angestellt.«

»Hinaus! Die Gesellschaft bedarf Ihrer Dienste nicht mehr. Sie sind wegen Unfähigkeit und Feigheit entlassen! Und wenn Sie sich nicht innerhalb von drei Minuten draußen befinden, werde ich Ihnen Beine machen!«

»Sie haben ... nicht ... nicht das Recht, so zu handeln!« stammelte der Gemaßregelte.

Trent lachte spöttisch. »Das werden Sie ja sehen. Viel Vertrauen habe ich nie zu Ihnen gehabt. Sie scheinen den Posten auch nur durch Protektion erhalten zu haben. Also fort mit Ihnen! Etwaige Zahlungsansprüche können Sie in London geltend machen.«

»Aber meine Kleider und mein sonstiges Eigentum – –«

Trent legte ihm die Hände auf die Schulter und schob ihn zur Tür. »Ihre Habe wird Ihnen ins Hotel geschickt. Und nehmen Sie einen guten Rat von mir: Bleiben Sie mir aus den Augen, bis Sie ein Schiff gefunden haben, das Sie nach dem Ort bringt, wo man Geld für Nichtstun bekommt! Sie gehören zu den Burschen, die mein Blut in Wallung bringen, und es herrscht hier ein zu übles Klima, um sich von jemandem in Zorn stacheln zu lassen.«

Cathcart ergab sich. »Ich bin ja neugierig, wer Ihre vermaledeite Straße herzaubern wird!« grunzte er höhnisch.

»Ich selber! Bilden Sie sich nicht ein, daß ich mich durch Kleinigkeiten abhalten lasse! Der Weg beginnt an dem Baum, den wir als Ausgangspunkt bezeichnet haben, und führt zum Herzen Bekwandos.«

Mit lautem Schlag warf er die Tür zu und trat wieder ins Zimmer. Der junge Mann saß noch auf seinem Schemel, einen Zirkel zwischen den Fingern.

»Was wollen Sie noch hier?« murrte Trent. »Laufen Sie gefälligst hinter Ihrem Chef her!«

Der andere blickte auf. Er hatte ein zartes, bleiches Gesicht, aber einen willensstarken Mund. »Ich denke gerade über die erste Kurve bei Kurru nach, Herr Trent. Ich bin mir noch nicht ganz klar über die Stelle.«

Trents Mienen entspannten sich. Er streckte dem andern die Hand hin: »Junger Mann, ich werde Ihr Glück machen, so wahr ich Scarlett Trent heiße.«

»Den Weg werden wir bestimmt machen!« war die lächelnde Antwort.

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